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| 05/07
| Kurier-Kolumne
Also. Die Grazer Verkehrsbetriebe hatten eine lustige Idee. Für den Vatertag. Die Grazer Verkehrsbetriebe dachten sich, womit macht man Vätern am meisten Freude, und tadaaa!, laden wir sie doch auf einen Schnaps ein. Weil die Last paternaler Verantwortung hin und wieder tröstlicher Sedierung bedarf, und wenn schon Vatertag, dann Prost.
Jetzt natürlich Riesen-Aufregung, wegen der ganzen komatösen Kindertrinkerei. Miserable Vorbildwirkung und alles. Bloß brauchen wir nicht so zu tun, als würde in Österreich nie was getrunken, oder als wäre der Konsum von Alkohol generell verboten, oder als würden alle Österreicher, um ihre Kinder auf dem Pfad der Tugend zu halten, künftig nie wieder Alkohol trinken.
Tatsächlich ist es aber schon so, dass man sich langsam kaum mehr traut, vor den Kindern ein Glas Wein zu trinken, es könnte den Dreijährigen und die Achtjährige nachhaltig beschädigen, ja: final in den Alkoholismus treiben, wenn sie mitansehen müssen, wie Mutter und Vater ein Bier oder einen Spritzer trinken oder sogar, heiliger Martinus, einen Schnaps. Und das ist jetzt wirklich nur noch hysterisch.
Denn natürlich gehört das Trinken von Alkohol wie das Autofahren wie das Kreditaufnehmen halt einfach zu den Dingen, die Große dürfen, Kleine aber nicht. Es kann also nur darum gehen, den Kindern beizubringen, warum nicht, und wie sie, wenn sie dann dereinst einmal dürfen, mit den Benefizien des Erwachsenseins auch erwachsen umgehen. Wobei die Erwachsenen oft keine große Hilfe sind, stimmt schon, aber dafür kann man jetzt nicht primär die Grazer Verkehrsbetriebe zur Verantwortung ziehen. Auch wenn es bessere Ideen gibt, als die mit dem Schnaps.
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| 05/07
| Kurier-Kolumne
Die EU traut ihren Bürgern also nicht zu, dass sie in der Lage wären, vernünftig mit ihrer Gesundheit umzugehen. Oder: Verantwortungsvoll mit der Gesundheit anderer: Die Maßnahmen gegen das Rauchen sollen jetzt weiter verschärft werden – und sehr viel weitreichender als bisher angedacht.
Allerdings zielen die neuen Pläne des EU-Gesundheits-Parlamentskomitees diesmal zwar auch, aber nicht primär auf die Beschränkung der Freiheiten der Raucher, sondern sie greifen nach der Wurzel des Problems: der Zigarette selber, die von jenen Inhaltsstoffen befreit werden soll, die sie so schmackhaft machen. Und nach ihren Produzenten: die bisher beste und effizienteste Idee im Kampf gegen den Nikotinkonsum.
Denn in der Debatte, die das Rauchen zum Symbol der Freiheit und Selbstverantwortung des Bürgers stilisiert, wird immer wieder gern ausgespart, dass vom Zigarettenkonsum die Tabakindustrie profitiert – und nur die Tabakindustrie. Den Schaden haben die Raucher, die Mitraucher, die Krankenkassen und die Gesamtheit der Gebührenzahler, die für die Folgen blah blah blah, das wissen sowieso längst alle.
Das EU-Komitee denkt den Gedanken jetzt aber radikal weiter und will die Profiteure auch mit den Reparationskosten belasten: Keine Tabaksteuer mehr, sondern „Produzentenverantwortung“, natürlich mit dem Hintergedanken, dass die multinationalen Konzerne ihre Gewinne nicht gefährden werden, die Kosten also auf den Konsumenten abwälzen und das Produkt verteuern werden. Und übers Geldbörsel lassen sich Einstellungen bekanntlich am ehesten ändern.
