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Doris Knecht
der doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
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29.06.08

Hamstergen-Opfer

| Comments (1) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Gestern war es eine ungeöffnete Packung Pumpernickel, die ganz hinten im Kühlschrank schon im 15. April abgelaufen war. Letzte Woche ein Joghurt im Büro, auf Vorrat gekauft, schlecht geworden, wegen längerer Abwesenheit. Das sind schon einmal Lebensmittel im Wert von fast vier Euro, die diese Woche ungeöffnet im Mist gelandet sind; weggeworfen mit schlechtem Gewissen und guten Vorsätzen für die Zukunft: aber was soll man jetzt im Moment machen; kaputt ist kaputt.
100 Euro schmeißt, das fand die BOKU in einer Studie heraus, jede Österrreicherin und jeder Österreicher jährlich an originalverpackten  Lebensmittel in den Mistkübel. Das mal 8.308.906: das ist ein brutaler Berg Essen und ein gewaltiger Betrag .
Es passiert halt. Mitschuld ist die Evolution, die offenbar noch nichts von Überflussgesellschaft und den liberalen Ladenöffnungszeiten gehört hat, welche es allmählich erlauben würden, das Hamster- und Vorratsgen im Organismus der westlichen Industriemenschen ein wenig verkümmern zu lassen. Denn natürlich ist es eher unwahrscheinlich, dass es je notwendig sein wird, wochenlang ohne Außenkontakt in der Wohnung überleben oder unverhofft eine Hundertschaft hungriger Gäste verpflegen zu müssen... Aber falls es passiert: ich könnte.
Das ist dumm. Und es basiert auf  diesem Luxuslebensprinzip, dass immer alles sofort verfügbar muss, wonach es einem gelüstet. Außerdem schenkt uns der Handel immer häufiger zu dem was wir brauchen und kaufen, noch etwas dazu, was wir nicht brauchen. Aber da es gratis ist... Zur Not schmeißen wir’s weg, ist ja offenbar nichts wert.
 Ist es doch. Wir haben nur das Gefühl dafür verloren.

28.06.08

So ein Tag, so minderschön wie heute

| Comments (0) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Das war nicht immer ein schöner Tag. In der Volksschule ja, in der Hauptschule auch: Da war es der Tag, an dem man einen Zettel mit nichts als Einsern und Zweiern darauf heimbrachte, dafür von den Großeltern die Wangen getätschelt und die Hand mit Münzen gefüllt bekam, und neun volle Ferienwochen breiteten sich verheißungsvoll vor einem aus.
Danach, in der Mittelschule,  verlor der Tag viel von seinem Reiz: Es war der  Tag, an dem die Zahlenwerte auf dem Zettel den Großeltern kaum mehr Anlass gaben, voller Stolz auf die tüchtige Enkelin das Börsel zu zücken. Auch fand sich auf dem Zettel die unangenehme Rubrik „Betragen in der Schule:“ neben der eigentlich nie Lobenderes stand als Zufriedenstellend, und öfter als einmal  Wenig zufriedenstellend. Völlig ungerechtfertigterweise, also in den Augen der Schülerin, die den Eltern erfolglos zu erklären versuchte, das liege nur am pädagogischen Unvermögen inkompetenter Lehrer, denen es nicht gelänge, die Schüler so für den Lehrstoff zu interessieren, dass diese ihm  zu folgen gewillt seien, anstatt...  Schwamm drüber. 
Es war also der Tag, an dem man gesenkten Hauptes vor seine Erzeuger trat  und, Zerknirschung in der Visage, Besserung gelobte. Und leider lagen auch keine neun vollen Wochen Ferien vor einem, sondern nur vier, fünf, höchsten sechs, weil man den Rest der Zeit – eigene Wünsche erwangen, die Erziehungsberechtigten wollten es – in Altersheimen, Konservenfabriken, Wäschereien, Druckereien oder Büros schuftete.
Schließlich war es dann einmal der Tag, an dem auf dem Zettel  Fünfer leuchteten. Und: Nein.  Durchgefallen, Klasse wiederholt. Und alles ganz gut überstanden: Auch wenns an jenem minderschönen Tag höchst unwahrscheinlich schien.


26.06.08

Gut für die Einwanderer

| Comments (0) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Am letzten Tag am Land fuhren wir, Freundinnen und Kinder, mit den Rädern den Bach entlang, fanden einen schattigen Platz und duschten uns unterm Wasserfall die Hitze aus den Köpfen. Als wir unsere Räder wieder hinauf zum Weg schoben, hatte sich am Ufer ein gutes Dutzend Türkinnen um einen großen Grill eingefunden, mit einer Steige voller Hühnerteile, einem Berg Fleischlaberl und Schüsseln voller Salat.
Bevor wir auch nur äh sagen konnten, hatten wir alle riesige mit fantastisch gewürzten Sachen gefüllte Weißbrotteile in der Hand: tatsächlich einfach so. Es war überraschend und rührend und saugut. Und wenn wir nicht schon etwas in Eile gewesen wären, hätten wir uns vielleicht dazu gesetzt und mit den Frauen geplaudert: aber ich glaube, außer der Dame am Grill und den jungen, offenbar hier geborenen Frauen hätten wir uns eh nicht wirklich unterhalten können.
Später hörte ich in den Nachrichten, dass von Einwanderern jetzt Sprachkenntnisse verlangt werden, und fand es richtig. Nicht aus einem Die-sollen-sich-gefälligst-integrieren-und-anpassen-Impuls heraus, sondern, weil es in erster Linie gut für die Einwander ist. Die beliebten Auswandererdokusoaps zeigen schön, was passiert, wenn Deutsche und Österreich in Länder siedeln, deren Sprache sie nicht beherrschen: Meistens kommen sie bald zurück, weil sie keine qualifizierte Arbeit finden und keinen Anschluss.
Natürlich man auch einfach hierher ziehen, hier wohnen, Kinder versorgen, toll kochen und dahergelaufene Einheimische zu herrlichem Essen einladen, ohne je Deutsch zu lernen: Aber die Möglichkeiten erweitern sich enorm, wenn man es kann. Und mehr Möglichkeiten sind immer besser als keine.
24.06.08

