Drei Wochen lang hatten wir Lazarett. Kind krank, Kind krank, Mutter krank, Kind krank, Kind krank, und jetzt sind die Mimis komplett ruiniert vom Fernsehen. Sie singen und tanzen Werbespots nach, träumen schlecht, haben das Spielen verlernt und zucken wegen jedem Scheiß aus. Die Mutter im Übrigen auch. Die Mutter würde wieder einmal gern ein paar Stunden lang nicht angesprochen werden, von niemandem, einfach nur gar nicht. Nur den Sound of Silence hören, verziert mit paar Geräuschen von der Straße und aus dem Ballkäfig, die mit mir nichts zu tun haben und an denen keine Forderungen und Beschwerden appliziert sind. Wieder ganze Tage nur unter Erwachsenen verbringen, in Ruhe in der Redaktion schreiben, Mittagessen gehen mit dem C. oder dem T. oder der B., dazu Wein trinken, statt Nutella-Brote schmieren und magenschonendes Karottensüppchen nach dem Rezept von Dr. Urban kochen, das dann sowieso abgelehnt wird. Gemoser, den ganzen Tag.
Dieses wurde immerhin am Samstag unterbrochen von Horwaths 50er, im Wetter, sehr nett. Wir schmissen die Kinder in der Ecke auf einen Haufen, warfen Nintendos und Weißwürste mit Ketchup hinterher (die vorbildlich guten Wetter-Menschen haben die Ketchup-Anregung sofort aufgenommen) und konnten so mehrere Stunden ungestört mit Erwachsenendingen verbringen, aka trinken, rauchen, reden und Blut- und Leberwürste vom Metzger Fontain in Dornbirn essen, ohne dass die Kinder dazu Würgegeräusche machten. Das war sehr schön, obwohl das Geschenk für den Horwath nicht rechtzeitig angekommen war, dabei hätte es so gut zu den Würsten gepasst. Und der gute Herr Devich war extra noch am Mittwochnachmittag in Bezau, Bregenzerwald, mit einem Paar wunderhübscher, lammfellgefütterter Rindsfell-Hölzler der Größe 45 zur Post marschiert, wo man es dann genau so lange liegen ließ, dass es dann pünktlich nicht ankommen, sondern erst Montag früh geliefert werden konnte. Danke, liebe Post. Deswegen kann ich auch noch nichts über die Horwathsche Reaktion erzählen, der uns exilierte Xiberger (plus dem Langen) jetzt seit Jahren wegen dem Schuhwerk verlästert, das wir im Waldviertel praktisch ausschließlich an den Füßen tragen. Aber heuer hat ja auch Lagerfeld Holz-Clogs, das überzeugt den Horwath vielleicht von der Sinnhaftigkeit seines Geschenks.
Weil: Was schenkt man einem wie dem Horwath zum Fünfziger? Das Werkzeug, damit er endlich mal eins seiner fetten Sulmtaler mordet, hat er schon gekriegt. Gut: Die Felders schenkten ihm ein Kochbuch mit Hendl-Rezepten, das wird er hoffentlich bald benützten. Er nennt die Hendln jetzt auch schon „Hendln“ und nicht mehr bei ihren Namen, wir waren von Anfang an gegen die Namen, da wird doch das Verhältnis vom Bauern zu seinem Schlachtvieh viel zu intim und vertraulich. Wir halten es für einen Schritt in die richtige Richtung, dass der Horwath dieses Verhältnis jetzt allmählich auf eine prosaischere Ebene herunterschraubt, und hoffen sehr auf Ostern.
Anlässlich des Frauentags las der Kollege H. im KURIER diesen Satz der ÖVP-Parlamentarierin Silvia Fuhrmann: „Wenn ein Mann einfach nicht in Karenz gehen will, kann auch die Politik nichts tun.“ Und er erzählte dann folgendes:
Im Jänner bekamen der Kollege und seine Freundin ihr erstes Kind: einen Sohn. Und gleich, nachdem dieser auf die Welt kam, bekamen die beiden schon im Krankenhaus eine Sozialberatung der Wiener Mag 11, auch bekannt als: Amt für Jugend und Familie.
Der Kollege H., ein wacher, aufgeschlossener junger Vater, berichtete der Sozialarbeiterin von seinem Plan, ein paar Monate in Karenz gehen zu wollen; also konkret: vier Monate von insgesamt 14 in der einkommensabhängigen Kindergeld-Version.
Was meinte dazu die Sozialarbeiterin? Die Sozialarbeiterin meinte, das sei keine gute Idee. Der Kollege habe erst kürzlich eine Anstellung gekriegt? Dann rate sie ihm eher davon ab, in Karenz zu gehen; denn auch wenn Chefs sagten, man könne danach zurückkommen, sei das keineswegs immer sicher, und in Zeiten wie diesen sei eine Anstellung doch viel Wert. Stattdessen riet die Frau H.s Freundin, die längstmögliche Karenzvariante in Anspruch zu nehmen, damit habe man die größte Sicherheit.
Die Höhe des Verdiensts der jungen Mutter oder das Karriere-Risiko , das sie mit 14 Monaten Karenz eingeht, interessierte die Frau von der Mag 11 nicht. Und ließ die jungen Eltern verdattert zurück.
Und die, beide Akademiker, fragen sich nun, wie junge Eltern aus weniger bildungsnahen Schichten wohl auf so eine Beratung reagieren. Es ist nicht nur die Schuld der Väter, dass die Väter–Karenz so unpopulär ist.
Das gab’s immer schon. Und jetzt wird – wenn nötig auch gegen den Widerstand der Kirche,– endlich auch darüber geredet, was in deutschen katholischen Internaten vorgefallen ist. Und vermutlich noch immer vorfällt.
