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| 10/06
| Kurier-Kolumne
Wenn ich geschrieben hätte, meine Freundinnen und ich würden gern öffentlich, ich weiß nicht, Parkbänke in Brand stecken, kleine Katzen foltern oder an fremde Wände wischerln, die Reaktionen hätten kaum empörter ausfallen können. Wir haben aber nur öffentlich gelacht.
Die praktisch einhellige Lesermeinung (Leser diesmal akkurat im Sinne von männlicher Leser): Lachen Sie zu Hause! Der Beislbesucher habe ein natürliches Recht auf Unbelachtheit! Rücksichtslos, egoistisch und eine Zumutung sei das, anderen Leuten die eigene gute Laune aufzuzwingen! Und ein bissl einen Anstand müsste man sich selbst von einer wie mir erwarten dürfen. Na na na na. Jetzt aber.
Drängt sich nämlich die Frage auf: In diesem öffentlichen Raum – im inkriminierten Fall das Innere eines Beisls – wer hat da die stärkeren Rechte? Die Ruhebedürftigen oder
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| 10/06
| Kurier-Kolumne
Sitz ich mit meinen Freundinnen beim Skopik & Lohn, sehr feines neues Beisl in der Leopoldstadt, übrigens. Wir haben uns länger nicht gesehen, dementsprechend wird sich gefreut, und gut, wir tun das eventuell minimal über Zimmerlautstärke. Aber echt minimal. Ja, es mag stimmen, dass das glockenhelle Lachen der Polly Adler an einem windstillen Tag von hier bis in die Schreyvogelgasse (haha: Witz.) zu vernehmen ist, aber gerade auch deshalb bin ich so gern ihre Freundin. So ein herrliches Lachen.
An einem Tisch in der Nähe sitzt ein Hans-Peter-Martinfarbener Herr mit zwei Damen und dem Rücken zu uns; und noch bevor das erste Veltliner-Achterl ausgetrunken ist, lange, bevor wir vom Aufwärmgekicher zum ernsthaften Gelächter übergegangen sind, also im Prinzip, bevor überhaupt irgendwas geschehen ist, erhebt sich.
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| 10/06
| Falter-Kolumne
Und jetzt schlafen die Kinder ein zur Stimme von Beth Orton, die drüben im Zimmer, in dem die Mutter sitzt und arbeitet, wieder und wieder Leonhard Cohens „Sisters of Mercy“ singt, und eine schönere Art, einen langen Tag zu beenden, kann es doch gar nicht geben, oder. Und eine lange, anstrengende Woche, eine Woche, nach der ich mir sage: es muss anders werden. Die Kinder haben zu viele Termine. Die Kinder haben zuwenig Zeit, um einfach zuhause zu sein und zu spielen und sich zu langweilen. Aber. Wir sind so viel eingeladen. Und wir sind von so netten Menschen eingeladen, wo man nicht nein sagt, wenn die sagen: wie gings euch am Montag? Sondern wo man sagt, super, am Montag gings uns gut.
Am Dienstag, als ich mit Lotte und der Kaiserin vorm Palmenhaus in der Sonne sitze, radelt der Roger vorbei und bleibt stehen und trägt dabei eine sagenhaft lässige
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| 10/06
| Kurier-Kolumne
Der K. aus H. schreibt, bitte keine Beschwerden über Post und Bahn mehr: Institutionenkritik sei grauenhaft unsexy, schreibt der K., und die Konflikte zwischen Rad- und Autofahrern seien übrigens auch längst totgeschrieben und auf Wiedersehn. Der K. wird es also nicht unbedingt goutieren, wenn ich heute eine Anregung von Leser Peter S. aufgreife , der meint, dass es in Wien nicht nur, wie ich gestern beklagte, zu wenige Plätze gibt, sondern auch zu wenig Sitzplätze: Finde ich nämlich auch.
Wir wissen, warum, weil man es in Wien den Sandlern sehr unbequem machen will. Dass die bloß nicht auf die Idee kommen, sich
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| 10/06
| Kurier-Kolumne
Die Erwin-Wurm-Ausstellung im MUMOK angeschaut und festgestellt: eigentlich brauchst du im Leben nur eine sehr gute Idee. Erwin Wurm hatte drei, und die sind nicht nur gut, die sind großartig. Am großartigsten sind die „Instructions on how to be politically incorrect“, so gescheit deppert wär man selber auch gern mal. Seit der Kippenberger-Retrospektive hab ich mich in keiner Ausstellung mehr so gefreut wie jetzt beim Wurm. Die Kinder übrigens auch, wenngleich die natürlich das „Fat house“, das „Fat convertible“ und die Männer, die die Erde verschluckt haben, am tollsten fanden. Anschauen, unbedingt.
