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| 05/08
| Kurier-Kolumne
Bevor der Mai vollends enteilt, widmen wir uns schnell noch dem maiaffinen Thema Hochzeit, obwohl man natürlich auch im Juni oder Juli heiraten kann: eine Hochzeit macht im Juni oder Juli gleich viel Stress, außer man gewinnt heute den Lotto-Jackpot, der macht das Leben an sich, sowie allfällige Hochzeitsvorbereitungen leichter.
Mai, Juni oder Juli ist also einerlei, es wird nur immer schwieriger, der Sonne auszuweichen. Schneeweiße Alabasterhaut sei für Bräute aber Pflicht, so las ich unlängst: wer das nicht hat, (z.B. herkunftsbedingt), sollte eine Hochzeit also erst gar nicht ins Auge fassen.
Auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung befasste sich kürzlich mit dem Vermählen. So beginne ein Brautpaar, das seine Sache ernst nimmt etwa ein Jahr zuvor mit den Vorbereitungen; unter drei Monaten könne man, so Experten, unmöglich eine vernünftige Hochzeit planen. Auch weil, wie ein britisches Hochzeitsfachblatt untersuchte, nicht nur 91 Prozent der werdenden Bräute noch tüchtig abnehmen wollen, es wünschen auch sieben Prozent mit neuer Nase zum Altar zu schreiten, acht Prozent mit größeren und fünf Prozent mit kleineren Brüsten.
Denn natürlich wollen 100 Prozent, dass der Hochzeitstag 100prozentig perfekt wird: Und das bedeutet für Menschen wie Sie und mich, die wir nie im Lotto gewinnen und nicht einmal unser Frühstück schaffen, ohne uns zu anzukleckern, natürlich Stress.
Anderseits sind Ehen, die damit dem beginnen, dass ein massiver Stress-Felsen von den Vermählten abfällt, vielleicht besonders glücklich, zumindest anfangs. Oder bis sich herausstellt, dass die Hochzeit das einzige gemeinsame Thema war. Aber oft weiß man das vorher nicht: wie beim Lotto.
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| 05/08
| Kurier-Kolumne
A. kaufte in ihrem Stammplattenladen in der Hofmühlgasse ein paar CDs und kam danach eine Weile nicht mehr in die Gegend. Und wie sie jetzt wieder einmal in den Laden kommt, sagt der Inhaber: Hallo, du hast übrigens letztes Mal eine CD vergessen!, greift hinter sich und händigt die CD aus. Danach rechnet A. nach, wann das war, letztes Mal, und tatsächlich ist es eineinhalb Jahre her.
Während ich auf der Suche nach einer Alu-Jausendose war. Sie wissen schon: Diese leichten, ineinandergesteckten Behälter mit dem Lochmuster, die man früher, als noch nicht alles aus Plastik war, zum Wandern mit nahm; mit Landjägern darin, Brot und Äpfeln und einem kleinen Messer. So einen wollte ich, und fragte danach an einem Brunnenmarkt-Stand, an dem Hausrat verkauft wird.
Die Dame hörte mich an und sagte dann, so viel sie weiß, werden die nicht mehr erzeugt, aber warten Sie: Sie glaubt, sie hat doch da noch einen kleinen im Lager gesehen, sie wird nachschauen und ihn mitbringen. Ich habe mich bedankt und dabei den anstehenden Urlaub vergessen. Drei Wochen später steht eine andere Dame am Stand, der erkläre ich die Sache, und sie sagt: Augenblick, fasst unter die Budel und da ist sie: genau die Büchse, die ich gesucht habe.
Ein paar Meter weiter ließ ich an einem Samstag am Gewürz-Stand das Papiersackerl mit dem Viertelkilo Gerste, das ich auch gekauft hatte, liegen. Am Samstag darauf lag es noch da, am Regal hinter der Besitzerin, und wartete auf mich.
Genau deshalb werfe ich kleinen Geschäften so gern mein Geld in den Rachen, auch wenn es gelegentlich mehr ist als im Supermarkt und beim Diskonter: Weil man bekommt auch viel mehr dafür.