Der deutsche Missbrauchsskandal weist erstaunliche Parallelen zu einem österreichischen auf, nämlich jenem der Mühl-Kommune. Das beweist erstens, dass Kindesmissbrauch nichts mit Ideologie zu tun hat: Die 68er und ihre lockere Sexual-Moral sind an derartigen Vergehen keineswegs schuld. Überhaupt hat die Sache, wie auch Kollege Tartarotti schon deutlich formulierte, mit Sex eigentlich nichts zu tun. Es geht beim Kindesmissbrauch nur vordergründig um das Ausleben von Sexualität: Es geht um Macht und die billigste, brutalste Form ihres Missbrauchs.
Die Parallelen zeigen zweitens, dass kollektiver Missbrauch in hermetisch geschlossenen Systemen am reibungslosesten funktioniert, deren Mitglieder sich ihre eigene Realität, ihre eigenen Codizi etablieren und legitimieren. Dass der Mensch – speziell der männliche – in von äußerer Kontrolle geschützten Labor-Sitationen dazu neigt, sich sein eigenes Wertesystem außerhalb der rechtlichen Normen und des sozialen Konsenses zu errichten. Frauen übernehmen in solchen Systemen – genauso wie beim innerfamiliären Missbrauch – häufig den traurigen Part der Komplizinnen, der Schweigerinnen und Wegschauerinnen, die sich in ihrer Machtlosigkeit so gemütlich eingerichtet haben, dass sie die Gewalt-Hierarchie nicht mehr sehen: Und die noch viel Schwächeren, die sie als Erwachsene zu schützen hätten.
Da wie dort hielt die Schweigemauer über Jahre und Jahrzehnte. Jetzt stürzt sie ein: Und mit ihr hoffentlich das System dahinter.
Aus der ÖVP-Aussendung einer österreichischen Ortschaft: „D ie Kandidatinnen für die Gemeinderatswahl 2010 laden herzlich ein zum Frauentag am Donnerstag den 11. März 2010 um 19 Uhr: So mache ich mehr aus meinem Typ.“
Muss man zum Tag der Frau mehr sagen? Ja: Auch wenn man den Frauentag nicht so gründlich missversteht, ist er trotzdem ein Irrtum. Der Frauentag gehört abgeschafft. Er ist kontraproduktiv. Ein Tag im Jahr: Trommelwirbel, Magazincover, TV-Talks. Frauengeschichten. Statisken und Zahlen, die jedes Jahr wieder beweisen, dass all die Frauentage der letzten Jahrzehnte nichts bewirkt haben, dass es immer schlimmer, die Schere immer größer und das Leben am 9. März weiter gehen wird wie zuvor. Wieder wird jede Quotenforderung, jeder Versuch, die Gleichstellung der Frauen in Österreich endlich Realität werden zu lassen, von den zuständigen Stellen aus pragmatischen, finanziellen und organisatorischen Gründen abgeblockt werden. Und die auch zu diesem Frauentag nicht beantwortete Frage, warum es z.B. keine einzige österreichische Uni-Rektorin gibt, wird man 364 Tage lang gar nicht mehr stellen. Ist halt so.
Zudem impliziert so ein Tag der Frau, dass Frauen etwas Extraordinäres seien: wie eine seltene Spezies, die man sich im Zoo anschaut: Da schau, arm!, und jetzt zu Wichtigerem.
Und genau das ist systemstabilisierend. Einmal im Jahr ein schlechtes Gewissen: das korrigiert nicht den Lauf der Dinge. Korrigierend wirken dagegen die Menschen, die Frauen, die das ganze Jahr dafür kämpfen, dass sich schritt-, ach: trippelweise doch etwas ändert und bessert. Der Frauentag tut das definitiv nicht.
Aus der ÖVP-Aussendung einer österreichischen Ortschaft: „D ie Kandidatinnen für die Gemeinderatswahl 2010 laden herzlich ein zum Frauentag am Donnerstag den 11. März 2010 um 19 Uhr: So mache ich mehr aus meinem Typ.“
Muss man zum Tag der Frau mehr sagen? Ja: Auch wenn man den Frauentag nicht so gründlich missversteht, ist er trotzdem ein Irrtum. Der Frauentag gehört abgeschafft. Er ist kontraproduktiv. Ein Tag im Jahr: Trommelwirbel, Magazincover, TV-Talks. Frauengeschichten. Statisken und Zahlen, die jedes Jahr wieder beweisen, dass all die Frauentage der letzten Jahrzehnte nichts bewirkt haben, dass es immer schlimmer, die Schere immer größer und das Leben am 9. März weiter gehen wird wie zuvor. Wieder wird jede Quotenforderung, jeder Versuch, die Gleichstellung der Frauen in Österreich endlich Realität werden zu lassen, von den zuständigen Stellen aus pragmatischen, finanziellen und organisatorischen Gründen abgeblockt werden. Und die auch zu diesem Frauentag nicht beantwortete Frage, warum es z.B. keine einzige österreichische Uni-Rektorin gibt, wird man 364 Tage lang gar nicht mehr stellen. Ist halt so.
Zudem impliziert so ein Tag der Frau, dass Frauen etwas Extraordinäres seien: wie eine seltene Spezies, die man sich im Zoo anschaut: Da schau, arm!, und jetzt zu Wichtigerem.
Und genau das ist systemstabilisierend. Einmal im Jahr ein schlechtes Gewissen: das korrigiert nicht den Lauf der Dinge. Korrigierend wirken dagegen die Menschen, die Frauen, die das ganze Jahr dafür kämpfen, dass sich schritt-, ach: trippelweise doch etwas ändert und bessert. Der Frauentag tut das definitiv nicht.