der Finger heilt die Wunde nicht

| Comments (0) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Man macht sich als Feministin unter Feministinnen nicht unbedingt Freundinnen, wenn man das Frauenministerium als solches in Frage stellt.  Unsolidarisch! Das soll ja den benachteiligten Frauen helfen. Da muss man dafürsein.
Und ja, am Anfang war das Frauenministerium nicht nur ein wichtiges Symbol, es hatte auch eine Funktion:  die Situation der Frauen zu verbessern. Bloß zeigte sich in 17 Jahren deutlich, dass es das nicht kann.
Oder nur äußerst beschränkt: mit kaum Budget und praktisch keiner Veränderungskompetenz. Die Bilanz der tatsächlichen Leistung ist schon lange mager; man darf vor allem wünschen und informieren. Nationalratspräsidentin und Ex-Frauenministerin Barbara Prammer sagte am Samstag im KURIER: „Es muss immer jemand den Finger auf die Wunde legen.“ Bloß wird eine Wunde davon bekanntlich nicht heil,  im Gegenteil.
Recht hat Prammer, wenn sie streng sanktionierte  Quoten  fordert: Das ist, internationale Beispiele beweisen es, das einzige, das an der Situation der Frauen, beim Einkommen und bei der Verantwortungspartizipation, etwas ändert. Unterbudgetierte Frauenministerien nicht.
Sinnvoller wären gut vernetzte Frauenreferate mit gemeinsamer Öffentlichkeitsarbeit in jedem einzelnen Ministerium, ausgestattet mit der Kompetenz, die Situation der Frauen im jeweiligen Bereich – sei das Wirtschaft oder Justiz, Gesundheit oder Bildung – zu konkret zu verbessern: inkl. Quotenüberwachung.
Tatsache ist: Wir haben seit 17 Jahre ein Frauenministerium, und die Männer-Frauen-Einkommensschere (und wer das Geld hat, hat die Macht und die Wertschätzung) wird jedes Jahr größer.  Allein das zeigt, dass es irgendwie nichts bringt.
24.06.08

Heile, heile Segen

| Comments (0) | 06/08

Die Frage ist, ob das nach der EURO wieder aufhört, oder ob die Fussballnarrischheit des Kindes ein chronischer, unheilbarer Virus ist. Das Virus traf auf offenbar bereits entzündetes Terrain und hat sich jetzt fest  im Kind  eingenistet. Die Hoffnung lebt, dass es zumindest wieder besser wird, wenn das Finalspiel Geschichte ist. (Das Kind hält, nachdem es die Portugiesen bitter enttäuscht haben, jetzt zu Spanien: Am gernsten hat es die Davide Silva und Villa. Und den Torhüter natürlich.)
Ich hege überdies die Zuversicht, dass die Symptome abklingen, wenn das Panini-Album endlich voll ist: 24 fehlen nur noch, von 535; der Weg ist, wenngleich noch steil und steinig, nicht mehr lang.
Ins Kent am Brunnenmarkt nehme ich das Kind morgen lieber nicht mit. Das Kind wird jammern, da es das Kent kennt und mag, weil wir dort nach dem Einkaufen manchmal essen gehen, und es gibt dort zum Hühnerspieß Pommes Frites. Aber zu einem EM-Spiel der Türkei gegen Deutschland... nein.  Ich war einmal mit zwei Freunden im Kent, während am Großbildfernseher über der Bar Fenerbace gegen Rapid spielte und war dann nicht unfroh, dass Fenerbace gewann; persönliche Vorlieben hin oder her.  Das Kind hat  eine unheilvolle Neigung, lauthals zu den Deutschen zu halten , wenn keine Portugiesen und Spanier spielen, und das kommt morgen im Kent vermutlich nicht so gut an. Aber die Deutschen haben doch so tolle Stürmer,!, sagt das Kind.
Und woher hat es das? Von mir nicht. Sondern von dem Virus und aus dem verflixten Panini-Heftl und den Gesprächen, die es beim Tauschen  führt: Der Ballaaaak, juhuuu! Marantjosef. 24 noch. Und  sechs Tage: Heile, heile Segen; bald tut's nimmer weh.
22.06.08

Übersexualisiert, unterinformiert

| Comments (0) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Besorgte Leserinnen und Leser bangen um meineGesundheit. Sie befürchten eine schwere Hautanblicksallergie, nachdem ich diese Woche erst die Totalentkleidung aktionistischer Radfahrer beeinsprucht und dann die Bedeckung männlicher Anlitze mit Barthaar begrüßt habe: Danke, Ihre Anteilnahme rührt mich, aber es geht mir ganz gut.
Freilich führen sowohl die  Temperaturen, als auch die auf vielerlei Weise enthemmend wirkende EM dazu, dass mir im Alltag entschieden mehr Haut vorgeführt wird, als ich gut finde, vor allem: Noch mehr als sonst. Und sonst ist es auch schon zuviel.
Besonders der ständige Anblick immer noch spärlicher bekleideter Teenagerinnen auf der Straße macht mich unrund. Junge Frauen richten sich jetzt gern wie Prostiutierte her: übersexualisiert, unterinformiert.
Das macht Sorge um den Sexualisierungsgrad der Gesellschaft und es macht Sorge um die Mädchen selbst: der Verzicht auf Textilien macht sie  angreifbar, in jedem Sinn des Wortes. Die Sache wird dadurch noch schlimmer, dass immer jüngere Mädchen immer öfter Ballonbrüste wie aus dem Schönheitschirurgiediskonter zur Schau tragen, neben den längst üblichen Konfektionsnasen. Und es ist nur noch deprimierend, dass es notwendig sein soll, eine Altersuntergrenze für Schönheitsoperationen einzuführen, obwohl es eigentlich eh eine gibt – 18 nämlich: Mit Einwilligung der Eltern darf die aber unterschritten werden, und diese Einwilligung gibt es derart häufig, dass man jetzt  Elternresistente Altersgrenzen einführen muss.
Wieder einmal zeigt sich: Verantwortungslose Eltern sind das wahre Problem der Gesellschaft. Darauf sollten wir insgesamt viel allergischer reagieren.
20.06.08