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| 05/07
| Falter-Kolumne
Schön: auch andere Paare streiten. Ritters zum Beispiel haben zur Geburtstagsparty ihrer Tochter geladen, und ich bin nicht wahnsinnig glücklich über die Ansage, die Party finde im Wald statt. Gut ist, dass ich tags zuvor eine engagierte Auseindersetzung mit dem Langen hatte, in deren Verlauf der Lange so deppert wurde, dass ich etwas tat, was meinen Kindern strengstens verboten ist, und Begriffe verwendete, die gleichfalls. Allerdings führt der Zwischenfall überraschenderweise dazu, dass der Lange tags darauf Zucker ist und offenbar bereit, Buße zu tun. Also ruf ich die Ritterin an und sag: Ritterin, der Wald ist was für Väter, Mütter, sag ich, sollten derweil auf Balkonen sitzen und Alkohol missbrauchen. Wofür es übrigens in Amiland einen eigenen Begriff gibt, wie mir eine amerikanische Bekannte kürzlich erläuterte: the Arsenic Hour.
Es sei, sagte diese Delia, die Stunde am späten Nachmittag, in der Mütter, und Delia sprach von All-American-Full-Time-Müttern in All-American-Kleinstädten, ihre Kinder und ihr Leben nur noch im Zustand der Somatisiertheit ertragen
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| 05/07
| Kurier-Kolumne
Na klar ist der Einzelhandel gegen den deutschen Vorschlag einer „Fettsteuer“: Damit sollen künftig Lebensmittel belegt werden, die dafür verantwortlich gemacht werden, dass immer mehr Menschen, sprechen wir’s gelassen aus, fett und fetter werden. Wär’s ein individuelles Problem wär’ s ja keins, aber es ist längst ein gesellschaftliches, das das allgemeine Gesundheitskonto erheblich belastet. Weil halt so viele Krankheiten damit zusammenhängen, wieviel wovon die Leute essen.
So argumentieren natürlich auch die Gegner der Fettsteuer: Liegt ja nicht an den Lebensmitteln an sich, an Schokolade und Chips, liegt an den Leuten, die es bei deren Verzehr über- und bei der Fettverbrennung untertreiben. Und das stimmt natürlich.
Aber es sind ja sowieso alle Einzelmaßnahmen per se sinnlos. Notwendig wäre: Ein gesamtgesellschaftliches Bekenntnis zu einer besser ernährten, gesünderen Bevölkerung. Eine weitreichende von Politik, Handel, Industrie und Medien getragene Initiative, die in absolut alle Bereiche dringen müsste: effizient dringen müsste. Was heißt: von der Kinderkrippe bis ins Altersheim müsste die Dreifaltigkeit Evaluierung, Aufklärung, Veränderung wirksam werden. Ein Ruck müsste durchs Volk gehen.
Weil es zum Beispiel nichts bringt, wenn Kinder im Unterricht lernen, wie man gesund lebt und dann in der Kantine Schnitzi, Cola und Schokoriegel snacken und zuhause vorm Fernseher oder Computer zu Abend essen.
Allerdings: Bei vielen Leuten wohnt das Bewusstsein nun mal im Portemonnaie. So gesehen ist eine Fettsteuer vielleicht eine sinnvolle Maßnahme. Aber eben nur eine unter vielen koordinierten.
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| 05/07
| Kurier-Kolumne
Meine Mutter hat den Muttertag schon vor Jahren abgeschafft: Danke, Kinder, lassen wir das jetzt. Sie braucht sowas nicht, sagt meine Mutter. Sie finde das eher lästig. Ehrlich gesagt habe sie das schon früher ziemlich unnötig gefunden, und als die Phase der selbstgebastelten Muttertagspräsente von vier Kindern endlich vorüber gewesen sei, habe sie das, seid’s mir nicht bös, mit herzlicher Dankbarkeit erfüllt.
Natürlich habe sie sich über jedes aufgestotterte Gedicht, jedes schräg intonierte Lied, jede beschmierte Gipsschale, jeden schiefen Häkeltopflappen, jeden laubgesägten Kleiderbügel so aufrichtig gefreut, wie man es von einer glücklichen Mutter erwarte, keine Frage. Aber jetzt sei sie über gleichmäßig übers Jahr verteilte Zeichen von Liebe, Zuneigung und Respekt wesentlich glücklicher. Etwa in dem wir sie regelmäßig besuchen und anrufen und sie nicht über die Maßen mit Enkelkinder-Beaufsichtigungswünschen belästigen.