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| 05/08
| Falter-Kolumne
Heuer, habe ich gesagt, machens wirs einmal anders am Kindergeburtstag. Der Horwath war gleich dagegen; sein kleiner Horwath hat drei Tage vor den Mimis Geburtstag, also gemeinsame Party. Eine Scheißidee, sagte der Horwath, da saßen wir noch in der Neptun-Bar in Kroatien, nachdem er zuerst gefragt hat, wie ich das meine und ich es ihm erklärt habe: dass wir heuer einen Kindergeburtstag machen, an dem es ausnahmsweise auch einmal Spaß für die Kinder gibt. Spaß, hat der Horwath gesagt und durch seine Cutler&Gross-Brille bitter aufs Meer geschaut, was für Spaß. Ein Clown oder was. Blödsinn, hab ich gesagt, ein Spiel oder eine Schnitzeljagd oder etwas in der Art, und Würstelgrillen am Feuer, und wir laden heuer nicht nur unsere Freunde ein, sondern die Freunde der Kinder, schau nicht so, mir gefällt es auch nicht besonders. Aber trotzdem machen wir es heuer so. Der Horwath hat gesagt, grillen hasst er. Schnitzeljagden auch. Die Horwathin hat gesagt, sie findet es aber eine super Idee. Der Horwath hat noch ein Karlovacko bestellt und gesagt, dass es für so einen Unsinn nicht den geringsten Grund gibt, weil bis jetzt hats immer gepasst.
Normal laden wir am Kindergeburtstag alle unsere Freunde mit Kindern ins Schwimmbad oder auf den Spielplatz, schneiden den Kuchen an, singen Happy Birthday, rufen jöö und schööön, und schicken die Kinder dann spielen. Oder baden oder raufen, Hauptsache, sie stören uns nicht, während wir riesenschüsselweise Erdäpfelsalat und kleine Horwath-Schnitzis verputzen und Kühltaschen voller Bier und Wein leermachen. Bitte, die Kinder haben sich nie beschwert, aber dann war ich auf Kindergeburtstagen, die wirklich Feste für die Kinder waren, und zuerst fand ich das echt schischi, und dann habe ich mich geschämt. Heuer machen wir es anders.
Jetzt ist heuer schon morgen und ich komm aus der Hektik nicht heraus. Ich habe Einladungen gemacht, kopiert, verteilt, der Lange und ich waren einkaufen und auf der Geburstagsfestwiese, die Schnitzeljagd auskundschaften, und wir haben gestritten. Ich habe zwei Blecher Schoko-Kuchen gebacken, nicht wie letztes Jahr mit einer schicken Zuckergussgraphik, sondern fußballrasendicht mit Smarties belegt, denn so und nicht anders wollen es Kinder. Aber es sind noch keine Schnitzeljagd-Aufgaben ausgedacht, keine Geschenke eingepackt, keine Schatzkiste und keine Partysackerl befüllt, und auch Erwerbsarbeit wäre noch zu erledigen. Weil ich mich in dieser Sache an den Horwath nicht zu wenden brauche, rufe ich die Horwathin an und sage, du, mir wächst der Kindergeburtstag gerade ein bissl über den Kopf, und sie sagt, oje, aber leider kann sie nichts tun, jetzt wühlt sie grad am Land im Garten und morgen kommt sie nicht vor fünf aus der Klinik, tut ihr echt leid. Der Horwath ist nicht zu sprechen, wahrscheinlich brät er gerade eine Scheibtruhe voll Schnitzel, aus lauter Wut über die Scheißidee, und ich bin kurz davor, ihm Recht zu geben.
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| 05/08
| Kurier-Kolumne
Ist ja nicht so, dass man sich über Österreich nicht freuen kann: Ein schönes Land haben wir da. Braucht man nicht verstecken, das Land. Kann man sich ruhig darüber freuen.