Danach hab ich mich gleich nochmal
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| 10/06
| Kurier-Kolumne
Eist ist schon ein paar Tage her, dass „Viennale“-Direktor Hans Hurch in einem Falter-Interview gemeint hat, er mache jetzt „Bobo-Bashing: Man darf denen diesen he-donistischen, halbkritischen Genuss nicht durchgehen lassen.“ Das beschäftigt mich immer noch.
Ich mag den Hurch: Ich mag, wie er die „Viennale“ als Ereignis zelebriert, wie er sich nichts schert um Geschmäcker und Generalmeinungen, und dass er dennoch als möglicher Kulturminister gehandelt wird.
Aber die Sache mit den Bobos ärgert mich, weil diese grad so schicke Bobo-Miesmacherei ist mir etwas zu billig. Vor allem, wenn sie von einem Hurch kommt, der es sonst nicht billig gibt.
Bobo ist, falls Ihnen das noch nicht bekannt ist, ein Mischwort aus
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| 10/06
| Kurier-Kolumne
Der Plan war, heute mal wieder was Nettes zu schreiben. Was Lustiges, Leichtes, Unbeschwertes: aus dem egoistischen Grund, dass ich diese Woche schon genug Leser-Prügel kassiert habe; danke, reicht.
Nun haben aber die Wiener Grünen gerade die Einkommenssituation der Frauen in Wien untersucht, und die ist so unrosig, dass man sich kurz mal wieder fragt, wohin all die Jahrzehnte Rotes Wien denn eigentlich abstrahlen. War der Plan der Sozialdemokraten nicht immer auch die faktische Gleichberechtigung der Frauen? Fakt ist, dass die Frauen in Wien dramatisch schlechter verdienen als die Männer. Im Schnitt 5319 Euro pro Jahr weniger als ihre männlichen Kollegen.
Mit 5319 Euro kann man sich einen Gebrauchtwagen kaufen oder
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| 10/06
| Schuld und Sühne
Sie haben mir doch eh nicht geglaubt, dass ich es schaffe, mich nicht mehr in Sachen einzumischen, die mich eigentlich nichts angehen (wobei „eigentlich“ in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext natürlich sowieso relativ ist), die Hofingers auch nicht, und die Kaiserin sowieso nicht. Ha ha ha, hat die Kaiserin gesagt. Die Breussin hat es auch nicht geglaubt, allerdings musste ich die zurechtweisen, weil eine blöde Bemerkung über einen Vierjährigen, der noch immer nach den Brüsten seiner Mutter langt, wenn ihm das Essen wo nicht schmeckt, kein Einmischen ist, sondern deppertes Reden. Das muss man bitteschön unterscheiden, und dass ich nie mehr deppert reden will, habe ich nie gesagt. Ich muss auch von was leben.
Geglaubt – besser: gehofft - haben es die Horvaths, die luden uns zum Essen ein, und die Vorspeise verlief reibunglosmit einer Konversation über den freundlichen und überaus kompetenten Herrn Manfred aus der lokalen Metzgerei, mit dem der Horvath und der Lange immer befriedigende Unterhaltungen über steirische Mufflons und ostschweizer Charolais-Kälber führen. Aber wenn ich beim Einkaufen an den Herrn Manfred gerate, brauche ich verlässlich gerade zwei Kilo Leberkäsbrät oder80 Deka gemischtes Faschiertes, und jedesmal hab ich ein total schlechtes Gewissen, dass ich den kompetenten Herrn Manfred, der sich mit so vielen Dingen auskennt, mit so einem Mist belästige, und ich werde total nervös, vor allem, wenn hinter mir ein paar Leute anstehen, die sich unbedingt mit dem Herrn Manfred über die Beiried vom steirischen Biorind beraten müssen. Letztes Mal hat der Herr Manfred gesagt, ich soll nicht so nervös sein, so eilig hat er es ja nicht, da ist mir dann auch noch der Schweiß ausgebrochen.
