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14.05.08

Wir Langstreckenläufer

| Comments (0) | 05/08 | Falter-Kolumne

Ich lese eigentlich keine Mails mehr, außer sie sind von meinem Chef oder von meinen Freundinnen. Leider generiert das Ignorieren von Elektropost nicht weniger, sondern mehr Mails, diesfalls solche, die mit der Zeile beginnen: Ich habe Ihnen am soundsovielten ein Mail mit einer Anfrage geschickt, auf die ich leider bis heute keine ... und soweiter; und es wird schlimmer, wenn man die nicht beantwortet. Keine Freude. Macht noch mehr Stress und läßt einen in der Nacht noch öfter wachliegen, geplagt von der Schuld, seine Pflichten nicht anständig erfüllt zu haben. Den Fleck kriegt nicht mal ein Hyper-Mega-Vanish aus einer Vorarlbergerin raus, da kann man sie zwanzig Jahre lang in Wiener Laissez-Fair eingeweicht haben, den sieht man noch.
  Auch habe auch schon lange keine Freude an meinem Handy mehr; aber das hatte ich eigentlich schon früher nicht, als mich Sedlacek ständig in der Nacht angerufen hat.
  Das war, wie ich noch zu den 30ern gehörte, die jetzt, wie ich überall lese, ganz anders drauf sind als wir damals, ohne Vertrauen in die Zukunft und alles, betrogene Gläubiger gebrochener Du-kannst-es-schaffen-Versprechen, aber immerhin mit einem neuen Zugang zur Welt: Sie wollen jetzt einmal durchhalten. Nicht immer gleich aufgeben, nicht mehr Teil der Instant- und Wegwerf-Generation sein, vor allem als Beziehungskonsumenten. Dieses wiederentdeckte Langstreckenläufer-Denken erscheint mir ein interessanter und partiell lobenswerter Zug an den neuen 30jährigen, wenngleich natürlich das Aufgeben-Dürfen gescheiterter Beziehungen, das Beendenkönnen unglücklicher Ehen eine großartige Errungenschaft der Neuzeit und des  Feminismus ist, die man nicht so einfach einem reformierten Durch-Dick-und-Dünn-Gequäle opfern möchte.
  Allerdings ist  die Halbwertszeit moderner Beziehungen und Ehen für eine genetisch determinierte Durchbeisserin wie mich immer wieder überraschend: Gerade kürzlich bin ich an einer TV- und Radiomoderatorin vorbeigeradelt, die feingemacht vor einem Bezirksgericht herumstand, daneben ihr Kindsvater, der stur in einem Winkel von 140 Grad von seinem Ex-Lebensmenschen wegschaute, denn offensichtlich war man gerade dabei, die intensiv in Medien beschworene Liebe des Lebens mit einer Scheidung zu finalisieren. Die Ehe hatte, inkl. Kindsproduktion,  neun Monate gedauert, aber das ist heutzutage höchstens noch Durchschnitt. Es geht auch kürzer.
  Und vielleicht liegt das genau am Internet und am Handy, weil früher musste man beim Schlussmachen in nässende Augen blicken oder telefonisches Geschluchze ertragen: das war sehr unangenehm, das wollten viele sich lieber nicht zumuten und ertrugen deshalb tapfer ein paar Jährchen moderaten Doppelunglücks. Heute schickt man ein formloses email oder SMS, don´t u w8 4 me oder sowas und, damit das Ganze nicht so brutal daherkommt, einen Smiley dazu. Wenn die 30jährigen daraus keine Tradition zu basteln zu basteln gedenken, habe ich nichts dagegen.
07.05.08