Weil wir gestern übers Speiben sprachen: Das provokative Kokettieren einer Präsidentschaftskandidatin mit rechtsextremem Gedankengut verlängert den Brechreiz weit über die virale Infektion hinaus. Es ist das alte Dilemma: Einerseits kann man derartige Ungeheuerlichkeiten nicht unerwidert lassen, anderseits signalisiert jede Reaktion auch Gesprächsbereitschaft... Es ist ein ewiges Elend, dass diese Strategie immer wieder Erfolg hat.
Auch deshalb dachte ich diese Woche lieber über Alex James nach. James war – und ist es bei Bedarf noch – Bassist der britischen Band Blur, die das Lebensgefühl, mit dem meine Generation erwachsen wurde, präzise, politisch und extrem erfolgreich in Popmusik übersetzte. (Oasis gaben die dumpfen, begabten Bauchmenschen, Blur die wachen, sensiblen Schlauköpfe.) Blur waren so etwas wie der kürzeste Weg von Punk zu Pop, mit allen exzessiven Begleiterscheinungen, die der Rock‘n‘Roll-Lifestyle so im Repertoire hat.
Dafür wird man irgendwann zu alt und zu gescheit. (Naja, die meisten; Oasis nicht.) Damon Albarn, der geniale Blur-Frontman, rannte in die Welt hinaus und nahm von überall Sounds mit, die er in verschiedenen Formationen einbrachte. Gitarrist Graham Coxon wandelte solo und in der Kunst.
Und Alex James wandte sich ab und zog aufs Land. Zog aufs Land, bekam fünf Kinder und begann auf seiner Farm Käse zu zu produzieren. Und schrieb darüber ein Buch, dessentwegen er jetzt Interviews gibt, und das Konzentrat ist: Der Mann hat wieder den richtigen Ort zur richtigen Zeit gefunden, den Ort an dem er ungestört älter, milder und bärtiger werden kann. Der Mann ist glücklich. Und er weiß, warum.
Um fünf Uhr früh spieb das Kind zum vierten Mal, und als es wieder schlief, ging ich hinaus auf den Balkon, frische Luft atmen. Und dann hörte ich es. Die Vögel. Die Vögel sind wieder da.
Wenn die Vögel wieder da sind, ist der Winter vertragsgemäß vorbei. Leider kommt der Lenz heuer nicht nur mit dem Geräusch zwitschernder Vögel, sondern mit (Achtung! Ab hier 50%iges Gustiositätsgefälle!) einem weiteren: Dem Sound von plötzlich sich entleerenden Mägen. Jeder um mich herum speibt, hat gespieben – oder wird demnächst speiben, weil er schon angesteckt wurde.
Ich habe es gerade hinter mir und trachte jetzt, während ich das Kind versorge und tröste, allmählich meinen Kreislauf wieder... (Kurze Unterbrechung. Die Schule hat angerufen. Das andere Kind sähe so aus, als würde es gleich speiben und sei deshalb pronto abzuholen. Bin gleich wieder da.)
Bin wieder da. Die Kinder sehen fern, um sich vom Bauchweh abzulenken, und wenn ich das oben erwähnten Geräusch vernehme, laufe ich los, um mütterlichen Beistand zu leisten und dann eiskaltes Wasser in klitzekleinen Schlucken zu verabreichen, wie es die Hausärztin meines Vertrauens empfohlen hat. Sie händigte mir zudem ein Rezept für eine Rossi-Kur aus (¼ l Schwarztee, ¼ l frischen Orangensaft, ¼ l abgekochtes Wasser und eine Prise Salz mischen, im Tiefkühlfach kühlen und eiskalt löffelweise über den Tag verteilt verabreichen), aber das akzeptieren meine nicht einmal, wenn ihnen brechschlecht ist. Hoffentlich wird es auch so besser.
Dann geh ich hinaus auf den Balkon, nehme meinen Kreislauf langsam wieder in Betrieb und seh mir den Frühling an. Vielleicht zeigt sich ja ein Vogel.
Klara K. startet ihr MacBook neu: graue Fläche. Nichts. Bei dem Apple-Händler am Getreidemarkt, bei dem sie das MacBook vor zwei Jahren und drei Monaten gekauft hat, erklärt ihr ein Herr, der Kostenvoranschlag koste 66 Euro, und nein, keine Ahnung, was das Gerät haben könnte, aber vor in zwei Wochen sei nichts zu machen. Klara K. erklärt dem Mann, ihre Erwerbstätigkeit hänge von dem Gerät ab. Der Mann zeigt professionelles Desinteresse. Ob es denn einen Expressdienst gäbe? Ja, das koste 59 Euro extra. Der Mann ruft einen Techniker an, legt sein Ohr ans Gerät und bescheidet Frau K. dann: derzeit kein Expressdienst. Frau K. erklärt, dass sie in diesem Laden bereits zwei ibooks für je 1000 Euro gekauft habe, was dem Mann nicht gleichgültiger sein könnte. Klara K. zieht ab: Schön, dass es Unternehmen gibt, die es sich noch leisten können, auf Kunden zu verzichten.
Klara K. geht dann zum Apple-Reparaturservice MyMac in der Margaretenstraße, und dort geschieht folgendes: Ein freundlicher Mitarbeiter hört sich ihr Problem aufmerksam an, fragt nach, sagt, was es sein könnte und dass es sich gewiss beheben lasse; eventuell sei sogar eine Kulanz von Apple drin. Der Kostenvoranschlag kostet zwar 86 Euro, aber die Frage nach der Reparatur-Dauer wird befriedigend beantwortet: zwei bis vier Tage.