General-Almöhisierung

| Comments (0) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Bei der Jugend- und Berufsjugendfraktion, Abt. Kreativwirtschaft & Pop, bemerkt man sie schon länger: Die Rückkehr des Barts ins Männergesicht. Und nicht der originelle Klobrillen-Wikinger-, Ziegen-, oder Kaiser-Franz-Josef-Bart, der seinen Träger als, hallllooo!, verwegenen Frechdachs ausweisen soll. Sondern das ganz konventionelle, rebellionsfreie Modell Molterer: vollflächig, in gepflegter zehn- bis 20-Tagelänge und gerade soweit ausrasiert, dass es zwischen Gesichts- und Brustbehaarung, zwischen Backen- und Brauenbewuchs noch apere Stellen gibt, die den Träger zuverlässig als Homo Sapiens ausweisen.
Wobei Ausreißer ins Franzfischerlische durchaus gängig sind; denn die Gesichtshecken-Devise der Saison lautet scheints: lieber mehr als weniger. Und was soll man sagen: Den meisten gereicht der Trend zur Natur-Vemummung durchaus zum Vorteil.
Jetzt, wo sogar schon deutsche Format-Fußballer wie Christoph Metzelder den Visagenteppich bei der EURO tragen, ist allerdings zu befürchten, dass aus dem modischen Alternativphänomen flugs eine Massenbewegung wird. Bald werden auch Kienast, Assinger und Gusenbauer einen tragen, und wir stehen – lesen Sie ihre Lippen,  solange man sie noch sieht, – kurz vor der totalen Alpöhisierung der männlichen Gesellschaft.
Das ist a) in Ordnung: denn weniger  Haut ist meistens gut. B)  aber bedauerlich, denn wenn jetzt alle, auch die „Supernanny“-Väter   Vollbärte tragen, während sie ihre kleinen Marvins und Chiaras zur  Schnecke machen, werden sich all die lässigen Kerle, die jetzt so nonchalant den Gesichtsbiber spazierenführen, diesen wohlunverzüglich abrasieren. Nicht! Wär’ schade darum.
19.06.08

Lernen vom Langen

| Comments (0) | 06/08 | Falter-Kolumne

Erstens: Wenn Ihr Kind seit einer halben Stunde geräuschlos im Kinderzimmer bastelt und mit einem Mal einen irrsinnigen Schrei ausstößt: Laden Sie nicht in Ruhe weiter Musik herunter, fragen Sie nicht über die Schulter: Was ist denn? Sondern springen Sie vom Sessel auf und rennen Sie hinüber, denn das Kind hat sich verlässlich weh getan und braucht Ihre Hilfe.

Zweitens, wenn Sie sehen, dass sich das Kind tatsächlich weh getan, nämlich sich mit dem Klammerapparat eine Acht-Millimeter-Klammer in den Finger gejagt hat, verfallen Sie nicht in lautes OHGOTTOHGOTTOHOIOIOIDASISTJAGRAU!EN!HAFT!!!-Gekreisch, das könnte das Kind zusätzlich beunruhigen und ihm das Gefühl geben, die Sache sei noch schlimmer, als sie eh schon ist. (Mensch, Langer, beruhige dich, lass mich das machen, hol ein Pflaster. OHGOTTOHGOTTOHGOTT!)

Drittens: Wenn Sie zum Beispiel gerade eine Wohnung oder ein Haus zu renovieren planen, und das Projekt befindet sich in jener Phase, in der zu klären ist, ob Mauern herausgerissen oder aufgezogen werden, sagen Sie nicht Sachen wie: Also, mir ist wichtig, dass der Läufer im Vorzimmer diesmal nicht aus Sisal ist, das schmutzt so. Das könnte in Ihrer Partnerin Zweifel an der Partnerwahl wecken: Ist er schwul oder blöd, und warum habe ich es bisher nicht gemerkt? (Apropos schwul, der geschätzte Kollege W., H.A.P.P.Y-Aktivist der ersten Stunde, schrieb mir auf meine Panini-Kolumne, nein, er sammelt nicht, aber wenn wir den Robin Van Persie doppelt haben, diesen schnuckeligen Holländer, den nehme er gern, und, nö, woher soll er wissen, was der für eine Nummer hat? Meine Bitte an dieser Stelle: Wäre es möglich, liebe Schwule, dass ihr hin und wieder ein bissl weniger dem Klischee über euch entsprecht? Das ist ja beängstigend.)

Viertens: Wenn Ihre Partnerin bereits wiederholt bewiesen hat, dass sie das Her- und Einrichten von Wohnstätten soweit beherrscht, dass Sie sich darin trotz (die Partnerin: aufgrund) des Verzichts auf eigenes Zutun pudelwohl fühlen, streiten Sie nicht mit ihr über die Form des Hangerlhakens. Überdies sind Aussagen wie „Dieses Zimmer möchte ich auf keinen Fall als Schlafzimmer, ich fand es unheimlich stickig“, geeignet, Ihre Kompetenz in allen Lebensdingen in Frage zu stellen, besonders wenn selbst für eine Zweijährige offensichtlich ist, dass besagtes Zimmer seit etwa acht Jahren nicht gelüftet wurde.