Dass man seiner Freude jetzt unbedingt durch automobile Radikalbeflaggung Ausdruck verleihen muss, begeistert mich minder. Die Kinder wollen wissen, warum gerade so viele Autos mit rot-weiß-rotem Fähnchen links und rot-weiß-rotem Fähnchen rechts herumfahren, und ich kann’s ihnen nicht logisch erklären. Ich habe es versucht mit: Weil sie so stolz darauf sind, Österreicher zu sein, was die Kinder nicht verstanden haben. Und wegen der Europameisterschaft; was die Kinder auch nicht verstanden haben, denn seit sie Paninis sammeln, sind sie über die Leistungen der österreichischen Nationalmannschaft informiert.
Dennoch wollen die Kinder, dass wir unser Auto sofort auch beflaggen, aber bitte mit italienischen, deutschen oder kroatischen Fähnchen. Erstens, nein, zweitens: nein, nein und nochmal nein. Was die Kinder nicht verstehen, wo es ja jetzt so viele machen. Sieht doch lustig aus!
Genau das stärkt meinen Verdacht, dass es sich bei der Automobil-Beflaggung gar nicht um einen Akt des Patriotismus handelt: Sondern um einen Ausdruck der Sehnsucht nach anlassbedingter Re-Infantilisierung. (Vgl. dazu: die Panini-Klebsucht, die ja gerade auch unter Erwachsenen beiderlei Geschlechts übel grassiert.) Es geht beim Flaggezeigen vermutlich weniger um den Stolz aufs eigene Land, sondern vielmehr um den Stolz auf den eigenen Mut zur temporären Verspieltheit: Schaut, ich fahre zwar einen Ich-habs-zu-was-gebracht-SUV, bin im Herzen aber trotzdem Bub geblieben. Jö! Lieb. Das freut uns natürlich auch.
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| 05/08
| Kurier-Kolumne
Am Anfang dachte ich, es sei eine gute Idee. Ich dachte, wenn ich den Kindern jeden Abend als Belohnung fürs Aufräumen ihres Zimmers ein Panini-Packerl schenke, ist es bei uns daheim um nur 1,20 Euro pro Tag unvorstellbar viel aufgeräumter; ich dachte: das ist es wert. Und es ist auch viel aufgeräumter: Also jetzt mal das Kinderzimmer.
Dafür ist jetzt mein Alltag mit Fußball versaut: In der Früh jauchzen mir die Kinder Namen tschechischer und griechischer Stürmer in mein müdes Ohr, sie zählen ununterbrochen ihre Schätze, sie kriegen Wutanfälle, wenn in ihrem Packerl die falschen Köpfe sind. Sie sind tagelang sauer, wenn das andere Kind ein Glitzer-Pickerl ergattert und sie nicht.
Am Anfang dachte ich, das mit den Panini-Pickerl sei eine gute Idee. Jetzt nicht mehr.
Ich hatte nämlich auch gedacht, dass die Kinder zügig das Interesse an der Sache verlieren würden: wird doch fad, diese Kleberei. Mittlerweile habe ich, warten Sie mal, ungefähr 54 Euro für Fußballer-Gesichter ausgegeben, und ihr Interesse ist vom Erlahmen weiter entfernt denn je. Tatsächlichen wurden jetzt auch noch eigene Alben für die Lieblingskuscheltiere gebastelt, die kriegen jetzt auch immer eins ab: Was die Zeit, bis die vermaledeiten Kinder-Alben endlich voll,sind weiter verlängert.
Immerhin, es ist bei uns nicht so schlimm wie in anderen Familien: Dem Roland fehlen nur noch fünf Pickerl!, vermeldeten die Kinder kürzlich neidvoll, nur fünf!!!!, was mich zur Frage veranlasste, wer denn der Roland sei . Ja, der Papa vom Sammi. Aha!
So schlimm ist es bei uns also gar nicht. Andere sind viel schlimmer dran. Zum Beispiel die Mami vom Sammi.
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| 05/08
| Kurier-Kolumne
Man könnte doch den ganzen Prater als Paket an ein internationales Konsortium verkaufen oder vermieten. Und Schönbrunn. Und den Stephansdom. Und vielleicht den gesamten Heldenplatz, so sehr stört das doch gar nicht, wenn der Südturm in den Farben einer Bank angepinselt wird oder auf dem Heldentor der Schriftzug eines Finanzoptimierers prangt. Daran gewöhnt man sich schnell. Und dass Schönbrunn gelb sein muss, steht bitte keineswegs in der Verfassung.
