29.06.08

Hamstergen-Opfer

| Comments (1) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Gestern war es eine ungeöffnete Packung Pumpernickel, die ganz hinten im Kühlschrank schon im 15. April abgelaufen war. Letzte Woche ein Joghurt im Büro, auf Vorrat gekauft, schlecht geworden, wegen längerer Abwesenheit. Das sind schon einmal Lebensmittel im Wert von fast vier Euro, die diese Woche ungeöffnet im Mist gelandet sind; weggeworfen mit schlechtem Gewissen und guten Vorsätzen für die Zukunft: aber was soll man jetzt im Moment machen; kaputt ist kaputt.
100 Euro schmeißt, das fand die BOKU in einer Studie heraus, jede Österrreicherin und jeder Österreicher jährlich an originalverpackten  Lebensmittel in den Mistkübel. Das mal 8.308.906: das ist ein brutaler Berg Essen und ein gewaltiger Betrag .
Es passiert halt. Mitschuld ist die Evolution, die offenbar noch nichts von Überflussgesellschaft und den liberalen Ladenöffnungszeiten gehört hat, welche es allmählich erlauben würden, das Hamster- und Vorratsgen im Organismus der westlichen Industriemenschen ein wenig verkümmern zu lassen. Denn natürlich ist es eher unwahrscheinlich, dass es je notwendig sein wird, wochenlang ohne Außenkontakt in der Wohnung überleben oder unverhofft eine Hundertschaft hungriger Gäste verpflegen zu müssen... Aber falls es passiert: ich könnte.
Das ist dumm. Und es basiert auf  diesem Luxuslebensprinzip, dass immer alles sofort verfügbar muss, wonach es einem gelüstet. Außerdem schenkt uns der Handel immer häufiger zu dem was wir brauchen und kaufen, noch etwas dazu, was wir nicht brauchen. Aber da es gratis ist... Zur Not schmeißen wir’s weg, ist ja offenbar nichts wert.
 Ist es doch. Wir haben nur das Gefühl dafür verloren.

28.06.08

So ein Tag, so minderschön wie heute

| Comments (0) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Das war nicht immer ein schöner Tag. In der Volksschule ja, in der Hauptschule auch: Da war es der Tag, an dem man einen Zettel mit nichts als Einsern und Zweiern darauf heimbrachte, dafür von den Großeltern die Wangen getätschelt und die Hand mit Münzen gefüllt bekam, und neun volle Ferienwochen breiteten sich verheißungsvoll vor einem aus.
Danach, in der Mittelschule,  verlor der Tag viel von seinem Reiz: Es war der  Tag, an dem die Zahlenwerte auf dem Zettel den Großeltern kaum mehr Anlass gaben, voller Stolz auf die tüchtige Enkelin das Börsel zu zücken. Auch fand sich auf dem Zettel die unangenehme Rubrik „Betragen in der Schule:“ neben der eigentlich nie Lobenderes stand als Zufriedenstellend, und öfter als einmal  Wenig zufriedenstellend. Völlig ungerechtfertigterweise, also in den Augen der Schülerin, die den Eltern erfolglos zu erklären versuchte, das liege nur am pädagogischen Unvermögen inkompetenter Lehrer, denen es nicht gelänge, die Schüler so für den Lehrstoff zu interessieren, dass diese ihm  zu folgen gewillt seien, anstatt...  Schwamm drüber. 
Es war also der Tag, an dem man gesenkten Hauptes vor seine Erzeuger trat  und, Zerknirschung in der Visage, Besserung gelobte. Und leider lagen auch keine neun vollen Wochen Ferien vor einem, sondern nur vier, fünf, höchsten sechs, weil man den Rest der Zeit – eigene Wünsche erwangen, die Erziehungsberechtigten wollten es – in Altersheimen, Konservenfabriken, Wäschereien, Druckereien oder Büros schuftete.
Schließlich war es dann einmal der Tag, an dem auf dem Zettel  Fünfer leuchteten. Und: Nein.  Durchgefallen, Klasse wiederholt. Und alles ganz gut überstanden: Auch wenns an jenem minderschönen Tag höchst unwahrscheinlich schien.
26.06.08

