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| 08/10
Das Waldviertler Bullerbü-Idyll eskaliert. Es spielt Osthof gegen Westhof. Wasserbomben flogen und unreifes Obst. Gartenschläuche wurden eingesetzt. Und Fäuste. Am Ende gewannen, oder jedenfalls glauben sie das, die mit dem Testosteron. Die ohne spielen jetzt halt nicht mehr mit ihnen, was den Testosterönlern wurscht ist: noch.
Der Horwath sagt, ihm is auch wurscht, hat er weniger Kinder am Hals. Der Horwath hat im Moment mindergute Laune, weil der Nachbarbauer schüttet eine riesige Wiese direkt neben dem Horwath mit Dreck auf. Er tut es zu dem Zweck, dass die Wiese danach mit Dreck aufgeschüttet ist. Der Dreck kommt von einem, der am anderen Ende des Dorfs einen Hügel wegbaggert, der seinem Carport im Weg steht. Seit zwei Wochen brettern unablässig schwere LKW voller Dreck durchs Dorf und leer wieder zurück. Wir lassen die Kinder nicht mehr auf die Straße, es ist zu gefährlich. Der Horwath kann vor lauter Staub nicht mehr in seinem Garten sitzen und kriegt immer dickere Kabel am Hals. Zum Glück hat er noch einen Innenhof zum Sitzen, nur rennen dort mittlerweile derart viele Sulmtaler in allen Größen herum, dass die Menschen kaum mehr durchkommen.
Gegessen haben wir immer noch keins. Weihnachten, sagt der Horwath, und dass die ersten Hendln jetzt leider schon zu alt sind und die andern noch zu klein. Jaja. Die Horwathsche Hühnerzucht wird die weltweit erste, in der alle Hennen glücklich an Alterschwäche verscheiden. Eins hat sich schon im Hühnerstall hingelegt und ist friedlich und gewaltfrei entschlafen, zufällig, als die Horwaths einen Tag nicht da waren, und so hat es eines der Mimis gefunden, als es in meinem Auftrag drüben Eier fladern sollte. Aber Eier gibt es auch keine mehr, die werden jetzt alle bebrütet. Nächstes Jahr wird der Horwath eine batzen Hendlfarm haben, weil es der Populationsexplosion sehr förderlich ist, wenn weder Hendln noch Eier verzehrt werden. Ich werde nie erfahren, wie ein Sulmtaler schmeckt.
Hoffentlich ist dann die Dreckswiese vom Bauern wieder mit Gras überwachsen, sonst weiß ich nicht, wo der Horwath sitzen soll, außer drinnen. Oder bei uns. Aber zu uns kommt er seit dem Kinderkrieg auch nicht mehr. Seit dem Krieg gehen die Mimis nicht mehr zu den Horwaths, und der kleine Horwath kommt zu uns sowieso nicht, auch in Friedenszeiten, weil er sich, soweit es das Gesctz erlaubt, nur auf Grundstücken aufhält, wo er das Sagen hat. Oder wo wenigstes das Personal wesentlich besser spurt als bei uns, wo Kinder mitunter Brutalitäten wie den Worten "nein", "jetzt nicht" und "du bist acht Jahre alt, hol/mach/streich es dir selber" ausgesetzt sind. Was den Horwath kürzlich zu der Bemerkung verleitet hat, es wundere ihn nicht, dass die Kinder bei uns nicht gern seien.... Jaja. Der Lange und ich sind Kindern im Prinzip gar nicht zumutbar. Nur die Mimis wissen das nicht: noch nicht.
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| 08/10
Ich
sollte öfter über Möbel schreiben. Kaum schreibe ich einmal über Möbel, erhalte
ich begeisterte Leserbriefe, das sei doch schön, weiter so, einmal was anderes
als das ewige Geraunze. Und offenbar hätte ich mich nun auch endlich erholt,
Gottseilobunddank. Naja. Das kann man so nicht sagen, nach netto fünf Tagen
Urlaub dieses Jahr. Wobei der Umstand, dass man beim Arbeiten nicht im klimatisierten Büro
sitzt, sondern zwischen verschiedenen Grüntönen, die Arbeit einerseits
erträglicher macht. Andererseits ist es trotzdem Arbeit, machen wir uns nichts
vor. Es ist nur schwieriger, es seiner Umgebung, vor allem der minderjährigen,
als solche zu verkaufen. Wenn ich an meinen Laptop sitze, arbeite ich, haben
das jetzt alle verstanden? Nein. Weshalb ich nun dazu übergegangen bin, mit
einem fetten Kopfhörer über den
Ohren an meinem Laptop zu sitzen. Der Kopfhörer bedeutet: Ich bin gar nicht da.
Ich bin im Büro. Ich bin im Büro und deshalb augenblicklich nicht in der
Position, mich um das Mittagessen der Kinder zu kümmern, das
Nintendo-Aufladekabel oder die Pinzette zu suchen, lustig mit Gästen zu
plaudern oder hellzusehen, ob noch genug Milch da ist.
Man
kann sich aber auch, wie im Moment der Fall, mit dem Laptop im Bett verstecken
und Kopfschmerzen vortäuschen, was derzeit von der Brut eher respektiert wird
als Erwerbsarbeit. Arme Mama. Im Gegensatz zu: miese Mama, die immerimmerimmer
arbeitet und darob ihre armenarmenarmen Kinderchens vernachlässigt. Und dann noch nicht mal das dringend
benötigte Pferd spendiert, sondern behauptet, es müsse jetzt einmal gespart
werden, worauf Männer in braunen Uniformen große Kartons durch den Garten
tragen, die noch ein Paar schwarze Stiefletten enthalten, und noch ein paar
schwarze Stiefletten, hast du nicht eh schon so viele schwarze Stiefletten,
Mutter? Erstens, Kind, sind die ganz anders als die vorigen und alle anderen
und zweitens: Zügle deine Zunge, du sprichst ja schon wie dein Vater, das ist
widerwärtig.
Wenngleich
sich gezeigt hat, dass der Gleichmut, mit dem der Lange unlängst den Einzug des
73. Sessels quittiert hat, offenbar kein Einzelereignis war. Es herrscht in
diesem Haus jetzt eine fast schon beängstigende Gelassenheit. Die Kinder machen
sich Sorgen: Ihr streitet gar nicht mehr, lasst ihr euch jetzt scheiden? Tatsächlich begann der Lange kürzlich
gegenüber Gästen einen Satz mit den Worten: "Früher, als ich noch alles negativ sah..." Ja, Grüßgott!
Das
mag eventuell damit zusammenhängen, dass der Lange erfolgreich seine alte Band
reaktiviert hat, in der es, neben vielerlei künstlerischen Aspekten, doch auch
sehr um Lärmmaximierung geht, was sich insgesamt sehr positiv und ausgleichend
auf des Langen Gemütsverfassung und seine Familienantizipation auswirkt. Kann
aber auch sein, dass wir von uns selbst unbemerkt einfach zu Buddhisten
geworden sind. Andere werden altersschwul, wir werden altersbuddhistisch. So. Wär doch möglich. Oder.
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| 08/10
Wie der Lange mit den Kindern vom Winnetou
zurück gekommen ist, war es dann gut, dass das Essen schon am Tisch stand. Es
war allerdings wieder nicht so gut, weil das Essen war sicherheitshalber schon
seit einiger Zeit fertig gewesen, und hatte darunter etwas gelitten. Nicht
sehr, nur ein wenig, und das war eigentlich auch schon wurscht, denn es ist
natürlich von vornherein ein Fehler, einem Mann, der gerade drei Stunden auf
einer harten Holzbank in der Sonne gesessen hat und erwachsenen Männern beim
Indianerspielen zugesehen hat, ein Mädchenessen zu kochen, also eines ohne
Fleisch. Das tut man nicht, ich weiß eh, aber die Zucchini sind nun mal reif und viel und müssen weg.
