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| 12/08
Kurier-Kolumne
Es ist die Saison der Horx-Interviews: alle Jahre wieder wirft der Trendforscher seine Neujahrsprognose unters Volk. (In jener für 2008 sah Horx keine Wirtschaftskrise herandräuen, sondern die neue Hegemonie der Kreativen Klasse sowie den Sieg der „spirituellen Technolgie“ über den „technischem Maximierungsgedanken“ voraus. Aber das kann ja einmal passieren.)
Im KURIER sagte Matthias Horx gestern ungefähr, dass das Testosteron schuld sei an der Weltwirtschaftskrise und dass etwas weniger bis nichts davon in den Organismen der Entscheidungskräfte der Welt wohl bekäme. Dem kann ich, no na, einiges abgewinnen, auch wenn ich nicht dem Glauben anhänge, Frauen seien per se das bessere Geschlecht: Aber sie lassen sich, das glaube ich nach langen Erfahrungsjahren einigermaßen empirisch behaupten zu können, bei Entscheidungen von anderen Prioritäten leiten als Männer und setzen für Erfolg oder Lebensqualitäten andere Parameter. Aber wie immer: Ausnahmen bestätigen die Regel.
Über die Krise sagte Horx in einem Interview für die Vorarlberger Neue (aus bequemer, sicherer Position), man dürfe „sich nicht dauernd vor Angst in die Hose“ machen. Es gebe Alarmisten und den Solutionisten: erstere „läuten ständig die Angstglocke und versuchen, damit Wirkung zu erzeugen. Solutionisten suchen nach Lösungen“, und Horx lässt wenig Zweifel daran, wem er mehr vertraut.
Allerdings resultiert die Krise halt schon auch daraus, dass man die Warner stets als Alarmisten denunzierte und lieber den Solutionisten glaubte, die meinten, das regle das System und der Markt schon alles selbst zum Besten. Hoffentlich behält Horx wenigstens mit den Frauen Recht.
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| 12/08
Kurier-Kolumne
Es ereilt uns die Nachricht, dass Harald Schmidt seine ARD-Late-Night-Show schon bald wieder ohne Pocher bestreite; das ist eine gute Neuigkeit für die Handvoll Menschen, die trotz Proll-Pocher und „Traumschiff“-Kollaboration nicht aufgehört haben, in Schmidt einen brillianten Kopf, einen Intellektuellen zu sehen, ja, die Verkörperung des guten, gescheiten und humorfähigen Deutschen an sich. (In diesen Kontext passt das FAZ-Zitat auf dem Umschlag des großartigen Romans „Der Kaiser von China“ des jungen Deutschen Tilmann Rammstedt: „(...)brillant, absolut stilsicher, zum Bersten komisch und zugleich hochliterarisch!“ Das ist für die FAZ eine contradictio in adiecto: komische Literatur. Österreich hat damit nicht so ein Problem. Man wüßte auch gern, was unter hochliterarisch zu verstehen ist.)
Schmidt ohne Pocher jedenfalls bringt uns ins Sinnieren, welche gewohnten Dualitäten noch als Singularium besser wären, woraus wiederum eine kleine, unvollständigeWunschliste fürs 2009er-Jahr resultuiert. Wünschenswert wäre:
Wurst ohne Brot (die Kinder). Schokokuchen ohne Kuchen (ebendie). Der Opernball ohne Lugner ohne Promigast. Kärnten ohne Deutschnationale. (Unvorstellbar dagegen, apropos Ausgangsmotiv: Grissemann ohne Stermann u. u.) Der Kanzler ohne festgetackertes Gelächle. Kulturförderung ohne Freunderlwirtschaft. Politik ohne Spekulation. Ein Schulsystem ohne programmierte Verlierer. Lebensmittel ohne Gift. Schokolade ohne Kalorien. Leberkässemmel ohne Kalorien. Eis ohne Ka... ok, genug; der ganze Genuss-ohne-Reue-Komplex halt. Restaurants ohne Rauch. Sommer ohne Gelsen. Winter ohne kein Schnee. Weitere Vorschläge sind hochwillkommen.
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| 12/08
Falter-Kolumne
Einmal mehr werden meine Toleranz und meine liberale Grundtendenz von zwei Sechsjährigen tüchtig strapaziert. Die Mimis wollen so Haube, wie sie der Joey und der Joel und sogar der Franz auch haben, so eine, die aussieht, als würden oben dicke Haare herauswachsen. Die Proll-Haube schlechthin also, und ich habe gesagt, was eine tolerante, tendenziell liberale Mutter in einer derartigen Situation sagt, ich habe gesagt: Nie. Im. Leben. Und dass das überhaupt nicht in Frage kommt. Und wie absolut beschissen diese Hauben aussehen. Und richtig, beschissen darf man nicht sagen, und auch deshalb brauchen wir gar nicht länger darüber reden. Und zwar selbst dann nicht, wenn es die Oma, mit der sich die Mimis geschickt auf ein Packerl gehaut haben, finanziert. Und auch dann nicht, wenn sie es aus ihrem eigenen Sparschweingeld bezahlen. Und nicht einmal dann, wenn ich mir jetzt jeden Tag anhören muss, was für eine herzlose, egoistische Mutter ich bin, die die Grundrechte ihrer Kinder auf selbstbestimmtes Aussehen beschneidet; das ist immer noch weit weniger schlimm, als wenn ich mich jeden Tag grausen und genieren muss, wenn ich meine Kinder mit diesen Hauben sehe.
