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| 01/05
| Kehlmann, Dylan, Barry White, u.a.
erschienen im Tagesanzeiger Magazin, Mai 2001Bob Dylan wird 60: Eine furchtbar persönliche Hommage an einen Künstler, der nur existiert, weil es Menschen gibt, die ihn fanatisch lieben.
Derzeit ist es die Bootleg-Version von «Idiot Wind». Ungefähr seit zwei Monaten, und zwar vor allem wegen des Intros, das er da so auf der Gitarre schrummelt, und wenn mans nie vorher gehört hat, würde man die ersten dreizehn Sekunden lang nicht auf die Idee kommen, dass es sich um «Idiot Wind» handeln könnte, keine Chance: Und wie er dann so in das Intro reinsingt, wie das irgendwie etwas völlig anderes und total gegenläufig ist, und er verspielt sich sogar ein bisschen, und wie das dann wider alle Logik trotzdem so

perfekt ineinander fällt - das schaudert einen für einen Moment lang einfach. Ich bin erst auf diese Version gestossen, als mich an einem kalten, verregneten Sonntag in Zürich auf einmal so eine verrückte Sehnsucht nach «Idiot Wind» anfiel: Einmal, vor drei Jahren, habe ich «Idiot Wind» in der «Blood On The Tracks»-Fassung im Zug zwischen Feldkirch und Wien gehört; nur diesen Song, fast acht Stunden lang, es war ein trüber Herbsttag, ich habe die Landschaft vorbeiziehen sehen, ich fuhr nach Hause, ich hörte «Idiot Wind», und obwohl es ein zorniger, ein massloser, ein unversöhnlicher Song ist, raste immer wieder dieses Glücksgefühl durch meinen Kreislauf, wie bei einer richtig guten Droge. Und nach genau diesem Gefühl packte mich an diesem verregneten Sonntag in Zürich ein solches Verlangen, aber meine «Blood On The Tracks» lag in Wien, und alle Plattenläden hatten zu, und dann entdeckte ich «Idiot Wind» auf einer meiner drei CDs der Bootleg-Series, auf der zweiten, Track 20. Zuerst fand ich diese andere Version enttäuschend, sie klang so roh, so unfertig, sie hatte nicht diesen Druck, aber auf einmal schlich sie sich irgendwie von hinten an und biss sich in meinem Hirn und an meinem Herzen fest. Das Intro vor allem.
Über Bob Dylan ist alles schon geschrieben worden, und ich kann nichts über ihn schreiben, das nicht persönlich, das nicht schrecklich subjektiv, das nicht voller Pathos ist. Dylan hat eine Biografie, es gibt Zahlen, Fakten, Geschichten über ihn, Diskografien, Laudatien, Textexegesen, differenzierte Analysen des akustischen und des elektrischen, des frühen und des späten Dylan...* Aber Dylan wird irgendwie erst wirksam, wenn man ihn durch den eigenen Organismus gespült hat. Dylan ist eine chemische Reaktion. Dylan ist eine Droge, die man injiziert bekommen muss, und sie wirkt bei jedem anders. Dylans Songs materialisieren sich erst, wenn sie auf ihren Zuhörer auftreffen und ihn durchbohren. Dylan existiert nur, weil es Menschen gibt, die ihn lieben.
Immer schon da.
Dabei, es ist komisch, kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wann und wie es begann. Vielleicht, weil er immer schon da war, weil er schon da war, als ich geboren wurde - das war das Jahr von «Blonde on Blonde», einem meiner liebsten Alben, das Jahr seines «Judas»-Konzerts, in dem er es wagte, zum ersten Mal elektrisch zu spielen -, und dann war er immer irgendwie präsent. Die allererste Langspielplatte, die ich je besass, war «DYLAN» von 1973, die fast nur Coverversionen enthält, ich bekam sie mit 13 oder 14 von Freunden meiner Eltern geschenkt, die damit nichts anfangen konnten.