Die Frau Kaufhausbesitzerin, die später am Tisch
vom Horwath saß (der sicherheitshalber ebenfalls gedeckt gewesen war, weil der
Horwath war mit dem Langen beim Winnetou gewesen und analoger Laune), die Frau
Kaufhausbesitzerin also fragte, worüber ich eigentlich schreiben würde, wenn
ich kein Landhaus hätte. Naja, darüber, dass ich kein Landhaus hätte, ist doch
logisch. Der Abend war lau. Die Kinder bewarfen sich mit unreifen Äpfel und
brachen periodisch in lautes Wehgeschrei aus. Ich weiß nicht, was es beim
Horwath zu essen gab, aber es hat auch seine Laune nicht gehoben, denn als die
Doktor Urban, die mit ihrer Brut auch da war, sich vor ihrer Abreise ein paar
CDs ausborgen wollte, sagte der Horwath etwas, was der Horwath m. A. viel zu
selten sagt, er sagte: nein. Was die Urban, die den Horwath schon gut zwei
Jahrzehnte kennt, natürlich nicht glaubte und zu einer Argumentation anhub,
aber der Horwath blieb dabei: Nein, sagte der Horwath, die CDs bleiben da.
Das hab ich gern gehört, nicht nur, weil ich dem
Horwath diese CDs gebrannt hatte, sondern auch, weil es für eine ständig
überforderte Lusche wie mich sehr befriedigend ist, dass auch der Horwath
einmal überfordert ist. Auch wenn das, anders als bei mir, erst der Fall ist,
wenn der Horwath drei sehr aktive Familien in seinem Haus zu Gast hat und ein
mutterloses Extra-Gastkinder und wenn die Horwathin sich gerade anschickt, für
die nächsten Tage nach Wien zu fahren, um dort fremde Menschen zu heilen, machs gut, Schatz, baba. Die Urban sagte, ja, wenn eh ich sie ihm überspielt habe, kann ich ja
nachher hinüber in mein Haus gehen, und sie ihm nochmal überspielen und sie
nimmt jetzt seine. Der Horwath, über die Landesgrenzen hinaus bekannt für seine
Belastbar-, Großzügig- und Freigebigkeit, sagte: NEIN! Ich habe den Horwath
noch nie so entschieden Nein sagen gehört, und die Urban auch nicht, denn sie
gab mit so einem Aber-hallo-was-ist-jetzt-mit-dem!-Blick auf, und ich fand,
dass es dann mal Zeit sei, meine Kinder einzufangen und schnell ein paar Meter zu machen: danke
für den Wein, Horwath, schönen Abend noch! Wie wir wieder heimkamen, stand der
Lange in der Küche und aß ein dickes, fettes Speckbrot mit Pfefferoni. Dem ging
es danach dann auch besser.
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| 07/10
Weil ich letztes Mal von tröstendem Konsumismus
aufgrund massiven Erschöpfungsschwächelns sprach: Die Idee wär natürlich, dass
man den ganzen Tag auf einer wohlbeschatteten Südterrasse sitzt, frohmachende
Getränke trinkt und Eselsohren in den Manufaktum-Katalog biegt. Jössas. Ich
weiß gar nicht, wie ich ohne diese Stiefel aus Bergschuhleder mit den
Filzgamaschen so weit gekommen bin. Und ohne diesen Edelstahldoppelgriller kann
ich, fürchte ich nun, nicht weiterleben. Und ab sofort fehlt mir auch das, das
das und das zum Glück.
Aber jetzt, zwischen "Glück" und "Aber" war ich
drei Tage in Berlin und habe dort aufgehört, über Manufaktum-Kataloge und die
darin erwerblichen fahrbaren Hühnerställe (Euro 1520,-), Edel-Gartenschläuche
(Euro 249,-) und Lärchenholz-Kompostkisten (Euro 316,-) nachzudenken. In Berlin
radelte ich auf einem alten Hollandrad durch Tag und Nacht, traf interessante
Männer und Frauen und saß an Straßenrändern und schaute zu. Und dachte nach.
Das war gut. Und meine Wünsche haben sich jetzt auf drei reduziert: bessere
Haare, saubere Fingernägel und einmal John Grant live sehen. (Kaufen sie sofort
die neue CD dieses Mannes, "Queen of Denmark", sie werden es nicht bereuen.
Fangen Sie mit "Sigourney Weaver an". Zum Weinen schön.) Was ich mir nicht
wünsche, ist einmal im Soho Club gewesen zu sein, weil dort war ich schon. Den
Soho Club hat mir Sedlacek, der gerade nicht in Berlin war, als den letzten
heißen Scheiß verkauft, also noch heißer als der Grill Royal. Obwohl Sedlacek
gleich sagte, dass im Soho Club das Essen nicht gut und der Wein überteuert
sei, trotzdem. Was er nicht sagte, war, dass alles im Soho Club, außer der
Aussicht und den schwulen Männern, relativ gruselig ist und dass man den
überteuerten Wein aus Plastikgläsern trinken muss, zumindest oben auf der
Terrasse, was, wie mir ein schöner schwuler Mann erklärte, natürlich daran
liegt, dass die Prominenz im Taumel des exklusiven In-Seins gerne einmal ihr
Champagner-Glas von der Terasse wirft, die sich samt Pool auf dem Dach eines
ungefähr zwanzigstöckigen Gebäudes befindet. Mit etwas Wurfgeschick trifft man
die Gäste vor der Bar 3, wo Anna und ich dann recht schnell wieder waren, mit
Reverend Tobi Müller und seinem netten Clan, nachdem wir den Soho Club, been
there, done it, gesehen hatten. Dank Anna und ihrer hervorragenden Kontakt zu
schönen schwulen Männern übrigens.
In Berlin, also jetzt speziell vor der offenbar nicht mehr angesagten Bar 3, wo
ich, da es sich um den fünften Programmpunkt dieses Abends handelte, etwas
angetütert herumstand, machte ich eine ähnliche Erfahrung wie vor zehn Jahren,
als ich mich anschickte, Zürich zu erobern: Die Leute fragten sich, wer um alles in der Welt diese merkwürdige, laute, angetüterte Frau ist. In Zürich haben sie es dann
relativ bald geschnallt. Gut, Berlin ist etwas größer und ein wengerl weniger
provinziell, aber das wird auch noch.
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| 07/10
Meine Geduld wurde... nein, falsch. Ich, ich als
Gesamtheit wurde und bin arg strapaziert, so strapaziert, dass ich kürzlich
mein Kind (nachdem ich es in kindgerechten, aber aufrichtigen Worten über
meinen dezeitige Nerven-Status aufgeklärt hatte) bat, doch bitte endlich einmal
einfach nur die Klappe zu halten. Wir waren zum Erdbeerfeld gefahren, das Kind
und ich, und ich hatte dem Kind erklärt, dass ich viel gearbeitet hatte, dieses
Jahr und immer noch viel zu arbeiten und zu denken habe, und dass ich manchmal
einfach etwas Ruhe brauche, Unbequatschtheit, Stille, Nichts. Das Kind nickte
verständnisvoll und sprach ungefähr dreißig Sekunden kein Wort, dann erklärte
es mir, wie viel Verständnis es für seine Mutter hat, doch, sehr viel
Verständnis, es versteht sehr gut, dass auch eine Mutter einmal eine Ruhe
braucht. Oben, beim Erdbeerfeld entschloss ich mich, die teureren, aber dafür
schon fixfertig gepflückten Erdbeeren zu kaufen, denn die Vorstellung, zwei
Stunden lang gebückt in der brüllenden Sonne Erdbeeren zu pflücken, während das
Kind ohne Unterlass Verständnis zeigt, verursachte mir plötzlich eine
furchtbare Depression.
Zudem hatte mein Steuerberater und Nachbar, als
er davon hörte, dass wir zum Erdbeerfeld fahren, gemeint, ob ich ihm nicht
bitte auch ein Kistl oder zwei mitpflücken könne, er komme leider derzeit gar
nicht dazu. Aber klar doch, weil ich habe ja sonst nichts um die Ohren, ich
muss ja nur neben der normalen Erwerbskolumniererei einen Roman fertigschreiben
und zwei Haushalte... Aber ich will nicht jammern. Nein, ich will dankbar sein.