Schau mich nicht so an

| Comments (0) | 05/08 | Falter-Kolumne

Als gute Idee hat es sich erwiesen, Buben in Mädchengruppen zu isolieren: Testosteron scheint sich zu potenzieren, wenn es auf anderes Testosteron trifft, neutralsiert sich allerdings ganz und gar, wenn man es isoliert. Buben allein unter Mädchen entwickeln mit einem Mal Fähigkeiten, die sogar ihre eigenen Mütter zu überraschen vermögen: Mädchen sind plötzlich auch respektable Spielkameraden, Scheren werden zu harmlosen Werkzeugen, mit denen putzige Figuren ausgeschnitten werden, ja selbst Puppenhäuser werden zu Spielzeugen, wenn weder Hohn noch Spott noch lebenslängliche Ächtung von Geschlechtsgenossen  zu befürchten ist. Aber kaum tut man einen zweiten Buben dazu, gibt es strikte Geschlechtersegregation, denn kein Bub, der auf sich hält, beschäftigt sich mit Mädchen, wenn richtige Menschen in der Nähe sind. Man kann gegen Testosteron - Bubenmütter versuchen es ständig – nicht argumentieren.
  Ich behaupte aber keineswegs, Mädchen seien das bessere Geschlecht. Das sind sie, meinerseel, nicht. Die Kindergartenmädchen haben sich kürzlich, als es hieß, zwei Gruppen bilden (nicht: zwei geschlechtshomogene Gruppen bilden) gegen alle Argumente der Kindergärtnerin zusammengetan, um es den Buben mal so richtig zu zeigen und stanken daraufhin beim Klobürstenhockey mit 1:7 oder so völlig ab. Worauf es sich die Mädchen, alles Töchter emanzipierter, berufstätiger Frauen, sofort in der Opferrolle bequem machten: sie seien nun mal die schwächeren und nicht so brutal, und woher sie denn auch Klobürstenhockeyspiel können sollten?, und überhaupt seien die Buben so gemein, buhuhu. Woher haben die das? Ist das biologisch?
  Dafür sind Mädchen nicht so anfällig für elektronische Infektionen. Der achtjährige Intelligenzbolzen von Freunden stand kürzlich, weil seine Eltern ihn lieber nicht mit zu IKEA nehmen wollten, mitten in einem Zimmer voller Spielzeug, auch bubenkompatiblem, und näselte völlig gelangweilt die Worte: Habt ihr auch irgendwelche Computer? Nicht für dich, Rotznase. Er entschied sich dann, mit dem Bubenmimi zwei Stunden lang einen Wasserball durch den Flur zu kicken; auch schön, ok. (Ich wäre eh mit ihnen in den nächsten Käfig gegangen, aber es wurden Gäste erwartet, und ich hegte den Wunsch, die Vorbereitungen diesmal rechtzeitig abzuschließen: Wie wir letztes Mal das Essen für Haemmerli gaben, erschien Haemmerli, als ich gerade noch die Servietten bügelte. Nie wieder möchte ich so angesehen werden.) Das war noch bevor das Panini-Fieber ausbrach, denn seither kann man die Kinder, Buben wie Mädchen, wunderbar damit beschäftigen, dass sie ihre Panini-Alben vergleichen und Pickerl einpicken. (Und die Mütter damit, dass sie, während sie längst woanders sein sollten, den Altpapier-Container im Hof durchwühlen, weil eins dieser Alben verschwunden ist.)
 Dafür ist jetzt jeden Abend das Kinderzimmer picobello aufgeräumt. Käuflich sind sie alle, unabhängig vom Geschlecht.
02.05.08

Raus aus der Opferrolle

| Comments (1) | 05/08 | Kurier-Kolumne

Innerhalb von Familien gibt es eine Hierarchie von körperlicher Stärke: 1. Vater, 2. Mutter, 3. Kinder. Manchmal, selten, sind die Frauen kräftiger als die Männer, meistens hat der Vater die potentielle Gewalt-Hegemonie. Die schwächsten sind immer die Kinder.
Die schutzbedürftigsten sind immer die Kinder. Die bemitleidenswertesten Opfer sind immer die Kinder. Nicht, dass  die von ihren Männern misshandelten und eingeschüchterten Frauen kein Mitleid verdient hätten: haben sie. Und Hilfe. Aber selbst diese Frauen sind, bei aller Abhängigkeit, immer noch stärker und autonomer als ihre Kinder. Sie können sich aus eigener Kraft aus dem Martyrium einer gewalttätigen Ehe  befreien und aus ihrer Opferrolle heraustreten: Kinder haben diese Möglichkeit nicht.
Die Schutz-Hierarchie kann also nur so aussehen:  Mütter haben die Pflicht, ihren Kindern zu helfen. Zum Beispiel, indem sie Hilfe holen. Hilfe von staatlichen Institutionen, die weitgehend vorhanden ist .
Allerdings: Wenn man möchte, dass Frauen keine Opfer mehr sind, müssen auch einige Rahmenbedingungen radikal geändert werden. Zum Beispiel das Gesetz, das es Asylwerbern verbietet, mit legaler Arbeit Geld zu verdienen, mit einer Ausnahme: Frauen dürfen sich prostituieren. Das heißt: Tür auf für Zwangsprostitution und Gewalt an Frauen. So macht man Frauen zu Opfern.
Auch das muss aufhören, wenn wir nicht wollen, dass Frauen Opfer bleiben und sich in ihrer Opferrolle einigeln – so sehr paralysiert, dass sie nicht mehr in der Lage sind, das Leid ihrer Kinder zu sehen und ihnen zu helfen. Vor allem muss die Autonomie von Frauen innerhalb der Familien gestärkt werden: Unabhängigkeit, auch ökonomische Unabhängigkeit ist ein elementarer Schritt, um innerfamiliäre Verbrechen zu beenden und zu verhindern.
.