Fünftens: Wenn Sie gerade in den Urlaub fahren und Ihre Partnerin hat alles gepackt – die Kindersachen, die Familiensachen, die Badesachen, den Proviant und das Auto – sehen Sie großzügig darüber hinweg, dass Ihre Lieblingskekssorte nicht dabei ist. Speziell ab dem Moment, in dem Ihnen klar geworden ist, dass Sie in langen Hosen und Halbschuhen zum Strand müssen, weil Sie vergessen haben, Ihre kurze Hose und die Flipflops einzupacken.

Sechstens, sagen Sie nicht: England. Besonders, wenn Ihr Kind Sie fragt, wer Ihr Favorit bei der EM ist.
19.06.08

Sportliche Exhibitionisten

| Comments (0) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Der Verkehr ist, – baba Cordoba, grüßgott Energiekrise – ein Thema und wird eins bleiben. Alte Fragen stellen sich, neue Antworten werden notwendig: Muss ich  unbedingt da hin? Wie komme ich dort hin? Was kostet das die Umwelt? Was kostet das mich? 
Bei der Personen- und Kleinwarenbeförderung auf kurzen Strecken gibt es eine schon länger bekannte Alternative zum PKW, die, da fährt der SUV drüber, in nächster Zeit einen gewaltigen Bedeutungsschub erfahren wird. Ja, das Fahrrad. Und, richtig, noch nicht überall, zum Beispiel in Wien nicht, ist man infrastrukturell für eine signifikante Erhöhung des Radverkehrsanteils gerüstet. Zur Betonung dieses Sachverhalts wird kommenden Freitag zu drastischen Mitteln gegriffen: Beim „Naked Bike Ride“ soll mit dem Mittel des unbekleideten Drahteselreitens „auf Gefahren für Radler und Fußgänger im Straßenverkehr aufmerksam gemacht werden“, und das ist eine ziemlich kontraproduktive Idee.
Nacktheit taugte circa vor 25 Jahren letztmalig als Mittel der Erregung. (Es bedarf ja keineswegs mehr der Entklemmung der Gesellschaft; das akute Problem ist vielmehr, wie man die Leute dazu kriegt, sich wieder großzügiger zu bedecken.) Und falls es nicht provokant gemeint ist, sondern witzig: ujegerl.
Ein Irrweg ist es so oder so, denn welche Botschaft kommt bei Dorli Durchschnitt an? Aha, Radfahren ist etwas für sportliche Exhibitionisten, die gern ihre nackigen Hinterbacken über Radsättel labbern lassen: nichts für mich. Man macht das Radfahren – und die berechtigten Anliegen der Radler – nicht mehrheitsfähig, wenn man es als abseitiges Hobby einer merkwürdigen Minderheiten vorführt. Und auf keinen Fall attraktiver.

18.06.08

Grüezi am Swiss Beach

| Comments (0) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Die Schweizer haben in Wien ihr eigenes Public-Viewing-Areal eingerichtet: Dort, wo sich sonst die Herrmann-Bar befindet. Und dort, wo man sonst in die Herrmann-Bar abgeht, bei der Urania, betritt man  jetzt den Swiss Beach: wenn man eine VIP ist. Wenn man keine VIP ist, wird man von freundlichen, körperlich gut definierten Herren darüber informiert, dass man da 300 Meter durch den 3. Bezirk und da hinüber und dann am Kanal entlang wieder zurück gehen müsse, da sei dann der Eingang. Aha.
Ich sperre mein Rad wieder auf, suche mir  einen Weg durch Baustellen  und über Gehwege und erreiche  via Hundertwasserhaus schließlich mein Ziel: mea culpa, ich habe eine Unterführung übersehen. Am Eingang erklären mir freundliche, schön definierte Herren, dass ich mein Rad mindestens 30 Meter entfernt  abstellen müsse; Sicherheitsgründe. Meine Tasche wird durchsucht und durch einen impostanten Sperrgitter-Slalom gelange ich endlich an die Swiss Beach, wo sich zu Match-Beginn gerade einmal ein paar Dutzend Besucher eingefunden haben, was mich nicht wundert.
Es ist sehr rot am Swiss Beach, und die Eidgenossen haben sich ein ausgefuchstes gastronomisches Konzept überlegt: Es gibt typisch österreichische  Köstlichkeiten („Käsenockerl mit Röstzwiebeln“ und „Hühnerbruststreifen“, fertig) und typisch schweizerische, darunter, kein Witz, „Zürcher Rösti vom Huhn“.
Beim Rückweg sehe ich, dass ich mit dem Rad eh hätte bei der Urania hinunterfahren dürfen: Weil es den Schweizern zwar gelungen ist, den Gehweg für Not Important Persons sperren zu lassen, leider aber nicht den Radweg. Dafür muss ich schieben; Sicherheitsgründe. Eh. Servus in Wien, liebe Schweizer!