Denn meine Mutter ist der Meinung, dass sie sich nach mehr als 25 Jahren Kindervollversorgung inkl. beträchtlicher Aufopferung ein natürliches Recht auf ein wenig Selbstverwirklichung erworben habe, und falls wir ihr dafür unsere Dankbarkeit erweisen wollen, dann bitte, indem wir uns um unsere eigenen Kinder wenn möglich selber kümmern. Also, dass wir das nicht falsch verstünden, sie liebe ihre Enkel, habe sie gern um sich und nichts dagegen, hin- und wieder ein wenig auf einen oder zwei von ihnen aufzupasse, aber nicht auf einer täglichen Basis.
Das alles - besser: auch das alles - finde ich an meiner Mutter so großartig. Und auch zum Dank dafür rufe ich sie am Muttertag nicht an. Aber am Tag davor. Und am Tag danach.
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| 05/07
| Kurier-Kolumne
Alle freuen sich wie dulliö auf die Fußballeuropameisterschaft, nur ich nicht. Na ja, Ursula Stenzel auch nicht. Frau Stenzel fürchtet die Massen, den Lärm und den Dreck, den die Euro 08 in ihre City spülen wird. Und mit was: mit Recht.
Nun erwägt die Innenstadt-Bezirksvorsteherin offenbar ein Pinkelverbot mit entsprechender Beschilderung für die Parks entlang der geplanten Fanmeile am Ring, denn sie sorgt sich um die innerstädtischen Grünräume; um die Rosen im Volks- und die Bäume im Burggarten. Das tut sie auf der Basis schlechter Erfahrungen: Nicht eigener, sondern deutscher, denn bei der letztjährigen Fußball-WM, es beutelt mich schon beim bloßen Hinschreiben, wurde der Berliner Tiergarten, der unglücklicherweise entlang der Fußball-Fanmeile zu liegen gekommen war, täglich mit ca. 200.000 Litern Menschenurin getränkt. Ua.
Das Urinieren an dafür nicht vorgesehen öffentlichen Orten wurde ja erst unlängst in den anschwellenden Unarten-Beschwerdegesang aufgenommen, der hier seit einiger Zeit erklingt, und den wir ab sofort Liste lässlicher Laster, kurz LLL, nennen wollen: Insofern ist ein Verbot öffentlichen Herumbrunzens nur zu begrüßen. Befremdlich daran ist einzig, das es offenbar bislang nicht verboten war.
Was einerseits natürlich als positiver Hinweis auf ein scheinbar einigermaßen selbständig funktionierendes Wiener Verantwortungsbewusstsein gewertet werden kann. Andererseits wundert gerade auch deshalb die allgemeine Vorfreude-Euphorie auf ein Ereignis, bei dem das fröhliche Rudel-Komatrinken mit allen bekannten Folgen der Körperfunktionsbeeinträchtigung und (Verantwortungs-)Bewusstseinstrübung ziemlich im Mittelpunkt steht. Darauf könnte ich persönlich irrsinnig gut verzichten.
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| 05/07
| Kurier-Kolumne
Nach Koch-und Deko-Dokusoaps sehen die Deutschen jetzt gerne Auswanderer-Geschichten. Was die Prophezeiung zulässt, dass auch bei uns bald Auswandererdokus wie „Mein neues Leben“ laufen werden, in denen Menschen versuchen, Ausland Fuß zu fassen. Weil das Geschäft nicht läuft oder gar keine Arbeit zu finden ist, suchen sie mit ihren Familien ihr Glück an einem anderen, besseren Ort.
Da kann man sehen, wie die Exilanten, ist ja normal, mit Bürokratie, Sprach- und Anpassungsproblemen zu kämpfen haben und versuchen, ihr neues Leben zu meistern, was nicht immer leicht ist. Aber nie wird in Frage gestellt, dass jeder seines Glückes Schmied sein kann, dass jeder die Freiheit hat, selbst zu wählen, wo und wie man sein Glück finden und maximieren will.