Es geht mir gut. Alles ist gut so, wie es ist. Es könnte gar nicht besser sein. Mit weniger wär mir fad, doch, und das Kind
quakt auch nicht immer so viel, sondern nur bei Vollmond. Und ich bin nicht
immer so weinerlich und selbstmitleidig,
sondern nur und ausschließlich Ende Juni, wenn noch schnell vor den
Schulferien alles fertig zu machen und abschlusszufeiern und vorzuschreiben
ist, wie zum Beispiel diese Kolumne und noch zwei Kolumnen, und, Himmel, das
auch noch. Aber es wird alles gut. Alles ist gut.
Nur eben im Moment bin ich strapaziert, und
nicht nur das plapperende Kind bringt mich zur Explosion. Auch das Kind, das im
Plastiksandalen-Laden mit angefressenster Miene 70 Paar Plastiksandalen
probiert, von denen (nachdem es die Mutter wochenlang gequält hatte wegen dem
Plastiksandalenladen und wann man jetzt denn endlich dort hingehe, so wie schon
seit Wochen versprochen) keines nur irgend konveniert. Nach zwanzig Minuten im
Plastiksandalenladen kauft sich die Mutter aus lauter Verzweiflung und gegen
ihre ureigenste Überzeugung, dass Erwachsene wegen Würdelosigkeit keine
Plastiksandalen tragen sollen, ein paar grüne Gartenschlapfen: ganz typisch in
die Konsumismus-als-Trost-Falle getappt. Das Kind entschied sich schließlich
für überteuerte Flipflops. Dafür bin ich... egal. Hurra.
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| 06/10
Wie immer hat der Kollege Dings auf meine
Theaterkolumne als erstes reagiert, und wie immer ging er voll in den Saft, er
sagte, nein, er brüllte es schon im Betreff, wie wütend er sei über diese
Kolumne und die darin ausgestellte Ignoranz. Ja, ja. Aber ich kann nicht jeden
Tag über Arigona Zogaj schreiben oder darüber, dass ich die SPÖ wegen ihrer
erbärmlichen Luschen-Reaktion in der Zogaj-Sache, ja in allen
Abschiebungssachen, für absolut unwählbar halte, und zwar auf Jahre hinaus. Das
ist kontaminiertes Gebiet. Da wächst nichts mehr. Allein, dass die SPÖ es als
Regierungspartei zulässt, dass Maria Fekter Innenministerin ist und
Innenministerin bleibt und als Innenministerin agiert wie sie agiert, ist
unerträglich. Man kann die SPÖ nicht wählen und darf für die SPÖ nichts machen,
man muss diese SPÖ bestrafen, und ich habe eine Lesung, die ich schon zugesagt
habe, wieder abgesagt, als ich merkte, dass die SPÖ hinter dem Kulturverein
steckt. Und die ÖVP gehört selbstverständlich auch komplett boykottiert für
ihre dumme, kurzsichtige, erbarmungslose, fpögläubige Einwanderungspolitik. Und
alle, die Fekter nicht endlich sagen, dass jetzt Schluss ist, und dass es
reicht, und dass unsere Leute, genau wie Robert Misik geschrieben hat, nicht
mehr abgeschoben werden, fertig jetzt! Es ist so eine Schande, und es geht
immer weiter. Ich könnte so in den Saft gehen, deswegen, jeden Tag.
Aber man muss ja auch mal über was anderes reden. Man kann nicht immer nur
darüber nachdenken, wie diese Kinder, wie all diese Kinder, die gestern noch
mit unseren Kindern in die Schule gingen und mit unseren Kindern am Spielplatz
waren und auf den Geburtstagspartys und im Fußballteam von
unseren Kindern, wie all diese jetzt abgeschobenen Kinder im Kosovo nicht mehr
in die Schule gehen werden, weil es keine gibt, und wie sie mit ihren
arbeitslosen Eltern bei Verwandten auf dem Boden vom Wohnzimmer schlafen und
nichts mehr lernen. Es ist unerträglich. Man kann keine Partei wählen, die das
zulässt. Die mitleidlsoe Gesetze
mitbeschließt, die das ermöglichen. Von denen keiner aufsteht gegen das. So,
wie in dem herzergreifenden SPÖ-Spot, wo sie alle aufstehen. Von der SPÖ steht
keiner auf, wenn sie die Zogajs und tausende andere Flüchtlinge aus dem Land
deportieren. Von der SPÖ hört man keinen rufen: Nicht in meinem Namen! Da
mach ich nicht mehr mit! Na, da sind alle kusch, nichts sehen, nichts hören,
nichts spüren. Die SPÖ ist unwählbar, sogar rückwirkend, wenn man sich den
Bundespräsidenten anschaut, den man nicht hätte wählen sollen, jetzt weiß man
es. Ein Halm im Wind. Wenn Fekter buh sagt, fällt Fischer um. Ich muss
zwischendurch etwas Ignorantes übers Theater schreiben, ich kann mich ja nicht
jeden Tag nur über das aufregen, auch wenns mich drängt.
Donnerstag, 1. Juli, 18.30, am Heldenplatz.
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| 06/10
Hans Hurch hat
ausdrücklich gesagt, ich darf schreiben, dass es sein Geld war, das am
Donnerstag im Jelinek-Stück verbrannt wurde. Es ist ihm, hat Hurch gesagt, egal, ob ich das schreibe: Es war Hans Hurchs
Hunderter, der während der Premiere der "Kontrakte des Kaufmanns" in Flammen aufging, und es war auch
sein Hunderter, der danach zerrissen wurde (den bekam er allerdings hinterher
wieder, zum Restaurieren). Hurch hat die Geldverbrennung lässig genommen, er
betrachtet das als Opfer, ist jetzt wurscht wofür, im Publikum allerdings war
Beklommenheit spürbar. Ist das echtes Geld, das die da verbrennen? Und war das
abgesprochen vorher, mit dem im Publikum, der das Geld hergegeben hat? Und
kriegt der das Geld nachher wieder?
Das ist aus zweierlei
Gründen putzig, weil es erstens in Elfriede Jelineks fantastischem Text 99
Seiten lang um nichts anderes als um Geld und seine Vernichtung geht und die
daraus resultierende Vernichtung derer, die es einst besaßen. Und weil ja
zweitens jeden Abend auf so gut wie jeder Theaterbühne Geld schüppelweise
verbrannt wird, mein, dein, unser Steuergeld nämlich, das Theater sei, hätte
(und, äh, habe) ich noch letzte Woche behauptet, und, nach der Verabreichung
schon kleinerer Dosen Alkohol gerne auch gebrüllt, im Großen und Ganzen und bis
auf ein paar winzige Ausnahmen eine einzige, riesige Geldverbrennungsmaschine,
die vor allem denen Freude bereitet, die sie bedienen und die von ihr leben,
Schauspieler, Regisseurinnen, Bühnenbildner, Feuilletonisten, bla bla bla; mein
alter Sermon eben, für den ich jetzt ungefähr schon sechs Mal Zeilengeld
kassiert habe, ich weiß eh.
Anna, bekanntlich überaus
theateraffin, hat den Sermon jedenfalls nicht mehr ertragen und hat deshalb zum
entscheidenden Schlag ausgeholt und mich zu den "Kontrakten"
mitgenommen. Das schaust du dir noch an, hat Anna, die das schon kannte,
gesagt, wenn dir das auch nicht passt, dann lassmas für immer. Gut, habe ich
mir das noch angeschaut. Und ehrlich gesagt, ich hätte nach den 99 Seiten, nach
fast viereinhalb Stunden liturgischem Furioso noch länger schauen können. Weil
dieses Theater mir etwas über das Hier und das Jetzt erzählt, in
Hier-und-Jetzt-Bildern und in Jelineks Hier-und-Jetzt-Worten, und das haben,
sorry, Shakespeare und Goethe einfach nicht drauf.
Und weil man mir
gestattete, ja, mich aufforderte,
zwischendurch den Saal zu verlassen und mein Getränk von der Bar mit in
den Saal zu nehmen, und das entspricht nun mal meiner Herkunftskultur sowie
meinem Sitzvermögen. Hinterher, als ich Regisseur Nicolas Stemann kennenlernte,
wurde mir dann auch klar, warum das alles so war, wie es war: Weil der eben
auch von dort kommt, jedenfalls von dort in der Nähe. Und weil der ein Genie
ist. Lassts mich mit Shakespeare und Goethe anglahnt, schreibt mir so etwas,
spielts es mir so, dann liebe ich das Theater eh.