Dabei ist es mir im Prinzip einerlei, was sie anziehen, solange es im Rahmen der klimatischen Vorgaben stattfindet, also keine Glitzerballerinas bei Schneelage und keine Schipullis bei Temperaturen über dreißig Grad, selbst wenn es sich jeweils um das einzige Kleidungsstück handelt, in dem ein Kind in Würde vor seine Schulkameraden treten kann. Und keine Leiberl, die in Bauchmitte aufhören, aber das ist meine Schuld, weil ich es nie schaffe, das zu kleine Zeug rechtzeitig auszusortieren. Es ist einer der Vorsätze fürs neue Jahr, ein, wenn schon nicht ordentlicher, so doch ein Mensch zu werden, der allen Ballast von sich und seiner Familie ab- und aus seiner Wohnstatt, wirft, sich immer auf der Stelle von allem losmacht, das nicht gebraucht wird und es umgehend guten Zwecken oder der städtischen Müllabfuhr zuführt. Was unsere Wohnung um gute 25 Quadratmeter vergrößern würde.
Allerdings handelt es sich dabei um den guten Vorsatz der letzten 15 Jahre mit bislang unterdurchschnittlicher Erfolgsbilanz. Immerhin habe ich kürzlich eine Tonne Spielzeug aussortiert, für das die Mimis längst zu groß sind, leider steht es jetzt seit drei Wochen vor der Tür und wartet darauf, dass ich es endlich dem dafür vorgesehenen guten Zweck zuführe. Was, wie ich glaube, einer der Gründe dafür ist, dass ich seit gestern mit brutalen Rückenschmerzattacken zu kämpfen habe. Das Unerledigte, so lernte ich es von meiner Osteopatin, konzentriert sich beim mir in der Wirbelsäule: Andere machen über das Unerledigte lustige Prokrastinationswitze und schreiben heitere Wie-mogle-ich-mich-durch-Ratgeber; ich komme nicht mehr vom Sessel hoch. Aber sobald ich wieder aufstehen kann, erledige ich das und werde ein besserer Mensch, keine Frage, gar keine Frage.
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| 12/08
Kurier-Kolumne
Heute! Das Christkind! kommt! Süßer die Glöcklein! Und alles!
Die britische Regierung hat zur unversehrteren Verbringung des heiligen Abends an ihre Bürgerinnen und Bürger Flugblätter verteilt: Die neigen am Heiligen Abend zu vielen, oft durchaus originellen Verletzungen, etwa weil sie Spielzeug mit Messern statt mit Schraubendrehern zusammenbauen, den Braten in der Mikrowelle explodieren lassen oder beim Hinsetzen ihren Sessel verfehlen.
Natürlich ist man auch hierzulande am heiligen Abend mannigfaltigen Gefahren ausgesetzt, die, ähnlich wie in England, nicht selten mit engagiertem Alkoholkonsum zusammenhängen. Auch wir wollen die Leser nicht ungewarnt in Gefahren laufen lassen: deshalb hier eine kleine Warnungsauswahl.
Nicht das Reindl mit der Gans ohne Topflappen aus dem Ofen holen. Obacht vor der gemeinen Karpfengräte. Vorsicht mit dem Christbaum: Brandgefahr durch Kerzen und Sternspritzer, eh klar, plus Umsturzgefahr, plus, davor sahen sich die Briten zu warnen gezwungen, Magenblutungsgefahr infolge Verspeisens der Elektrokerzen-Glühbirnchen. Leider wird beider Befriedigung der weihnachtlichen Kerzenscheinsucht auch gern darauf vergessen, dass der Adventkranz schon vier Wochen vor sich hin trocknet und am heiligen Abend ungefähr noch über die Feuer-Resistenz eines Brandbeschleunigers verfügt.
Die gefährlichste Heiligabenruiniergefahr entsteht aber natürlich aus jenem Konfliktpotential, das die Kombination von zuviel vorweihnachtlichem Stress und zu hohen Erwartungen an die perfekte Weihnachtsidylle in sich birgt. Also: Lieb sein! Zur Familie, zu den Freunden, zu sich selbst: Haben Sie sehr frohe Weihnachten.
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| 12/08
Kurier-Kolumne
Männer sollen hier eventuell gar nicht weiterlesen. Also, so sie zu jenen Exemplaren zählen, die einem mit glühendem Engagement versichern, wie null sie sich für Astrologie interessieren, ach was: schlagartig verlören sie jeglichen Respekt selbst vor Menschen, die Horoskope auch nur zur Unterhaltung lesen, undsoweiter, palim palim. (Ich bin überrascht , dass das diesbezügliche Mail des Kollegen T. noch nicht eingelangt ist.)
Dabei würde natürlich jeder gern hin und wieder durch einen Spalt ein bisschen in die Zukunft wundern, und die Gegenwart bietet, allen technologischen Errungenschaften zum Trotz, hierfür nur äußerst beschränkte bis keine Möglichkeiten. Die Sterne bieten da eine kleine Chance, bei der man sich erstens nicht allzuweit ins Esoterische hineinlehnen muss: Man hat ja nur ein bisschen Richtung Firmament geblickt oder blicken lassen. Mit der romantischen Sehnsucht, dass s den eventuell ein paar netVerheißungen für einen parat habe.
Denn zweitens erlaubt einem die Astrologie, jedenfalls die Hobby-Astrologie, sich jeweils das herauszufischen, was einem innerhalb des individuellen Lebensentwurfs als passend, brauchbar und erstrebenswert erscheint. Wollen wir uns Rückschläge und Enttäuschungen in Aussicht stellen lassen? Wollen wir nicht! In diesem Fall sehen wir uns doch lieber als Zupacker, die ihrer Zukunft selbst in der Hand halten. Aber wollen wir daran glauben, dass uns, zum Beispiel, schon bald die große Liebe , das viele Geld ereilt? Ja! Soll kommen!