01.05.08

Der beste oder der schlimmste Ort der Welt

| Comments (0) | 05/08 | Kurier-Kolumne

Was mich interessiert: diese Mutter. Denn die Mutter der im Verlies gequälten 42jährigen, wird derzeit gemeinsam mit „ihrer“ Familie in einer psychiatrischen Abteilung betreut: Sie hat offenbar Opfer-Status. Was  eigenartig anmutet. Und  viele Fragen aufwirft.
Wie konnte diese Frau 24 Jahre lang ignorieren, dass ihre Tochter und deren Kinder direkt unter ihr gequält wurden? Wie konnte diese Frau  ein Kind dieser Tochter nach dem anderen von der Türschwelle auflesen, ohne zu fragen, wo ihr eigenes Kind geblieben ist? Wieso hat diese Frau  nie versucht, ihre Tochter, die offenbar ständig irgendwo in der Nähe Kinder gebar, zu finden? Und wie konnte sie schon früher über Jahre hinweg übersehen, dass ihre  elf-, zwölf, 13-, 14-, 15-, 16-, 17-jährige Tochter von ihrem Ehemann immer wieder vergewaltigt wurde?
Es ist immer wieder schockierend: Da sind scheinbar intakte Familien mit traditionellen Rollenverhältnissen, in denen die Mutter keine anderen Aufgabe hat, als sich um ihre Familie, ihre Kinder zu kümmern. Wie kann man, wenn das der Lebensinhalt ist, übersehen, ignorieren, verdrängen, ja: tolerieren, dass diese Kinder vom Vater missbraucht und gequält werden?
Die Ignoranz dieser Mutter – und aller Mütter, die wegsehen, wenn sich Väter und Stiefväter an Kindern vergehen – ist leider auch signifikant für das Dilemma der Institution Familie: Sie kann für ein Kind der beste, wärmste, sicherste Ort der Welt sein. Oder der grauenhafteste, an dem ihm furchtbare Dinge angetan werden, und wo weggeschaut wird: von Vater und Mutter, von genau denen, die es lieben und beschützen sollten.
Es fällt schwer, die Mutter  als Opfer zu sehen.
30.04.08