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| 05/10
Kurier-Kolumne
Seit Tagen kriegen wir keine Post. Keine Briefe, keine Rechnungen, nicht die zwei Tageszeitungen, nicht die Wochenzeitung, nicht einmal Reklame, nichts. Heute fand ich im Postfach die Tageszeitungen vom Samstag, wenigstens: gut, besser als diese immerfort mich angähnende Leere in meinem Postfach, die mich allmählich tief in eine existentielle Krise wirft: Denn vielleicht liegt es ja gar nicht an der Post. Vielleicht liegt es an mir. Vielleicht existiere ich gar nicht? Denn wer existiert, kriegt auch Post, wer existiert, erhält zumindest Rechnungen und Mitteilungen vom Finanzamt. Wer keine Rechnungen bekommt, den gibt es nicht. Das macht mir Sorgen.
Dass die nette Dame vom Post-Kundenservicetelefon, mit der ich mich um 9.39 Uhr unterhalten hatte, mich bislang nicht zurückgerufen hat, nährt weitere Zweifel an meiner Vorhandenheit: Vielleicht habe ich ja gar nicht mit ihr gesprochen, und sie vielleicht nicht mit mir... Es ist alles sehr beunruhigend.
Immerhin: Der Herr, der mich um 12.27 Uhr am Kunden-Service-Telefon der Post AG freundlich begrüßt, weiß, dass ich heute schon einmal angerufen habe, um meine Postlosigkeit zu deponieren: Das kann ich als Beweis meiner Tatsächlichkeit einigermaßen akzeptieren. Zumal er mir versichert, dass mein Problem bereits an zuständiger Stelle vorgetragen wurde und man nun einer Antwort harre, die man mir umgehend zur Kenntnis bringen werde. Das kalmiert mich kurz, allerdings ist seither eine weitere Stunde vergangen, ohne dass mich die Post meines Daseins versichert hätte. Ich werde wohl bis morgen vormittag durchhalten müssen, wenn mein Postfach mir hoffentlich endlich wieder meine Existenz bestätigt: Ich habe Post, also bin ich.
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| 05/10
Kurier-Kolumne
Das Thema der nächsten Wochen: Der Rauch, und was damit geschieht. Die Zäsur rückt unaufhaltsam heran: Ab 1. Juli müssen Lokale über 70 Quadratmeter über räumlich getrennte Raucherbereiche verfügen. Doch offenbar haben in Wien die meisten Wirte mit den Umbauten ihrer Lokale noch nicht einmal begonnen.
Wollen sie die Sache aussitzen? Spekuliert man darauf, dass man einen Nichtraucherbereich vielleicht doch wie bisher auch weiterhin mit einem dieser hübschen Nichtraucher-Blechschildchen, das an einer dekorativen Kette über einem einzigen Tisch mitten im Lokal baumelt, definieren kann? Wird man nicht. Allerdings, und das ist möglicherweise der Grund für die gastronomische Zögerlichkeit, wird es auch nach dem 1. Juli keine Organe geben, die die Einhaltung der neuen Gesetze kontrollieren: Denn es spekuliert auch der Gesetzgeber, nämlich auf die hierzulande historisch verankerte Lust am Vernadern. Das könnte zu einer eine schönen neuen Nebenbeschäftigung für pensionierte und Freizeit-Querulanten avancieren: gemma Gastwirte denunzieren.
Die Gastwirte hoffen, scheint's, auf die Kulanz ihrer nichtrauchenden Stammgäste. Das wird sich auf die Dauer nicht ausgehen. Was dann? Das Lokal auf unter 70 Quadratmeter verkleinern? Unter dieser Grenze dürfen die Wirte nämlich selber entscheiden. Gescheiter, wenn schon Ausnahmen, wäre es, den Wirten die Freiheit zu lassen, ihren Gästen ab 22 Uhr das Rauchen zu gestatten: Da haben alle gegessen, alle Kinder sind im Bett und wer um die Zeit noch unterwegs ist verträgt auch ein bisschen schlechte Luft. Aber für Vorschläge ist es jetzt zu spät. Jetzt wird umgebaut: gern oder nicht.
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| 05/10
Kurier-Kolumne
Die AHS-Lehrergewerkschafterin Eva Scholik ist verärgert; ich habe ihr im Zusammenhang mit den Gymasium-für-alle-Ideen von Wissenschaftsministerin Beatrix Karl einen „ausgesprochenen Skandal“ in den Mund gelegt. Das hat sie aber gar nicht gesagt, das hat ihr Kollege, Lehrervertreter Walter Riegler, gesagt. Frau Scholik kommentierte Karls Überlegungen zur Reform des Mittelschulsystems dagegen höchst konstruktiv, sie empfahl der Ministerin, sie möge „in Hinkunft von diesbezüglichen Wortspenden Abstand nehmen“.
Was ich einmal so interpretiere, dass hier in Österreich niemand über Reformen des Schul- und Bildungssystems nachdenken und reden soll, schon gar nicht eine Wissenschaftsministerin. Das darf, wenn ich jetzt alles richtig verstanden habe, nur die Lehrergewerkschaft, die ihre Flexibilität und Gesprächsbereitschaft im Zusammenhang mit Reformvorschlägen ja immer wieder engagiert beweist.
Ich bedaure also die Fehlzitierung samt daraus resultierender Schlussfolgerung: Ich habe das missverstanden, diese Menschen haben nichts anderes im Sinn, als das Wohl und die Zukunft unserer Kinder. Und das erfüllt mich mit warmer Zuversicht: Alles ist gut! Wir brauchen nicht über Veränderungen nachzudenken! Oder gar zu reden! Alles läuft prima! Österreich hat ja in allen wichtigen Rankings die Nase vorn. (In der Pisa-Studie belegen wir bei der Lesekompetenz Rang 16 von 29, im Uni-Ranking des Lisbon Council Platz 16 von 17, aaaaaber: Platz 3 im EU-Kampftrinker-Ranking.)
So wollen wir Eltern schulpflichtiger Kinder uns nun alle hinter die Lehrergewerkschaft stellen und rufen: Alles ist super so, lasst uns vereint die Pappn halten! Schweigen ist nämlich Gold, ja, so ist es doch.
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| 05/10
Kurier-Kolumne
Zweierlei. Zwei aktuelle Studien nämlich, zum Thema Kinder-Entwicklung. Die eine sagt: Zu viel Fernsehen macht Kinder dumm und dick. Die andere sagt: Wer früh lügt, tut sich später leichter. Beides ist logisch – und gehört zusammen.
Denn lügen ist ja nicht einfach eine Unart; es setzt auch, wie die Forscher der Universität Toronto begründeten, die Fähigkeit voraus, „die Wahrheit im Kopf zu behalten, Spuren zu verwischen und die Tatsachen zu ihren Gunsten zu manipulieren“, lauter Talente, die dem erwachsenen Menschen im Beruf günstig sind. Sowie: Fantasie und Vorstellungskraft.
Die wiederum geht vor dem Fernseher in beängstigendem Maße verloren. Vom Fernsehen bekommen Kinder fertige Bilder geliefert: Während sie, wenn sie etwas vorgelesen bekommen oder Hörbücher und Hörspiele hören, sich selbst eine Vorstellung machen müssen von den Figuren und Situationen. Die Frage ist leicht beantwortet, ob es für die Entwicklung eines Kinder-Hirnes besser ist, das Haus fixfertig vorgesetzt zu bekommen, oder es dort, im eigenen Kopf, selbst zu konstruieren, zu bauen und anzumalen.