18.06.08

Vom richtigen Zeitpunkt

| Comments (1) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Wenn es einen schlechten Zeitpunkt gibt um eine Kolumne zu schreiben, dann den augenblicklichen: Denn zwischen dem Verfassen und dem Erscheinen dieses Textes liegt das Ereignis der Saison, wo vielleicht nichts Ungewöhnliches, vielleicht aber Historisches passiert. Da kann man einerseits nicht so tun, als wär’s ein ganz normaler Montag, auf den ein ganz normaler Dienstag folgt. Andererseits sollte man sich erfahrungsgemäß lieber nicht in kühne Behauptungen versteigen: Was ist peinlicher als die Prophezeiung, die schon bei der Auslieferung der Zeitung von der Geschichte falsifiziert wird? Zudem liegt Schopenhausers „Kunst, Recht zu behalten“ leider auf meinem anderen Schreibtisch, kann also ausgerechnet in diesem heiklen Moment nicht konsultiert werden. Aber es enthält, soweit ich mich entsinne, sowieso keine Vorschläge, wie mit historischen Fußballereignissen zu verfahren sei, die zum Zeitpunkt des Erscheinens einer auf sie bezogenen Schrift schon Historie sein  werden.
Meine fußballnarrischen Kinder dagegen finden, es sei derzeit allerweil der richtige Zeitpunkt, besonders abends, weil ihre Mutter es nicht übers Herz brachte, ihnen zu verbieten, den Deutschländern, Frankreichern, Tschechiern und vor allem ihren Lieblingen, den Portugallern, vorm Fernseher beim Fußballspielen zuzusehen.
Leider finden die Matches fortan nur noch nach acht statt, normalerweise der unverhandelbar richtige Zeitpunkt, ein Kind ins Bett zu schicken. Na gut, die erste Halbzeit, aber dann ohne Geraunze! Außer vielleicht beim   historischen Spiel, bei dem die Österreicher vielleicht die Deutschen besiegt haben werden oder auch nicht, also heute Abend, also gestern, also... Ach, Sie wissen schon.
17.06.08

Extra-Chuzpe

| Comments (0) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Es gab an dieser Stelle bemerkenswert lange keine Beschwerden über die Post mehr; aber jetzt. Familie H. schreibt: Der erwachsene Sohn  wollte den Eltern  eine Freude machen, steckte einen USB-Stick mit neuen Fotos der Enkel in ein gepolstertes Kuvert, klebte es zu und verschickte es mit der Post. Das Kuvert kam an; geöffnet, leer und mit Tixo wieder zugepickt. Das ist einmal etwas anderes als  das, was ein Freund immer wieder mit CDs erlebt, die er dienstlich von Plattenfirmen zuschickt bekommt: Die müssen  nicht selten öfter als zweimal versandt werden,  weil sie am Postweg einfach spurlos verschwinden. Ein  Kuvert leerzufladern und es dann den Postweg beenden zu lassen, ist allerdings Extra-Chuzpe.
Ein paar Nachträge zu Kolumnen der vergangenen Tage: Der Swiss Beach ist nun für alle, nicht mehr  nur für VIPs, über den Urania-Abgang bei der Herrmannbar zu betreten: hurra.
Sofie A., die mit ihrem Enkel Ärger in der Oper hatte, bedankt sich herzlich für eine Entschuldigung und zwei Karten für eine Kindervorführung. Das ist  nett. (Eine  Kollegin der Billeteurin hat diese in einem Mail an mich sehr verteidigt, was auch nett ist:  Ich möchte  dazu klarstellen, dass es nicht darum ging, eine Mitarbeiterin, die sich an die Vorschriften hielt, zu kritisieren, sondern die Vorschriften.)
Und der LiLäLa-Eintrag zu den offenbar geistesgestörten Männern, die wahl- und grundlos  Menschen  stoßen oder  schlagen, wird nach Leser-Einsprüchen  wieder gelöscht: Das habe auf einer Liste Lässliche Laster nix verloren, denn Körperverletzung sei eben kein lässliches Laster wie auf den Boden spucken oder in der U-Bahn Pizza essen, sondern  eine Straftat.  Und wo meine Leser Recht haben, bekommen sie Recht.
15.06.08

Wichtiger als Fußball

| Comments (0) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Es gibt, auch wenn das augenblicklich die totale Ketzerei und schwer zu glauben ist, im Universum ein, zwei Dinge, die noch wichtiger sind als Fußball. Doch: ich kann es beweisen, denn während des EM-Spiels SchwedenGriechenland  saß Hans Krankl beim Bob Dylan-Konzert in der zweiten Reihe, und zwar bis nach der zweiten Zugabe. Nein, warten Sie, ich kann nicht garantieren, dass er nicht, wie ich, während „Highway 61 revisited“ von seinem Sitz aufgesprungen und nach vorne an den Bühnenrand gestürmt ist, was während Dylan-Konzerten eine Publikumspflicht ist wie die Sprechchöre im Fußball-Stadion. Den Saal habe ich Krankl jedenfalls erst verlassen sehen, als der letzte Ton endgültig und unwiderruflich verklungen war; da aber eilig.
Allerdings gebe ich zu, dass Fußball vorgestern, in der 93. Spielminute, auch in meinem Leben ein wenig an Bedeutung gewann, denn natürlich gelingt es nicht mal einer bis auf die Knochen abgebrühten EUROSkeptiker-Hexe wie mir, sich einem Ereignis wie dem Vastic-Treffer zu entziehen; boah, ja, gut. (Mein Kind hat sich anderntags fürchterlich beschwert, warum ausgerechnet dieser Vastic, eindeutig ein Fußballgott, nicht im Panini-Album zu finden ist; Schweinerei! sagt mein Kind.)
Sagt man nicht!, sage ich, obwohl ich des Kindes Meinung teile, denn  Vastic hat mit seinem Treffer die Chance reanimiert. Und die EURO macht schon mehr Freude (die EUROSkeptiker: lässt sich gerade noch ertragen), wenn man selbst noch mitspielen darf. Denn würde, jetzt nur zum Beispiel, Bob Dylan in meiner Küche auftreten und ich müsste vor der Tür lauschen, fände ich das eher semi-euphorisierend. Die Schweizer werden mir das eventuell bestätigen.
15.06.08

Es soll aufhören

| Comments (0) | 06/08 | Falter-Kolumne

Bereits im ersten Drittel der ersten Halbzeit des ersten EURO-Matches erleide ich einen Hörsturz, dank ununterbrochenen Freudengeheuls der Mimis. Erstens, sie dürfen fernsehen. Zweitens, sie dürfen Fußball fernsehen; was vor allem das Bubenmimi in einen Begeisterungstaumel versetzt, für den ich Unterhaltungschemie im Gegenwert eines Designersofas benötigte.