Noch am späten Nachmittag wird sie angerufen und das Problem wird ihr erklärt. Und schon am nächsten Tag bekommt Frau K. den Bescheid, das Gerät sei repariert, und sie habe Glück, das koste sie gar nichts, das Problem trete öfter auf, Apple mache das in Kulanz. Und so ist es auch. Sie bekommt sogar die 86 Euro zurück. Noch schöner, dass es auch Unternehmen gibt, für die das Wort Kundendienst kein Witz ist.
Am Tag danach fühlte ich mich wie eine Frau, die nachts zuvor gegen zwei Uhr früh vor der total angesagten Bar 3 in der Linienstraße einen Schwächeanfall erlitten hatte. Immerhin in einem Winkel, in dem ich von Rainald Goetz, der inwendig Bier trank, dabei nicht beobachtet werden konnte. Reverend Tobi Müller, von dem ich mich kurz davor sehr eilig verabschiedet hatte, sah mich auch nicht, und Herr Daniel Schreiber, ein attraktiver Kolumnistenkollege von der Zeitschrift Cicero, hatte die Lokalität dankenswerterweise bereits früher verlassen, so dass er nicht Zeuge des nachlassenden Stehvermögens der Wiener Kreativwirtschaft wurde. Wobei: Anna stand noch.
Ich hatte aber, das kann ich reinen Gewissens notieren, den ganzen Abend nur fünf Weißweinschorlen konsumiert, es lag also nicht daran, dass ich die 14-tägige Phase des selbstgewählten Temperenzlertums mit einem krachenden Exzess beendet hätte. Nein, ich hatte sogar den Hauptteil des besagten Abends in einer feuilletonistisch wertvollen Kulturveranstaltung verbracht und bin jetzt auch Pollesch-Fan. Womit ich mich zugegebenermaßen nicht als Trendsetterin ausweise, denn ohne Zweifel bin ich hiermit der letzte Pollesch-Fan im deutschsprachigen Kulturraum. Alle anderen waren es schon längst, auch Schreiber, mit dem ich bei der anschließenden Nachbesprechung ein bilaterales Erwähnungsabkommen verabschiedete, das von meiner Seite hiermit als erfüllt, wenn nicht übererfüllt betrachtet werden kann.
Ich war - erwähnte ich das schon? – mit Anna in Berlin und wurde postpollesch von einheimischen Szenewizzards in die Karl-Marx-Allee und dort in eine der angesagten Lokalitäten geführt. Das Etablissement nannte sich Freitagsküche und es hieß, der angesagte Münchner Künstler Björn Dahlem koche diesen Abend dort öffentlich, aber als wir hinkamen, wurden wir nur Zeugen des Auftritts eines derart jammervollen Sängers, dass er in Wien auch in einer sehr viel weniger angesagten Lokalität binnen Minuten unter Androhung schwerer Faustwatschen der Bühne verwiesen worden wäre. Aber in Wien ist ja auch das Show-Kochen noch immer out. Berlin und Wien, das lässt sich allerdings irgendwie sowieso nicht vergleichen. Zum Beispiel malen wir in Wien ein Lokal frisch aus, bevor wir es eröffnen und kratzen nicht, wie in Berlin den schönen Putz von den Wänden, legen alle Leitung frei und picken sie mit Gaffa an der Wand fest, damit es mittiger ausschaut. Und wir geben dem Lokal dann auch keinen Namen wie „Kauf dich glücklich“, „Mädchenitaliener“ oder „Lass uns Freunde bleiben“ wie in Mitte und spielen dann ausschließlich Radio-Wien-Musik. Wann haben Sie das letzte Mal Billy Joel gehört? Ich am Sonntag, in einem neuen Mitte-Lokal mit abgeschrabbelten Wänden, das „Mein Haus am See“ heißt. Uncool ist das neue cool. Wir Wiener können von den Berlinern noch viel lernen.
Wir gingen dann in die Bar 3 und hörten Carly Simon. Schön wars. Rainald Goetz ist sehr klein.
Und jetzt zu etwas ganz anderem. Einer Sache, über die im Freundinnenkreis seit einiger Zeit diskutiert wird, ohne schlüssiges Ergebnis. Die Tiger-Woods-Geschichte nämlich, der Aufenthalt in der Sex-Klinik, diese traurige TV-Beichte, dieses mea culpa am Medien-Pranger.
Tatsächlich ist so ein öffentlicher Kniefall doch etwas, was man sich in einer religiösen Diktatur erwarten würde, aber doch nicht im Land of the Free. Dem Land mit der blühenden Porno-Industrie. Und es ist schon absurd, dass etwas, das sich zwei erwachsene Menschen doch an und für sich untereinander ausmachen müssten, coram publico vor dem nationalen Moral-Gericht verhandelt wird.
Was uns allerdings mehr interessiert: Was genau machen diese Männer in der Sex-Klinik? Sitzen die den ganzen Tag in Therapien, die sie mit der Idee versöhnen sollen, dass ein Leben ohne ständigen Sex mit wechselnden Partnern einen Sinn hat? Lernen sie Meditationstechniken, die ihnen zur besseren Kontrolle ihres primären Geschlechtsorgans verhelfen sollen? Wird ihnen Brom verabreicht? Testosteron abgesaugt?
Der Freundinnenkreis ist zum Schluss gekommen: Wahrscheinlich spielen die Sexsüchtigen den ganzen Tag Karten. Und Playstation. Und Golf. Trinken mit den neuen Haberern, und unterhalten sich über die geilsten Automodelle. Surfen auf YouPorn. Üben gemeinsam eine schöne Sex-Beichte ein. Und trainieren den schuldsatten Blick der Läuterung, unter viel Schenkelgeklopfe der anderen Sexsüchtigen. Wir stellen es uns als eine Art Pfadi-Lager für große Buben vor.