Die kanadische Langzeitstudie zeigt, dass Kinder, die zwischen zweieinhalb und viereinhalb Jahren mehr als zwei Stunden pro Tag fernsehen, mit zehn signifikant schlechtere Schüler und um durchschnittlich fünf Prozent schwerer sind als Kinder mit niedrigem TV-Konsum. Studien-Fazit: Kleinkinder sollen so wenig wie möglich fernsehen. Ihre Autorin, die damit hervorragende Erfahrungen hat, geht noch weiter: Lassen Sie Ihre Kleinkinder gar nicht fernsehen. Weil sie, während sie das tun, nicht spielen, nicht basteln, nicht rennen, sich nicht konstruktiv langweilen – und nicht lügen. Und das sollen sie ja jetzt.
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| 05/10
Nein. Man musste mich dann doch nicht einweisen. Aber Schorsch Kamerun machte hinterher ziemlich genau das Gesicht, das ich an mir erwartet hatte, während ich bloß belämmert durch die Erleichterung taumelte, dass diese Theatersache einfach nur vorbei war. Ich hatte mich in meiner Richter-Robe, die in Wirklichkeit ein College-Abgänger-Kostüm war, zu albern gefühlt, um dazu auch noch den Mund aufzumachen. Folglich saß ich einfach nur 50 Minuten lang als blöde grinsendes Requisit auf der Bühne der Garage X, plapperte nur einmal etwas Entbehrliches und schenkte dazu ein Getränk namens „Yppe“ aus: Das hatte Schorsch Kamerun eigenhändig und zu gleichen Teilen aus Wodka, Eierlikör und Gin gemixt und ich taterte davon, obwohl ich ich bin, im Leben keinen Schluck machen. (Geistesgestört: ja, suicidal: nein.) Derlei Mädchen-Skrupel kannte Kapitän Neidhart nicht, was man seiner Rede aber keineswegs anmerkte, allerdings war es praktisch, dass auf der anderen Seite seines Stehtisches eine Richterin/Collegeabsolventin diesen entschlossen vor dem Bühnenabrutsch bewahrte. Frau Gustav war als Kuratorin kostümiert, Herre Pfister als Polizist, der Lange trug ein ziemlich beschmutztes Bischofskostüm. Kamerun sang mit Schauspielstudierenden, das war sehr poetisch. Hinterher wurde ich ein entschiedener Fan von Erobique, eine dieser Figuren, die man nicht erklären kann, weil man sie gesehen haben muss. Denn die Erklärung, dass der Herr Erobique ein bauchiger, mitteljunger Mann mit Schnauzer ist, der ein reizendes, technoides Alleinunterhalter-Elektropiano spielt und dazu stehgreifgedichtete Lieder zum Vortrag bringt, kann den Zauber und den Charme dieses Herrn nicht erfassen. Es ist mit Erobique so ähnlich wie mit dem Austrofred. Den glaubt man auch nicht, bevor man ihn gesehen hat.
Dennoch, es war so, wie Schorsch Kamerun, nachdem sich seine Miene entknittert hatte, sagte: Es gibt Sachen, die muss man einfach machen, auch wenn man eigentlich nicht an sie glaubt, oder sich dabei unwohl fühlt, oder sie überhaupt gar nicht kann. Und zwar der Gelegenheit wegen, sie in einzigartiger Gesellschaft zu tun, mit Menschen, die eben nur genau in diesem Moment an diesem Ort sind. Dabei mit Karacho scheitern? Gerne, jederzeit, aber das gehört eben zu den Dingen, bei denen man nur den einen Fehler machen kann, sie aus Feig- oder Borniertheit nicht zu tun. Denn am Ende bereut man doch nur das, was man sich aus lauter Schiss versagt hat. Mist gebaut, Fehler gemacht, deppert gewesen? Ja, gerne. Leben halt.
Und außerdem war ich am andern Tag dann so überfeinfühlig... Alles berührte mich ganz extra dramatisch, ich fühlte Sachen, die ich so nie fühle, spürte ganz genau, was andere spüren und ich dachte: aha. Das macht es also mit einem, das Theater. Ach so. Das kann schon was. Am übernächsten Tag merkte ich dann aber, es war nur PMS gewesen. Den Kamerun-Abend will ich dennoch nicht missen.
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| 05/10
Kurier-Kolumne
Gut, es war Freitag nachmittag. Insofern war ich bereit zu verzeihen, dass in der Filiale der Fleischerei-Kette das Telefon nicht abgehoben wurde. Und wieder nicht. Aber dann schließlich doch, und man nahm meine Bestellung nett und aufmerksam entgegen. (Also, wie aufmerksam, werde ich dann heute Nachmittag bei der Abholung feststellen.)
Aber ich konstatiere grundsätzlich in letzter Zeit sehr unösterreichische Umtriebe, wenn es darum geht, eine telefonische Information zu bekommen. Man ist als gelernte Hotline-Kundin ja viel Kummer gewohnt. Man hat ja Telefon seit den achtziger Jahren und Internet seit den frühen Neunzigern, und wurde zu dieser Zeit auch von diversen Behörden (u.a. Melde-, Pass-, und Finanzamt) als existent und säumig registriert. Und hat seither viel Zeit damit verbracht, seine Elektro-Kommunikation in Gang und seine Angelegenheiten in Griff zu bekommen, was einem früher von den zuständigen Stellen so schwer wie irgend möglich gemacht wurde. (Die Zeit, die ich anlässlich von 14 Wohnungswechseln in Meldeämtern zubrachte, summiert sich zu Tagen, ja, Wochen.) Und jetzt: Man wartet kaum, wird freundlich empfangen, die Anliegen werden schnell und kompetent erledigt. So erlebe es ich jedenfalls.
Auch der Versuch, telefonische Hilfe im Zusammenhang mit Telekommunikation zu erhalten, ist von einer traumatischen Nerven- und Sitzfleisch-Sache, die häufig an inkompetenter Stelle ergebnislos endete, zu einem Spaziergang geworden: Man wird freundlich und namentlich begrüßt und gefragt, wie einem geholfen werden kann. Und dann wird einem meistens wirklich geholfen! Vielleicht ist Österreich doch nicht Kundendienstresistent! Schwer zu glauben, aber tja.
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| 05/10
Kurier-Kolumne
Das ist Krise: Oben jonglieren die Finanzminister mit Abermilliarden von Euro, unten streiten sich die sog. kleinen Leute wegen weggeschmissenem Obst.
Gestern früh rief mich die die Kollegin U. an, zitternd vor Zorn. Sie hatte eine große Supermarkt-Filiale angesteuert, aber bevor sie diese betreten konnte, wurde sie von einer Auseinandersetzung vor der Biomülltonne abgelenkt. Ein einfach gekleideter Mann um die 60 wollte sich eben ein weggeworfenes Bündel Bananen aus dem Container nehmen, woran ihn in weiterer einfach gekleideter Mann um die 60 zu hindern trachtete: „Des dürfen’S ned.“ Der erste: „Sind aber weggeschmissen.“ Der zweite: „Des dürfen´S trotzdem ned.“ Es geht hin und her, bis sich die Kollegin. einmischt: „Jetzt lassen´S ihn halt die Bananen nehmen.“
Herr Nr. 2: „Das wollte ich letztes Mal auch, aber der Filialleiter hat gesagt, des derf i ned. Also darf der auch nicht.“ Die Kollegin: „Ja, aber bevor die Bananen weggeschmissen werden...“ Der Herr Nr. 2 erklärt vor einem mittlerweile großen Publikum, dass er jetzt den Filialleiter holt. Was geschieht, aber der Herr Nr. 1 macht in der Zwischenzeit einen Abgang. Trotzdem betont der Filialleiter, dass das nicht gehe, dass jeder einfach Obst aus dem Biomüll hole, das sei Diebstahl.
Und das ist es rechtlich auch. Aber als die Kollegin den Herrn Nr. 2 fragte, ob es jetzt wirklich notwendig gewesen sei, den ersten Herrn zu vernadern, habe dieser gesagt: „Ja, weil ich habe das auch nicht dürfen.“
Die Kollegin U. rief mich hinterher aufgebracht an: „Kannst du das glauben? Weit haben wirs gebracht, wenn wir es anderen schon neidig sind, dass sie sich etwas aus einem Mistkübel nehmen.“ Die Krise in den Menschen, das ist vermutlich die schlimmste.