Das Bubenmimi spricht von morgens um sechs bis abends um acht ohne Unterbrechung nur noch über Fußball. Mein Tag beginnt mit der Anhörung glühender Referate über tschechische Torwarte und schwedische Stürmer und endet mit der Akklamation aller fixfertigen Mannschaftspuzzles im Panini-Album. (Es sind acht. Ich weiß es. Sie hat mir die freudvolle Neuigkeit schon etwa 600 Mal überbracht.) Dieses verfluchte Panini-Album; das ich zugegebnermaßen selbst ins Haus geschleppt habe, und zwar mit einem kecken Grinsen, das, wie ich jetzt weiß, meine komplette, lückenlose Ahnungslosigkeit darüber illustrierte, was dieses Teufelszeug aus Kindern macht.

Kollegin B. hat mir erzählt, dass ihr Neunjähriger kürzlich vom Telefon der Lehrerin anrief, weinend, weil er den Aufhauser verloren hat, und beides ist im normalen Alltag eines Neunjährigen undenkbar: Weinen, die Mama anrufen, wie ein Baby. Ein Pickerl mit dem Antlitz eines österreichischen Nationalspielers machts möglich. Wir hatten den Aufhauser; spontan erklärten die Kollegin und ich die Tauschbörse „Mürbe Mütter, die wollen, dass es aufhört“ für gegründet und mailen uns seither gegenseitig lange Zahlenlisten zu, wie Verschlüsselungsspezialisten. Wie Verrückte.

Wobei ich sagen muss, dass das andere Mimi nicht unbedingt den nötigen Ernst für den Panini-Irrsinn mitbringt; einerseits: halleluja, lobet den Herrn. Andererseits zwingt das die Mutter dazu, in der ganzen Wohnung nachlässig gehortete Fussballstars einzusammeln und einzupicken: Sie schlafen in den Betten des Puppenhauses, lächeln nach Frisuren sortiert vom Badezimmerregal und rütteln am Gitter des Playmobil-Gefangenentransporters. Und sie erfüllen in keiner Weise mehr den Zweck, dessentwegen sie überhaupt mit den Mimis bekannt gemacht wurden: Denn sie waren, pro 5-Stück-Packerl, dazu rekrutiert, die Mimis dazu zu kriegen, freiwillig ihr Zimmer aufzuräumen. (Spießerin! Spießerin! Hören Sie auf. Ich bin bei der „Wunder von Wien“-Premiere von Herrn Rubinwitz deswegen bereits erschöpfend gedögelt worden, dankeschön.) Allerdings hat es sich als wenig moralisierend erwiesen, ein Kind eine halbe Stunde aufräumen zu lassen und ihm dann gönnerhaft ein Packerl Paninis zu überreichen, von dem es jedes einzelne schon hat; „Hysterie“ beschreibt die Folgen überaus unzureichend. Nun schmeiße ich ihnen jeden Tag freiwillig und ungebeten drei Packerl in den Rachen, renn mit ihnen auf Tauschbörsen und schreibe lange Zahlenlisten in emails und Blog. Es muss endlich aufhören; es reicht.
13.06.08

Missverständnisse

| Comments (1) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Der Kollege R. besitzt schon zwei: „EM-Anti-Missverständnis-Sets“, die er gratis zu BIPA-Einkäufen dazu bekam. Die Sets enthalten eine Schiedsrichterpfeife, eine gelbe, eine rote und ein pinkfarbene Karte.
Die gelbe: „BIER!“ Umseitig:  „Schatz! Du hast so schöne gepflegte Beine: Sei doch so nett und lauf damit mal rüber zum Kühlschrank und hol‘ mir ein kühles Erfrischungsgetränk, damit ich deinen eleganten Laufstil bewundern kann.“ Die rote:  „RUHE!“ Auf der Rückseite: „Schatz! Deine Lippen sind so sinnlich und wunderschön. Aber wusstest du, dass sie am allerschönsten sind, wenn du sie geschlossen hast?“ Die pinke: „SEX!“ Und: „Schatz! Du hast mich 90 Minuten mit deinem tollen Look abgelenkt. Jetzt würde ich mich freuen, wenn wir das Fußballspiel als Vorspiel sehen würden und direkt zur Sache kommen könnten.“
Dreimal dürfen Sie raten, wer sich sowas ausdenkt. Falsch: Die Idee stammt aus einer offenbar ausschließlich  weiblich besetzten Marketingabteilung, in der man etwas missversteht: Dass man solche sexistischen Witzchen  schon machen darf: Und zwar ab dem Moment, in dem selbstverständlich halbe halbe gilt – im Haushalt, bei der Kinderversorgung, allen Führungspositionen und beim Geld –,   und in dem Frauen nicht mehr  Opfer von männlicher Gewalt und sexueller Unterdrückung sind. Wenn wir das durch haben, kann man sowas vielleicht witzig finden. Davor eher nicht.
Nach einer Bitte um Stellungnahme hat die Pressesprecherin des Mutterkonzerns REWE sich übrigens für das Set entschuldigt: Es werde auf der Stelle eingezogen und nicht mehr verteilt. Da hat man jetzt doch etwas verstanden. Und der Kollege R. wird zum Glück kein drittes mehr bekommen.
11.06.08