Du hast es versprochen

| Comments (0) | 04/08 | Falter-Kolumne

Es war auch endlich warm. Man konnte die Hosen hochkrempeln und barfuss laufen und sich einen Sonnenbrand an den Waden holen und Bienenstiche an den Fussohlen. Das Bubenmimi hat sehr geheult, es war ihr erster Bienenstich, wir schmierten dick eine wichtig aussehende Creme darauf, und das Kind erholte sich schnell. Später gingen wir zur Waldlichtung, dort standen drei Gestalten in grotesker weißer Schutzkleidung in der Sonne und sahen aus, als drehten sie ein billiges Sequel von „Outbreak“. Spooky irgendwie. Es waren aber nur der Horwath und sein Freund, der Polz und die Freundin vom Polz an Tag eins nach der Absolvierung des Imkerkurses. Der Horwath macht jetzt auch Honig; soll mir recht sein. Wir fotografierten den Horwath und den Polz und seine Freundin mit dem Handys, später fotografierte der Horwath die Kinder und ihre Papp-Medaillen und ihr Siegerlächeln. Denn sie hatten alle die 400 Meter Ersatzmarathon geschafft, die wir ihnen ausgesteckt hatten, weil wir dann doch nicht in aller Herrgottsfrüh nach Wien gefahren waren, damit die Kinder an diesem Kinderlauf teilnehmen konnten. Stattdessen fand der Kinderlauf auf einem Waldviertler Kiesweg statt, es gab wertvolle-Panini-Preise, alle waren froh. Auch die Eltern, die sich nachher wieder in den Schatten von Horwaths Sonnenschirm in Horwaths Garten setzen, Zeitungen lesen, einen Sonnenbrand auf dem Hirn kriegen, deppert reden und überlegen konnten, was man als nächstes essen soll. Es wird viel gegessen im Garten der Horwaths.
  Später gab es eine kleine Krise, als der Horwath „elf“ antwortete, auf meine Frage, wie schrecklich das Ritterfest auf der zehnteiligen Schrecklichkeitsskala jetzt ehrlich gewesen sei. Elf! Wir hattens versprochen gehabt, aber ein gütiger Geist, der Lange nämlich, hatte mir die Klänge von Schalmeien und sich kreuzender Schwerter erspart. Und Bekleidung, neben der man sich freut, dass man eine elegante pestogrüne Wanderjacke tragen darf. Ich schaukelte auf der Hollywoodschaukel, während der Lange und der Horwath auf dem Burgfest den Horwath verfluchten, der seit Wochen am Spielplatz von diesem Burgfest geredet hatte, dass man dort unbedingt hin muss, und wie toll es die Kinder finden und alles. Der Horwath hatte wohl, wenngleich er normal nicht zu Kinderglücksverklärungsbedingter Bewusstseintrübung neigt, kurz verdrängt gehabt, wie arsch es die Erwachsenen finden. Jetzt weiß er es wieder.
  Dafür bekam ich Sonnenbrand auf den Fußssohlen, überlegte, warum verdammt ich mir eigentlich nichts kurzärmeliges Unschwarzes eingepacken hatte können, ärgerte mich über das Zeit-Magazin (Wolfgang Joop, Chef des teuersten deutschen Modelabels, in einer Geschichte über Mahlzeiten in seiner Potsdamer Villa: „Ich erzähle oft von Zeiten des Mangels und der Improvisation.“) und ein Vogel schiss mir aufs Handy. Es war ein aber kleiner Vogel, und seine Ausscheidungen trübten mein Frühlingsglück nicht.
30.04.08

Respekt für die Opfer

| Comments (0) | 04/08 | Kurier-Kolumne

In Heinrich Bölls Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von 1974 schmuggelt sich ein Journalist als Anstreicher verkleidet in ein Spital, um sich ein Interview mit der kranken Mutter einer  Verdächtigen zu erschleichen : Nach allem, was erst vor Tagen im Zusammenhang mit geheimen Akten zum Kampusch-Fall geschehen ist, darf man vermuten, dass sich der Boulevard auch diesmal einiges einfallen lassen wird, um möglichst als erstes an die Opfer des grauenhaften Amstettner Verbrechens heranzukommen. Fotos zu zeigen. O-Töne zu bringen. Man könnte sich als Pfarrer verkleiden, als Nonne, als Ärztin, als Reinigungs- oder Sicherheitspersonal, um sich Zugang zu den Räumen zu verschaffen, in denen diese arme Frau und diese armen Kinder gerade betreut werden. Es wird versucht werden. Als Realist ist man diesbezüglich frei von Illusionen.
Es ist logisch, es ist richtig, dass  über ein derart schockierendes Verbrechens ausführlich berichtet wird. Dagegen ist nichts einzuwenden: Die Leute wollen und sollen wissen, was da passiert ist. Und wie so etwas geschehen konnte: Dieses Wissen schafft  ein Stück Basis dafür, dass etwas derartiges hoffentlich nicht wieder vorkommt (wenngleich man es nicht ganz verhindern kann). Aber wenn Medien vorsätzlich und, wie bei Kampusch, auf  Grundlage weiterer Verbrechen das Recht auf Privatsphäre der Opfer verletzen, gehen sie entschieden zu weit.
Es gilt: Alles, was die Opfer von sich aus über sich preisgeben wollen, ist in Ordnung. Alles, was  gegen ihren Willen veröffentlicht wird, alles was sie bloßstellt und ihnen weiteren Schaden zufügt, ist inakzeptabel. Das gilt auch für die Konsumenten: Wir sind alle neugierig, ja. Aber die Opfer gehören respektiert.
29.04.08