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| 05/10
Kurier-Kolumne
Dass Bus fahren auch in Österreich eine recht freudlose Sache sein kann, beweisen ein paar Leserinnen-Geschichten. So berichtete mir Gabriele G. von ihrer 72-jährigen Mutter, die in Traiskirchen lebt und gerne eine ihrer Töchter plus Enkel in St. Pölten besucht.
Mit dem Bus. Was nicht unkompliziert ist. Sie muss mit dem Wiesel-Bus von Baden nach St. Pölten, der fahre aber nur einmal täglich, weshalb sie um 7.10 Uhr zuerst mit dem Bus der Wiener Lokalbahnen nach Baden fährt; zu dieser Zeit ist der dieser voll mit Schülerinnen und Schülern. Mehr als einmal sei deshalb die Mutter vom Busfahrer aufgefordert worden, den Bus wieder zu verlassen, da dieser zu voll sei, was diese mit Hinweis auf ihren Anschlussbus verweigerte, was den Busfahrer wörtlich „nicht interessierte“. Die alte Dame fuhr trotzdem mit.
Ein anderes Mal habe die Mutter ihren Pensionisten-Ausweis gezeigt und dem Busfahrer das Geld passend gereicht, welcher ihr aber einen normalen Fahrschein heraus drückte. Die Mutter habe protestiert. Der Fahrer habe gesagt: „Hob i ned gsehn.“ Die Mutter habe bemerkt, dass sie den Ausweis aber deutlich sichtbar hingehalten habe. Der Fahrer habe gemeint: „Glauben´S do schau i drauf?“
Dass ihr im Wiesel-Bus nicht geholfen wird, wenn sie ihren Trolley im Stauraum unterzubringen sucht, ist die 72-jährige schon gewöhnt. Dass der Bus nach dem Aussteigen mit ihrem Koffer darin abfährt, sei ihr aber erst einmal passiert.
Was hoffentlich auch nicht wieder passiert: Im 62 A in Wien wurde die Freundin einer Leserin vom Fahrer aufgefordert, den Bus zu verlassen, weil ihr Baby seit drei Stationen weinte. Die junge Mutter stieg aus und weinte mit.
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| 05/10
Falter-Kolumne
So wie es ausschaut werde ich heute Abend etwas tun, das sowohl mit meiner Natur als auch mit meinen Prinzipien üblicherweise kein sehr harmonisches Verhältnis am Laufen hat und vermutlich auch künftig nicht haben wird: Ich werde im Rahmen einer Theaterproduktion auf einer Theaterbühne stehen. Natürlich habe ich die Hosen bis übern Bund voll und bereue schon seit Tagen bitterlich, dass ich mich dazu habe überreden lassen.
Ach was, man musste mich nicht einmal überreden. Harald Posch von der Garage X sagte einfach nur: Schorsch Kamerun will dich. Und ich sagte: Bin schon da, wann, wo? Weil: Schorsch Kamerun. Schorsch Kamerun, von Goldenen Zitronen, wers nicht weiß, habe ich ja sehr gern . Immer schon gehabt. Schätze ich außerordentlich, ist einer dieser richtig guten Männer, von denen es irgendwie nie genug gibt: gescheit, streitbar, kreativ, laut, mutig. Wobei ich insgeheim natürlich nicht ganz verstehe, wie sich so einer mit dem Theater einlassen kann, aber wenn es Kamerun tut, kann es wohl nicht ganz verreckt sein. Und außerdem bin ich allmählich geneigt, Annas Wording zu folgen, dass meine Probleme mit dem Theater MEINE Probleme seien und nicht die des Theaters. Obwohl. Ganz überzeugt bin ich davon nicht, und soviel ich weiß, hat sich Anna in den letzten Wochen aus mehreren hochgelobten Aufführungen heimlich geschlichen und mir aus anderen, aus denen es sich nicht heimlich schleichen ließ, SMSe des Inhalts "Ich stähärbäääää!" geschickt. Es ist also auch Annas Affäre mit dem Theater nicht mehr ganz so verschmust und frei von Friktionen wie einst. Was meinereiner einerseits einen hochbefriedigten Händerieb verschafft, mich andererseits aber trotzdem nicht daran hinderte, meine Partizipation an dieser Kamerun-Produktion völlig gedankenlos zu versprechen. Fehler, Fehler, Fehler. Fehler!
Denn es hieß, es gehe um die Teilnahme an einer Jury und Popkultur und vergebliche Versuche, und das kann ich alles so einigermaßen. Allerdings ging es in der ersten Besprechung auch darum, ob ich dabei ein Kostüm tragen würdemüssesolle, und da stieß ich gleich brutal an die Grenzen meiner Aufgeschlossenheit gegenüber der Vergeblichkeit. Mich kann man ja schon mit den verhaltendsten Andeutungen völlig harmloser Dress Codes von Feierlichkeiten fernhalten: Ich soll mich verkleiden? Sorry, geht GAR nicht, sucht euch gefälligst einen andern Gast. Ich weiß auch nicht warum, vielleicht hat man mich als Kind einmal zu oft in ein Clownkostüm gesteckt, ich weiß auch nicht.
Die Chancen, dass ich heute auf der Bühne der Garage X einen pipifeinen Nervenzusammenbruch erleide, stehen also nicht schlecht. Wenn Sie auf derlei gut verzichten können, schauen Sie sich Kameruns Stück lieber morgen oder übermorgen an. Da bin ich schon in der Geschlossenen.
Schorsch Kamerun: Der letzte vergebliche Versuch der Popkultur. Garage X, Petersplatz 1, 12., 13. und 14. Mai, 20 Uhr.
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| 05/10
Kurier-Kolumne
Die Deutschen diskutieren gerade darüber, wie man korrekt Eltern ist. Konkret hat sich die FAZ auf die neue Familien-Zeitschrift Nido eingeschossen. Nido, ein Ableger des Stern-Magazins Neon, erscheint seit neuestem monatlich und will das Sprachrohr einer neuen, coolen Elterngeneration sein, die den Nachwuchs in ihr Leben integrieren möchte anstatt umgekehrt.
Das passt nicht so recht ins Kindchenschema der alten Tante FAZ, die kritisierte, Kinder kämen in Nido nur am Rande vor, „bestenfalls als modisches Anhängsel, das auszustaffieren man sich dem Kaufrausch ungehemmt hingeben darf, schlimmstenfalls als ein Handicap, dessen man sich irgendwie entledigen sollte.“ Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung legte am Muttertag noch nach: für Nido bliebe „Kinderhaben eine Frage des Lifestyles“.
Tatsächlich werden in Nido Fragen gestellt: „Bin ich eine gute Mutter?“ Wie gehen zwei einst gleichermaßen einkommenstarke Partner mit dem neuen Familienbudget um? Gibt es im Land genug Krippenplätze, und wenn nein, warum nicht? Und das, ja, ein wenig poppiger und radikaler als in „Eltern“.
Die Debatte darüber, was Eltern ausmacht, wie sie leben und mit ihren Kinder umgehen sollten, wurde auch durch Ursula van der Leyens streitbare Familienpolitik angefacht und macht hierzulande vor allem eins: neidisch. Denn bei uns ist moderne Elternschaft eine vorwiegend budgetpolitische Frage, keine philosophische. Und wird medial weitgehend als obskures Randthema betrachtet, das seine Entsprechung in oft originell platzierten Randspalten findet. Oder, eh, in Frauenzeitschriften, wo das Thema Familie für viele noch immer perfekt aufgehoben ist. Nido erscheint übrigens in einer Auflage von 200.000 Stück.
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| 05/10
Falter-Kolumne
Jetzt habe ich 60 Stunden nicht geraucht, drei komplette Aufwachphasen ohne die je drei Aufwachzigaretten überstanden; die Rauchentwöhnung ist also so gut wie vollbracht. Und es war, wie ich prophezeit hatte, kollossal hilfreich, sie unter mütterlicher Aufsicht durchzuführen, denn wenn meine Mutter sagt „wie kann man nur?“, dann will man das, was man nur kann, zuverlässig lieber so schnell wie möglich nicht mehr können.
