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| 10/08
Kurier-Kolumne
Wenn Sie mich fragen, brauchen wir uns nicht wahnsinnig über Bim-Rahrer aufpudeln, die mit „Sieg Heil“ grüßen: wenn wir es gleichzeitig für tolerabel halten, dass ein Nationalratspräsident zusätzlich Mitglied einer rechtextremen Burschenschaft ist. Und keinen Anlass sieht, deshalb seine Olympia-Mitgliedschaft zurückzulegen; Graf hält das für vereinbar.
Und, schau her, das ist es auch, das wurde ihm von einer großen parlamentarischen Mehrheit versichert, darunter auch SPÖ-Abgeordnete. Vielleicht haben die sich aber nur verwählt, was den FPÖlern nicht passieren konnte, denen wurde der Namen des zu wählenden Kandidaten sicherheitshalber schon auf den Stimmzettel gekritzelt, damit ja kein Versehen passiert. Insgesamt: Eine schöne Demonstration der Qualität des österreichischen Parlamentarismus.
Und dafür, dass Österreich Österreich bleibt: Erstens, man lässt sich kaan aussischiaßn. Zweitens: Mir machen es, wie mir es immer gemacht haben. Drittens: Ein Formalakt muss ein Formalakt bleiben, wo kommen wir hin, wenn wir uns das jetzt noch mit Inhalten verkomplizieren. Wei, viertens, wie verwirrend wäre das bitte für Mandatare, die sich schon keine Stunde merken können, wen man, wie ausgemacht, wählen muss. Fünftens: Wir lassen sich uns kaan madig machen, schon gar nicht von den Grünen. Sechstens ist er, entschuldigen schon, ja nur bei einer rechtsextremen Burschenschaft; er nimmt ja keine Drogen oder fährt betrunken Auto oder sonst etwas ernsthaft Arges.
Deshalb ist es, wenn Sie mich fragen, verzeihlich, wenn ein Bim-Fahrer versehentlich einmal mit „Sieg Heil“ grüßt. Das kann in so einem Österreich schon einmal passieren.
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| 10/08
Kurier-Kolumne
Es ist schwer, aus der augenblicklichen Wirtschaftskrise etwas Positives zu filtern; eigentlich hat gerade ein jeder Angst. Die Menschen sorgen sich um den Arbeitsplatz, die Pensionsvorsorge, die Zukunft an sich. Der New York Times ist das dennoch gelungen etwas Gutes im Schlechten zu entdecken; schlechte Zeiten seien, war da zu lesen, überraschenderweise gut für die allgemeine Gesundheit und besserten zudem die Gewohnheiten der Leute.
Denn es werde in wirtschaftlich guten Phasen der Wert von Zeit höher eingeschätzt, was offenbar dazu führt, dass die Menschen mehr und länger arbeiten und weniger jener Dinge tun, die gut für sie wären; zB. etwas Sport zu betreiben oder zuhause zu kochen. Deshalb ernähren sich die Menschen, wenn das Geld knapp zu werden droht, scheints gesünder: Sie gehen seltener in Schnell- und andere Restaurants, um dort zu fette Menüs zu essen, sondern kochen, um Geld zu sparen, häufiger zu Hause. Was wiederum das Familienleben positiv beeinflusst, weil die Leute mehr Zeit daheim verbringen und sich dort intensiver mit ihren Kindern beschäftigen.
Ohne hier in einen großen moralischen Rückbesinnungssermon verfallen zu wollen: Aber wenn eine Zeit wie diese einen kleinen positiven Effekt hat, dann vielleicht den, dass wir weniger das sehen, was wir dringend auch noch haben müssen, sondern wieder Respekt vor dem bekommen, was schon da ist.
Merkwürdig, dass genau in diesem Augenblick John Lennons „Imagine“ aus dem Zimmer der Kollegin herüberklingt. Imagine all the people living for today: Stell dir all die Leute vor, die für das Hier und Heute leben. Auch wenn das gerade weniger verlockend glitzert, als wir gewohnt sind.
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| 10/08
Falter-Kolumne
Permanent muss man aufpassen, dass die Kinder nicht mit irgendwelchen völlig degenerierenden Medien und Medienprodukten in Kontakt kommen: es ist total nervig. Am Samstag am Land schaffen wir es endlich einen Tisch in einem der Handvoll akzeptabler Gasthäuser im Waldviertel zu bekommen; gemeinsam mit den Polzes und den Horwaths und den Hofingers, die auf Besuch sind, und wir müssen nicht einmal die Kinder mitnehmen, weil der Nachbarsvierzehnjährige hat sich zum Babysitten überreden lassen. Vierzehnjährige brauchen immer Geld. Leider beginnt der Abend suboptimal; denn der kleine Horwath ist ein liebes, nettes Kind, solange er seinen Willen bekommt. Wenn nicht, nicht. Zum Beispiel ist es nicht der Wille des kleinen Horwath, dass während der Eltern-Abwesenheit „Bullerbü“ geschaut wird, weil er der Ansicht ist, „Bullerbü“ sei etwas für Babies und kleine Mädchen; der kleine Horwath ist härteren Stoff gewohnt. Und der kleine Horwath ist gewohnt, dass geschieht, was er bestimmt, bloß steht es diesmal drei zu eins für „Bullerbü“. Der kleine Horwath hat eine sehr niedrige Frustrationstoleranz, und ich muss erst einmal in die Knie gehen und ihm mit großer Eindringlichkeit klarmachen, dass er zu mir sicher nicht „Blödmann“ sagt. (Früher, als der kleine Horwath drei oder vier war, bebrüllte er den jeweiligen Diskursgegner als Seistwodl: Schön sprechen, Kleiner, das heißt Scheißtrottel, und das sagst du auch nicht zu mir.) Es ist aber unwahrscheinlich, dass er mich hört, weil er gerade sehr viel Blut im Kopf hat, das rauscht in den Ohren, und die Mimis fangen auch noch an zu weinen, weil das Gederwische und Gekreisch des kleinen Horwath sie erschreckt.
Deshalb auch „Bullerbü“; die Mimis haben eine sehr niedrige Gewaltaffirmationstoleranz, medial und real, und als sie im Sommer einmal, eh gegen meine Überzeugung, „Harry Potter“ geschaut haben, weil die Mosers gesagt haben, das wäre ein total harmloser Babyfilm, den auch ihre dreijährige Tochter schon schaut, brachen Sie danach spontan in Tränen aus und hatten nächtelang Alpträume. Und ich verstehe das überhaupt nicht und werde das nie verstehen, warum aufgeklärte Eltern ihre kleinen Kinder bewusst solchen Bildern voller Bedrohung und Gewalt und Angst aussetzen. Ich bin ein großer Fan der netten Harmlosigkeiten von „Bullerbü“, und beabsichtige, es zu bleiben.