Das KURIER-Tages-Horoskop jedenfalls sagt mir, ich solle heute doch einmal auf den Job vergessen. Dem will ich mich nicht länger widersetzen.
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| 12/08
Nur noch zwei Mal schlafen. Die Oma verbringt den heiligen Abend heuer bei ihren anderen Enkerln, aber sie war jetzt eine paar Tage da und hat uns geholfen, den Feiern-Reigen zu überstehen: es weihnachtsfeiert sich wesentlich entspannter, wenn anderntags nicht um 6.20 Uhr der Wecker klingelt. (Apropos Weihnachtsfeiern: danke für die teilweise überaus geschmackigen Handy-Fotos von Ihren Betriebsfesten, die sie mir freundlicherweise zukommen ließen.)
Das Geschenk für die Oma habe ich der Oma mitgegeben, aber ich kann nicht verraten, was es ist, weil die Oma zur kalten Jahreszeit gern im Internet herumstöbert. (Hallo Oma!)
Die Oma hat sich diesmal gar nicht darüber beschwert, dass wir ihr extra ein Bett gerichtet haben, was sie für gewöhnlich mit den Worten kommentiert, das wäre jetzt wirklich nicht nötig gewesen, ihr reicht doch das Sofa völlig. Also, eigentlich kann sie auch auf der Küchenbank schlafen, das macht ihr gar nichts aus. Die Oma lernt jetzt, Sachen anzunehmen, das war schon kaum mehr zu hoffen, es geschehen noch Wunder.
Ich musste sie diesmal zum Beispiel nur ein einziges Mal anknurren, als sie, während sie uns Berge von Wäsche bügelte, fragte, ob es mir etwas ausmache, wenn sie sich einen Kaffee macht. Oma! Wenn du noch einmal fragst! Und sie hat diesmal auch kein einziges Mal gesagt, also wegen ihr brauchen wir nicht kochen: Vielleicht haben die hundert Mal, die wir ihr in den letzten Jahren erklärt haben, dass wir erstens sowieso und zweitens gern für sie kochen, jetzt doch etwas genützt. Nächstes Jahr traut sich die Oma dann vielleicht schon, das Licht anzumachen, ohne vorher zu fragen; das wäre doch ein guter Vorsatz fürs neue Jahr, Oma, nicht?
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| 12/08
Kurier-Kolumne
Meine erste Wiener Wohnung war winzig, hatte kein Wasser und ich konnte sie mir trotzdem kaum leisten; aber ich hatte sie. Ich hatte sie, und ich hatte keine Kinder und wenn das Geld aus den Gelegenheitsjobs einmal gar nicht reichte, halfen mir Familie und Freunde aus der Patsche.
Jetzt einmal die Vorstellung, es ist nicht so. Man ist allein, man hat Kinder, man hat kein Geld und kann keine Miete zahlen und kein Essen kaufen und absolut niemand ist da, der einem aus der Patsche helfen kann. Das muss man sich, ganz im Ernst einmal vorstellen. Wie sich das anfühlen würde, wenn man das selber wäre.
Man würde dann vielleicht auch irgendwann vor der Tür des Vereins Immo-Humana stehen, weil man gehört hat, dass die helfen.
Das tut der Verein: Er sorgt dafür, dass verlassene oder verwitwete Mütter mit Kindern, egal woher sie kommen, ein Dach über den Kopf erhalten, für das sie in der ersten Zeit nichts oder gerade so viel bezahlen, wie sie sich leisten können. Dafür braucht es Wohnungen – 27 Frauen und ihren Kindern wurde letztes Jahr geholfen –, dafür braucht es Geld. Wovon manchmal so wenig da ist, dass die Vereinsmitarbeiter mitunter auch aus eigener Tasche für Kinder-Brillen und Schulsachen bezahlen; wenn es gerade dringend gebraucht wird.
Der KURIER hilft Immo-Humana ; Sie können auch helfen: Informationen unter www.immo-humana.at, Spenden auf das Konto 030-46400 bei der Erste Bank.
Und das bringt etwas: Die Geschichten der Frauen, denen geholfen wird, sind zu 98 Prozent Erfolgsgeschichten. Denn offenbar ist niemand ist stärker und entschlossener als eine Mutter, die ihren Kindern eine Zukunft verschaffen will. Und ein Happy End.
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| 12/08
Am Dienstag um halb acht fuhr Isa G. mit dem D-Wagen zur Arbeit. Zwei Jugendliche, etwa 16, setzten sich vor sie. Einer zog ein Butterfly-Messer und begann, mit diesem die Sitzlehne vor sich zu bearbeiten. Isa G. teilte dem Burschen mit, dass sie das für keine gute Idee halte. Der Bursche meinte, das gehe sie nichts an. Isa G. fand, im Gegenteil und ging vor zum Straßenbahnfahrer. Der kam mit nach hinten, sprach mit dem Jugendlichen und fragte ihn wo er hin fahre. Der Bub sagte: In die Schule.
Isa G., Mutter von vier Schulkindern, erschrak und rief die Polizei. Der Junge stieg aus. Der Straßenbahnfahrer sagte, er könne hier jetzt nicht länger stehen bleiben. Isa G. stieg auch aus und wartete auf die Polizei. Sie sagt, der Bursche habe eh harmlos gewirkt, ein dummer Bub halt, aber sie stellte sich vor, was dumme Buben mit so einer Waffe in einer Schule anrichten können, wenn es blöd kommt.