Und das Riesenrad gehört Wien ja eh schon jetzt nicht. Es gehört Niederösterreichern, Enkeln des Rechtsanwalts Karl Lamac, der 1961 die Riesenrad-Anteile erwarb: Die Stadt Wien, der es angeboten worden waren, wollte das Riesenrad nicht. Und es hat ja dann ohne sie ganz prächtig funktioniert.
Nun wollen die Besitzer des Londoner Wachsfigurenkabinetts Madame Tussauds das Riesenrad mieten und ein 2500 Quadratmeter großes Museum (vielleicht in Form des Buckingham-Palastes!) am Vorplatz errichten. Die Stadt Wien schaut wieder zu.
Wobei das vielleicht eh besser ist. Denn was unter der Ägide von Vize-Bürgermeisterin Grete Laska eben erst auf dem Prater-Vorplatz angerichtet wurde – die Verdoppelung von Schönbrunn mit Mitteln des Pappmaché – wäre auch von noch so schlechtem ausländischen Geschmack nur schwer zu überbieten: Wien ist Sissi; und Sissis wollen wir für immer bleiben. Wir sind Alt Wien, Nostalgie-Wien, Fiaker-Wien; soll kein Tourist auf die Idee kommen, es gäbe Wien auch in modern.
Aber wir waren beim Ausverkauf. Und wir hätten da noch ein Rathaus im Angebot: Das würde sich in Shell-Rotgelb oder Cola-Rot doch gar nicht schlecht machen, don‘t you think so?
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| 05/08
| Kurier-Kolumne
Paris Hilton, Herrscherin der Oberfläche, beabsichtigt, sich zu verehelichen; mit einem reich verzierten Musiker namens Benji Madden. In diesem Zusammenhang diktierte sie einem Online-Dienst mein dieswöchiges Zweitlieblingszitat: „Er will heiraten und wir haben darüber gesprochen. Ich würde ein wunderschönes weißes Kleid tragen, wahrscheinlich von Dolce und Gabbana. Wir passen perfekt zusammen.“ Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, sie meint das Kleid. Das hat sie möglicherweise auch länger.
Mein Lieblingszitat der Woche folgt sogleich; Hilton will nämlich auch Kinder, und zwar deshalb: „Ich habe ein paar wunderschöne Tiere, um die ich mich kümmere und ich hätte Kindern sicher auch eine Menge zu geben“. Wobei ihr die Tiere intellektuell eventuell näher stehen. Ich liebe diese Frau.
Diese Frau dagegen – die Wiener Wirtschaftskammerpräsidentin Brigitte Jank – liebt andere: Das zeigt eine aktuelle WKO-Anzeigenserie mit dem Motto „Wir kommen weiter“, in der Jank Wiener Berufstätige und Gewerbetreibende zärtlich in den Arm nimmt. Darunter eine Polizistin und, wenn ich es richtig sehe, den Inhaber eines indischen Geschäfts am Nachmarkt, deren Antlitze jeweils mit Insignien österreichischen Patriotismusses behübscht wurden.
„Die EURO verbindet Kulturen“, versichert Jank unterhalb des umhalsten Unternehmers: Aber so sehr verbunden, dass man seinen Namen und sein Geschäft erwähnen müsste, ist man dem Kultur-Vertreter dann auch wieder nicht. Auch die Polizistin bleibt anonym: So übertrieben viel WIR ist zum Weiterkommen nicht notwendig. Man passt auch so perfekt zusammen; fast wie Paris Hilton und ihr Kleid.
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| 05/08
| Kurier-Kolumne
Der Urlaub mit befreundeten Familien war sonnig und harmonisch, und, wie immer, störte nur ein Streitpunkt die Idylle: Was essen die Kinder? Ist ihnen eine ungewohnte Kakao-Sorte zumutbar oder muss man 15 Kilometer autofahren, um ihnen die vertraute zu besorgen? Brauchen Kinder immer ein extra Kindermenü (vorzugsweise frittiert oder gezuckert), oder kann man von ihnen verlangen, das zu essen, was die Erwachsenen essen? Verstößt es gegen die Menschenrechte, wenn man Kinder zwingt, grünes oder fremdes Essen zu probieren? Wir kamen, wie immer, zu keiner Einigung.