Diverse Drohungen der Horwathin später ist auch der kleine Horwath bereit für „Bullerbü“, der Nachbarsbub hat die DVD und vier Telefonummern schon in der Hand und ist über Allfälligkeiten instruiert. Wie wir drei Stunden später heimkommen, sitzen alle Kinder um des Nachbarsbuben Laptop (der vorher noch nicht da war), und als ich das Zimmer betrete, sagt der kleine Horwath gerade: „Kannst du den noch schnell töten?“ Nein, kann er nicht. Weil jetzt ist erst einmal er dran.
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| 10/08
Kurier-Kolumne
Ist ja gut! Es wird nicht mehr vorkommen! Wenn es sich vermeiden lässt! Meine Leserinnen und Leser bitten mich inständig, nicht mehr über so Grauslichkeiten zu schreiben wie letzte Woche (ich führe die jetzt nicht mehr aus): Sie säßen, während sie diese Zeilen läsen, häufig beim Frühstück und mit derlei verdürbe ich Ihnen selbiges. Wonach ich natürlich nicht trachte.
Leider muss man beim Verlängern der Liste Lässlicher Laster manchmal in den Dreck greifen; so wie Leserin Z.-K., die sich an herumliegenden Zigarettenstummeln stößt. Und vorschlägt, ein jeder solle auf drei, vier Metern vor seinem Haus die Tschick einsammeln und sie in einem Sackerl ins Rathaus schicken. Ich möchte festhalten, dass ich diesen Vorschlag nur referiere, was nicht bedeutet, dass ich ihn gut heiße.
Zumindest abschreckend heiße ich dagegen eine Praktik der Wiener Volkshochschule. Leserin P. erlaubte sich nämlich, sich dort für einen Kurs anzumelden. Und erhielt prompt ein Mail, das ihre Buchung bestätigte: Sie sei hiermit verbindlich angemeldet, Überweisung der Kursgebühr bitte an Konto Sowieso bei der Bank Sowieso; Zahlung spätestens bis und so weiter, dann noch die Öffnungszeiten. Wonach Frau. P. ansatz- und absatzlos über folgendes in Kenntnis gesetzt wurde: „Zahlungen, die nach zweimaliger Mahnung (inkl. Mahnspesen) nicht bei uns eingelangt sind, werden an unser Inkassobüro weitergeleitet. Auf Wunsch senden wir Ihnen gern unser Kursprogramm zu. Mit freundlichen Grüßen usw...“
So, schreibt Frau P., wird man von einem neuen Dienstleister gern begrüßt: mit sofortiger Inkasso-Androhung. Zum Glück hatte Sie schon gefrühstückt.
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| 10/08
Kurier-Kolumne
Ich glaube, es ging um Radwege. Ich war ganz frisch im Journalismus. Es war eine meiner ersten Pressekonferenzen, und meine erste beim Wiener Bürgermeister, der mich, als ich es endlich wagte, eine Frage zu stottern, vor der Menge der erfahrenen Kollegen minutenlang in Grund und Boden polterte. Nicht wegen meiner Frage, sondern weil ich vom Falter kam, der wieder etwas geschrieben hatte, das dem Bürgermeister ganz und gar nicht konvenierte. Es war vernichtend und ehrenvoll zu gleich.
Und so habe ich Helmut Zilk auch später immer wieder erlebt: Als einen impulsiven Menschen (einen anderen Kollegen zog er während einer Pressekonferenz am Ohr), dem es, wenn etwas hinaus musste, völlig einerlei war, in welchem Rahmen und in welcher Gesellschaft er sich momentan befand; was sein musste, musste sein; und zwar: sogleich.
Und auch, ob er mit seiner Ansicht eine Mehrheit bediente oder auch einmal nicht, spielte für den Bürgermeister Zilk keine Rolle, wenn es jemandem gelang, ihn für eine Sache zu begeistern: Das erlebte ich bei anderer Gelegenheit, als Zilk zu entscheiden hatte, ob das damals umstrittene Lokal Flex seine neue Behausung am Donaukanalufer der Innenstadt bekommen sollte oder nicht. Nicht, fand eine Delegation aus betuchten Innenstädtern, die es gewohnt waren, Ihren Willen zu bekommen: Und die putzte Zilk während einer Audienz im Rathaus zusammen wie Erstklässler, um dann den nicht weniger eingeschüchterten Punks ihren Wunsch zu erfüllen. Weil Zilk fand, zu einer Metropole – und als solche hat er Wien immer gesehen – gehöre auch derlei. Und da hatte er Recht; wie bei vielem anderen auch. Schade, dass es ihn nicht mehr gibt.
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| 10/08
Mein Rock, eigentlich ein Kleid, reicht heute knapp bis zum Knie. Ja, Sie haben Recht, das ist eigentlich eine unglaublich verzichtbare Information, aber Moment. Denn wie ich heute lese, zeigt meine Rocklänge, wie viel Geld Sie im Börsel haben und haben werden. (Im Augenblick also circa mittelviel.) Denn mit den Aktienkurse fielen auch die Rocklängen, das soll schon in den 1930er-Jahre der Ökonom Georg Taylor ermittelt haben; und diese Theorie wird nun, wo die Aktienkurse runterbrettern wie Hermann Maier die Streif, wieder ausgegraben.
Natürlich wird ihr, wie allen Theorien, die etwas auf sich halten, von anderen Experten widersprochen: Genau umgekehrt sei es, ge-nau um-ge-kehrt: je kürzer der Rock, desto schlechter die Zeiten. Aber wenn Sie mich fragen, sollte man den Frauen, wenn man schon die aktuelle Wirtschaftslage anhand ihrer Garderobe analysieren nicht auf den Rock schauen, sondern auf die Füße.