Gut für die Einwanderer

| Comments (0) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Am letzten Tag am Land fuhren wir, Freundinnen und Kinder, mit den Rädern den Bach entlang, fanden einen schattigen Platz und duschten uns unterm Wasserfall die Hitze aus den Köpfen. Als wir unsere Räder wieder hinauf zum Weg schoben, hatte sich am Ufer ein gutes Dutzend Türkinnen um einen großen Grill eingefunden, mit einer Steige voller Hühnerteile, einem Berg Fleischlaberl und Schüsseln voller Salat.
Bevor wir auch nur äh sagen konnten, hatten wir alle riesige mit fantastisch gewürzten Sachen gefüllte Weißbrotteile in der Hand: tatsächlich einfach so. Es war überraschend und rührend und saugut. Und wenn wir nicht schon etwas in Eile gewesen wären, hätten wir uns vielleicht dazu gesetzt und mit den Frauen geplaudert: aber ich glaube, außer der Dame am Grill und den jungen, offenbar hier geborenen Frauen hätten wir uns eh nicht wirklich unterhalten können.
Später hörte ich in den Nachrichten, dass von Einwanderern jetzt Sprachkenntnisse verlangt werden, und fand es richtig. Nicht aus einem Die-sollen-sich-gefälligst-integrieren-und-anpassen-Impuls heraus, sondern, weil es in erster Linie gut für die Einwander ist. Die beliebten Auswandererdokusoaps zeigen schön, was passiert, wenn Deutsche und Österreich in Länder siedeln, deren Sprache sie nicht beherrschen: Meistens kommen sie bald zurück, weil sie keine qualifizierte Arbeit finden und keinen Anschluss.
Natürlich man auch einfach hierher ziehen, hier wohnen, Kinder versorgen, toll kochen und dahergelaufene Einheimische zu herrlichem Essen einladen, ohne je Deutsch zu lernen: Aber die Möglichkeiten erweitern sich enorm, wenn man es kann. Und mehr Möglichkeiten sind immer besser als keine.
24.06.08

der Finger heilt die Wunde nicht

| Comments (0) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Man macht sich als Feministin unter Feministinnen nicht unbedingt Freundinnen, wenn man das Frauenministerium als solches in Frage stellt.  Unsolidarisch! Das soll ja den benachteiligten Frauen helfen. Da muss man dafürsein.
Und ja, am Anfang war das Frauenministerium nicht nur ein wichtiges Symbol, es hatte auch eine Funktion:  die Situation der Frauen zu verbessern. Bloß zeigte sich in 17 Jahren deutlich, dass es das nicht kann.
Oder nur äußerst beschränkt: mit kaum Budget und praktisch keiner Veränderungskompetenz. Die Bilanz der tatsächlichen Leistung ist schon lange mager; man darf vor allem wünschen und informieren. Nationalratspräsidentin und Ex-Frauenministerin Barbara Prammer sagte am Samstag im KURIER: „Es muss immer jemand den Finger auf die Wunde legen.“ Bloß wird eine Wunde davon bekanntlich nicht heil,  im Gegenteil.
Recht hat Prammer, wenn sie streng sanktionierte  Quoten  fordert: Das ist, internationale Beispiele beweisen es, das einzige, das an der Situation der Frauen, beim Einkommen und bei der Verantwortungspartizipation, etwas ändert. Unterbudgetierte Frauenministerien nicht.
Sinnvoller wären gut vernetzte Frauenreferate mit gemeinsamer Öffentlichkeitsarbeit in jedem einzelnen Ministerium, ausgestattet mit der Kompetenz, die Situation der Frauen im jeweiligen Bereich – sei das Wirtschaft oder Justiz, Gesundheit oder Bildung – zu konkret zu verbessern: inkl. Quotenüberwachung.
Tatsache ist: Wir haben seit 17 Jahre ein Frauenministerium, und die Männer-Frauen-Einkommensschere (und wer das Geld hat, hat die Macht und die Wertschätzung) wird jedes Jahr größer.  Allein das zeigt, dass es irgendwie nichts bringt.
24.06.08