Doch während unsere Wohlstandskinder es als eine Form der Misshandlung betrachten, wenn man ihnen Zucchini serviert, hungern und verhungern in längst nicht mehr weit entfernten Teilen der Welt Kinder und Erwachsene: aufgrund von Katastrophen. Und aufgrund von Nahrungsmittel-Preiserhöhungen, für die wir mitverantwortlich sind.
Wenn wir, als ersten Schritt, Kindern möglichst keinen Mist füttern, ist es ein logischer zweiter, ihnen Respekt vor der Qualität und dem Wert ihres Essens zu vermitteln. Man muss – nein: man sollte – dabei nicht so weit gehen wie das Zeit-Magazin, das genau während der großen Reis-Krise Schul-Pausenbrot-Rezepte von Sternen-Köchen druckte: Röllchen aus Crepes und frischem Thunfisch, Karottenbrot mit Prager Schinken, Röstbrot mit Bundkarotten, Avocado und Appenzeller Käse. Das ist nur noch zynisch.
Kinder sollen über ihr Essen Bescheid wissen. Denn es spielt eine Rolle, wo es herkommt, unter welchen Bedingungen es hergestellt wurde und wer es nicht hat. Das Essen auf unserem Teller ist politisch: auch das auf dem Kinderteller.
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| 05/08
| Falter-Kolumne
In Kroatien wird immerhin die heikle Morchelnudeln-Sache endlich entschärft. So welche hat der Horwath unlängst gekocht, als der Lange unabkömmlich war. Und das war nun, wie ich dem Langen hernach berichtete, ungelogen das beste Essen seit Wochen gewesen, worauf sich der Lange tagelang entschlossen vom heimischen Herd fernhielt, weil er kann bitte auch anders. In Kroatien aber kocht der Breuß das beste Essen seit Monaten, was nicht so sehr an seiner Busara liegt und mehr an den Scampi darin, die uns der Scampi-Fischer gerade frisch aus dem Meer geholt hat. Wir haben uns diesmal schamlos an die örtlichen Fischer zubigeschmissen, und die verkaufen uns nun fast jeden Tag etwas von dem, was sie aus dem Meer geholt haben, und während wir die tropfenden Säcke ins Haus tragen, lachen sie über uns.
Der fesche Josip, dessen hundert Meter entferntes Ferien-Haus von den Kindern final gekapert wurde, weil Josip eine nette schwäbische Hildegard zur Frau hat, die endlich gerne Oma wäre, Josip also erzählt uns, dass die Sepie, die wir heute wieder von den Fischern gekauft habe, hier nicht einmal die Fische fressen. Geschweige denn die Einheimischen. Sowas kann man nur Touristen andrehen, grinst der fesche Josip, während er auf der Bank vor seinem Haus aufs Meer schaut und raucht, und erwähnt in diesem Zusammenhang auch, wie Eskimokinder tagelang auf einer Seehundhaut herumkauen.
Am nächsten Abend gehen wir rüber zu Josip und seiner Bank, die Breußin schnorrt Josip eine Zigarette ab, und wir sagen, Josip, wir wissen jetzt, warum nur Touristen eure Sepie hier kaufen, weil von euch hier kann sie keiner richtig zubereiten. Wenn man die Sepie nämlich nicht eine Stunde oder zwei zu Semperit kocht, sondern nur kurz z. B. in einer Rosmarin-Tomatensauce mit weißen Bohnen ziehen lässt, schmecken sie nicht wie Flipflops, sondern sind sie zart wie ein Henderl, Josip, zart wie ein Henderl.