Das erzählte ich, obwohl bei den Horvaths auch Dinge geschahen, die einen Kommentar erfordert hätten, aber. Dann öffnete der Horwath einen unglaublichen Brunello und servierte ein herrliches Kalbsgulasch mit Nockerl, jeder Fleischbrocken hundertprozentig vom Herrn Manfred persönlich erwählt. Dann schenkte er vom Brunello nach, und am nächsten Morgen, wie ich mit Lotte und der Kaiserin schwimmen gehe, muss ich sagen, liebe Kaiserin, danke, dass du exakt um 19 Uhr 34 angerufen hast, weil das Gespräch war gerade an einem sehrsehr kritischen Punkt. Die Kaiserin sagt, lass mich raten, du hast dich in was eingemischt, was dich nichts anging, und ich hab gesagt, was heißt eingemischt, die Königsdisziplin vom Einmischen: Kindererziehung, Spezialgebiet: wieviel soll ein Vierjähriger fernsehen, und die Kaiserin sagt: Ich. Will. Es. Nicht. Wissen. Aber Lotte sagt, sie begrüßt, dass ich jetzt zumindest den Willen zeige zu reflektieren, wie ich mich eingemischt habe, da schimmere doch ein Charakteroptimierungswunsch durch, sagt Lotte, Babyschritte zwar, sagt Lotte, aber immerhin, dreißig Längen heute?, und die Kaiserin und ich sagen, okay, los.
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| 10/06
| Kurier-Kolumne
Eine neue Regierung bringt vielleicht auch neue, zusätzliche Partnerschaftsmodelle neben der Ehe. Wie eine wehrlose Baby-Katze wurde die Ehe durch die letzten Legislaturperioden getragen; be-schützt, gestreichelt gehätschelt: Die fasst uns keiner an, der tut niemand was!
Nein, der Ehe will eh niemand was tun, außer vielleicht die Eheleute, die sie eingehen und wieder auflösen: 45 Prozent der Ehen werden ja wieder geschieden. Gut fürs Bruttosozialprodukt, denn das beschäftigt Standesbeamte, Hochzeitsplaner, Schneider, Gastronomen, Anwälte, Richter, Mediatoren, Immobilienmakler und Umzugsunternehmen. Und, sehen wirs mal positiv: 55 Prozent der Ehen halten ja. Soll also heiraten, wer will, denn scheints ist die Absolvierung des Hochzeitsrituals vielen Paaren einfach wichtig.
Auch homosexuellen Paaren, und nichts spricht dagegen, dass
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| 10/06
| Kurier-Kolumne
Erstens finde ich, es wär an der Zeit, dass Wolfgang Schüssel und die ÖVP dann mal das Wahlergebnis anerkennen. Für die eher nicht so Schnellen hier nochmal: SPÖ erster Platz, ÖVP zweiter Platz, Grüne dritter Platz, Rechts 1 und Rechts 2 vierter und fünfter Platz. Also, das bedeutet, dass es mehr Österreicher gibt, die wollen, dass die SPÖ regiert, als solche, die wünschen, dass wieder die ÖVP an der Macht ist. Und, ja, 15 Prozent der Wähler haben rechte und ausländerfeindliche Parteien gewählt, aber 85 Prozent haben sie nicht gewählt. Man könnte das Ganze so interpretieren, dass die Österreicher keine schwarz-rechte-Regierung mehr wollen. Haben das jetzt alle verstanden?
Offenbar nicht, denn wie ich letzte Woche mit Freunden in einem sehr sehr guten Wiener Restaurant einen Geburtstag feierte, saßen zwei Tische weiter ein ehemaliger FPÖ-Vizekanzler, ein BZÖ-Staatssekretär und
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| 10/06
| Kurier-Kolumne
Eigentlich will ich mich heute nur darüber aufregen, dass nicht Philip Roth den Literaturnobelpreis bekommen hat. Schon wieder nicht Philip Roth! Warum schon wieder nicht Philip Roth?! Was kann ein Schriftsteller noch leisten, als seit Jahrzehnten Jahr für Jahr den besten, prägnantesten, sarkastischsten, bösesten, aktuellsten und/oder wichtigsten Roman zu veröffentlichen? Stattdessen ist der Literaturnobelpreis auch heuer wieder ein Wir-sagen-einer-Regierung-hintenrum-die-Meinung-Nobelpreis; das ist eine echte Sauerei Roth gegenüber, und bis Roth den Literaturnobelpreis nicht kriegt, ist der Preis nicht mehr ernst zu nehmen. So! Aber vermutlich liest das jetzt schon wieder keiner von der Nobelpreisjury.