Ich besitze sie noch immer, sie ist völlig zerkratzt. Aber diese Platte, obwohl ich sie immer gemocht und über die Jahre tausend Mal gehört habe, war es nicht. Es ist irgendwann viel später passiert, es muss ein schleichender Prozess gewesen sein. Ich erinnere mich, dass einer in meiner Wohngemeinschaft einen Greatest-Hits-Sampler hatte, mit den alten Klassikern drauf, «Like a Rolling Stone», «The Times They Are A-Changin'», «It ain't me Babe» und «I want you», wir haben ihn oft gehört, und irgendwie rutschte er von seiner Plattensammlung in meine. Ich erinnere mich, dass das erste Dylan-Album, das ich mir selber gekauft habe, schon eine CD war, «Blood On The Tracks», noch immer mein liebstes von Dylan. Vielleicht geschah es, als ich das Video zu «Subterranean Homesick Blues» zum ersten Mal gesehen habe, wo er diese Blätter wegwirft, und dann geht Alan Ginsberg durchs Bild. Vielleicht geschah es während meines ersten Dylan-Konzerts in diesem kleinen Fussballstadion in Heiligenstadt. Es hat sich irgendwann von hinten angeschlichen und dann festgebissen, und dann war sie plötzlich da: Die fast resignative Idee, dass es vielleicht überhaupt nichts Besseres, nichts Wahrhaftigeres gibt. Dass mehr Wahrheiten vielleicht gar nicht existieren. Dass man es nicht besser ausdrücken kann. Dass vielleicht keiner mehr weiss als Dylan.
«People see me all the time and they just can't remember how to act», singt Bob Dylan in «Idiot Wind», «their minds are filled with big ideas, images and distorted facts.» Das ist nicht Dylan, der das sagt, das ist ein Mann, der verdächtigt wird, einen anderen Mann ermordet, dessen Frau nach Italien gebracht und nach ihrem Tod eine Million Dollar geerbt zu haben. Aber es ist Dylan, der das singt und der das geschrieben hat, und irgendwie passt es auf ihn. Und jetzt passt es besonders, denn Dylan wird nächste Woche 60, und alle schreiben wir etwas, wir Menschen, die Dylan lieben, die Dylan hören, die Dylan bei seinen Konzerten sehen: Unsere Köpfe sind voll mit grossen Ideen über Dylan, mit Bildern seiner Songs und mit ein paar verzerrten Fakten über seine Frauen und Kinder und sein Leben abseits der Bühne.
Dann steht einer auf.
Jeder, der Dylan liebt, hat seine eigenen Bilder im Kopf, und Dylan versucht nicht, diesen Bildern seine Form aufzuzwingen. Er gibt kaum Interviews. Er korrigiert Interpretationen nicht. Er macht ab und zu ein neues Album - zuletzt, 1997, das wunderbare «Time Out Of Mind». Er schreibt ab und zu ein neues Lied, wie letztes Jahr «Things Have Changed» für den Soundtrack von «Wonderboys», wofür er im März einen Oscar erhielt. Und er spielt auf seiner «Never Ending Tour» zwischen 250 und 300 Konzerte im Jahr - und dort malt er den Bildern in den Köpfen der Menschen, die Dylan lieben, neue Farben, andere Schattierungen dazu. Dort stehen und sitzen die Menschen, die Dylan lieben, in verschworenen Gruppen herum, und wenn Dylan ein Intro spielt, sehen sie sich manchmal mit grossen Augen an, weil sies nicht wissen - weil sie 13, 40, 500 Sekunden lang nicht auf die Idee kommen, was das für ein Song sein könnte, den Dylan da gerade spielt, keine Chance. Aber irgendwann fängt Dylan zu singen an, und dann strahlen die Menschen. Und sie strahlen immer weiter. Und wenn es ein Sitzkonzert ist, steht irgendwann einer auf, steht noch einer auf, stehn drei, vier, fünf auf, und dann stehen plötzlich ganz viele auf und rennen los, rennen los los los, nach vorn zur Bühne. Und dort stehen sie dann, und es rast ihnen ein Glücksgefühl durch den Kreislauf, wie bei einer richtig guten Droge. Oder eigentlich noch besser.