Am nächsten Abend laden wir Josip und Hildegard, sozusagen als Kinderbetreuungshonorar, zu uns zum Essen ein, der Horwath paniert endlich die Wiener Schnitzel, ohne die er keine zwei Wochen am Meer überlebt, und wir fragen Josip, der aus der Gegend stammt, wie er nach Deutschland kam. Die Geschichte geht so, dass Jung-Ingenieur Josip in den späten 60ern nach Deutschland ging, weil er einen Sportwagen fahren wollte, und das tat er auch, einen BMW 2500 um 18.000 Mark, den er mit einem Monatsgehalt von 600 abzahlte und bald an deutscher Maurerhandwerkswertarbeit ruinierte. Leider übernimmt Hildegard dann den Erzählfaden und gibt ihn nicht mehr her, und wir erfahren wir alles über den Karneval in einer schwäbischen Kleinstadt, und das ist leidlich verstörend. Ich schleiche in die Küche und danke dem Herrn auf Knien dafür, dass ich heute den ganzen Abwasch machen darf. Andererseits soll eine Frau, die es mir ermöglicht, im Urlaub trotz Kindern fast drei Bücher zu lesen, im Karneval ihren Spaß haben: das ist nur gerecht.
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| 05/08
| Falter-Kolumne
Ich lese eigentlich keine Mails mehr, außer sie sind von meinem Chef oder von meinen Freundinnen. Leider generiert das Ignorieren von Elektropost nicht weniger, sondern mehr Mails, diesfalls solche, die mit der Zeile beginnen: Ich habe Ihnen am soundsovielten ein Mail mit einer Anfrage geschickt, auf die ich leider bis heute keine ... und soweiter; und es wird schlimmer, wenn man die nicht beantwortet. Keine Freude. Macht noch mehr Stress und lässt einen in der Nacht noch öfter wachliegen, geplagt von der Schuld, seine Pflichten nicht anständig erfüllt zu haben. Den Fleck kriegt nicht mal ein Hyper-Mega-Vanish aus einer Vorarlbergerin raus, da kann man sie zwanzig Jahre lang in Wiener Laissez-Fair eingeweicht haben, den sieht man noch.
Auch habe auch schon lange keine Freude an meinem Handy mehr; aber das hatte ich eigentlich schon früher nicht, als mich Sedlacek ständig in der Nacht angerufen hat.
Das war, wie ich noch zu den 30ern gehörte, die jetzt, wie ich überall lese, ganz anders drauf sind als wir damals, ohne Vertrauen in die Zukunft und alles, betrogene Gläubiger gebrochener Du-kannst-es-schaffen-Versprechen, aber immerhin mit einem neuen Zugang zur Welt: Sie wollen jetzt einmal durchhalten. Nicht immer gleich aufgeben, nicht mehr Teil der Instant- und Wegwerf-Generation sein, vor allem als Beziehungskonsumenten. Dieses wiederentdeckte Langstreckenläufer-Denken erscheint mir ein interessanter und partiell lobenswerter Zug an den neuen 30jährigen, wenngleich natürlich das Aufgeben-Dürfen gescheiterter Beziehungen, das Beendenkönnen unglücklicher Ehen eine großartige Errungenschaft der Neuzeit und des Feminismus ist, die man nicht so einfach einem reformierten Durch-Dick-und-Dünn-Gequäle opfern möchte.
Allerdings ist die Halbwertszeit moderner Beziehungen und Ehen für eine genetisch determinierte Durchbeisserin wie mich immer wieder überraschend: Gerade kürzlich bin ich an einer TV- und Radiomoderatorin vorbeigeradelt, die feingemacht vor einem Bezirksgericht herumstand, daneben ihr Kindsvater, der stur in einem Winkel von 140 Grad von seinem Ex-Lebensmenschen wegschaute, denn offensichtlich war man gerade dabei, die intensiv in Medien beschworene Liebe des Lebens mit einer Scheidung zu finalisieren. Die Ehe hatte, inkl. Kindsproduktion, neun Monate gedauert, aber das ist heutzutage höchstens noch Durchschnitt. Es geht auch kürzer.