Eskapismus-Ballosophie

| Comments (0) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Mehr als 15.000 Unterschriften sammelten Fans der Serie „Die Schwarzwaldklinik“, um vom ZDF eine Neuauflage des Brinkmann-Epos zu erzwingen; wenigstens eine 90-minütige Fortsetzung jährlich. Eine besonders hartnäckige Form des Eskapismus: der Schlusspfiff der Serie liegt 19 Jahre zurück.
Apropos Eskapismus, lt. Duden : „A) Hang zur Flucht vor der Wirklichkeit und den realen Anforderungen des Lebens in eine imaginäre Scheinwirklichkeit. b) Zerstreuungs- und Vergnügungssucht, besonders in der Folge einer bewussten Abkehr von eingefahrenen Gewohnheiten und Verhaltensmustern.“ Trifft a) auf die österreichische Nationalelf, b) auf die Europameisterschaft als solche zu. 
Wenn auch nicht für jeden gleich stark. Vorgestern, bei der Grillparty mit Mini-Public-Viewing, entspann sich zwischen zwei (männlichen) Freunden ein Wortwechsel, in dem der eine etwas in der Art sagte, es sei gut, wenn der Bledsinn endlich vorbei sei, und der andere entrüstet entgegnete, Fußball sei  kein Blödsinn, sondern eine immens ernste Sache. Woraus sich ein interessantes ballosophisches Geplänkel entwickelte, ob es sich anhand aller einigermaßen vergleichbaren Parameter wissenschaftlich errechnen lasse, was unterm Strich welthistorisch bedeutender sei: ein EM-Finalspiel oder, zum Beispiel, eine Novelle von Arthur Schnitzler. Man kam zu keinem Schluß,  und dann fing schon das Match an.
Bei dem mir, wie schon beim Schweiz-Tschechien-Spiel, auffiel: Der Hang zum Eskapismus aus der eigenen Körperlichkeit mit den Mitteln des Karnevals wird im Stadion immer intensiver. Mittlerweile schmücken sich Fans, bevor sie zum Match gehen, als besuchten sie den Life-Ball. Nur nicht ganz so sexy; und das völlig ok.

06.06.08

Im Quarantäne-Sperrbezirk

| Comments (0) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Es ist merkwürdig, wie die EURO-Fanzone die Stadt verändert: Man identifiziert das Ring-nahe Wien derzeit kaum als Wien. Denn wenn man mit einem Mal selbst vor diesen  meterhohen Drahtzäunen strandet, über die so viel gesprochen wird, wirken sie fast gespenstisch: Sie zerstören vertraute Blickwinkel, schneiden gewohnte Wege ab,  verändern   Absichten. Und sie suggerieren einen Ausnahmezustand, der, verstärkt durch die Polizeipräsenz, im Moment noch sehr wenig nach Fußball-Party aussieht und sehr nach Quarantäne-Sperrbezirk. (Was für viele Wiener aber eh gleichbedeutend ist.)
Man muss gar nicht gegen die EURO oder ein militant traditionssüchtiger Snob  sein, um das nicht schön zu finden. Dabei ist keineswegs so, dass der Ring nur schön ist, wenn er von Autos und Fiakern befahren wird: Nein, der Ring ist besonders schön, wenn er für den 1. Mai gesperrt ist, für die Regenbogenparade oder für das internationale Blasmusiktreffen. Aber jetzt, wo die Zäune mit Werbetransparenten blickdicht gemacht werden und Zelte, Mobilklos und Großbildschirme aufgestellt sind, sieht der Ring aus wie das Gelände eines Mega-Open-Air-Festivals.
Andererseits: Das kommt wieder weg. Das ist nur für ein paar Wochen. Und deshalb braucht man sich jetzt auch nicht so blasiert von der Europameisterschaft abzugrenzen wie etwa das Museumsquartier, das sich hermetisch gegen die EURO und ihre Fans abriegelt.  (Dabei werden, wie man hört, aus dem MQ auch  ohne EURO jeden Tag containerweise Flaschen und Müll abtransportiert. Auch Kunstfans schmutzen.)
Wir sind jetzt nun mal in EURO-Quarantäne. Und selbst die Anonymen EUROskeptiker raten: Das Beste daraus machen. Geht ja vorbei.
05.06.08

Wo sind wir denn?

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Das schwüle Wetter vielleicht. Die  Nervosität  vor dem Beginn der Europameisterschaft. Der Vollmond? Oder einfach nur Alkoholmissbrauch... Irgendwas macht die Menschen verrückt: Manche zumindest. Was gestern Leserin Manuela F. passiert ist und unlängst einer anderen Frau,  ist jedenfalls gestört.  Und relativ beängstigend.
Manuela F. ging gestern früh die Degengasse entlang Richtung U3 Ottakring und führte dabei ein Telefongespräch mit ihrerMutter. Mit einem Mal bekam Frau F. einen  Schlag in den Rücken, derart heftig, dass sie taumelte und  ums Haar hingefallen wäre. Sie drehte sich um, und sah einen kräftigen Herrn um die 30 im Laufschritt sich  entfernen, ohne einen Hinweis zu ventilieren,   warum er so etwas tut.
Frau M. wiederum stieg vor kurzem spätnachts im fünften Bezirk aus dem Taxi und wurde unmittelbar danach von einem fremden jungen Mann mit Wucht auf den Kopf geschlagen; drei Mal. Dann lief der Mann davon. Er wollte sonst nichts von ihr und raubte ihr nicht die Tasche: Er wollte sie offenbar nur fest auf den Kopf hauen und dann wieder gehen. Frau M. kam mit einer großen Beule und einer schweren Weltvertrauenserschütterung davon: Wo sind wir denn? Und was entlädt sich da? Wahnsinn?  Bosheit? Überkochende Aggressivität? Unstillbare Wut auf die Welt? Und: Warum so? 
Ich hätte nicht gedacht, dass es notwendig würde, ansatzlose Spontan-Aggression gegenüber Unbekannten in die Liste Lässlicher Laster aufzunehmen, aber es ist. Also: Schlagen Sie nicht grundlos fremde Leute nieder. Schlagen Sie überhaupt keine Leute, fremd oder bekannt. Einmal abgesehen davon, dass das sowieso verboten ist: Ja, auch während der EURO.
04.06.08