Und keine Idee davon, dass diese deutschen Familien - und bei den österreichischen wird es nicht anders sein-, wenn sie sich über die Jahre assimiliert, Existenzen aufgebaut, Steuern gezahlt, in Gemeinschaften, Arbeitsstellen, und Schulen integriert haben, plötzlich aus der selbstgewählten, hart erarbeiteten Heimat vertrieben werden könnten.
Was Glück-Suchern, die es in Österreich gefunden, sich hier neue Existenzen aufgebaut, Steuern gezahlt, Kinder geboren, sich assimiliert, integriert und eine neue Heimat gefunden haben, jederzeit passieren kann. Sie werden auseinandergerissen, abgeschoben, aus der Heimat verjagt. Im Namen des Gesetzes.
Immer mehr echte Österreicher sagen: Nicht in meinem Namen. Diesen Namen kann man jetzt unter eine Petition setzen, die die Grünen für ein faires, menschenwürdiges Bleiberecht initiert haben: www.dahamisdaham.at.
Mögen es viele werden.
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| 05/07
| Falter-Kolumne
Es ist ein bisschen wie damals beim Tätowieren: Die Frage war nicht, ob ja oder nein, sondern wo und was. Der Schurl hatte es satt, das Pecken immer nur auf toter Sauhaut zu üben, er war bereit für lebende Menschen und ich war zufällig grad in der Nähe. Dabei hab ich mit meinem Oberarm noch Glück gehabt, jetzt mal im Vergleich mit dem Oberarm vom Mike oder dem Unterarm eines Wiener Flex-Chefs. Bei mir hatte der Schurl das mit den verschiedenen Hautschichten schon besser heraussen, nur die Linienführung, naja, aber ich trag ja jetzt eh meistens Ärmel.
Daran erinnert mich jetzt das Gendermainstreaming meiner Tochter. Die Frage ist nicht mehr, wann der Zipfel nun endlich wächst oder warum buhuhu nicht, sondern wie und wann einer drangemacht wird. Meine völlig daherfantasierten Drastizismen, da müsse was aus dem Schenkel geschnitten und dann woanders anoperiert
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| 05/07
| Kurier-Kolumne
Natürlich wundert es überhaupt nicht, dass, wie eine Umfrage des ÖAMTC ergab, jeder fünfte österreichische Autobesitzer seinem Kraftfahrzeug einen Namen gibt. Da uns die große Kennzeichen-Reform vor bald 20 Jahren die europaweit weiterhin eher unüblichen Wunschkennzeichen beschert hat, werden wir beim Autofahren ja eh permanent öffentlich über die Art der Beziehung der Österreicher zu ihren PKWs informiert: S-CHATZ8, FK-YOU2, W-ASTI1, W-ILLIG7.
Der französische Essayist Michel de Montaigne schreibt in seinem Aufsatz „Über die Macht der Phantasie“: „Wahrscheinlich entspringt die Tatsache, dass man den Wundern, Gesichten, Zaubereien und dergleichen außergewöhnlichen Erscheinungen Glauben schenkt, hauptsächlich der Macht der Phantasie, vor allem auf die knetbaren Seelen des einfachen Volkes einwirkt: Dessen Leichtgläubigkeit hat man sich derart zunutze gemacht, dass es, was es nicht sieht, zu sehen meint.“ Also etwa, dass ein Auto eine Seele hat und deshalb einen Namen braucht, wovon de Montaigne allerdings 1572 noch nichts ahnen konnte.
Aber ein Auto ist vielen eben nicht nur ein Transportmittel, sondern ein Familienmitglied: Das würde erkären, warum laut ÖAMTC nur 20 Prozent der Autobesitzer ihr Auto verleihen wollen. Weil ihnen ihr Auto mehr ist, als eine ersetzliche Dose auf Rädern.
Mir ist es, wie der Polizist bestätigen wird, der kürzlich routinemäßig mein Warndreieck sehen wollte, ein Mittelding aus Kellerabteil und Mistkübel. Unter all den Gummistiefeln, Flaschen, Kinderrädern, Regenjacken, Matten, Schlafsäcken, Büchern, CDs und Springseilen blieb das Dreieck unauffindbar. Es war aber ein netter Polizist. Mein Auto heißt übrigens Auto.