Und vielleicht liegt das genau am Internet und am Handy, weil früher musste man beim Schlussmachen in nässende Augen blicken oder telefonisches Geschluchze ertragen: das war sehr unangenehm, das wollten viele sich lieber nicht zumuten und ertrugen deshalb tapfer ein paar Jährchen moderaten Doppelunglücks. Heute schickt man ein formloses email oder SMS, don´t u w8 4 me oder sowas und, damit das Ganze nicht so brutal daherkommt, einen Smiley dazu. Wenn die 30jährigen daraus keine Tradition zu basteln zu basteln gedenken, habe ich nichts dagegen.
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| 05/08
| Falter-Kolumne
Als gute Idee hat es sich erwiesen, Buben in Mädchengruppen zu isolieren: Testosteron scheint sich zu potenzieren, wenn es auf anderes Testosteron trifft, neutralsiert sich allerdings ganz und gar, wenn man es isoliert. Buben allein unter Mädchen entwickeln mit einem Mal Fähigkeiten, die sogar ihre eigenen Mütter zu überraschen vermögen: Mädchen sind plötzlich auch respektable Spielkameraden, Scheren werden zu harmlosen Werkzeugen, mit denen putzige Figuren ausgeschnitten werden, ja selbst Puppenhäuser werden zu Spielzeugen, wenn weder Hohn noch Spott noch lebenslängliche Ächtung von Geschlechtsgenossen zu befürchten ist. Aber kaum tut man einen zweiten Buben dazu, gibt es strikte Geschlechtersegregation, denn kein Bub, der auf sich hält, beschäftigt sich mit Mädchen, wenn richtige Menschen in der Nähe sind. Man kann gegen Testosteron - Bubenmütter versuchen es ständig – nicht argumentieren.
Ich behaupte aber keineswegs, Mädchen seien das bessere Geschlecht. Das sind sie, meinerseel, nicht. Die Kindergartenmädchen haben sich kürzlich, als es hieß, zwei Gruppen bilden (nicht: zwei geschlechtshomogene Gruppen bilden) gegen alle Argumente der Kindergärtnerin zusammengetan, um es den Buben mal so richtig zu zeigen und stanken daraufhin beim Klobürstenhockey mit 1:7 oder so völlig ab. Worauf es sich die Mädchen, alles Töchter emanzipierter, berufstätiger Frauen, sofort in der Opferrolle bequem machten: sie seien nun mal die schwächeren und nicht so brutal, und woher sie denn auch Klobürstenhockeyspiel können sollten?, und überhaupt seien die Buben so gemein, buhuhu. Woher haben die das? Ist das biologisch?
Dafür sind Mädchen nicht so anfällig für elektronische Infektionen. Der achtjährige Intelligenzbolzen von Freunden stand kürzlich, weil seine Eltern ihn lieber nicht mit zu IKEA nehmen wollten, mitten in einem Zimmer voller Spielzeug, auch bubenkompatiblem, und näselte völlig gelangweilt die Worte: Habt ihr auch irgendwelche Computer? Nicht für dich, Rotznase. Er entschied sich dann, mit dem Bubenmimi zwei Stunden lang einen Wasserball durch den Flur zu kicken; auch schön, ok. (Ich wäre eh mit ihnen in den nächsten Käfig gegangen, aber es wurden Gäste erwartet, und ich hegte den Wunsch, die Vorbereitungen diesmal rechtzeitig abzuschließen: Wie wir letztes Mal das Essen für Haemmerli gaben, erschien Haemmerli, als ich gerade noch die Servietten bügelte. Nie wieder möchte ich so angesehen werden.) Das war noch bevor das Panini-Fieber ausbrach, denn seither kann man die Kinder, Buben wie Mädchen, wunderbar damit beschäftigen, dass sie ihre Panini-Alben vergleichen und Pickerl einpicken. (Und die Mütter damit, dass sie, während sie längst woanders sein sollten, den Altpapier-Container im Hof durchwühlen, weil eins dieser Alben verschwunden ist.)
Dafür ist jetzt jeden Abend das Kinderzimmer picobello aufgeräumt. Käuflich sind sie alle, unabhängig vom Geschlecht.