Eine kleine empirische Untersuchung im Freundinnenkreis zeigt: Je schlechter das Wirtschaftswetter, desto preiswerter und älter die Schuhe. Und das hat nicht nur mit akutem Sparzwang zu tun, sondern vor allem psychologische Gründe: Wir finden es, angesichts grassierender Krisen, einfach sehr lächerlich, ein mittleres Vermögen für ein Paar neue Schuhe auszugeben. Und für teure Mode überhaupt. Wir schrauben unsere materiellen Ansprüche und Bedürfnisse jetzt einmal Richtung Bescheidenheit, Genügsamkeit, Verzicht. Man sieht’s an unseren Schuhen. Und das Kleid ist auch schon uralt.
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| 10/08
Kurier-Kolumne
Frau R. steigt täglich bei der Station Kaisermühlen in die U-Bahn ein und aus und wird momentan wieder täglich belästigt: Von Spendenkeilern, die dort in regelmäßig Abständen ihr Geschäft betreiben. Pro Juventute sei ihr aufgefallen, und besonders Greenpeace, schreibt Frau R.. Greenpeace ist ihr durch besondere Frechheit sogar so aufgefallen, das sie sich vor ein paar Wochen bei der Organisation beschwerte: „Erst nach nochmaliger Urgenz habe ich dann eine Reaktion erhalten“, schreibt Frau R.
Gestern wurde Sie erneut an der U-Bahn-Station von einem Greenpeace-Mitarbeiter angesprochen, und sagte: „Nein, danke“. Woraufhin der Mann gemeint habe: „Na, schaust eh so aus, als obsd nix für den Umweltschutz übrig hast.“
„Habe ich das notwendig?“ fragt Frau R., weiß die Antwort aber eh: nein, hat sie nicht. „Und es unterstreicht meine Einstellung, dass solche Aktionen nichts für den Umweltschutz tun.“
Natürlich brauchen Organisationen wie Greenpeace Geld, um ihre gute Sache finanzieren zu können. Und natürlich kommen die meisten Leute nicht von selber auf die Idee, ihnen etwas von ihrem Geld zu geben, brauchen also einen Stupser. Aber das ist kein Stupsen mehr, das ist aggressives Stoßen. Und Gestoßene hegen für die Stoßenden meist keine große Sympathie. Aber offenbar ist das der Preis, den eine notwendige Organisation mit wichtigen Zielen wie Greenpeace für ein paar gelungene Keileraktionen zu zahlen bereit ist: Dass viele andere sie irgendwann nicht mehr lieb haben: Schmecks.
*
Doris Knechts neues Buch „Gut, ihr habt gewonnen. Neue Geschichten vom Leben unter Kindern“ ist soeben im Czernin Verlag erschienen.
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| 10/08
Kurier-Kolumne
Leser B. hat Einwände. Er protestiert gegen die Geruchskolumne; ich hatte auf Wunsch meiner Freundin E. der LiLäLa (Liste Lässlicher Laster) das männliches Offensivstinken angefügt. Er befinde sich häufig unter Männern, auch jungen, scheibt Herr B., und einen solchen Trend könnenicht erkennen; um ihn herum röche man mehrheitlich nicht oder wohl. Ja, auch um mich und meine Freundin E. herum, und das begrüßen wir, aber wenn es gar mehrmals nicht der Fall ist, muss man unbedingt sofort dagegen kampagnisieren.
Es rief mich diesbezüglich auch Leser Dr. B. an, ein, wie es klang, sehr betagter Herr, um mich zu rügen. Denn nicht die Männer seien ungeduscht, sagte Dr. B., sondern: die Frauen. Zahlreich, ja mehrheitlich seien die Frauen ungeduscht. Und er sage mir jetzt einmal etwas, um das zu verbergen, trügen die Frauen so gerne schwarze Unterwäsche. Ja, das sei der Grund, warum etwas derartiges wie schwarze Unterwäsche überhaupt erfunden worden sei, erklärte zornig Herr B., aber den Gestank könne natürlich auch die schwärzeste Unterwäsche nicht verhindern. Äh, tja, wieder etwas gelernt.
Aber es gab auch Zustimmung. Zum Beispiel zur Verwendung des Wortes Smegma. „Dieses Wort war schon lange nicht mehr zu lesen! Ich danke Ihnen dafür!“ schrieb eine Leserin. Leider wird mir von der Chefredaktion ausgerichtet, eine andere Leserin habe das Wort nicht verstanden und wolle es erklärt bekommen. Oje. Das will ich unbedingt vermeiden; bitte, liebe Leserin, schauen Sie ins Fremdwörterbuch. Oder zu Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Smegma). Es erklärt jedenfalls hellgelbe Herrenunterwäsche; und jetzt schlagartiger Themenwechsel, danke.
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| 10/08
Kurier-Kolumne
Erst tobte Marcel Reich-Ranicki, dann kalmierte Thomas Gottschalk, dann sprang Elke Heidenreich Reich-Ranicki in der FAZ bei, dann führte Reich-Ranicki mit Gottschalk ein überflüssiges TV-Gespräch, dann schrieb wieder Heidenreich in der FAZ, um sich für ihren ersten FAZ-Artikel zu rechtfertigen. Und man gibt ihr vielem Recht, weil sie wach ist, gescheit und lustig, aber halt, wie sich dann wieder zeigt, aus einer Generation von deutschen Intellektuellen stammt, die für richtig gute TV-Unterhaltung immer noch nur ein Namen kennt: Loriot, Loriot, und immer wieder Loriot.
Aus einem Reflex heraus schaut diese Generation auch beim Fernsehen nie nach Amerika: Fehler. Denn Serien wie „Curb Your Enthusiasm“, „West Wing“, „Six Feet Under“ oder „The Sopranos“ verfügen über eine unvorstellbare Dichte grandioser, witziger, kluger, Momente (während man bei Loriot, bei allem Respekt, doch meistens vor allem eine Nudel findet). Die bekommt man natürlich nicht im öffentlich-rechtlichen TV, und wenn doch, dann so spät, dass man ja keinen Käskopf, der das das eventuell nicht verstehen und/oder nicht lustig finden könnte, verstört und sich so die Quote ruiniert. Denn die regiert nun einmal.
Was die Heidenreich-Ranickis einfach nicht kapieren wollen: Fernsehen ist kein Bildungs- oder Qualitätsmedium. Fernsehen ist ein Quotenmedium, ein vorsätzlich mittelmäßiger Info-Unterhaltungsgatsch, bei dem man sich freuen darf, wenn ihm grandiose, kluge, glückliche Momente entspringen.