Das Unmögliche möglich machen

| Comments (0) | 04/08

Ein Achtjähriger wurde vergangene Woche von der Straßenbahn 31 mitgeschleift. Er hatte, weil er auf seine gestürzte Mutter wartete, den Fuß in die Tür gestellt und war eingeklemmt worden. Das ist, wie uns Verantwortliche der Wiener Linien periodisch versichern, vollkommen unmöglich und kommt, wie uns die Realität regelmäßig vorführt, trotzdem vor.
Wie derartige technische Wunder möglich  werden, lässt sich in etwa erahnen, wenn man dem Bericht von Leserin Julia Z. lauscht. Die wollte letzten  Dienstag vormittag an der Station Stadthalle/Burggasse mit einer Gruppe die  U6 besteigen: fünf Personen und ein Sozialarbeiter, der einen Patienten im Rollstuhl schob. Der Zug fuhr ein, ziemlich voll, besonders im mittleren Bereich, und genau dort, wo die Gruppe einsteigen wollte, stieg eine ganze Schulklasse aus.
Während die das noch tat, sei schon die Bitte –  nein,  so Julia Z.,  der  Befehl –  „Einsteigen bitte!“ durch die Station gehallt, gefolgt von sich schließenden Türen. Zwei Schüler seien beinahe eingeklemmt worden: Beherzte Fahrgäste drückten die Tür wieder auf und winkten Richtung Fahrer, um ihm die Situation begreiflich zu machen. Der bellte erneut den Einstiegsbefehl, die Gruppe mit dem Rollstuhlfahrer winkte erneut, um zu signalisieren, dass noch nicht alle die Möglichkeit hatten, einzusteigen, die Tür schloss sich erneut und klemmte prompt den Rollstuhl ein. Der Sozialarbeiter sah sich gezwungen, die Tür aufzudrücken und zu blockieren, bis die ganze Gruppe zugestiegen war, worauf der Fahrer ohne eine weitere „Zug fährt ab“-Warnung die Türen schloss und abfuhr.
Aber rein theoretisch ist es technisch völlig unmöglich, dass Fahrgäste mitgeschleift werden.
27.04.08

Gute Vibrationen

| Comments (0) | 04/08 | Kurier-Kolumne

Da. Da haben wir’s. Folgendes  Schreiben flatterte einem Anonymen EUROSkeptiker kürzlich in die unweit der geplanten Ring-Fanzone gelegene Anwaltskanzlei. „Sehr geehrter Dr. XY, die kommende Fußball-Europameisterschaft wird bestimmt ein spektakulärer Sportevent. Leider birgt ein solches Großereignis auch zahlreiche Risiken abseits der Sportstätten. Ausschreitungen und mutwillige Sachbeschädigungen sind nicht auszuschließen.“
Deswegen bietet der Absender, eine große österreichische Versicherung, Dr. XY eine Vandalismus-Zusatzversicherung für die Dauer der EURO an, „damit Sie den Zeitraum der Fußball-Europameisterschaft 2008 sorgenfrei genießen können“.
Da haben wir’s. Langsam machen sich die AEUS  wirklich Sorgen.  Das ist ja wie eine Beschwörung! Da muss ja etwas passieren, wenn die Ängste so erbarmungslos in die Bürger gestochen werden wie Nadeln in eine Voodoo-Puppe!
Natürlich ist es, alte AEUS-Rede, klug,  nicht nur mit dem Besten zu rechnen: Aber wollten wir nicht positiv denken? Immer stärker materialisiert sich die Notwendig, dass wir unbedingt massenhaft sehr sehr sehr positiv denken sollten: Damit wir bei der  EURO einen schönen Vorrat guter Vibrationen haben, mit denen wir das Land, die Stadt, besonders aber die Bereiche um die Fan-Zonen aufladen können.
Andererseits kann die Unterstützung von ein paar Tausend  Polizisten mit freundlicher, aber konsequenter Gesinnung nicht schaden.  Wir winken schon einmal ihren 850 deutschen Kollegen zu, die bei der EURO aushelfen werden. Wobei uns deren offenbare Notwendigkeit nicht wirklich beruhigt... Vielleicht doch die Versicherung? Da. Da haben wir’s.