Da vorne stehen dann zwei Sorten von Dylan-Fans: Die Dylanologen und die anderen. Die Dylanologen kennen jede einzelne Platte auswendig, jeden Ton, alle Daten und Fakten und alle Geschichten dazu. Sie besitzen Tausende Bootlegs. Sie reisen Tausende Kilometer, um möglichst viele Konzerte zu sehen. Sie tauschen untereinander die Listen der Songs von jedem Konzert aus, das Dylan gerade spielt, inklusive der Angaben, wie oft er diesen auf dieser Tour oder seit wann er diesen schon nicht mehr gespielt hat. Sie schicken sich per E-Mail neueste Tourinfos und die allerneuesten Bootleg-MP3-Files. Sie veranstalten Dylanologie-Kongresse und geben Zeitschriften heraus. Sie schreiben Bücher, haben jedes Futzelchen gelesen, wissen alles.

Ich bin froh, dass es diese Männer - es sind ausschliesslich Männer - gibt. Hin und wieder bekomme ich von einem von ihnen einen ganz neuen, ganz besondern Bootleg oder, wie letztes Jahr, die schwarz gebrannte «Things Have Changed»-Single, lange bevor sie auf dem Markt war, manchmal findet der Plattendealer meines Vertrauens unter dem Ladentisch irgendeine ganz seltene Aufnahme. Und das ist wunderbar. Aber ich bin ein Dylanlulu und eine Frau und weiss gar nichts. Ich besitze nicht mal alle Platten, ich kenne nicht mal alle Songs. Ich kann seine religöse nicht von seiner Scheidungsphase unterscheiden. Ich erkenne nicht, ob das The Band ist, die da im Hintergrund spielt oder sonstwer. Ich weiss nichts. Aber ich weiss, wie ein Dylan-Song zubeisst. Und was er anrichten kann, wenn er zugebissen hat. Eine Zeile wie «I know I can't win, but my heart just won't give in» aus «Standing In The Doorway» von meinem zweitliebsten Album «Time Out Of Mind» kann mich für Tage aus der Bahn werfen; «It always means so much, even the softest touch» aus demselben Song bringt mich noch immer zum Weinen. Der Text von «Love Minus Zero/No Limits» lässt mich wünschen, ein anderer Mensch geworden zu sein. Wenn mir einmal im Leben ein Text wie der von «Visions of Johanna» gelingen könnte oder auch nur ein Satz wie «She was born in spring, but I was born too late» aus «Simple Twist of Fate» - ich bräuchte nie wieder ein Wort zu schreiben. Und was Dylan in «The Times They Are A-Changin'» singt, bleibt ein Leitsatz: «Come writers and critics who prophesize with your pen and keep your eyes wide, the chance won't come again.»
Beweisbares Wunder.
Es sind vielleicht drei oder vier Dylan-Songs im Jahr, die ich höre (ausser es kommt eine neue Platte heraus), aber die höre ich fünfhundert, tausend, zweitausend Mal. Ein Dylan-Song ist ein beweisbares Wunder. Eines, das sich immer wiederholt.
Man will dieses Wunder mit anderen teilen. Mit den anderen Menschen, die Dylan lieben, bei einem Dylan-Konzert, bei dem er gut gelaunt ist, ganz vorn an der Bühne zu stehen - das ist eines der zehn besten Dinge, die überhaupt passieren können. Mir jedenfalls. Oder mitten in der Nacht vor dem Fernseher zu sitzen und zu sehen, wie Dylan für «Things Have Changed» den Oscar bekommt - ihn auf dieser Leinwand lächeln zu sehen, auf die ihn ein Satellit aus Australien in die Oscar-Verleihung überträgt (denn wegen so was unterbricht Dylan seine Tournee nicht) -, sich zu freuen und zu wissen, dass da auf der Welt noch Tausende und Abertausende Menschen sitzen, die Dylan lieben, die sich wie ich über das Wunder freuen, dass es einen wie Bob Dylan geben kann - dass es ihn wirklich gibt: Da rast einem ein Glücksgefühl durch den Kreislauf, wie bei einer richtig guten Droge.