Tun sie auch; müssen sie aber nicht. Man muss auch nicht fernsehen. Man kann lesen. Man kann sich die Trotzallem-Momente per DVD-Recorder herauspicken. Und man kann die guten Serien DVD-Boxenweise im Paket einsaugen, was sowieso viel besser ist. Da fällt mir ein, alle sieben Staffeln von „West Wing“ müssen her: passen prima zur anbrechenden Ära Obama. Aber erzählen Sie das einmal den TV-Chefs; nein, bringt ja nichts.
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| 10/08
Kurier-Kolumne
Denken Sie Ihrer Kolumnistin bitte tiefe Augenringe ins Antlitz und ein paar Rötungen auf fahlem Grund: Ich komme eben von der Frankfurter Buchmesse zurück. Ich war zum ersten Mal dort und hatte keine Ahnung, wie großartig es da ist. Denn es hat halt eine besondere Qualität, ein paar Tage im dichten Gewimmsel von Leuten zu verbringen, die Bücher lesen und über Bücher nachdenken, reden und streiten, die Bücher schreiben, Bücher machen und Bücher verkaufen.
Es sind sicher auch Automobil- und Möbel-Messen spannend und aufregend: Aber eine derartige Zusammenballung von Geist und Intellekt (jaja, tüchtig Eitelkeit und etwas Dummheit ist auch darunter) kriegt man in dieser Dichte nur auf der Buchmesse. Auch abends. Beim Österreicher-Empfang, bei der S.Fischer-Party, beim Rowohlt-Fest: Man reibt sich entlang von Meinecke, Timm, Haslinger, Bayer, Kracht, und Martenstein, an Titanic-Chefredakteuren, Feuilletonchefs, von Kolleginnen und Kollegen zur Bar und wieder zurück. Man bleibt bei der Schriftstellerin stehen, wird der Agentin vorgestellt, bekommt vom Schriftsteller die Hand geschüttelt oder mit einem Getränk ergänzt. (Und nicht ein Österrreicher wurde nicht zur causa prima befragt: 1,8 Promille! 142 Kaemha! Ihr Ösis könnt es aber!) Man quetscht sich in Taxis und lässt sich weit nach Mitternacht in die Bar des Frankfurter Hofs kutschieren. Durchmisst deshalb anderentags die Messehallen mit solchen Augenringen. Plaudert mit Verlagsmenschen, blättert in Büchern und lässt sich beim Wieser-Verlag von Lojze Wieser mit Schinken füttern: Und kehrt sehr müde nach Hause zurück. Trotzdem; ich fahre wieder hin.
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| 10/08
Das ZDF hat Elke Heidenreich gefeuert, die die erfolgreichst mögliche Literatur-Sendung auf die denkbar beste Art gemacht hat. „Lesen!“, hieß das. Heidenreich war grenzwertig frech gewesen: hatte sich nach Reich-Ranickis merkwürdig polarer (der donnernde Anfang: ranickirasend prima; die Gottschalkanbiederung: zehennägelaufrollend) in der
FAZ polternd auf seine Seite geworfen. Der fällt ihr dafür jetzt aufs schäbigste in den Rücken: Die ZDF-Reaktion sei, so Reich-Ranicki, „nahe liegend“.
Natürlich gehört das heidenreichsche Verhalten bestraft (wobei: Reich-Ranicki bekam danach eine extra Stunde Sendung, Heidenreich hat jetzt keine mehr): man kann nicht dem eigenen Chef öffentlich ins Schienbein treten; das tut man nicht. Dennoch wäre es gescheiter, ein großes, öffentliches Unternehmen wie das ZDF würde ein wenig gelassener auf die Kritik einer erfolgreichen Mitarbeiterin reagieren. (Zumal Heidenreichs öffentliche Eruption durchaus etwas notwehrhaftes hatte, da sie, wie sie in der
FAZ erzählte, in internen Gesprächen über ihre Sendung und deren Sendetermin wohl ein ums andere mal vertröstet worden war). In erster Linie aber schadet sich das ZDF selbst, wenn er Heidenreich nun vor die Tür setzt, denn wie schwer es ist, ein erfolgreiches Literaturformat zu etablieren, beweist uns in regelmäßigen, ungroßen Abständen der ORF. Kein Wunder, baten nun in der
Süddeutschen zahlreiche deutsche Verleger von Kunst- bis Goldmann um Amnestie für Heidenreich. Der ZDF sollte sie gewähren; um seinetwillen.
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| 10/08
Kurier-Kolumne
ie Kollegen fragen, ob ich narrisch geworden bin. Wie ich das bitte argumentieren wolle, fragen die Kollegen, als Frau, die für Rauchverbotr eintritt, als Mutter mit panischer Angst vor Gummibärli. (Habe ich natürlich nicht. Ich halte nur Zuckerl nicht für eine Jause.)
Die Idee war nämlich, an dieser Stelle einerseits dem Frust darüber Ausdruck zu verleihen, dass schon wieder ein Radfahrer beim Dopen erschwischt wurde. Und zwar einer, der Dreifingeraufsherz auf seine absolute Sauberkeit schwor, ja verschiedentlich beteuerte, die Zeiten hätten sich geändert, die jungen Fahrer sorgten für einen sauberen Sport. Aber offenbar hat sich nichts geändert, außer, dass die Jungen geschickter versuchen, sich nicht erwischen zu lassen.
Eben deshalb wollte ich andererseits empfehlen, vor Dopern und Doping zu kapitulieren, die Sache freizugeben, die totale Eskalation zu risikieren. Ja: ich will völlig zugedröhnte, aufspritzte Radler, die irgendwann vom Rad fallen, mit Tatütata in Universitätskliniken gefahren werden und sich vor Kameras und Mikrophonen mit den gesundheitlichen Folgen ihres engagierten Blödseins und dem Ruin des Radsports auseinandersetzen müssen. Die Kollegen sagen: verantwortungslos!, wegen der Kinder, wegen der Botschaft, dass Pillen helfen, wenn man’s allein nicht schafft. (Aber das lernen sie leider sowieso, in einer Welt, in der es als vertretbar gilt, Heranwachsende auf Ritalin und Antidepressiva zu setzen.)
Was auch deswegen vorbildtechnisch wirklich gefragt wäre: Erfolgreiche Sportler, die freiwillig und aus Prinzip auf den Mist verzichten, obwohl er erlaubt ist. Naiv? Ja. Aber nichts schlimmeres für ein Kind als ein vermeintlich sauberes Vorbild, das einfach nicht effektiv genug betrogen hat.