25.04.08

Geilheit und Gier

| Comments (1) | 04/08 | Kurier-Kolumne

Natascha Kampusch fragte in einem ORF-Interview selbst: Was hat der Medienkonsument davon, wenn er weiß, ob sie sexuell missbraucht wurde oder nicht? Nichts hat er davon,  aber: seine Neugier wird befriedigt.
Alle Medien leben von der Neugier ihrer Konsumenten. Ist ja per se nichts Negatives, die Neugier:  sie ist der Treibstoff für Wissenschaft und Forschung, sie macht die Menschen klüger. Aber manchmal kommt sie  als Voyeurismus daher, delektiert sich an der Bloßstellung und am Unglück anderer: der Homo Sapiens hat das in sich, und manche Medien profitieren gerne davon.
Aber es liegt in der Verantwortung jedes einzelnen Lesers (und: jedes einzelnen Inserenten) zu sagen: Nicht mit mir. Ich mache da nicht mit. Ich verzichte auf diese Neugier-Befriedigung. Ich will es nicht wissen (was nicht leicht ist, wenn einem die geilen Neuigkeiten auch noch gratis aufgedrängt werden). Ich will nicht, dass Natascha Kampusch noch mehr angetan wird.
Denn Kampusch hat, nach allem, was sie erleiden musste, die Solidarität der Gesellschaft  verdient: Und sie hat ein Recht auf den Schutz ihrer Privatsphäre, wie jeder andere auch, so ungewöhnlich die ihre auch gewesen sein mag. Dieses Recht wurde ihr aberkennt: von denen, die gewissenlos ihre Akten weitergaben,  von skrupellosen Medien, von ihren Konsumenten.
Natascha Kampusch wurde Opfer eines grausamen Verbrechens: Nun zeigt sich, dass viele Leute  keine Hemmungen haben, ihr weitere Grausamkeiten anzutun. Brutal gesagt sind diese Leute – denn die Motive gleichen sich – nicht viel besser als Wolfgang Priklopil: Kampusch wird erneut zum Opfer von Geilheit und Gier. Wir sollten das nicht tolerieren.


24.04.08

Überwachungsrahmenhandlung

| Comments (0) | 04/08 | Kurier-Kolumne

Der W., ein Kollege von einer anderen Zeitung, verspürte kürzlich den Wunsch, ein Bild schön zu rahmen. Dieses Ziel vor Augen betrat er eine Rahmen-Handlung mit gutem Namen im 11. Bezirk, fand eine geeignete Bild-Umfassung, eilte damit zur Kassa, und wurde dort nicht um Geld, sondern  erst um Registrierung seiner Daten gebeten. Der W. beäugte den Rahmen und konnte daran nichts Melde- oder Waffenscheinpflichtiges entdecken. Deshalb begehrte er den Grund für die Notwendigkeit einer Datenerfassung zu erfahren und erhielt sogleich die in Wien nicht unübliche Auskunft: Das sei eben so.
Der W. meinte, er wolle ja nur diesen Bilderrahmen erwerben. Der Kassa-Herr meinte, der Geschäftsführer meine aber, das müsse sein, worauf der Kollege zur Sachverhaltsklärung den Geschäftsführer zu sprechen wünschte. Alsbald bekam W. den Herrn ans Telefon und von diesem die Erläuterung, das stünde so in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen.
Worauf W. seiner Meinung Ausdruck verlieh, dass es sich hierbei um eigentümliche, um nicht zu sagen: sittenwidrige Geschäftsbedingungen handle, denn es sei ihm neu, dass man persönliche Daten bekannt geben muss, wenn man etwas kaufen will. Diesen sturen Standpunkt wollte der Geschäftsführer partout nicht verstehen, entweder wolle W. nun etwas kaufen oder nicht, worauf W. entschied: nicht.
Jetzt fragt sich W., ob er künftig, z.B. an Würstelständen und in öffentlichen Toiletten, nicht nur ungefragt von Kameras gefilmt wird, sondern bald  auch seine persönlichen Daten registrieren lassen muss, um eine Debreziner-Erwerbs- oder Latrinenbenützungsberechtigung zu erlangen. Hell strahlt die Zukunft; gläsern und blitzblank poliert.
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