Die tatsächlichen Leser aber
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| 10/06
| Kurier-Kolumne
Dann muss ich dem nachfausten und hinterherbrüllen, aber der ist schon weg. Du Depp. Du Irrer. Dieser Irre ist mir von der Geradeausspur aus direkt vor dem Rad rechts abgebogen, ohne zu blinken, und ich wär pfeilgrad in den reingerast, wenn ich nicht wüsste, dass man als Radfahrer in Wien immer auch für die Autofahrer denken, also stets bedenken muss, dass der im nächsten Moment etwas total StvO-konträr Kriminelles machen könnte, etwa ohne zu blinken von der Geradeausspur rechts abzubiegen. Du Vollidiot. Überhaupt lässt die Rechtsauffassung
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| 10/06
| Mode & Design
Wenn ich mir bei Ikea einen Tisch kaufe – irgendetwas aus gepresstem Abfall um 19,90 – vermesse ich mich nicht. Der passt wie reingezimmert dorthin, wo ich ihn hinimaginiert habe. Wenn ich mir mein erstes Möbelstück maßschneidern lasse, einen schmalen Schreibtisch aus schönem Holz in einem eleganten Metallgestell, der genau in die Lücke zwischen Sofa und Wand passt, dann ist er fünf Zentimeter zu breit. Ich bin fassungslos, die Frau des Schreibtischdesigners ist fassungslos, der Schreibtischdesigner ist fassungslos, weil er nicht glauben kann, wie jemand so deppert sein kann, nur in Tischplattenhöhe zu messen und nicht am Boden, wo doch jeder Trottel die Wände in Altbauten kennt, und, sind wir uns ehrlich, selbst wenn das am Boden gemessen worden wäre, ginge sich das im Leben nicht aus. Es handelt sich hier einen eindeutigen Fall von Messversagen auf Kundenseite. Der Schreibtisch an sich ist perfekt, seine Optik leidet nur sehr darunter, dass er eher überzählig in einem Wohnzimmer herumsteht, das von einem großen Eck-Sofa, einem großen Esstisch mit sechs fetten Sesseln und meinem großen Schreibtisch bereits weitgehend zur Unbegehbarkeit verdammt ist: das Spielzeug noch nicht eingerechnet, das jeden Zentimeter der Grundflächengesamtheit unserer Wohnung knöcheltief bedeckt, ausgenommen das Spielzimmer. Das war ein Witz: das Spielzimmer auch.
Erst nachdem der Schreibtischdesigner und seine Frau mit ungesund verdrehten Augen abgezogen sind, kommt mir die Idee, und ich hole die Stichsäge und kürze das Sofa eckseitig um fünf Zentimeter. Das klingt jetzt ruinöser als es ist: Tatsächlich entspricht das Ensemble samt Schreibisch jetzt in etwa dem innenarchitektonischen Äquvivalent einer SPÖ-Regierung mit einem Gusenbauer im Kanzleramt. Als hätte er immer schon da reingepasst; ich hab doch gesagt, dass sich das schon ausgeht, und dass einer nur Kanzler wird, indem er es ist... So wie der Tisch ja auch erst Schreibtisch wird, indem der Lange ihn benutzt.
Aber der Lange braucht keinen Schreibisch. Ich brauch keinen Schreibtisch, sagte der Lange. Eh nicht, er hatte ja meinen. Aber ein Schreibtisch ist eine überaus persönliche Sache, vor allem ein derart brutal unordentlicher Schreibtisch wie meiner, ständig bringt mir der Lange meine Unordnung durcheinander, das geht so nicht weiter. Ich brauch keinen Schreibtisch, sagte der Lange, so wie er gesagt hat, dass er keinen eigenen Laptop braucht (Doch. Brauchst du. Definitiv.) und früher einmal definitiv kein so ein saublödes Schischi-Deppen-Handy gebraucht hat, wieso schenkst du mir so einen Scheiß?
Der Designerschreibtisch (der Lange: aha, schön, aber ich brauch ihn echt nicht) wird innerhalb von zwanzig Minuten unter „Substance"- und "Rave-up"-Sackerl, Zettelhaufen, alten Zeitungen, CD-Stapeln und dem Laptop des Langen samt dranmontiertem Langem faktisch unsichtbar. Jetzt fügt er sich perfekt in unser Wohnzimmer ein.