Es gibt Reis, Baby!

| Comments (0) | 06/08 | Falter-Kolumne

Lassen Sie mich noch erwähnen, dass der Horwath tatsächlich 50 Schnitzel für die Kindergrillparty gebacken hat, ich kenn ihn doch, und dass wir das mit den Abschiedssackerl nächstes Mal lassen. Die Horwathin hat nämlich doch welche gemacht, aber da hat der Horwath Recht, das ist zuviel des Guten, das braucht kein Mensch. Nach der Party war ich aber so oder so relativ nah am Ende meiner Kräfte und habe drei Kreuze geschlagen, dass ich jetzt bis zum nächsten Kindergeburtstag 364 Mal schlafen darf. Also tatsächlich durfte ich nur drei Mal schlafen, aber da hatten nicht wir die Scherereien, sondern ein anderer Kindergartenkindsvater, dem wir an seinem Küchentisch zusehends beschickert dabei zusahen, wie er zügig dem Ende seiner Kräfte entgegenstrebte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er später drei Kreuze geschlagen hat, weil er jetzt bist zum nächster Kindergeburtstag 364 Mal und so weiter.
  Allerdings hat die Badesaison nun auch in Wien begonnen, die aber sehr viel weniger Falten macht, wenn der Nachwuchs endlich schwimmen kann. Die 400 Euro, die wir in mehrere Schwimmkurse investiert haben, machen sich nun in heiterer Entspannung mutterseits bezahlt: Ich sitze mit anderen Müttern gelassen unterm Schirm, während unsere Kinder in egal welchem Pool nicht ertrinken; das entstresst die Sommerzeit entschieden. Die Gelassenheit rastet kurz, wenn die Kinder aus dem Becken kommen und sich darüber in die Haare kriegen, wer die Sonnenschutzcreme mit dem höheren Lichtschutzfaktor hat (Ich hab nämlich  50! Und du nur 25! Aber ich kenn jemand, der hat 100, und der borgt sie mir!), wo man sich echt an den Kopf greift und fragt, woher dieser geisteskranke Konkurenzzwang bitte herkommt. Kauft euch sofort ein Eis.
  (Aber ich krieg das größere!). Jesusundmaria. Von uns haben sie das nicht. Naja, vielleicht haben sie es vom Langen und vom Horwath, die sich in Kroatien tatsächlich ernsthaft darüber zerkrachten wie man Basmati richtiger kocht. Ob man ihn ins kochende Wasser schmeißt oder glasiert und aufgießt, was als Die Große Reiskrise in die Kroatien-Annalen einging. Aber am achten Urlaubstag schuf Gott nun mal die Faustwatsche, da muss man durch, gelassen drüber, weitermachen, tun als wär nix gewesen, dann wirds schon wieder.
  Ich bin mit meinem Nicht-mein-Kind-Geht-mich-nichts-an-Mantra überraschend schmerzfrei über die zwei Wochen gekommen: Erst an Tag zwölf platzte mir einmal wegen einer Kinderessen-Sache der Kragen, was aber wohl vor allem damit zu tun hatte, dass ich es gewohnt bin, den Großteil meiner Tage still über Texten zu sitzen, und diese Gewohnheit nehme ich gerne in den Urlaub mit. Aber die schöne Idee, dass man wo hin fährt und dort die Klappe hält, ist vor allem bei Kindern extrem unpopulär, und wer mein mein Meeresrauschen lang genug in dieser bestimmten Frequenz zerkreischt, kriegt irgendwann die Rechnung. Zahlen, bitte! Nein, nicht Sie, der Kleine da hinten.
04.06.08

Das Wissen von vielen

| Comments (0) | 06/08 | Kurier-Kolumne

Auch nach meinem letztwöchigen Einzelhändler-Lob bewährte sich das  Prinzip, dass viele fast stets mehr wissen als einer.  (Was ich gleich  schamlos für mein nächstes Problem nütze: der Dickmaulrüssler. Was hilft gegen den Dickmaulrüssler?)
 Denn  meine Behauptung, diese schönen  altmodischen Alu-Proviantdosen würden nicht mehr hergestellt, wurde mir von zahlreichen Lesern widerlegt, unter anderem von der Firma, die diese Behälter herstellt: wofür ich herzlich danke. Ich weiß nun also, wer sie produziert und wo  es sie gibt, und die vielen, die jetzt vom konzentrierten Wissen einer Einzelnen profitieren wollen, tun dies bitte ungeniert in einem informellen Mail kund. Ich helfe gerne zurück, wo ich kann.
Auch Leser R. half mir gerne, allerdings im Dir-werd-ich-helfen-Sinn. R. meinte nämlich, wenn meine Freundin A. zwischen zwei Besuchen bei ihrem CD-Händler eineinhalb Jahre verstreichen lasse, sei es unzulässig, von einem Stamm-Plattenladen zu sprechen. Da hat R. Recht, allerdings hat A. in den eineinhalb Jahren eineinhalb Bücher und einen Film geschrieben sowie ungefähr 300 Zeichnungen gezeichnet, da wird einem die Zeit, die man sonst in Stamm-Läden herumlungert, schon einmal knapp.
Ich aber möchte mein Kleinhändler-Lob um eine weitere Hudelei ergänzen: Denn das geht nur in einem winzigen Lederwarengeschäft wie dem in der Nähe des KURIER, dass man hineingeht, der jungen Besitzerin erklärt, dass man Lederflicken für Kinderhosen braucht und zwar genau so, und sie dann wenige Tage später genau so überreicht bekommt: zu einem absolut fairen Preis.
Spitze. Trotzdem vergessen Sie mir bitte nicht auf den Dickmaulrüssler.
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