Was sich auch abseits des Nikotinentzugs wieder zeigte: Man glaubt nur, man habe bestimmte Alltags- und Kulturtechniken längst soweit perfektioniert, dass ein relativ unfallfreies und gesetzestreues Überleben in Stadt und am Land möglich ist. In Wirklichkeit gibt es kaum eine Tätigkeit, die nicht massiv verbesserungswürdig wäre, kaum einen Handgriff, den man nicht sehr viel effizienter durchführen könnte. Dabei sind die meinen wirklich vorbildliche, offene, unübergriffige Eltern. Solange ihre Kinder glücklich sind, mischen sich diese Eltern nie in deren große Lebensentwürfe ein, selbst wenn die Weltanschauungsübereinstimmung ganz nahe an der Nullline herumhoppelt. Über die elementaren Ideologie-Differenzen können sie in gelassenster Großzügigkeit hinwegsehen. Über praktische Defizite nicht.
So wie letzte Woche der Lange auf der Gartenbank saß und dem Gras beim Wachsen zusah, sitzt jetzt meine Mutter auf der Gartenbank und sieht ihrer Tochter beim Rasenmähen zu. Also, sie sieht nicht zu, und zwar sehr aufdringlich nicht. Offiziell liest sie Arno Geiger. Inoffiziell beäugt sie mich, und zwar so lange, bis ich den Rasenmäher abstelle und sage: Was!!!
Ich will dir nicht dreinreden!, sagte meine Mutter.
Was, Mutter, sage ich, werde es los.
Ich will mich wirklich nicht einmischen, sagt meine Mutter, aber tätest du dir nicht leichter, wenn du nicht über das schon gemähte Gras drübermähst? Und wenn du das Ding da an der Seite vom Rasenmäher abmontierst, da verstopft sich ja immer das Gras darin.
Und sie hat natürlich recht, und trotzdem oder gerade deshalb will ich die Hauswand hochgehen, weil egal, wie lange man brav bewiesen hat, dass man den Titel „erwachsen“ mit Fug und Berechtigung trägt: Kaum sitzt die Mutter auf der Gartenbank, weiß man wieder, dass man es nicht tut: Man ist nur eine Betrügerin, man hat das Erwachsensein nur vorgetäuscht und jetzt wurde man erwischt.
Und es erwischt einen nicht nur Mutter, sondern auch das eigene Kind, das bei meiner moralischen Demontage etwas subtiler vorgeht, indem es seit neuestem ansprechende, kleine Geschichten verfasst, an deren Ende immer zuverlässig die Mutter stirbt: entweder aus Gram über den Tod ihrer aufgrund mütterlicher Vernachlässigung tragisch verreckten Kinder und/oder weil sie zuviel Algahol getrunken und Tschigg geraucht hat. Ja, ich weiß, dass mir das zu denken geben sollte. Immerhin, ich rauche jetzt nicht mehr.
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| 05/10
Kurier-Kolumne
Rankings können wir nicht so gut. Weil: Schon wieder ein neues Ranking, in dem Österreich nicht besonders glorreich abschneidet: In der Rangliste der Länder, in denen Mütter am besten und sichersten leben, belegt Österreich den 26. Platz der 43 entwickelten Länder.
Das ist interessant, auch im Vergleich zu einem anderen Ranking: Dem EU-Ranking über die Frauen-Gleichstellung, in dem Österreich im vergangenen Jahr dramatisch auf den vorletzten, 26. Platz abgerutscht ist. Weil bei uns Frauen um durchschnittlich 25,5 Prozent weniger verdienen als Männer. Jetzt müsste man meinen, dass es ein Land, das die Frauen am Arbeitsmarkt, in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft so massiv benachteiligt, wenigstens auf dem Gebiet der Mutterschaft mindestens aufs Stockerl, wenn nicht ganz nach vorne schaffen müsste, als logischer Ausgleich. Aber: genau nicht.
Wieder, wie auch beim Gleichstellungsranking, liegen die skandinavischen Länder (und Australien) vorn: Dort sind die Frauen nicht nur am gleichberechtigsten, es geht dort auch den Müttern am besten.
Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Wo Frauen viel Verantwortung und viel zu sagen haben, haben Frauen, ihre Interessen und ihre spezifischen Anliegen automatisch eine starke Lobby. Denn Frauen wissen nun einmal am besten, was Frauen in ihren individuellen Lebenssituationen brauchen und wollen: während der Ausbildung, wenn sie in den Beruf einsteigen, wenn sie Kinder bekommen, wenn sie trotzdem arbeiten wollen, wenn Familien auseinander brechen, wenn sie keine Kinder wollen und lieber auf sich gestellt sind.
Wir lernen: Wo Frauen stark und gleichberechtigt sind, leben auch Mütter und Kinder gut. Besser: wir sollten es lernen, dringend.
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| 05/10
Kurier-Kolumne
Es ist vollbracht. Ihre Autorin, die es nicht lassen kann, bei diesem Thema immer wieder beide Seiten zu recherchieren, hat mit dem Rauchen wieder aufgehört. Nachdem ich die Recherche zwei Monate lang sehr ernst genommen habe, 20-bis-30-am-Tag-ernst, um genau zu sein.
Der Entzug fand unter verschärften Bedingungen statt, weil ich mir während der ersten drei Tage die gesamte zweite Staffel von „Mad Men“ anschaute. „Mad Men“, wer’s noch nicht kennt, ist eine unglaublich gut aussehende US-TV-Serie, die in einer New Yorker Werbeagentur der 1960er Jahre spielt. Und in der man die Charaktere mitunter kaum erkennen kann, weil sie permanent in dichten Rauchwolken verschwinden. In „Mad Men“ wird unablässig getschickt: In den Büros, während des Frühstücks mit den Kindern, ja selbst in Arztpraxen und Kinderzimmern. Das ist das Spannende an dieser Serie: Dass sie den jetzt 20 - bis 50jährigen zeigt, wie wir wurden, was wir sind: und was wir auf dem Weg in die Gegenwart alles zurück ließen. Im Prinzip macht „Mad Men“ anschaulich, was das konkret bedeutet, gesellschaflicher Wandel und kollektiver Konsens, und wie dergleichen entsteht.
Verantwortungsbewusste Mütter sperren in „Mad Men“ ihre Kinder zum Zwecke der Züchtigung in dunkle Kleiderschränke und fordern ihre Ehemänner auf, den Fünfjährigen endlich wieder einmal zu verprügeln. Bierdosen werden in der Natur entsorgt, es wird beim Autofahren Whisky getrunken und auch mit Fremden konsequent ohne Kondom gevögelt. Frauen werden ganz selbstverständlich benachteiligt und fangen gerade erst an, das merkwürdig zu finden. Und rauchen ist gesund.
Letzteres hätte von mir aus gern so bleiben dürfen. Aber nur letzteres.
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| 04/10
Kurier-Kolumne
Die neunjährige Tochter der H.s wurde als eine von zwei Vertreterinnen ihrer Volksschule ins Währinger Schülerparlament gewählt: eine Sache, der viel politische Bildung im Unterricht voran ging. Dann fand die erste Sitzung dieses Schülerparlaments statt und die Schülerin kam mit einem Packerl Unterlagen zurück: sowie einem neuen Ravensburger-Spiel, Wert, schätzt die Mutter, ca. 30 Euro. Das sei, fragten die Eltern das Kind, wohl für die Schule? Nein, sagte das Kind, das habe es vom Bezirksvorsteher als Geschenk für sich erhalten.
Das fanden die Eltern nicht in Ordnung, sondern sehr bedenklich. Weil: was ist das für eine politische Sozialisation, was lernt ein Kind daraus, dass politisches Engagement unmittelbar mit persönlicher Bereicherung einher geht?
Die H.s schrieben dem ÖVP-Bezirksvorsteher von Währing deshalb am 7. April einen Brief, eine Kopie erging an die Schule ihrer Tochter. In dem Schreiben fragten sie höflich, aus welchem Grund das Kind „eine Belohnung für die Teilnahme am Schülerparlament“ erhalten habe. Denn: „Unserem Demokratieverständnis nach muss allein die Auswahl zur Teilnahme Ehre und Belohnung genug sein. Schließlich vertreten die Grundschüler nicht ihre privaten Interessen, sondern sind von der Schule demokratisch gewählt und als deren Vertreter mit einem Auftrag ins Parlament geschickt worden.“ Das dürfe, schlossen die H.s „nicht mit individueller Begüngstigung verbunden sein“.