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| 10/06
| Kurier-Kolumne
Ein Mal habe Natascha Kampusch während des Interviews dann doch gelächelt. Aber nur ein Mal: Es scheint Kampusch zusehends zu stören, dass die Leute immer noch mehr von ihr und über sie wissen wollen. Und über die acht Jahre, in denen sie in einem Keller gefangen gehalten worden war.
Vor fast zwei Monaten hat sich Natascha Kampusch selbst befreit, aber frei, so sagte sie Conny Bischofberger, frei sei sie nicht. Und sie kann, wie ihre Antwort auf die Frage zeigt, was für sie die absolute Freiheit wäre, offenbar auch noch immer nicht ermessen, was Freiheit tatsächlich bedeutet. Oder bedeuten kann. Oder was man mit ihr anfängt. Wie man sie nutzt und was man aus den Möglichkeiten macht, die sie bereithält.
Sicher: Die Freiheit des Individuums ist relativ, und
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| 10/06
| Kurier-Kolumne
Das ist nicht gut, wenn eine Supermarkt-Kette eine Bio-Hirse zurückrufen muss, weil sie lebensgefährliche Giftstoffe enthält. Sowas gefährdet nämlich nicht nur meine Gesundheit und mein Vertrauen in die Unbedenklichkeit von biologisch hergestellter Nahrnung, sondern in gewisser Weise auch mein ganz persönliches kleines Gutmenschenprogramm.
Denn ich gehöre zu jener wachsenden Käuferschicht, die begeistert bio konsumiert, seit sie dafür nicht mehr ins Reformhaus muss: Wenn mir im Supermarkt zwei gleichwertige Erzeugnisse angeboten werden, von denen eines mit Zutaten aus biologischer Landwirtschaft hergestellt wurde, dann greife ich fast stets zum Bioprodukt, und zwar nicht nur der Gesundheit wegen.
Nein, das wurde zu einerLebenseinstellung, denn
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| 10/06
| Kurier-Kolumne
Jetzt mal Reaktionen. Denn nach der „Alphatier“-Kolumne vom Mittwoch flogen die Watschen zahlreich. Au.
Stadträtin Ulli Sima schreibt, sie falle oft „um 10 halbtot ins Bett, wenn beide Kinder nach Hausaufgaben kontrollieren, Gute-Nacht-Geschichten erzählen und Schnuller bringen seelig schlummern“. Als Ministerin würde sie ihre Kinder überhaupt nur noch schlafend sehen: „Ist das unfeministisch? Vielleicht. Aber genauso unfeministisch finde ich die Ich-bin-eine-Powerfrau-und-es-ist-alles-eine-Sache-der-Organisation-Wonderwoman-Nummer.“ Stimmt. Margret G. schreibt dazu, Frauen seien „nicht die richtige Adresse für Forderungen, wie Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen seien“. Ja: aber ich erlaube mir dennoch, jene Frauen, die es bequemer finden, mal acht, neun, zwanzig Jahre bei den Kindern daheim
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| 10/06
| Kurier-Kolumne
Während ich auf der Post derzeit nur immer wieder die Kunst des Schlangestehens perfektioniere, wurde Leserin Hedi S. kürzlich aufgefordert, die 27 Briefe, die sie zu verschicken trachtete, doch bitte selbst zu stempeln. Der Beamte des Postamtes, vor dem Frau S. ihren Brief-Stapel ablegte, habe ihr im Gegenzug, berichtet Frau S., Stempel und Stempelkissen ausgehändigt: bitte sehr.
Frau S. habe ein bisschen gelacht, Scherz und so. Der Beamte nicht. Frau S., im Glauben, der arme Beamte wisse vor lauter Arbeit nicht ein noch aus, vermeinte, einem Nächsten Gutes zu tun und stempelte. Der Beamte sah ihr völlig reglos dabei zu, worauf Frau S. eine Frage in der Art, ob sonst schon alles in Ordnung sei, gestellt habe, und der Beamte habe gemeint, ja, absolut: Wenn er selber stempeln würde, hätte er ihr pro Brief zehn Cent zu verrechnen.