Heile, heile Segen

| Comments (0) | 06/08

Die Frage ist, ob das nach der EURO wieder aufhört, oder ob die Fussballnarrischheit des Kindes ein chronischer, unheilbarer Virus ist. Das Virus traf auf offenbar bereits entzündetes Terrain und hat sich jetzt fest  im Kind  eingenistet. Die Hoffnung lebt, dass es zumindest wieder besser wird, wenn das Finalspiel Geschichte ist. (Das Kind hält, nachdem es die Portugiesen bitter enttäuscht haben, jetzt zu Spanien: Am gernsten hat es die Davide Silva und Villa. Und den Torhüter natürlich.)
Ich hege überdies die Zuversicht, dass die Symptome abklingen, wenn das Panini-Album endlich voll ist: 24 fehlen nur noch, von 535; der Weg ist, wenngleich noch steil und steinig, nicht mehr lang.
Ins Kent am Brunnenmarkt nehme ich das Kind morgen lieber nicht mit. Das Kind wird jammern, da es das Kent kennt und mag, weil wir dort nach dem Einkaufen manchmal essen gehen, und es gibt dort zum Hühnerspieß Pommes Frites. Aber zu einem EM-Spiel der Türkei gegen Deutschland... nein.  Ich war einmal mit zwei Freunden im Kent, während am Großbildfernseher über der Bar Fenerbace gegen Rapid spielte und war dann nicht unfroh, dass Fenerbace gewann; persönliche Vorlieben hin oder her.  Das Kind hat  eine unheilvolle Neigung, lauthals zu den Deutschen zu halten , wenn keine Portugiesen und Spanier spielen, und das kommt morgen im Kent vermutlich nicht so gut an. Aber die Deutschen haben doch so tolle Stürmer,!, sagt das Kind.
Und woher hat es das? Von mir nicht. Sondern von dem Virus und aus dem verflixten Panini-Heftl und den Gesprächen, die es beim Tauschen  führt: Der Ballaaaak, juhuuu! Marantjosef. 24 noch. Und  sechs Tage: Heile, heile Segen; bald tut's nimmer weh.
22.06.08

Übersexualisiert, unterinformiert

| Comments (0) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Besorgte Leserinnen und Leser bangen um meineGesundheit. Sie befürchten eine schwere Hautanblicksallergie, nachdem ich diese Woche erst die Totalentkleidung aktionistischer Radfahrer beeinsprucht und dann die Bedeckung männlicher Anlitze mit Barthaar begrüßt habe: Danke, Ihre Anteilnahme rührt mich, aber es geht mir ganz gut.
Freilich führen sowohl die  Temperaturen, als auch die auf vielerlei Weise enthemmend wirkende EM dazu, dass mir im Alltag entschieden mehr Haut vorgeführt wird, als ich gut finde, vor allem: Noch mehr als sonst. Und sonst ist es auch schon zuviel.
Besonders der ständige Anblick immer noch spärlicher bekleideter Teenagerinnen auf der Straße macht mich unrund. Junge Frauen richten sich jetzt gern wie Prostiutierte her: übersexualisiert, unterinformiert.
Das macht Sorge um den Sexualisierungsgrad der Gesellschaft und es macht Sorge um die Mädchen selbst: der Verzicht auf Textilien macht sie  angreifbar, in jedem Sinn des Wortes. Die Sache wird dadurch noch schlimmer, dass immer jüngere Mädchen immer öfter Ballonbrüste wie aus dem Schönheitschirurgiediskonter zur Schau tragen, neben den längst üblichen Konfektionsnasen. Und es ist nur noch deprimierend, dass es notwendig sein soll, eine Altersuntergrenze für Schönheitsoperationen einzuführen, obwohl es eigentlich eh eine gibt – 18 nämlich: Mit Einwilligung der Eltern darf die aber unterschritten werden, und diese Einwilligung gibt es derart häufig, dass man jetzt  Elternresistente Altersgrenzen einführen muss.
Wieder einmal zeigt sich: Verantwortungslose Eltern sind das wahre Problem der Gesellschaft. Darauf sollten wir insgesamt viel allergischer reagieren.
20.06.08

General-Almöhisierung

| Comments (0) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Bei der Jugend- und Berufsjugendfraktion, Abt. Kreativwirtschaft & Pop, bemerkt man sie schon länger: Die Rückkehr des Barts ins Männergesicht. Und nicht der originelle Klobrillen-Wikinger-, Ziegen-, oder Kaiser-Franz-Josef-Bart, der seinen Träger als, hallllooo!, verwegenen Frechdachs ausweisen soll. Sondern das ganz konventionelle, rebellionsfreie Modell Molterer: vollflächig, in gepflegter zehn- bis 20-Tagelänge und gerade soweit ausrasiert, dass es zwischen Gesichts- und Brustbehaarung, zwischen Backen- und Brauenbewuchs noch apere Stellen gibt, die den Träger zuverlässig als Homo Sapiens ausweisen.
Wobei Ausreißer ins Franzfischerlische durchaus gängig sind; denn die Gesichtshecken-Devise der Saison lautet scheints: lieber mehr als weniger. Und was soll man sagen: Den meisten gereicht der Trend zur Natur-Vemummung durchaus zum Vorteil.
Jetzt, wo sogar schon deutsche Format-Fußballer wie Christoph Metzelder den Visagenteppich bei der EURO tragen, ist allerdings zu befürchten, dass aus dem modischen Alternativphänomen flugs eine Massenbewegung wird. Bald werden auch Kienast, Assinger und Gusenbauer einen tragen, und wir stehen – lesen Sie ihre Lippen,  solange man sie noch sieht, – kurz vor der totalen Alpöhisierung der männlichen Gesellschaft.
Das ist a) in Ordnung: denn weniger  Haut ist meistens gut. B)  aber bedauerlich, denn wenn jetzt alle, auch die „Supernanny“-Väter   Vollbärte tragen, während sie ihre kleinen Marvins und Chiaras zur  Schnecke machen, werden sich all die lässigen Kerle, die jetzt so nonchalant den Gesichtsbiber spazierenführen, diesen wohlunverzüglich abrasieren. Nicht! Wär’ schade darum.
19.06.08