Die Polizei kam; stellte den Jugendlichen, der sich schon schlich, sprach mit ihm, ein Beamte nahm Isa G.s Daten auf . Sie sei aufgeregt gewesen, sagt Isa G., was dadurch nicht besser wurde, dass der Polizist ihr sagte, sie solle ihre rosarote Brille abnehmen: Jeder zweite Schüler habe heutzutage ein Messer mit. Isa G. wurde den Eindruck nicht los, dass es die Polizei vorgezogen hätte, wenn sie nicht wegen so einer Lappalie hätte ausrücken müssen. Wegen einer hysterischen Mutter, die der Realität nicht ins Auge sehen will.
Isa G. fragt sich jetzt, ob sie das sollte: Wegschauen, bei so etwas. Die offenbar unvermeidliche Radikalisiserung der Umgangsformen unter Kindern und Jugendlichen akzeptieren. Hoffen, dass schon nichts passiert: so etwas wie kürzlich in der Leopoldstadt, als Jugendliche eine Schulklasse samt Lehrer verprügelten... Isa G. findet: nein.
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| 12/08
20 gute Ratschläge, wie Sie die Weihnachtsfeier überleben: 1) Machen Sie sich fein, es ein bisschen Glamour, Glitzer und Haut darf ruhig sein. 2) Ein bisschen, habe ich gesagt: Eine Betriebsweihnachtsfeier ist keine Streetparade und keine Swingersauna. 3). Gehen Sie nüchtern hin; unnüchtern werden Sie noch früh genug.
4) Gehen Sie nicht mit leerem Magen hin; es wirkt ein wenig gierig, wenn Sie sich vor lauter Hunger als erstes übers Buffet stülpen, außerdem könnte, falls dessen Eröffnung Reden-bedingt auf sich warten lässt, der Aperitiv seine Wirkung zu zügig und effizient entfalten. 5) Verschaffen Sie sich eine gute Startposition zum Buffet, aber, 6), drängeln Sie nicht unter Ellbogeneinsatz Ihre Vorgesetzte von den Shrimps und vom Roastbeef weg. 7) Und schon gar nicht einen Untergebenen.
8) Behalten Sie Ihre Kleider an. 9) Komme was wolle. 10) Ja, besonders dann. 11) Lassen Sie sich nicht vom Chef das Du-Wort anbieten (verschlucken Sie sich, bekommen Sie einen allergischen Niesanfall, werfen Sie ihr Rotweinglas um, was immer, aber verhindern Sie es.) 12) Nicht dem Chef das Du-Wort anbieten. 13) Nicht den Chef küssen. 14) Überhaupt niemanden küssen, außer Sie sind offiziell mit ihr oder ihm verliebt, verlobt oder verheiratet. 15) Lassen Sie sich nicht zum Singen überreden, außer es handelt sich bei Ihrer Firma um die Staatsoper. 16) Versuchen Sie, wen anderen zum Singen zu überreden. 17) Vorzugsweise Ihren Chef. 18) Aber nicht zu aggressiv.
19) Halten Sie immer Ihr Fotohandy parat, falls einer ihrer Kollegen sich nicht an 2, 6, 8, 12, 13, 14 oder 15 hält und für den Fall, dass Sie mit 16 oder 17 Erfolg haben. 20)Versuchen Sie, den ganzen Abend bei Bewusstsein zu bleiben und die Shrimps im Körper zu behalten. Frohe Feier!
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| 12/08
Kurier-Kolumne
Liebes Christkind, ich wünsche mir zu Weihnachten erstens einen Schnee. Das, ich bin Zeiten der Krise bescheiden, kostet nichts und sollte für ein Himmelswesen kein Problem sein: Es soll nur ganz Wien mit einer ausreichend dicken Schneedecke dekoriert sein, das steht der Stadt. Und dann lass es tüchtig kalt sein, weil zweitens wünsch ich mir keinen Gatsch.
Drittens soll es in der Früh nicht mehr so finster sein. Dazu lass es bitte in der Früh nicht mehr so früh sein: Da musst du, liebes Christkind, nur der Wiener Stadtschulratspräsidentin und der Frau Unterrichtsministerin eine Einsicht schenken, dass ein Schulbeginn um neun Uhr für alle das Beste ist: kostet auch keinen Cent.
Fünftens sollen Einsichten bitte auch bei anderen Politikern unterm Christbaum liegen, individuell zugeschnitten natürlich, sie könnten zum Beispiel die Menschenwürde von Asylwerbern betreffen, die neue Mittelschule, Kindergeld-Reformen.
Sechstens wünsche ich mir ein neuwahlfreies Jahr, siebtens eine nicht nur bienenfleißige, sondern auch realistische Regierung. Achtens hätte ich ger eine Erhöhung des Frauenanteils in Politik und Wirtschaft: Lach nicht, Christkind, ich weiß eh, dass du diesen Wunsch nicht erfüllen kannst, aber wünschen darf man trotzdem. Das selbe gilt für, neuntes, ein besseres Fernsehprogramm, ja ich weiß eh. Dafür ist Wunsch zehn babyleicht erfüllbar und sehr günstig: Ich wünsche mir nämlich, dass in nächster Zeit keine weltbedeutenden Fußball-Ereignisse in meiner unmittelbaren Umgebung stattfinden.