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| 10/08
Kurier-Kolumne
s ist eine Schule mit einem übermäßigen Anteil an, wie es so schön heißt, bildungsnahen Eltern. Und noch bevor der erste Schulmonat vergangen war, musste die Lehrerin die Eltern der Tafelklassler bereits ermahnen, den Kindern doch bitte keine Süßigkeiten und Chips in die Jausendose zu packen.
Man müsste meinen, die Eltern sollten es besser wissen. Was heißt: Sie wissen es besser, denn wenn es bei einem Thema mittlerweile lückenlose Aufklärung gibt, dann bei der gesunden Ernährung, vor allem jener von Kindern. Fernsehen, Printmedien, gesundheitspolitische Kampagnen, Schulinformation: es ist überhaupt nicht mehr möglich, nicht zu wissen, welches Essen Kindern gut tut und welches nicht. Welche Nahrung ihrer Aufnahmefähigkeit und ihrer Entwicklung förderlich ist und welche sie müde, dick und krank macht. Eltern wissen das ganz genau. Und es ist ihnen powidl.
Klar, der Vergleich macht Sie sicher: Die Jausendose mit den Kuchenschnitten, Schokoriegeln, Pomm- und Gummibären ist abends leergegessen, während man Teile des Kornweckerls, des Müsliriegels, des geschnittenen Obstes, der Nüsse und getrockneten Früchte abends immer wieder mal begrüßen darf; ah, auch noch hier. Resignierter Elternschluss: Besser, sie essen etwas Süßes als sie essen gar nichts. Gegenmeinung, basierend auf uralter Oma-Erfahrung: Wenn sie richtig Hunger haben, essen sie früher oder später auch das Gesunde.
In England haben viele staatliche Schulen jetzt aus Notwehr Ketchup verboten. Wer protestierte, wie schon bei Jamie Olivers dringend notwendiger Schulküchen-Reform, als erstes? Eltern.
Wissen schützt leider vor Dummheit nicht.
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| 10/08
Kurier-Kolumne
Noch bevor die Sommerzeit zurückgestellt wurde, möchte ich alles zurücknehmen, was ich übers Frühaufstehen gesagt habe und behaupte das Gegenteil. Ich sagte nämlich, es sei gut. Und im Prinzip bin ich noch dieser Meinung, aber sie betrifft nur das Frühaufsehen als singulären, isolierten und vor allem freiwilligen Akt. Also: Frühaufstehen ist herrlich, wenn man es aus freien Stücken und ganz für sich tun darf. Man steht mit einer Tasse Kaffee am offenen Fenster, atmet die noch frische Luft, sieht der Sonne zu, wie sie allmählich durch den Dunst bricht und lauscht der Stille oder Geräuschen, die einen nicht betreffen: derlei; herrlich.
Das Frühaufstehen macht aber ungefähr 500 Prozent weniger Freude, wenn es erzwungenermaßen und im Beisein einer grantigen, bitzelnden, unausgeschlafenen Familie stattfindet: Die nicht essen will, was man ihr serviert, nicht anziehen will, was man ihr vorschlägt und beim geringsten Problem in einen „Ich will nicht in die Schule!!!“-Kanon verfällt, der die Vollendung endlich begonnener Aktivitäten (frühstücken, anziehen) endgütig zum Stillstand bringt. Es ist: zum Davonlaufen.
Und die Verheerungen, die das erzwungene Frühaufstehen anrichtet, lassen sich den ganzen Tag nicht mehr vollständig beseitigen: Ich behaupte, dass in Familien netto weniger gestritten würde, wenn man sie nicht zwingen würde, ihren Schlaf im Morgengrauen zu unterbrechen. Freundschaften und Arbeitsverhältnisse wären stabiler, wenn nicht staatlich verordnete Unausgeschlafenheit wegen jedem Dreck den Grant aus den Leuten kitzeln würde.
Lasst die Menschen, die das brauchen, endlich auschlafen. Dann kann ich in Ruhe frühaufstehen.
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| 10/08
Kurier-Kolumne
Noch bevor die Sommerzeit zurückgestellt wurde, möchte ich alles zurücknehmen, was ich übers Frühaufstehen gesagt habe und behaupte das Gegenteil. Ich sagte nämlich, es sei gut. Und im Prinzip bin ich noch dieser Meinung, aber sie betrifft nur das Frühaufsehen als singulären, isolierten und vor allem freiwilligen Akt. Also: Frühaufstehen ist herrlich, wenn man es aus freien Stücken und ganz für sich tun darf. Man steht mit einer Tasse Kaffee am offenen Fenster, atmet die noch frische Luft, sieht der Sonne zu, wie sie allmählich durch den Dunst bricht und lauscht der Stille oder Geräuschen, die einen nicht betreffen: derlei; herrlich.
Das Frühaufstehen macht aber ungefähr 500 Prozent weniger Freude, wenn es erzwungenermaßen und im Beisein einer grantigen, bitzelnden, unausgeschlafenen Familie stattfindet: Die nicht essen will, was man ihr serviert, nicht anziehen will, was man ihr vorschlägt und beim geringsten Problem in einen „Ich will nicht in die Schule!!!“-Kanon verfällt, der die Vollendung endlich begonnener Aktivitäten (frühstücken, anziehen) endgütig zum Stillstand bringt. Es ist: zum Davonlaufen.
Und die Verheerungen, die das erzwungene Frühaufstehen anrichtet, lassen sich den ganzen Tag nicht mehr vollständig beseitigen: Ich behaupte, dass in Familien netto weniger gestritten würde, wenn man sie nicht zwingen würde, ihren Schlaf im Morgengrauen zu unterbrechen. Freundschaften und Arbeitsverhältnisse wären stabiler, wenn nicht staatlich verordnete Unausgeschlafenheit wegen jedem Dreck den Grant aus den Leuten kitzeln würde.
Lasst die Menschen, die das brauchen, endlich auschlafen. Dann kann ich in Ruhe frühaufstehen.
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| 10/08
Kurier-Kolumne
Netrebko, sie habe die „La Boheme“-Premiere ausgelassen, weil sie sich nach der Schwangerschaft zu dick fühle, ist erstens herzig: Star-Schneider und Super-Juweliere hatten ihre Dienste angeboten, doch auch die edelste Robe und der karätigste Behang kann eine Frau, die sich in ihrer Haut unwohl fühlt, nicht froh stimmen.