Lernen vom Langen

| Comments (0) | 06/08 | Falter-Kolumne

Erstens: Wenn Ihr Kind seit einer halben Stunde geräuschlos im Kinderzimmer bastelt und mit einem Mal einen irrsinnigen Schrei ausstößt: Laden Sie nicht in Ruhe weiter Musik herunter, fragen Sie nicht über die Schulter: Was ist denn? Sondern springen Sie vom Sessel auf und rennen Sie hinüber, denn das Kind hat sich verlässlich weh getan und braucht Ihre Hilfe.

Zweitens, wenn Sie sehen, dass sich das Kind tatsächlich weh getan, nämlich sich mit dem Klammerapparat eine Acht-Millimeter-Klammer in den Finger gejagt hat, verfallen Sie nicht in lautes OHGOTTOHGOTTOHOIOIOIDASISTJAGRAU!EN!HAFT!!!-Gekreisch, das könnte das Kind zusätzlich beunruhigen und ihm das Gefühl geben, die Sache sei noch schlimmer, als sie eh schon ist. (Mensch, Langer, beruhige dich, lass mich das machen, hol ein Pflaster. OHGOTTOHGOTTOHGOTT!)

Drittens: Wenn Sie zum Beispiel gerade eine Wohnung oder ein Haus zu renovieren planen, und das Projekt befindet sich in jener Phase, in der zu klären ist, ob Mauern herausgerissen oder aufgezogen werden, sagen Sie nicht Sachen wie: Also, mir ist wichtig, dass der Läufer im Vorzimmer diesmal nicht aus Sisal ist, das schmutzt so. Das könnte in Ihrer Partnerin Zweifel an der Partnerwahl wecken: Ist er schwul oder blöd, und warum habe ich es bisher nicht gemerkt? (Apropos schwul, der geschätzte Kollege W., H.A.P.P.Y-Aktivist der ersten Stunde, schrieb mir auf meine Panini-Kolumne, nein, er sammelt nicht, aber wenn wir den Robin Van Persie doppelt haben, diesen schnuckeligen Holländer, den nehme er gern, und, nö, woher soll er wissen, was der für eine Nummer hat? Meine Bitte an dieser Stelle: Wäre es möglich, liebe Schwule, dass ihr hin und wieder ein bissl weniger dem Klischee über euch entsprecht? Das ist ja beängstigend.)

Viertens: Wenn Ihre Partnerin bereits wiederholt bewiesen hat, dass sie das Her- und Einrichten von Wohnstätten soweit beherrscht, dass Sie sich darin trotz (die Partnerin: aufgrund) des Verzichts auf eigenes Zutun pudelwohl fühlen, streiten Sie nicht mit ihr über die Form des Hangerlhakens. Überdies sind Aussagen wie „Dieses Zimmer möchte ich auf keinen Fall als Schlafzimmer, ich fand es unheimlich stickig“, geeignet, Ihre Kompetenz in allen Lebensdingen in Frage zu stellen, besonders wenn selbst für eine Zweijährige offensichtlich ist, dass besagtes Zimmer seit etwa acht Jahren nicht gelüftet wurde.

Fünftens: Wenn Sie gerade in den Urlaub fahren und Ihre Partnerin hat alles gepackt – die Kindersachen, die Familiensachen, die Badesachen, den Proviant und das Auto – sehen Sie großzügig darüber hinweg, dass Ihre Lieblingskekssorte nicht dabei ist. Speziell ab dem Moment, in dem Ihnen klar geworden ist, dass Sie in langen Hosen und Halbschuhen zum Strand müssen, weil Sie vergessen haben, Ihre kurze Hose und die Flipflops einzupacken.