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| 05/08
| Kurier-Kolumne
Innerhalb von Familien gibt es eine Hierarchie von körperlicher Stärke: 1. Vater, 2. Mutter, 3. Kinder. Manchmal, selten, sind die Frauen kräftiger als die Männer, meistens hat der Vater die potentielle Gewalt-Hegemonie. Die schwächsten sind immer die Kinder.
Die schutzbedürftigsten sind immer die Kinder. Die bemitleidenswertesten Opfer sind immer die Kinder. Nicht, dass die von ihren Männern misshandelten und eingeschüchterten Frauen kein Mitleid verdient hätten: haben sie. Und Hilfe. Aber selbst diese Frauen sind, bei aller Abhängigkeit, immer noch stärker und autonomer als ihre Kinder. Sie können sich aus eigener Kraft aus dem Martyrium einer gewalttätigen Ehe befreien und aus ihrer Opferrolle heraustreten: Kinder haben diese Möglichkeit nicht.
Die Schutz-Hierarchie kann also nur so aussehen: Mütter haben die Pflicht, ihren Kindern zu helfen. Zum Beispiel, indem sie Hilfe holen. Hilfe von staatlichen Institutionen, die weitgehend vorhanden ist .
Allerdings: Wenn man möchte, dass Frauen keine Opfer mehr sind, müssen auch einige Rahmenbedingungen radikal geändert werden. Zum Beispiel das Gesetz, das es Asylwerbern verbietet, mit legaler Arbeit Geld zu verdienen, mit einer Ausnahme: Frauen dürfen sich prostituieren. Das heißt: Tür auf für Zwangsprostitution und Gewalt an Frauen. So macht man Frauen zu Opfern.
Auch das muss aufhören, wenn wir nicht wollen, dass Frauen Opfer bleiben und sich in ihrer Opferrolle einigeln – so sehr paralysiert, dass sie nicht mehr in der Lage sind, das Leid ihrer Kinder zu sehen und ihnen zu helfen. Vor allem muss die Autonomie von Frauen innerhalb der Familien gestärkt werden: Unabhängigkeit, auch ökonomische Unabhängigkeit ist ein elementarer Schritt, um innerfamiliäre Verbrechen zu beenden und zu verhindern.
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| 05/08
| Kurier-Kolumne
Was mich interessiert: diese Mutter. Denn die Mutter der im Verlies gequälten 42jährigen, wird derzeit gemeinsam mit „ihrer“ Familie in einer psychiatrischen Abteilung betreut: Sie hat offenbar Opfer-Status. Was eigenartig anmutet. Und viele Fragen aufwirft.
Wie konnte diese Frau 24 Jahre lang ignorieren, dass ihre Tochter und deren Kinder direkt unter ihr gequält wurden? Wie konnte diese Frau ein Kind dieser Tochter nach dem anderen von der Türschwelle auflesen, ohne zu fragen, wo ihr eigenes Kind geblieben ist? Wieso hat diese Frau nie versucht, ihre Tochter, die offenbar ständig irgendwo in der Nähe Kinder gebar, zu finden? Und wie konnte sie schon früher über Jahre hinweg übersehen, dass ihre elf-, zwölf, 13-, 14-, 15-, 16-, 17-jährige Tochter von ihrem Ehemann immer wieder vergewaltigt wurde?
Es ist immer wieder schockierend: Da sind scheinbar intakte Familien mit traditionellen Rollenverhältnissen, in denen die Mutter keine anderen Aufgabe hat, als sich um ihre Familie, ihre Kinder zu kümmern. Wie kann man, wenn das der Lebensinhalt ist, übersehen, ignorieren, verdrängen, ja: tolerieren, dass diese Kinder vom Vater missbraucht und gequält werden?
Die Ignoranz dieser Mutter – und aller Mütter, die wegsehen, wenn sich Väter und Stiefväter an Kindern vergehen – ist leider auch signifikant für das Dilemma der Institution Familie: Sie kann für ein Kind der beste, wärmste, sicherste Ort der Welt sein. Oder der grauenhafteste, an dem ihm furchtbare Dinge angetan werden, und wo weggeschaut wird: von Vater und Mutter, von genau denen, die es lieben und beschützen sollten.
Es fällt schwer, die Mutter als Opfer zu sehen.