Zweitens aber ist selbst die tollste Sängerin der Welt dem Druck ausgesetzt, dass man Frauen jetzt unmittelbar nach der Schwangerschaft nicht mehr ansehen darf, dass sie je schwanger waren: ein paar Hollywood-Tussen machen es vor, Millionen normaler Frauen lassen sich von dem Unsinn unter Druck setzen. Einmal abgesehen davon, dass man meinen müsste, es gäbe nach dem Ereignis einer Geburt andere Prioritäten, als tägliches achtstündiges Fitnesstraining; z.B. ein Kind.
Dazu passt, drittens, die Geschichte einer ganz normalen Mutter, die auch ein Ereignis auslassen wollte. Frau N. hatte um „Befreiung vom Amt eines Geschworenen oder Schöffen“ angesucht, was gewährt wird „bei unverhältnismäßigen persönlichen und wirtschaftlichen Belastungen für sie selbst oder Dritte“. Frau N. brachte folgende Gründe vor: Sie ist an den Vormittagen bei zwei Arbeitgebern angestellt (Beweise beiliegend) und muss sich nachmittags um ihre drei unmündigen Kinder kümmern. Das Magistrat lehnte den Antrag ab: u. a., weil sie keine Beweise für ihre Mutterverpflichtungen erbracht hatte.
Eine andere Mutter ist, viertens, mit ihrer Jahr für Jahr hier vorgebrachten Ansicht, das Ereignis Literaturnobelpreis entwerte sich je länger je rothlos je mehr, nicht mehr allein. Le Wer? Aber das ist eine andere Geschichte.
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| 10/08
Kurier-Kolumne
Kleiner Nachtrag zur „Es-weihnachtet-sehr“-Kolumne. Denn während augenblicklich in den Gärten die Äpfel tonnenweise von den Bäumen hängen und ins noch saftige Gras fallen, sind die Baumärkte schon lückenlos mit Weihnachtsdekoration ausgestattet: Es gibt fuhrenweise Kerzen und Lametta und anderen Christbaumschmuck, es gibt Kunststofftannengrün und Lichterketten, an denen Sternderl leuchten. (Ja, ich weiß, das hatten wir schon, aber warten Sie:)
Denn es gibt in den Baumärkten von ganz Wien und halb Niederösterreich keine einzige 1-Liter-Glasflasche mehr, in die man frischgepressten Apfelsaft füllen könnte. Die sind, wie einem Mitarbeiter um Mitarbeiterin am Telefon und in den Filialen versicherten, schon lange aus. Und, leider, die werden heuer auch nicht mehr nachbestückt. Man braucht ja Platz, um rechtzeitig die flächendeckende Versorgung mit Weihnachtsplingplong garantieren zu können. Das. Ist. Krank.
Denn wir haben in unserem Waldviertler Garten mehr Äpfel, als Familie und Freunde essen und in Kuchen einbacken könnten und pressen sie deshalb zu Saft. Weil wir uns aber nicht schon im Frühjahr während der Apfelblüte um Saftflaschen gekümmert und unlängst die Erfahrung gemacht haben, dass heiße Flüssigkeiten Petflaschen zum Schmelzen bringen, wussten wir uns schließlich nur noch so zu helfen: Wir kauften im Supermarkt zwei Kisten Mineralwasser in Glasflaschen. Füllten das Mineralwasser in die Apfelsaft-Kanister und den pasteursierten Apfelsaft in die Mineralwasserflaschen. Und überlegten, ob wir vielleicht so hübsche Weihnachtsetiketten darauf picken sollen, die es jetzt schon überall gibt: Aber nein, das ist ja krank.
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| 10/08
Falter-Kolumne
Dafür finde ich es im Gegensatz zu praktisch allen anderen Eltern fantastisch, dass die Schule schon um acht anfängt. Es bedeutet, dass der Lange, der in der Früh dafür zuständig ist, Kaffee und Kakao ans Bett zu liefern, sich zu duschen, sich anzuziehen und drei Mal wöchentlich die Kinder zur Schule zu bringen (ich mache den winzigen Rest) jetzt nicht mehr bis um neun in Unterhosen durch die Wohnung hoppelt: da in einem Buch blättert, hier ein Zeitschrift aufschlägt und dort einen Song herunterlädt. Die Kinder warteten derweil angezogen und schwitzend an der Wohnungstür und kriegten schlechte Laune. Jetzt sind sie um halb acht aus dem Haus; und Mutter widmet sich in aller Ruhe der Ruhe.
Wie ich letztes Mal bis drei Uhr früh im rhiz aufgelegt habe und die Young Gods waren da, durfte ich ausschlafen. Die Kinder gingen ohne Frühstück, ohne Regenjacke und ohne Frisur in die Schule, und ich erbaute mich später sehr an des Langen Gestöhn, wie wahnsinnig anstrengend das denn alles sei, was da in der Früh zu erledigen anstünde . Ach wirklich. Dieses Erledigen bringt mich nämlich täglich an den Rand meiner Möglichkeiten, und wenn die Kinder abends um acht im Bett sind, will ich auch ins Bett. Nein, eigentlich will ich schon um halb zwölf wieder ins Bett.
Halb zwölf ist ungefähr die Zeit, zu der Haemmerli an normalen Tagen in Zürich aufsteht, und wenn ich abends bereits mit meinen Augendeckeln kämpfe, ist er gerade schön warmgelaufen und würde jetzt gerne telefonieren. Haemmerli und ich leben in verschiedenen Zeitzonen, dabei müssen gerade jetzt akut Sachen besprochen werden. Essen verabredet. Adressen ausgetauscht. Denn Haemmerlis Dokumentar-Film über seine Messie-Mutter hat heute, Mittwoch, im Top-Kino in Haemmerlis Beisein Premiere. Der Film heißt
"Sieben Mulden und eine Leiche", die Schweizer kennen ihn schon, die Deutschen kennen ihn auch schon, denn Haemmerli war bei Kerner, eine offenbar semilässige Erfahrung, weil Kerner wollte wohl immer nur über die grausigste Stelle in dem Film reden. Dabei ist der Film, in dem Haemmerli zeigt, wie er mit seinem Bruder die Wohnung der verstorbenene Messie-Mutter aufräumt, die darin durch einen Treppensturz zu Tode gekommen und leider ein paar Tage lang dort auf der Bodenheizung lang, eigentlich überraschend heiter. Und wirklich gut, ich habe ihn schon bei der Zürcher Premiere gesehen. Haemmerli sagte, das Kerner-Publikum habe ihn für herzlos gehalten, aber herzlos ist Haemmerli nicht: Die Akribie, mit der er die Lebensgeschichte seiner Mutter aus dem Material zusammenpuzzelt, das er in dieser unfassbaren Müllhalde fand, in der sie lebte, zeigt eine Zuneigung, die man einer Mutter, die einen mit zehn ins Internat steckte, nicht zwingend entgegenbringen müsste. Andere wären einfach mit dem Schaufelbagger rein, man hätts verstanden. Haemmerli hat einen Film gemacht, der ist extrem sehenswert. Gut, ein bisschen grausig auch.