Haben wir hierzulande nicht. Hierzulande kann ein ÖVP-Bundespräsident eine Geliebte haben, ohne dass es seinen Ruf übermäßig beschädigt. Und das ist uns, ehrlich gesagt, lieber.
„Der unverzichtbare Anspruch auf volle innere und äußere Freiheit der Kunst wird nur durch die allgemeingültige Rechtsordnung eingeschränkt.“ So steht es im Parteiprogramm der Freiheitlichen. Und: „Eine begriffliche Festlegung würde den Anspruch der Kunst auf volle innere und äußere Freiheit einengen.“ Und so steht es in einer FPÖ-Aussendung zur aktuellen Ausstellung in der Secession (ja, die mit dem Swingerclub): „Die Rathaus-SPÖ muss schon völlig durchgeknallt sein, wenn sie öffentlichen Gruppensex mit 90.000 Euro, die der Umbau für die Realiserung der verschwitzten Phantasien eines „Künstlers“ aus der Schweiz verschlungen hat, unterstützt.“ Abgesehen davon, dass die Ausstellung sich selbst finanziert: Wenn man sich mit der „begrifflichen Festlegung“ schwer tut, engt man den Begriff der Kunst und des Künstlers einfach mit Anführungzeichen ein. Welche Kunst die FPÖ unverschwitzt findet, zeigt sie in ihrem Sitzungssaal, dessen Wänden zahlreiche Bildnisse von Damen, gerne auch mit Exotik-Hintergrund, in unterschiedlichen Stadien der Unbekleidetheit schmücken. Und was signiert Strache da auf dem Foto? Ein Kunstwerk gar? „Jeder Mensch“ erkläre für sich selbst, „was er als künstlerischen Ausdruck betrachtet“, heißt es im FP-Programm. Womit wieder einmal der alte Spruch bewahrheitet wird, dass jeder Mensch ein Künstler ist. Auch Strache.
Zwingende abendliche Verpflichtungen führten dazu, dass „In Treatment“ gestern ausgelassen werden musste: sehr ungern. Die mehrfach preisgekrönte HBO-Serie, von der 3sat momentan täglich um 21 Uhr zwei Folgen zeigt, hat nämlich die Wirkung, die der Droge „Crystal Meth“ zugeschrieben wird: Man wird davon schlagartig süchtig. Was eher erstaunlich ist bei diesem Plot: „In Treatment“ widersetzt sich allen Gesetzen des Fernsehens. So wenig ist in einer Serie vermutlich noch nie passiert. Faktisch passiert überhaupt nichts. Es wird eigentlich nur geredet, mit einem Minimum an Nebenhandlung. „In Treatment“ (übersetzt: in Behandlung) zeigt Sitzungen des Gesprächstherapeuten Paul Weston. Nicht, wie man es erst erwartet, in jeder Folge verschiedene Ausschnitte aus verschiedenen Sitzungen; nein: In Echtzeit wird je eine Therapiesitzung abgehandelt, fünf Patienten pro Staffel, Sitzung um Sitzung. Die Jugendliche, die sich nicht eingestehen will, dass sie suicidal ist, der Soldat, der im Irak ohne es zu wissen eine Schule bombardiert hat, die Frau, die sich nicht zur Hochzeit entschließen kann, weil sie in Wirklichkeit in den Therapeuten verliebt ist, das Paar, das nicht weiß, ob es ein Kind bekommen soll oder nicht: Und der Therapeut selbst, der Hilfe bei einer Supervisorin sucht, zu der er ein schwieriges Verhältnis hat. Alle reden, über sich und ihre Rolle im Kontext ihrer Realität. Und diese Gespräche fesseln einen mehr als drei Teile „Die Hard“. Und das passt irgendwie sehr gut in die Fastenzeit: Man sitzt nüchtern zuhause und denkt unabgelenkt über sein Leben nach. Und ab neun sieht und hört man anderen dabei zu, wie sie über ihres reden... Fein.
So, der Fasching ist vorbei. Gestern sind noch Legionen kleiner, rosafarbener Prinzessinnen in Satin und Tüll an mir vorbeiparadiert, Hexen und Harry Potters, eine paar Charaktere aus Star Wars und ein paar Piraten. Daheim, in der Früh, große Krise; die Zähne des kleinen Familien-Vampirs waren verschwunden, final verschwunden: die Oma war da und hatte ein bisschen aufgeräumt. Und dabei offenbar das zerknüllte Taschentuch auf meinem Schreibtisch für ein zerknülltes Taschentuch gehalten und es mit spitzen Fingern entsorgt, ohne zu bemerken, dass der Vater darin nach der Samstags-Faschingsparty die Vampirzähne eingewickelt hatte. Der Vampir wollte heulen, konnte aber mit dem Hinweis auf drohendes Make-Up-Desaster an einem gröberen Nervenzusammenbruch gehindert werden: Und später wurden neue Vampirzähne in die Schule nachgeliefert. Ein Vampir braucht Zähne; muss sein. Jetzt ist der Fasching vorbei, und es ist fast eine Erleichterung. Nein, es ist eine Erleichterung. Auch wenn man nicht katholisch ist, begreift man den Sinn einer Fastenzeit: das Herunterfahren des Organismus, das dringend notwendige Kurieren überreizter Nervenenden durch temporäre Entsagung, den Aspekt der Reinigung und der Konzentration auf Innerlichkeit. Und die Idee, so eine Zeit mit einem asketischen Ritual zu beginnen und zu beenden. Es ist ja auch außerhalb der Faschingszeit manchmal alles viel zu viel. Der Überfluss ist dem Menschen ja auch eine stete Überforderung: Es ist heilsam, wenn er sich hin und wieder eine Zeitlang davon distanziert und konzentriert auf das, was für ihn selber richtig und gut ist. Das muss nicht unbedingt in der christlichen Fastenzeit passieren. Aber sie bietet sich an: Auch weil man da beim Entsagen zwar trotzdem allein ist, aber nicht allein. So, der Fasching ist vorbei: zum Glück.