Dass der Bezirksvorsteher den Brief erhalten hat, wissen die H.s, weil sie hörten, dass er offenbar die Schuldirektorin deswegen anrief. Eine Antwort erhielten sie nie. Vielleicht versteht der Bezirksvorsteher ja einfach das Problem nicht: So läuft Politik nun halt einmal.
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| 04/10
Kurier-Kolumne
Die Lesermeinungen im Online-KURIER sind ab sofort mit Vor- und Nachnamen gezeichnet. Ich begrüße das außerordentlich: es ist ein substanzieller Beitrag zur Emanzipation der Gesellschaft.
Andere Zeitungen ermöglichen ihren online-Leserinnen und -Lesern noch immer anonyme Postings, aus einem leicht durchschaubaren Grund und auf der Basis einer ziemlich fragwürdigen Behauptung: Dass das Leserinteresse und die Relevanz eines Artikels sich daran bemessen lasse, wie oft dieser angeklickt wird. Je mehr Postings desto mehr Klicks, weil die Poster den Artikel öfter anklicken, um zu sehen, ob auch ihre Meinung kommentiert wurde. Und je anonymer die Postings, je sicherer das Versteck, desto eher trauen sich die Leute, einen Kommentar abzugeben. Kann ihnen ja nichts passieren, weiß ja keiner, wer dahintersteckt, muss ja niemand zu seiner Meinung stehen. Aus dieser Deckung heraus trauen sich Leute Meinungen und Kritik in mitunter beängstigender Brutalität zu artikulieren, für die sie im richtigen Leben einfach zu feig sind.
Ich meine (nicht zum ersten Mal): Eine Meinung ohne erkennbaren Sprecher hat soviel Gewicht und Bedeutung wie ein Wind im Wind. Das ist verbales Heckenschützentum, etwas für totalitäre Regime, in denen kritische Menschen um ihre Existenz bangen müssen. Eine offene, aufgeklärte Gesellschaft dagegen braucht Menschen mit Haltung, die sich trauen, sich zu ihren Ansichten und ihrer Kritik zu bekennen. Was auch nur fair ist gegenüber den kritisierten Journalisten, die das schließlich auch tun. Vermummte, verbale Ballerei aus dem Graben heraus ist stil- und rückgratlos – der Kenntnisnahme nicht Wert. Kritik mit Vor- und Zunahme dagegen: bitte, her damit, jederzeit.
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| 04/10
Falter-Kolumne
Verzeihung, es geht gerade nicht. Ich muss den Kaffee aufwischen, den ich eben über meinen ganzen Kramuri geschüttet habe, zwei Kolumnen schreiben und dann mit den Mimis zum Zahnarzt und mich vom Zahnarzt schief anschauen lassen, weil mit dem einen Zahn von dem einen Kind ist eindeutig was, und der Zahnarzt wird garantiert erkennen, dass das schon länger ist. Auch wenn die Mutter schwören wird, das sei erst vor ein paar Tagen passiert, was gelogen sein wird. Jaaaa! Meine Schuld! Ich weiß! Aber was soll ich denn noch alles schaffen?? Arbeiten, kochen, Laudatio halten, auflegen, arbeiten, Kinder antreiben, Salat pflanzen, Radieschen säen, Gästebetten beziehen, Kinderfahrräder ersteigern, Mitteilungshefte lesen, Termine ausmachen, hässige Mails mit gelassener Gutmütigkeit beantworten, rauchen aufhören, die Hängematte flicken, aufräumen, gelassen sein, den Installateur anrufen, den Strom zahlen, Schiefer ziehen, Kind trösten, arbeiten, Steuern zahlen, eine gute Mutter sein, eine gute Lebensgefährtin sein, eine gute Freundin sein, nett sein, Kaffee aufwischen: Ja, ich schaff das eh alles!! Irgendwie!! Jetzt bis auf das mit dem Rauchen. Das mach ich dann nächstes Wochenende, unter dem traurigen, sorgenvollen Blick meiner Mutter, der hilft in manchen Situationen immer noch am besten.
Immerhin: Das mit der Laudatio war fein. Also, der zugehörige Anlass, weil mein Lebenswirt, der Herb Molin, das silberne Ehrenzeichen der Stadt Wien bekommen hat. Und mit was? Mit Recht. Viele Leute waren da und danach saßen die ganzen Nachteulen aus dem rhiz mit riesigen Sonnenbrillen am Maria-Treu-Platz, aßen Pizza und bekamen Sonnenbrand. Es war ein bisschen, wie wenn die Vampire in Rimini Urlaub machen. Nett war es.
Und der Lange? Ach, der Lange. Wie ich gesagt habe. Nein, nicht ganz. Er hat mit dem Positiv-Denken nicht wieder aufgehört, er hat es diversifiziert. Er denkt jetzt spartenspezifisch positiv. Also, einerseits schimpft er wieder ganz normal. Andererseits sitzt er auf der Gartenbank, schaut in die Wiese, sieht, wie hoch das Gras steht und sagt: Der Rasen sollte dringend gemäht werden. Aber er lässt sich von derlei banalen Widrigkeiten nicht mehr belasten, soweit hat er den Glauben an die Kraft des Optimismus schon verinnerlicht. Er denkt jetzt positiv, dass der Rasen, wenn man nur mit radikaler, Richard-Fordscher-Gelassenheit daran glaubt, schon gemäht werden wird. Dass alles ganz von selber gut wird. Und das wird es auch, weil der Lange fährt jetzt erst einmal zehn Tage weg, und wenn er zurückkommt, wird vermutlich jemand den Rasen gemäht haben. Für den Erheiterungsprozess des Langen ist das natürlich gut, weil es gezeigt haben wird, dass das positive Denken zu konkreten, begrüßenswerten Resultaten führt. Für mich ist es schlecht, weil ich es getan haben werde. Aber ich mache das schon, jaja, ich schaff das irgendwie.
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| 04/10
Kurier-Kolumne
Der Kollege V. hat ein frisches Kind und hat (macht? absolviert? leistet? wie sagt man da?) seinen Papa-Monat. Und forscht nun in seiner Gegend nach Plätzen, an denen es sich mit einem Kinderwagen angenehm herumsitzen lässt. Und hörte von einem versteckten, aber eigentlich öffentlichen kleinen Park im Gebäudekomplex der Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter in der Josefstädter Straße. Und beschloss, sich den einmal anzusehen.
Er durchschob also den Haupteingang und fand dann auch eine Türe, hinter der es grün leuchtete. An der Tür befand sich zwar ein Kein-Ausgang-Schild, aber sie erwies sich als unverschlossen, also trachtete V. danach, sie zu durchschreiten. Da könne er nicht hinaus, sagte der Portier. Es sei aber eh offen, sagte V. Aber er dürfe nicht, sagte der Portier. Dürfe er doch, sagte V., bewies es, saß ein Stündchen im Grünen in der Sonne und trat dann den Rückweg an. Der Portier stand gerade bei der Tür im Hof und rauchte. Und beschied V., dass er da nicht zurück könne. Wieso nicht. Sei verschlossen. Aber er gehe dann ja auch wieder hinein, sagte V. Na, er wisse ja auch, wie man sie öffnet. Dann solle er dieses Wissen, bat V., doch bitte anwenden. Er dürfe aber mit dem Kinderwagen nicht mehr vom Hof zurück ins Foyer, sagte der Portier. Warum nicht, sagte V. Weil das Spuren mache. Und was mit den Portiersschuhen sei, machen die keine Spuren? Nicht solche wie ein Kinderwagen. Aha. Deshalb.
An dieser Stelle bietet sich auch ein Plädoyer für rauchfrei Kaffeehäuser an. Denn kürzlich war ich in einem der wenigen, genoss es, und gegen Mittag konnte ich es kaum mehr verlassen, weil es von acht Kinderwägen völlig verstellt war. Was es nicht wäre, wenn in allen Kaffeehäuser nicht mehr geraucht würde. Also.