„Sieben Mulden und eine Leiche“ von Thomas Haemmerli. Ab Fr im Top-Kino
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| 10/08
Kurier-Kolumne
Wie ich nun dem hohen Sprachgericht vorgeführt wurde, haben die Geschworenen meine Beweismittel eins nach dem anderen zerrissen, in der Luft, praktisch. „Pifkienesisch!“ (Ernst S.) „Germanisch!“ (Roger M.) „Nicht üblich“ (Walter K.) „Wie bedauerlich“ (Walter Z.) „Bei uns nicht!“ (Fritz F.) „Ja, wenn Sie für Deutschland schrieben!“ (Wolfgang J. K.) „Ausrottung der kleinen österreichischen sprachlichen Eigenheiten.“ (Susanna C.) „Ich hoffe sehr, Sie haben das jetzt geschnallt.“ (Robert H.). „Schmarrn.“ (Helmut M.) „Aus Deutschland zugelaufen.“ (Gerald Sch.) „Und das zum 100. Geburtstag von Torberg und Weigl!“ (Anton W.)
Die Sprachpolizei hatte mich verhaftet wegen widerrechtlicher Verwendung der Wendung „ab und an“, Tatbestand: unösterreichische Umtriebe. In meiner Naivität hatte ichden Duden als Unschuldsbeweis angeführt; und mich damit erst Recht schuldig gemacht. Denn natürlich lässt das Gericht nur das Österreichische Wörterbuch als Beweismittel zu, und dort steht neben „ab“ klar und deutlich „ab und zu“, und nur in Klammer („D: ab und an“). Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als mich schuldig zu bekennen. (Es sprang mir zwar ein Leser mit einem Weinheber-Zitat bei, welches „an und ab“ enthielt, aber so verzweifelt bin ich nicht, dass ich Gedichte von NSDAP-Mitgliedern vortrüge; dennoch vielen Dank.
P.t. Geschworene, verehrte Leserinnen und Leser, ich sehe meinen Irrtum ein, gelobe Besserung und bitte um ein mildes Urteil. Und das, obwohl ich nicht ausschließen kann, dass hier auch künftig zugelaufene Wörter auftauchen, und zwar, weil ich an Vielfalt glaube. Danke, dass Sie mich dafür nicht Paradeisern und Karfiol bewerfen.
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| 10/08
Die letzten sechs oder sieben Falter-Kolumnen. Jetzt drin.
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| 10/08
Falter-Kolumne
Zwei Wochen lang fanden die Kinder die Schule supsi: neu, spannend, interessant, uraufregend. In der dritten wurde ihnen klar, dass das jetzt immer so sein wird. Immer so früh aufstehen, immer rechtzeitig da sein, immer vier oder fünf Stunden Unterricht und danach immer Hausaufgaben. Es ist praktisch ein Schock. Macht sie muffig, patzig, aggressiv und wenn man einmal die Stimme auch nur ein halben Milimeter erhebt, fangen sie hysterisch an zu heulen, aber so hysterisch. Dabei sind sie Lautstärke gewohnt, bei uns sind alle laut, aber jetzt muss man als Erziehungsberechtige ganz leise sein. Ganz sanft. Meine Mutter sagt, das schadet nichts, das senkt euren Gebrüllpegel endlich ein bisschen, und dass ich vom Hinunterschlucken von dringlich veräußerungswürdigem Hochdruckgekeppel wahrscheinlich ein Magengeschwür kriege, ist ihr wurscht. Und die Mimis geben mir zu Gekeppel vielerlei Anlass: Ess ich nicht, trink ich nicht, mach ich nicht, will ich nicht, zieh ich nicht an, räum ich nicht auf. Nein, nein, nein, nein; wenn man überhaupt eine Antwort kriegt. Eine der Mimis hieß mich gestern dumme Kuh, das hätte sie früher nie gemacht, ich bin bitte ihr Idol, und ich habe sie, wie ich es aus der TV-Debatte HC gegen VdB gelernt habe, hypotisch angeflüstert: wenn ich das noch einmal höre, gibt’s kein kein kein... kein Irgendwas, du wirst du es jedenfalls bereuen. Die Schule macht uns fertig. Führt dazu, dass ich mir Sanktionen ausdenken muss. Aber wie sanktionierst du Kinder, die sowieso nicht computerspielen dürfen.
Computer, by the way, Abt. Gameboy: Es gibt im Hort einmal im Monat einen Gameboytag, da dürfen alle, die einen haben, ihren Gameboy mitbringen, und alle die keinen haben, wollen am Abend auch einen. Ich habe beim Elternabend gesagt, wenn ich einmal etwas sagen darf, ich bin unheimlich dagegen. Alle anderen schauten nicht mal hoch; nächster Punkt. Ich sagte noch einmal, ich bin übrigens strikt gegen den Gameboytag, und da erbarmte man sich meiner und erklärte mir in mitleidigem Ton, wie wichtig es sei, die Kinder einen vernünftigen Umgang mit modernen Massenmedien zu lehren. Gehöre nun mal zum Alltag; verbieten bringe nichts. Verbieten bringt wohl was, ich verbiete seit Jahren mit großem Erfolg und beabsichtige nicht, mein Konzept zu ändern, was durch den Gameboytag allerdings massiv verkompliziert wird. Im Gegenzug werde ich beim nächsten Elternabend vorschlagen, auch einen monatlichen Drogen-Tag einzuführen, an dem die Kinder ihre Zigaretten und Alkopops mit in den Hort bringen dürfen, was ich circa gleich schädlich finde wie Computerspiele: aber sie kommen ja doch früher oder später doch in Kontakt damit, besser man lehrt sie rechtzeitig einen vernünftigen Umgang mit dem Zeug. Verbieten bringt doch nichts.