Zweimal haben sie diese Woche angerufen, einmal aus der Schule, einmal aus dem Hort: Dem Mimi gehe es nicht gut, das Kind liege blass und still auf einer Bank und sei sichtlich krank, könnte man es in absehbarer Zeit bitte abholen kommen. Sicher kann man, man braucht dazu nur die Erwerbsarbeit zu unterbrechen. Beim zweiten Mal marschierte die Mutter, vorbei an den Hortbetreuerinnen, auf das Kind zu, das blass und still auf einem Sofa lag und sagte: Verdammt noch Mal, du bist nicht krank, ich weiß es genau! Das hat auf die Hortbetreuerinnen, zumal es offenbar neue Frischlingspraktikantinnen waren, gewiss keinen guten Eindruck gemacht. Das Mimi aber nahm sofort Farbe an und sah sich in der Lage, sich zu erheben und Mantel und Schuhe anzuziehen.
Selbstverständlich war es - ich kenne mein Kind - kaum hatten wir die heimischen vier Wände betreten, wieder pumperlgesund und machte ein großzügiges Angebot: Um es Mutter zu ermöglichen, die unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen, wäre es bereit, sich den Rest des Tages vor den Fernseher zu setzen und sich mit Schokokeksen und Mozartkugeln als Nahrung zu begnügen. Ja, ganz gewiss, sonst noch etwas. Du spielst oder liest, und ich koch dir ein extra gesundes Mittagessen und schnippel dir Obst, auch wenn ich dafür überhaupt keine Zeit habe.
Immerhin: Es war richtig, dieses Mimi in den Schauspielkurs zu schicken, es bringt ideale Voraussetzungen mit, vor allem aber eine Veranlagung zur Hysterie, die es ihm ermöglicht, sich in die Einbildung, es sei krank, so glaubhaft hineinzusteigern, dass es wirklich krank wird. Und auch andere von seinen Einbildungen zu überzeugen, was kürzlich dazu führte, dass ein Übernachtungskind spätabends nach Hause gefahren werden musste, weil das Mimi sich und ihm erfolgreich eingeredet hatte, im Kinderzimmer habe es purgatorische Temperaturen, man verbrenne, schmelze, verglühe, vertrockne und ersticke. Die Kinder liefen nackt und hysterisch heulend durch die Wohnung und schrien; diese Hitze!, sie verbrennten!, und niemand – NIEMAND! - hülfe ihnen!, und es hatte nicht den geringsten Sinn, auf das Thermometer zu weisen, das laue 20 Grad Celsius anzeigte. Ob man denn die Glut nicht spüre?!? Man verbrenne, man verbrenne.
Das hat es genauso wenig von mir wie das andere Mimi das im Skilager von Experten diagnostizierte Talent zum skifahren: Es gewann auch sofort das Rennen seiner Gruppe. Und es ist eine typisch revanchistische Finte des Schicksals, dass meine Kinder genau in jenen Bereichen ausgeprägte Begabungen zeigen, die mir relativ stark am Arsch vorbei gehen. Wenngleich sich mein Verhältnis zum Theater in letzter Zeit vorsichtig entspannt hat, was vor allem an Ewald Palmetshofer liegt, aber kann der auch so skifahren, dass es mir mit einem Mal reizvoll erscheint? Das glaube ich nicht. Dennoch will ich fröhlich sein.
Der Kollege K. war kürzlich im Café Engländer und durfte beobachten, wie eine Frau mit Kinderwagen des Lokals verwiesen wurde. Was K., demnächst Vater, entsetzte, während ihre Autorin, die die Kinderwagenzeit schon hinter sich hat, kaum mit den Mundwinkeln zuckte: Wenn man ein paar Jahre mit einem Kinderwagen, im Extremfall mit einem Zwillingswagen, durch Wien marschiert ist und diverse Lokale aufsuchte, macht man sich über seine Beliebtheitswerte keine großen Illusionen mehr. Und außerdem: es gibt löbliche Ausnahmen, Cafés und Restaurants, in denen Kleinkindern sogar eigene Spielecken eingerichtet werden. Ich habe ja nichts dagegen, wenn kleine Kinder abends – wenn nötig halt unter Babysitter-Aufsicht – daheim in ihren Betten liegen, weil ich gelernt habe, dass das allen am besten tut: den Kindern, ihren Eltern und den anderen Restaurantbesuchern, die nach einem anstrengenden Tag in Ruhe essen wollen. Aber dennoch, und schon sowieso tagsüber, haben Mütter und Väter mit Kindern das Recht, genau gleich behandelt zu werden wie alle anderen Gäste. Sonst haben wir hier bald Verhältnisse wie in Zürich, wo es mittlerweile an Lokalen tatsächlich gedruckte Aufkleber gibt, die nicht nur einen roten Kreis mit durchgestrichenem Hund zeigen, sondern darunter auch einen mit durchgestrichenem Kinderwagen. Gibt’s in Wien aber sicher auch schon. Und das ist inakzeptabel. Kinder werden nun einmal nicht brav und still hergestellt, das wäre schön fad. Kinderlärm gehört zum Alltag wie Gläserklirren, Gelächter, Geplauder, Autolärm und Bim-Geklingel. Wer in ein Lokal geht, sollte das aushalten. Und wer eins führt, erst recht.