Elftens aber sage ich: danke, liebes Christkind, dass du dieses Jahr Bob Dylan nach Wien geschickt hast: Ging ja! Das wünscht sich für nächstes Jahr wieder,
deine Knecht
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| 12/08
Falter-Kolumne
Wenn die Kinder noch einmal „Feliz Navidad“ auf ihren Pu-der-Bär-Casios spielen, entleibe ich mich. Ich weiß nicht, woher sie diese Besessenheit haben; aber sie muss jeweils über ein saisonal oder kulturindustriell vorgegebenes Ereignis gestülpt werden; aktuell: Weihnachten. Unsere Wohnung wird von einem Adventkranz geziert, unzähligen Kerzen und Sternen plus einem bereits fixfertig geschmückten Christbaum, den, auf Wunsch des Bubenmimis, die ganze Familie an Tag eins des Wiener Christbaumverkaufs gemeinsam aussuchen und singend nach Hause tragen musste. Das Kind hat, abseits ihres Fußballwahns, eine stark idyllische Ader.
Ossi, mein Alter Zürcher WG-Kumpel, hat das noch vor sich: nicht nur ehemalige Arbeitskollegen (neun), auch ehemaligen Mitbewohner (jetzt: zwei) zeigen eine auffällige Tendenz, ebenfalls Zwillinge zu bekommen; Ossis Zwillingsmädchen kommen im April zur Welt. Es spricht aus seinen Mails die übliche, präparentale, geistesgestört verklärte Ahnungslosigkeit: Er hat keinen Tau, was auf ihn zukommt, weiß aber mit Sicherheit, dass es überhaupt kein Problem wird. Ich erkläre ihm vorsichtig, dass er sich die ersten drei Jahre sogar die Zeit, die er zum Atmen braucht, gut einteilen wird müssen und er sich weitere drei Jahre später wegen anhaltender Weihnachtsliedfolter harakirien wird wollen, aber das hört er gar nicht. Hat er auch Recht, bringt ja nichts. Immerhin ist er realistisch genug, mir seinen Maserati zum Kauf anzubieten; weil dafür hat er vorläufig tatsächlich keine Verwendung. Obwohl ich ihm vielleicht erzählen sollte, dass einer der neun Arbeitskollegen einen Ferrari mit zwei Kindersitzen fährt.
Und ja, wir könnten ein neues Auto brauchen: Unseres hat ein Problem beim Starten. Einen Wackler in der Zünd-Elektronik, was weiß ich. Für das Auto ist der Lange zuständig, und er könnte es in eine Werkstatt bringen und das Problem beheben lassen, aber aus irgendeinem, vermutlich finanziellen Grund, widerstrebt ihm das. Wir machen es jetzt einfach so, dass wir das Auto nur noch auf abschüssigen Straßen abstellen, oder wenn verlässlich Leute in der Nähe sind, die beim Anschieben helfen können. Der Lange kennt mittlerweile alle Tankstellen zwischen Wien und Waldviertel mit einer Neigung von plus zehn Prozent, und er findet, damit ist die Sache erledigt. (Wenn es bei uns in einem Zimmer schlecht röche, würde der Lange ein Dutzend mal anmerken, dass es in dem Zimmer schlecht riecht und schließlich zum Baumarkt fahren, Abdichtklebeband oder Silikon kaufen und das Zimmer von außen luftdicht verschließen. Wir haben ja noch genug andere Zimmer).
Apropos Kulturtechniken und Besessenheit befinden wir uns gerade in einem Experiment, wie oft sich Sechsjährige „Kungfu Panda“ anschauen können, bevor ihnen das zu fad wird. Bislang können wir sagen: Nicht vor dem 8. Mal. Versuch 9 verschafft uns soeben eine lebenserhaltnde Pause von „Feliz Navidad“. Merci, Po. Und merci bien, Christkind, ich habe gehört, du bringst ein neues Kolumnenbild.
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| 12/08
Kurier-Kolumne
Die Heizung muss Mittwoch Nacht ausgefallen sein. Am Donnerstag gegen Abend fiel auf, dass es kalt war, man kniete sich vor den Kessel und vermisste eine Flamme. Versuche, sie wieder zu zünden, scheiterten. Die Firma, die den Kessel wartet, wurde angerufen: Man werde den Techniker morgen früh gleich verständigen.
Freitag sehr früh rief man sicherheitshalber gleich wieder an, bekam auch den Techniker an den Apparat, und der sagte, er werde später vorbei schauen. Nach elf kam er tatsächlich, sah sich das Problem an und seufzte. Das könnte schwierig werden. Entweder es sei kein Problem und mit ein wenig Putzen behoben, oder es sei ein Problem, dann aber großes, weil der Kessel uralt und das Ersatzteil nur noch in Deutschland erhältlich sei; Lieferdauer zehn Tage Minimum. Zu diesem Zeitpunkt trug man bereits dicke Pullover.
Es war ein großes Problem, Gasarmatur kaputt; der Techniker rief gleich in Deutschland an, es war bereits nach zwölf, keiner mehr da. Es gäbe, meinte der Techniker, noch ein winzige Chance, eine kleine Firma im 18. Bezirk, mit sehr viel Glück habe die das Teil vielleicht, er müsse sowieso in die Gegend. Ja, sicher; vielen Dank, auf Wiedersehen. Man rief die Hausverwaltung an und besprach die Möglichkeiten, zwei Wochen ohne Heizung zu überbrücken. Gegen zwei rief der Techniker an und sagte, er habe das Teil aufgetrieben, er komme jetzt und baue das ein, das gehe ja nicht, mit den Kindern in dieser Kälte.