Sowas hab ich auf meinem Postamt noch nicht erlebt; aber ich steh
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| 10/06
| Mensch & Tier

Noch immer exisitieren Freunde, die unsere Urlaubsfotos nicht gesehen haben. Sie werden mit Essen angelockt und müssen dann zum Aperitiv eine halbe Stunde Digidiashow in den Dominanzfarben Grün und Braun durchstehen: Alm, Alm, Kuh, Alm, glückliche Kinder vor Alm, glückliche Kinder vor Kuh, Kuh, Alm, Alm. Für gewöhnlich werden die Freunde von einem Foto von einem Foto von Toni Innauer aus ihrer Depression gerissen, aufgenommen in Innauers Heimathaus, einem Gasthof direkt an der Mittelstation der alten Bezauer Gondelbahn, die stets den Schweiß aus dem Langen löst.
Weil: Höhenangst. Die Gondel schlenkert an einem durchhängendem Seil, während in ihr Menschen zusammengepresst werden, welche dadurch nicht glücklicher werden, dass sich drei Horrorfilmgestählte Teenies über die Möglichkeiten unterhalten, in Gondeln zu Tode zu kommen. Das Seil könnte reißen. Der Boden könnte rausbrechen, genau über diesen spitzen Tannen. Die herabfahrende Gondel könnte gegen die hinauffahrende Gondel prallen, aufplatzen und die Passagiere auf die Felsenschmettern. Die Gondel könnte stehenbleiben, und jemand könnte in Panik geraten und die Tür auf- und andere mit sich in den Tod reißen. Das Seil der anderen Gondel könnte reißen, durch die Scheiben dieser Gondel schlenzen und den Passagieren die Schädel abrasieren. Davon leben die Innauers; auf der Mittelstation brauchen viele erstmal einen Schnaps. Später, wenn man vom Berg wieder runterkommt, hat man Hunger und Durst und muss aufs Klo, wofür man einen Raum queren muss, in dem so gut wie alle Pokale ausgestellt sind, die Toni Innauer im Laufe seiner Schispringer-Karriere ersprang, sowie eine Reihe von Fotos, die Innauer bei der Entgegennahme dieser Pokale zeigen.
Was ist bitte das?? fragen unsere gequälten Gäste, wenn das Foto des glücklichen Innauer in einem fetten, weißgrauen Pelzpullover im Mäser-Shirt-Schnitt erscheint und dann das Foto des glücklichen Innauer, der die glückliche Annemarie Moser-Pröll im identischen fetten, weißgrauen Pelzpullover an sich preßt. Wasistbittedas?? Das sind Innauer und Moser-Pröll nach ihren Siegen bei der Olympiade 1976, und mit solchen Pullovern aus ziemlich sicher ungenießbaren und eines unnatürlichen Todes verstorbenen Tieren, wurde im Jahr 1976 wohl die gesamte österreichische Olympiamannschaft ausgestattet; ein Wahnsinn, bitte. Und natürlich überlegt man dann, was aus diesen vielen Pelzpullis geworden ist: Gibt’s die noch? Und: Hat Innauer seinen noch? Und trägt er ihn manchmal heimlich auf nackter Haut? Sollte Innauer also noch immer vernünftige Zeitungen lesen. Ehrlich, Herr Toni, so ein Blödsinn interessiert uns.
Dabei gäbe es diese Woche selbstverständlich wichtigere Themen, weil, apropos Absturz: baba, Frau Gehrer!, auch meine Kinder sagen tschüss. Und wer hätte geglaubt, dass Gusenbauer doch noch Kanzler wird; nicht mal Gusenbauer. Aber dass sich nur eine große Koaliton ausgeht... Das hatten wir doch schon mal. Und das war nicht so toll.
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| 10/06
| Kurier-Kolumne
Sie habe, sagte die Wiener Stadträtin Ulli Sima in einem Interview nach der Wahl, sie habe „lange überlegt, aber ich habe eine zweijährige Tochter, die hat jetzt Vorrang“.
Ministrabilität tragen SPÖ-Funktionäre dieser Tage wie einen access-all-areas-Pass vor der Brust, aber natürlich winkt, das gehört zum guten Ton, ein jeder erst mal überrascht ab: Minister? Moi??? Wie kommen Sie denn darauf?!
Dass jemand gleich von vornherein erklärt, für so ein Amt nicht zur Verfügung zu stehen, ist erstens ungewöhnlich, zweitens
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