Am ersten Sonntag der Semesterferien fuhren die beiden 10- und 12-jährigen Kinder von Familie N. mit ihrer Oma von St. Pölten nach Jenbach, um dort Skifahren zu lernen. Um der Oma für ihre Unterstützung zu danken, spendierten die N.s ihr und den Kindern für hin und retour Plätze in der Businessclass der ÖBB, im vielbeworbenen Railjet. Im Angebot enthalten: ein „cold towel“, ein Begrüßungsgetränk und eine Auswahl an Zeitungen. Kinder und Oma bestiegen am 31.1. den Zug und setzten sich auf ihre Plätze. In der sehr, sehr kalten Business-Class: Die Heizung war ausgefallen, worum sich bis Linz niemand kümmerte. Erst in Salzburg habe eine Zugbegleiterin etwas unternommen und kurz vor Jenbach sei es dann endlich warm gewesen. Das ominöse „cold towel“ (was ist das eigentlich?) gab es nicht, vielleicht wegen der eh schon unterirdischen Temperaturen, der „Begrüßungsdrink“ sei kurz vor dem Aussteigen serviert worden, Zeitungen wurden nicht gebracht. Und das war nur die Hinfahrt. Bei der Rückfahrt nämlich durfte die Oma nach langem Suchen feststellen, dass es die teuer bezahlten Businessclass-Plätze gar nicht erst gab: ,Sie stand mit Skiern und Gepäck am Gang, bis sie, wie die anderen Businessclass-Kunden, für sich und die Kinder endlich in verschiedenen Wagen einzelne freie Plätze zwischen reservierten gefunden hatte. Auf Nachfrage habe der Zugbegleiter erklärt, tja, die Oma könne bei der Ankunft in St. Pölten am Schalter für die Unannehmlichkeiten vier Euro zurückerstattet bekommen. Vier Euro? Herr N. versuchte eine Beschwerdestelle zu erreichen, was am Wochenende nicht gelang. Die N.s fahren künftig lieber wieder mit dem Auto.
Mit Interesse die „Albtraum Rosa“-Geschichte im gestrigen KURIER gelesen. Eine britische Filmproduzentin hat eine Kampagne mit dem Titel „Pink Stinks“ losgetretreten: Denn es käme, erfahre ich da, nur schwer von der „rosa Rolle“ los, wer sich von klein auf nur mit rosa umgibt. Das deckt sich nicht mit meinen Erfahrungen. Die mir bekannten Mädchen spielen alle circa bis sechs, sieben, höchstens acht pink Prinzessin: dann dürfen ihre glücklichen Mütter schlagartig drei Viertel des Schrankinhalts ausräumen und alles, dass auch nur irgendwie rosa oder lila schimmert, schnurstracks an jene bedauernswerten Mütter weiterreichen, deren Töchter diese Phase noch nicht überwunden haben. (Und das Barbie–Zeug gleich mit dazu.) Aber überwinden tun es alle kleinen Mädchen, die ich kenne – was aber möglicherweise auch damit zusammenhängt, dass deren Mütter durchwegs Lichtjahre entfernt von einem Prinzessinnendasein samt dazu passender Ausstattung leben. In Edward St. Aubyns wunderbar moderner Familienstudie „Muttermilch“ (Dumont) unterhalten sich Eltern an einer Stelle darüber, was man tun muss, um aus Kindern erfolgreiche Menschen zu machen, und eine Mutter meint: „Wenn du willst,dass deine Kinder Fernsehproduzenten oder Vorstandsmitglieder werden, bringt es nichts, ihre kleinen Köpfe mit Vorstellungen von Vertrauen, Wahrheitsliebe und Verlässlichkeit zu füllen. Dann werden sie nämlich als Assistenten enden.“ Was zeigt, wie schwierig es ist, Kinder richtig zu erziehen und ihre Entwicklung angemessen zu fördern. Trotzdem; ich glaube, dass Liebe, Vertrauen und verlässliche Strukturen für Kinder das Beste sind: plus die Chance, ihre Prinzessinnenphasen ausleben zu dürfen. Auch wenn ihre Mütter die Farbe Rosa noch so zum Würgen finden.
In „Californication“, einer der aktuell besten und pointiertesten US-Fernsehserien, hat Hank Moody, ein einst erfolgreicher Schriftsteller in anhaltender Schaffenskrise, Sex mit einer jungen Frau, die ihn in einem Laden auf seinen Roman angesprochen hatte. Wie sich hernach herausstellt, hat er sich dabei strafbar gemacht: Denn die Frau ist erst 16 (und zudem die Tochter des neuen Lebensgefährten seiner Ex-Gattin). Moody verarbeitet das Erlebnis zu einer Novelle, die 16-jährige (ein ziemlich cleveres Luder) fladert ihm das Manuskript, veröffentlicht es geringfügig verändert unter eigenen Namen und lässt sich fortan von den Feuilletons als literarisches Fräuleinwunder feiern.
Kommt Ihnen bekannt vor. Mir auch; denn wieder einmal imitiert das Leben die Kunst, indem es andere Kunst imitiert hat. Oder besser: plagiiert.
Ungefähr eine Woche hat es gedauert, bis aus der begabten deutschen Teenagerin Helene Hegemann, 17, ein vom Feuilleton des gesamten deutschsprachigen Raums gefeierter Literatur-Jungstar wurde. Nun muss sich der Ullstein-Verlag mit Plagiatsvorwürfen herumschlagen, denn im Unterschied zur TV-Vorlage gab das junge Genie im richtigen Leben recht zügig zu, dass es einige Teile seines Romans „Axolotl Roadkill“ relativ eins zu eins aus dem Buch eines Berliner Bloggers übernommen hatte.