Wir sagen uns das noch einmal vor: ein Wiener Handwerker, der in Eigeninitiative ein Ersatzteil auftreibt und es an einem Freitag nachmittag einbaut, wo er längst frei haben könnte. Es muss eindeutig Weihnachten sein.
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| 12/08
Kurier-Kolumne
Sarah Wiener fährt wieder mit ihrem roten Käfer-Kabrio durch meinen Fernseher, und das habe ich gern. Diesmal ist sie in Italien unterwegs (Arte wollte sie, scheint’s, eigentlich durch Deutschlands Küchen schicken, aber da schmeckts ihr wohl nicht so). Italien ist gut, auch für den Zuseher, weil das meiste, was Wiener dort kochen lernt, ist so watscheneinfach, dass es jeder daheim nachmachen kann. Die Jahreszeit für Winters „kulinarische Abenteuer“ passt mir, obwohl’s bei Wiener gerade Frühling ist, auch, weil ich mich im Winter fürs Kochen interessiere, und im Sommer weniger.
Ich mag’s, wie die Frau immer lacht und wie sie auf Leute zugeht und die Art, wie sie älter wird, ohne etwas Nennenswertes dagegen zu unternehmen.
Also jedenfalls nicht so, wie man das von öffentlichen Frauen sonst kennt. Ich habe einmal etwas Schönes von ihr gelesen, im Zeit Magazin, in dieser „Ich-habe-einen-Traum“-Rubrik, ich habe mir das herausgerissen und lange mit mir herumgetragen. Da redet Wiener übers Gehen, übers Wandern, übers sich Anstrengen, über ihren Körper und wie sie an ihm arbeitet: Nicht damit er vorm Spiegel imponiere, sondern damit er in 30 Jahren noch über Hürden springe, von Bäumen hüpfe und Räder schlage. Das hat mir gefallen.
Und es gefällt mir, wie sie in ihrer Fernsehsendung die Langsamkeit und die altmodische Sorgfalt zelebriert, wie sie die Zuseher mitnimmt auf die Suche nach dem Ursprung des Produkts und wie sie, wenn möglich, bei seiner nicht selten strapaziösen Herstellung anpackt.
Vielleicht kocht und lacht sie sich nächstes Mal ja durch Österreich. Außer natürlich, es schmeckt ihr hier nicht so.
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| 12/08
Kurier-Kolumne
Eigentlich wollte ich heute etwas Weihnachtliches schreiben, aber die Kollegin D. hat mir gerade eine Geschichte erzählt, die das verhindert.
D. war mit ihrer fünfhalbjährigen Tochter und dem Wagerl mit dem einjährigen Sohn ohne Eile unterwegs zu einer Freundin, die Tochter sicher auf der Häuserseite, als ihnen eine etwa 50-jährige Dame entgegenkam, die ein Handy in der Hand hielt. Die Dame und die kleine Tochter kollidierten: So etwas passiert manchmal. Das Kind fiel nach rückwärts, die Dame nach vorn. Passanten reagierten sofort; kümmerten sich um das Kind, während die Kollegin der Frau aufhalf und fragte, ob sie sich wehgetan habe, die Frau sagte: „Jetzt halten Sie den Mund.“ Die Kollegin D. führte die Dame, deren Knie anschwoll, trotzdem zu einer Bank, rief erst die Rettung an, dann ihre Freundin, die ihre bleiche Tochter und den kleinen Sohn abholte, damit D. mit der Frau auf die Rettung warten konnte. Die Dame verlangte von D. forsch Versicherungsnummer und Ausweis, was D. aber verweigerte.
Die Dame rief die Polizei. Der Gatte der Dame tauchte auf und fing an, D. mit seinem Handy zu fotografieren. Die Rettung kam. Die Polizei kam und nahm die Daten der beiden Frauen auf: D. erzählte den Hergang des Unfalls. Der freundliche Polizist konnte ihr auch nicht sagen, was jetzt geschieht; D. ging dann zu ihren Kindern. Eine halbe Stunde später rief die Polizei D. an um ihr mitzuteilen, es liege eine Anzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen sie vor.
Man muss sich das noch einmal vergewärtigen: eine erwachsene Frau rennt ein kleines Kind um, und die Frau zeigt, weil man eine Fünfjährige dafür leider nicht belangen kann, deren Mutter an. Warum? Weihnachtsgeld? Könnte sein.
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| 12/08
Kurier-Kolumne
Die K.s haben einen Buben, der geht in den Stadtpark-Kindergarten, und um dorthin zu gelangen, müssen die K.s Am Stadtpark sechs Fahrstreifen überqueren. Zum Glück gibt es eine Ampel, und dort schleifen die K.s ihr Kind Tag für Tag über den Zebrastreifen, dass es ihm fast den Arm auskegelt. Denn die Ampel zeigt – die K.s haben das wiederholt gestoppt – genau zehn Sekunden lang grün. Haben Sie schon einmal versucht, ein fünfjähriges Kind in zehn Sekunden über sechs Fahrstreifen zu bewegen? Die Verkehrsplaner ganz eindeutig nicht.
Fünf Sekunden dagegen hält die Lähmung, die 50.000 Volt auslösen, per Taser in einen Menschen gejagt: Ein KURIER-Kollege und der FPÖ-Abgeordnete Harald Vilimsky haben das ausprobiert, und wurden dann von zwei kräftigen Männern sanft auf eine Matte gelegt, auf dass sie sich beim Sturz nicht weh tun. Was ich gestern als realitätsfern kritisierte: Denn im Gefängnis, wo Taser eingesetzt werden sollen, stünden wohl keine Helfer bereit, die den Stürzenden auffangen.