Und Sie brauchen jetzt gar nicht zu sagen, dass die Kinder ihren Hang zum Hysterischen schon irgendwo herhaben... Ich habe schon eine Mutter, die mir revanchistische Referate hält, herzlichen Dank.
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| 10/08
Kurier-Kolumne
Gegen Weihnachten habe ich prinzpiell nichts. Im Gegenteil: Ich habe die Weihnachtszeit gern, vor allem seit ich Kinder habe. Und seit es ebay gibt, weil das Gebraucht-Geschenke-Ersteigern übers Internet meine nervlichen Ressourcen entschieden schont. (Die der Erde praktischerweise auch. Und meinen Kindern ist es einerlei, ob mit dem Lego, das sie bekommen, schon andere Kinder gespielt haben. Sie wären auch unheimlich bereit, einen gebrauchten Gameboy unterm Christbaum zu akzeptieren, aber nixnix, so etwas kommt mir nicht ins Haus, neu nicht und gebraucht nicht.)
Ich habe es aber nicht so gern, wenn Weihnachten schon im Altweibersommer anfängt. Man steht im kurzärmligen Leiberl vor Schaufenstern, die Spätsommersonne glüht einem aufs Haupt, das Eis rinnt den Kindern über die Finger, während in den Schaufenstern – schau, Mamaaa! –erste Weihnachtsmänner auf ihren Schlitten schlitteln.
Schon sind die Supermärkte erfüllt von Weihnachtsduft; schon stapeln sich Weihnachtskekse und Lebzelten, schon wird wieder überall Zimt hineingemixt und Lebkuchengewürz: in Jogurts, Schokoriegel, Marmeladen, in den Weichspüler, Seifen und ins Geschirrpülmittel.
Dabei wurde am Kalender eben erst der September abgericcssen, aber zwischen uns und dem Christkind steht jetzt nur das elende Halloween. Und, vertrauen sie mir, kaum hat man uns fertig knietief durch Plastikkürbisse und Kürbisplastik gejagt, werden überall die Weihnachtslieder aus dem Lautsprechern klingen und Weihnachtsbeleuchtung wird über unsern Köpfen strahlen, bevor noch der Herbst endgültig die letzten Blätter abgeworfen hat. Ist denn schon Weihnachten? Ja. Leider.
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| 10/08
Kurier-Kolumne
Aus den Briefen meiner Leserinnen und Leser: Man tadelt mich wegen Gebrauchs falscher oder ungeläufiger Wörter. Aktuell dem Wort nichtsdestotrotz, dessen gestrige Verwendung Leserin Barbara O. in einem nichtsdestotrotz sehr netten Mail anprangert. Das Wort sei nicht schön; dem pflichte ich bei. Nichtsdestoweniger sei zwar, schreibt Frau O., auch nicht schön, dafür aber korrekt, denn es finde sich im Deutschen Wörterbuch, im Gegensatz zu nichtsdestotrotz, wodurch Frau O. insinuiert, dass nichtsdestotrotz praktisch nicht existiere.
Dem nun muss ich widersprechen, denn, Beweismittel A, der „Duden, Die deutsche Rechtschreibung“, kennt nichtsdestotrotz wohl. Er stellt nur ein „ugs.“ bei, das nicht das Missfallen der Duden-Autoren ausdrücken soll, sondern „umgangssprachlich“ bedeutet. Das wäre geklärt.
Unklar ist hingegen, was Leser Robert H. an ab und an stört. Ob das Vorarlbergerisch sei; er habe das bei seinen Ländle-Aufenthalten nie gehört, aber Wienerisch sei das gewiss nicht, „da heißt es eindeutig ab und zu. Was sagen Sie als quasi Integrierte dazu?“ Also ich sage: Sie! Was meinen Sie mit „quasi integriert“? Ist das beleidigend gemeint? Und ich sage: Verehrter Herr H., es kribbelt in mir der göttliche Auftrag, Ihren Wortschatz zu vergrößern. Also: ab und an ist (Beweismittel B: „Duden, Sinn- und sachverwandte Wörter“) gebräuchlich. Weiters können Sie verwenden: hin und wieder, zuweilen, mitunter, manchmal, gelegentlich,von Zeit zu Zeit, fallweise, hie und da, mitunter. Bisweilen passt auch bisweilen.
Peter K. wiederum schickt ein langes Gedicht, das mit den Worten „Unfassbar, wirklich wahr, du bist tatsächlich 40 Jahr!“ beginnt. Ich glaube aber, der hat sich vermailt.
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| 10/08
Kurier-Kolumne
Da sind wir nun. Mitten drin. Mitten in den Post-Wahltagen. Es sind die Tage des Rekapitulierens und des Kapitulierens, es sind die D-Days: Die Tage der Desillusion, die Tage des Dementierens und Demontierens, die Tage des Deeskalierens, die Tage des Drehens (hin und her), die Tage des Drangs (nach vorn!, nach vorn!). Die Tage des Deutens, die Tage des Donners, die Tage des Danksagens. DANKE, DANKE, DANKE, sagen die Parteien, DANKE, DANKE, selbst dann wenn sie das Wahlvolk lieber anschnauzen würden, die undankbare Bagage. Ihr undankbare Bagage, ihr! Kaum funktioniert man ein Jährchen oder zwei nicht wie am Schnürl, wählen sie einen schon nicht mehr, bestrafen sie einen schon, rücken sie schon ab von einem, rücken sie schon nach rechts; als röche man schlecht oder so.
Nichtsdestotrotz wollen auch wir danke sagen: Danke, dass die Wahlplakate und Dreiecksständer mit den Lächlern und Ernstmienigen jetzt wieder von Straßen verschwinden, die Versprechungen und die Passt-bloß-auf-Parolen mit ihren alarmistischen Rufzeichen in fetten Block-Schriften. Danke, dass wir jetzt keine Wahlzuckerl mehr lutschen müssen; soviel süß ist ungesund. Danke, dass Wachteleier jetzt wieder dort ausgebrütet werden, wo es die Natur vorgesehen hat, unter der Wachtel. Danke, dass die TV-Abende nun nicht mehr dominiert werden von Männern in dunklen Dreiteilern.
Danke, Bundeskanzler, danke, Vizekanzler, danke Regierung, dass das Gestreite und Bocken und Blockieren dazu geführt hat, dass so viele Menschen in Österreich ihre Erlösung nur noch in rechter und rechtsrechter Politik zu finden glauben. Aber danke, dass es wenigstens nicht regnet.