Schade. Wäre schön gewesen. Ein Talent ist Hegemann trotzdem. Und sie hat ja Recht, wenn sie sagt, dass etwas derartiges wie Originalität in Wirklichkeit nicht exisitert, schon gar nicht in der Kunst: Eine Künstlerin, ein Werk sind immer Produkte der Einflüsse, die auf sie wirken. Den Unterschied zwischen Zitat und Kopie wird Hegemann allerdings nochlernen müssen.
Nachdem ich es mir in der ersten Wochenhälfte serienweise mit Freunden verscherzt hatte, verbrachte ich die zweite sicherheitshalber vorwiegend im Bett. Die Kinder waren ja eh im Skilager, und mit ihnen alle mit Aushäusigkeit verbundenen Verantwortlichkeiten. Nicht, dass es im Bett freundschaftsdestruktionstechnisch sicher wäre: ich verfüge über zwei intakte Hände, ein Mobiltelefon, einen Laptop und ein Wireless Lan, damit lässt sich einiges anrichten. Allerdings lassen sich zwei der Verscherzungen hoffentlich unter Einsatz üppig dosierter Champagner-Kuren heilen. Nur eine ist final, und da konnte ich, ehrlich, nichts dafür. Und der Freund auch nicht. Unüberwindliche Differenzen. Culture-Clash, Weltanschauungscrash, nichts geht mehr.
Hat sich aber eh schon abgezeichnet. Ich meine, wie befreundet ist man, wenn dich einer permanent nur aus Boarding-Warteräumen anruft, um dir ständig aufs Neue zu erklären, es könne gar nicht stimmen, dass du glücklich bist? Das sei technisch gar nicht möglich, weil wenn ein topmotivierter Firstmover wie er das nicht schaffe, wie sollte es dann einem mittelmäßigen Lulu wie meinereinem gelingen? Hören Sie sich einmal dabei zu, wie Sie jemandem erklären, dass Sie aber SEHR WOHL glücklich seien, TOTAL nämlich. Der Tonfall, in dem das nicht verzweifelt klingt, existiert nicht. Und wenn es hundert Mal stimmt. So gesehen ist mein Leben durch diesen Verlust nicht unbedingt ärmer geworden.
Und es wird sowieso schon diesen Freitag wieder reicher, wenn mich beim Protestsongcontest wieder hunderte junge Menschen in ihre Herzen schließen werden. Oder so. Oder nicht. Hegel formuliert in seinen „Vorlesungen über die Ästhetik“ ja schwere Bedenken gegenüber dem Protestsongcontest: „Das musikalische Talent kündigt sich“, meint er, „darum auch am meisten in sehr früher Jugend, bei noch leerem Kopfe und wenig bewegtem Gemüte an und kann beizeiten schon, ehe noch Geist und Leben sich erfahren haben, zu sehr bedeutender Höhe gelangt sein; wie wir denn auch oft genug eine sehr große Virtuosität in musikalischer Komposition und Vortrage neben bedeutender Dürftigkeit des Geistes und Charakters bestehen sehen.“ Aber gerade um Hegel zu widerlegen, setze ich mich auch heuer extra wieder da hinauf. Und ich will nicht enttäuscht werden, Damen und Herren! Sonst schreibe ich mir diesmal die unsterblichen Worte des Langen hinter die Ohren, der da sagt: „Ich schätze den jungen Menschen, aber ich suche nicht seine Gesellschaft“. Und zwar in goldener Gravur.
Der Lange schätzt auch die moderne Kunst, sucht sie aber nicht unbedingt in seiner Stube, wie ich feststellen darf, als ich gerade den suprigen neuen Draschan an die Wand düble. Was ist das. Wieso muss das hier hängen. Warum hat er das da nicht angemalt, war er da zu faul. Und warum sind bitte keine Nackerten darauf?
Das passiert nicht oft. Üblicherweise muss viel geschehen, bis das passiert; eine empörte Öffentlichkeit, Klagsdrohungen, Sanktionen, dergleichen. Und normalerweise passiert das nur nach einem Ausrutscher gegenüber einem Einzelnen, höchstens vielleicht einer Gruppe: Dass ein Politiker oder eine Politikerin sich für etwas entschuldigt.
Umso außerordentlicher klangen am Wochenende folgende Worte: „Für diese undurchdachte, hirnlose Aktion kann ich mich nur bei allen Frauen in Österreich entschuldigen.“ Gesprochen hat die Worte Verteidigungsminister Norbert Darabos im Zusammenhang mit dem vielgespotteten Bundesheer-Spot. Und ich für meinen Teil sage: Ok, Entschuldigung angenommen: unter anderem deshalb, weil sie von Konsequenzen begleitet wird.
Aber schon allein das Eingeständnis, dass Fehler gemacht wurden, ist in Österreich exzeptionell. Normalerweise sind diverse andere für den Fehler verantwortlich, also sollen die sich gefälligst entschuldigen. Oder der Fehler war unvermeidlich, eine Kulmination widriger Umstände, höhere Gewalt quasi, für die niemand verantwortlich gemacht werden kann.
Oder der Fehler war in Wirklichkeit gar kein Fehler, sondern ein vollkommen durchschnittliches Ereignis , das, wie so oft, von den üblichen Miesmachern (vorzugsweise: die Medien) in den Dreck gezogen und völlig überspitzt wurde. Oder die Sache war zumindest nicht der exorbitante Fehler, zu dem die Miesmacher ihn jetzt aufblasen. (Vergl. dazu: ÖOC-Präsident Karl Stoss im Standard zum Dopingskandal: „An manchem sind auch die Medien Schuld.“)
Ein Politiker hat sich entschuldigt! Marantjosefr; wenn das Schule macht.