Gleich mailte Herr Vilimsky: „Erlauben Sie mir die Feststellung, dass Sie mit Ihrem Kommentar nicht richtig liegen. Es ist nämlich Teil der Taser-Anwendung in Österreich, eine angeschossene Person genauso sanft zu Boden zu bringen, wie es bei mir und Matthias Hofer der Fall war!“Ah so!
Erlauben Sie mir dann die Frage: Wozu brauchen Justizwachebeamte Taser, wenn sie im Moment seiner Anwendung eh drei gegen einen sind? Also einer, der schießt und zwei, die auffangen? Eigentlich würde ich – Fluchtgefahr besteht ja nicht – drei kräftigen, in solche Situationen trainierten Beamten zutrauen, dass sie auch so mit einem Häftling fertig werden. Aber bitte, ich kann mich irren.
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| 12/08
Kurier-Kolumne
Wenn 50.000 Volt auf den Körper treffen: das ist brutaler als die Männer, ein FPÖ-Mandatar und ein KURIER-Kollege, sich das vorgestellt haben. In einem KURIER-Video testeten sie, was passiert, wenn der Strom aus dem Taser einen erwischt. Was sie glücklicherweise nicht erleben mussten: wie es ist, wenn man ungebremst mit dem Gesicht voran auf dem Boden trifft. Denn vor ihnen lagen Matten, auf die die vorübergehend Gelähmten von zwei starken Männern sanft gebettet wurden.
In jener Wirklichkeit, für die diese Taser im Justizbereich angeschafft werden sollen, ist es anders. Keine Matten, keine starken Helfer, die den Stürzenden auffangen. In Wirklichkeit knallt der Häftling – vom Stromschlag gelähmt und deshalb nicht in der Lage, sich mit seinen Händen zu schützen - ungebremst mit dem Kopf auf den Boden. Auf youtube kann man eine Reihe von Filmen abrufen, die exakt das zeigen.
Das KURIER-Video löste eine intensive Debatte darüber aus, ob es zumutbar ist, den Taser an Häftlingen anzuwenden. Das tut es effizienter als zehn Gutachten. Jeder kann sehen - und hören -, was passiert, wenn 50.000 Volt einen Menschen paralysieren, jeder kann sich ausmalen, was im matten- und hilfefreien Realfall passieren würde.
Der Realfall enthält allerdings keinen netten Redakteur, sondern einen gewaltbereiten Häftling und einen Justizbeamten, der sich vor dieser Aggression schützen muss. Trotzdem: Ist es in Ordnung, die erhöhte Sicherheit von Justizbeamten mit schweren, möglicherweise tödlichen Verletzungen von Häftlingen – also bereits sicher eingesperrt und von ausgebildeten Beamten bewacht - zu bezahlen? Diese Antwort gibt das Video nicht: Und um die geht es jetzt.
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| 12/08
Falter-Kolumne
Ich war eh brav. Einmal den Weihnachtsmarkt überlebt, zweimal mit den Kindern Kekse gebacken, drei Mal Adventlieder am Kranz gesungen. Kaum ausgewesen; Einladungen tapfer ausgeschlagen. Doch, ich war bei Peter Fox und klemmte in der Arena zwischen einer Million transpirierender Zwanzigjähriger, die alle überaus textsicher „Haus am See“ mitsangen. Daran erkennt man, dass es wurscht ist, ob der Künstler englisch oder deutsch singt, das Jungvolk versteht Songtexte nicht einmal, wenn sie in der Muttersprache vorgebracht werden.
Ich meine, wenn ich „Haus am See“ mitsinge: gut, das könnte man, auch wenn man es mir nicht ansieht, auf eine altersbedingte Lebenskrise schieben oder die Einsicht, dass es nun eben soweit ist, dass man sich Gedanken über Altersvorsorge macht, egal wie oft man sich in Twentysomethingskonzerte schwindelt und so tut, als gehöre man noch da dazu. Aber mit zwanzig sollte man doch eigentlich noch ein bisschen zu jung sein für utopische Fantasien über ideale Vergreisungsstrategien; diesfalls finanziell gut abgesicherte, denn bei dem von Herrn Fox bedichteten Altersheim handelt es sich eine Immobilie am Wasser. Außerdem hat Fox in seiner Fantasie eine schöne Frau und zwanzig Kinder, damit kann ich jetzt nicht soviel anfangen, wie mit dem, dass alle Freunde vorbeikommen und Schnaps trinken, während die Mamas kochen.
Wobei: Welche Mamas jetzt eigentlich? Egal. Im Prinzip kann man es aufs Waldviertel umlegen, vor allem, was den Schnaps betrifft, weil irgendwann muss man sich für die Millionen Tonnen Äpfel eh etwas Gescheites überlegen, wenngleich jetzt nicht die Jahreszeit dazu ist. Und obwohl im Waldviertel die Papas kochen, tatsächlich gibt es eine entschiedene Kochkonkurrenz zwischen den Papas, die alle einen großen göttlichen Kochauftrag in sich fühlen und sich mit ausgefeilten Gerichten, verlässlich auf zünftiger Fleisch-und-Soße-Basis, kerneske Kochturniere liefern. Die Mamas und ihre Speckrollen profitieren davon unheimlich, deshalb ist es gut, dass wir den Winter in der Stadt verbringen. Im Sommer und im Herbst, und hoffentlich auch an dem des Lebens, geht es praktisch permanent um die Frage, wer nächstes Wochenende kocht. Ich! Nein: ich! Nein, der Maurizio! Der kommt am Sonntag und bringt zwei Lammhaxen! Ich glaube zum Beispiel, dass wir nicht bei den Mosers zum Nikolaus eingeladen sind, weil wir dem Moser seine wirklich schöne Idee, auf unserem Herd sein kollossales Ossobucco zuzubereiten, versenken mussten, weil dort schon ein Hirsch im Saft simmerte. Eine derartige Zurückweisung kann in einem Mann lange arbeiten. (Ungefähr so lange wie ein misslungenes Kolumnenbild in einer Frau, die das bitte gerne geändert hätte). Zum Glück sind wir schon längst bei den Ritters eingeladen, wo wir den Leberkäse und den Erdäpfelsalat selber mitbringen, weil die reißen sich nicht ums Kochen. Über derlei müsste Peter Fox einmal dichten, mal schauen, wer da mitsingt.