Sechstens, sagen Sie nicht: England. Besonders, wenn Ihr Kind Sie fragt, wer Ihr Favorit bei der EM ist.
19.06.08

Sportliche Exhibitionisten

| Comments (0) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Der Verkehr ist, – baba Cordoba, grüßgott Energiekrise – ein Thema und wird eins bleiben. Alte Fragen stellen sich, neue Antworten werden notwendig: Muss ich  unbedingt da hin? Wie komme ich dort hin? Was kostet das die Umwelt? Was kostet das mich? 
Bei der Personen- und Kleinwarenbeförderung auf kurzen Strecken gibt es eine schon länger bekannte Alternative zum PKW, die, da fährt der SUV drüber, in nächster Zeit einen gewaltigen Bedeutungsschub erfahren wird. Ja, das Fahrrad. Und, richtig, noch nicht überall, zum Beispiel in Wien nicht, ist man infrastrukturell für eine signifikante Erhöhung des Radverkehrsanteils gerüstet. Zur Betonung dieses Sachverhalts wird kommenden Freitag zu drastischen Mitteln gegriffen: Beim „Naked Bike Ride“ soll mit dem Mittel des unbekleideten Drahteselreitens „auf Gefahren für Radler und Fußgänger im Straßenverkehr aufmerksam gemacht werden“, und das ist eine ziemlich kontraproduktive Idee.
Nacktheit taugte circa vor 25 Jahren letztmalig als Mittel der Erregung. (Es bedarf ja keineswegs mehr der Entklemmung der Gesellschaft; das akute Problem ist vielmehr, wie man die Leute dazu kriegt, sich wieder großzügiger zu bedecken.) Und falls es nicht provokant gemeint ist, sondern witzig: ujegerl.
Ein Irrweg ist es so oder so, denn welche Botschaft kommt bei Dorli Durchschnitt an? Aha, Radfahren ist etwas für sportliche Exhibitionisten, die gern ihre nackigen Hinterbacken über Radsättel labbern lassen: nichts für mich. Man macht das Radfahren – und die berechtigten Anliegen der Radler – nicht mehrheitsfähig, wenn man es als abseitiges Hobby einer merkwürdigen Minderheiten vorführt. Und auf keinen Fall attraktiver.

18.06.08

Grüezi am Swiss Beach

| Comments (0) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Die Schweizer haben in Wien ihr eigenes Public-Viewing-Areal eingerichtet: Dort, wo sich sonst die Herrmann-Bar befindet. Und dort, wo man sonst in die Herrmann-Bar abgeht, bei der Urania, betritt man  jetzt den Swiss Beach: wenn man eine VIP ist. Wenn man keine VIP ist, wird man von freundlichen, körperlich gut definierten Herren darüber informiert, dass man da 300 Meter durch den 3. Bezirk und da hinüber und dann am Kanal entlang wieder zurück gehen müsse, da sei dann der Eingang. Aha.
Ich sperre mein Rad wieder auf, suche mir  einen Weg durch Baustellen  und über Gehwege und erreiche  via Hundertwasserhaus schließlich mein Ziel: mea culpa, ich habe eine Unterführung übersehen. Am Eingang erklären mir freundliche, schön definierte Herren, dass ich mein Rad mindestens 30 Meter entfernt  abstellen müsse; Sicherheitsgründe. Meine Tasche wird durchsucht und durch einen impostanten Sperrgitter-Slalom gelange ich endlich an die Swiss Beach, wo sich zu Match-Beginn gerade einmal ein paar Dutzend Besucher eingefunden haben, was mich nicht wundert.
Es ist sehr rot am Swiss Beach, und die Eidgenossen haben sich ein ausgefuchstes gastronomisches Konzept überlegt: Es gibt typisch österreichische  Köstlichkeiten („Käsenockerl mit Röstzwiebeln“ und „Hühnerbruststreifen“, fertig) und typisch schweizerische, darunter, kein Witz, „Zürcher Rösti vom Huhn“.
Beim Rückweg sehe ich, dass ich mit dem Rad eh hätte bei der Urania hinunterfahren dürfen: Weil es den Schweizern zwar gelungen ist, den Gehweg für Not Important Persons sperren zu lassen, leider aber nicht den Radweg. Dafür muss ich schieben; Sicherheitsgründe. Eh. Servus in Wien, liebe Schweizer!

« zurück weiter »
  weiter »