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| 12/08
Kurier-Kolumne
Wir haben eine neue Ministerin im Frauenministerium und wollen jetzt ausnahmsweise einmal nicht die Frage nach dessen Sinn stellen. Lassen wir die Gabriele Heinisch-Hosek beweisen, dass dieses Ministerium etwas bewirken kann. Denn das will sie, und schon Stunden nach ihrer Angelobung sagte sie in Interviews, u.a. für den KURIER, auch wie: zum Beispiel mit einer Frauenquote in Aufsichtsräten. 40 Prozent der Aufsichträte von Unternehmen sollen nach norwegischem Vorbild künftig weiblich sein.
In einem weiteren Interview mit dem Standard wurde die neue Frauenministerin gefragt, wie sie denn zu Frauenquoten in der Politik stünde, worauf sie antwortete: „Es wäre wünschenwert, eine gewisse Prozentzahl zum Beispiel an Nationalrätinnen zu erreichen. Aber in dem Fall kann man keinen Frauenanteil vorschreiben, den muss man sich erarbeiten.“ Aha, muss man. Und zwar warum gerade in diesem Fall? Und wie? Und was genau darf man sich unter einer „gewissen Prozentzahl" vorstellen?
Die SPÖ erreicht in ihrem eigenen Parlamentsklub nicht einmal die 40 Prozent, die die Frauenministerin keck für Aufsichtsräte fordert. Und auf die Frage, warum eigentlich nur 40 und nicht 50 Prozent, antwortet Frau Frauenministerin wörtlich: „Das jeweils schwächer vertretene Geschlecht soll einen Anteil von 40 Prozent haben.“ Entschuldigung, was bedeutet das? Vor allem angesichts eines Wählerverhältnisses von 52, 1 Prozent Frauen zu 47,9 Prozent Männern? Und eines Bevölkerungsanteils von etwa 4 1/4 Millionen Frauen zu vier Millionen Männern?
Ich habe versprochen, die Frage nach dem Sinn einer Frauenministerin nicht zu stellen, aber ehrlich, es fällt sehr schwer.
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| 12/08
Kurier-Kolumne
Es klingelt. Wer kommt? Keine Ahnung. Aus der Gegensprechanlage tönt eine jüngere Männerstimme, sie sagt höflich guten Abend und man sei gerade in der Nähe gewesen. Und ob ich glaube, ob es sich besser mit oder ohne Gott lebt. Na, wenn’s sonst nichts ist... Guter Mann, was ich glaube ist, dass das kein Thema für eine Konversation über die Gegensprechanlage ist, und nein, ich werde sowieso mit keinem Wildfremden, und sei er noch so höflich, über meine Haltung zu Gott parlieren. Also auf Wiederhören und schönen Abend noch.
Man fragt sich, wie oft der junge Herr auf willige Zuhörer trifft, und ob er dann in der finsteren Kälte steht und via Haussprechanlage theologische Standpunkte erläutert: Wobei ich einmal annehme, dass er nicht gekommen ist, um gläubigen Menschen einzureden, es lebe sich besser ohne Gott. Atheisten machen nicht extra Hausbesuche.
Apropos Glauben und keine Hausbesuche: Ein neues Phänomen nennt sich „Cyberchondrie“ und benennt die Neigung, sich mit Hilfe von medizinischen Diagnosen aus dem Internet krank zu fühlen.
Früher musste man mühevoll im Pschyrembel herumsuchen, um das Kribbeln im Ohrläppchen definitiv als Knorpelpest zu diagnostizieren. Nun ergoogelt man im Internet innerhalb von Sekunden zahllose medzinische Ratgeberseiten. Und stößt sogleich auf eine Armada von Co-Siechenden, die am identen Leiden laborieren und über Symptome und Therapien genauestens Bescheid wissen: Im Unterschied zu früher, als der Hypochonder meist ein einsames, unverstandenes Dasein im Kreise ungläubiger Spötter führen musste. Der Cyberchonder ist nie allein: Seine Mitgläubigen sind immer nur einen Mausklick entfernt.
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| 12/08
Kurier-Kolumne
Da, schon passiert. Es war nur eine winziges Krümelchen Disharmonie, aber es kontaminiert nachhaltig das stolze und einige Strahlen der frischvermählten Koalitionäre: Denn der Vizekanzler wollte mit dem Kanzler, der damit den Beginn der neuen Epoche feiern wollte, nicht abendessen gehen. Terminkollisionen und so.
Dabei hatte der Kanzler schon einen schönen Tisch im Ambassador anvisiert, und vermutlich war mit Mörwald bereits die eine oder andere kulinarische Petitesse liebevoll ausgeheckt: probier dies als Symbölchen für eine lange und fruchtbare Legislaturperiode. Und das da auch.
Und ebendies hat der Vizekanzler ausgeschlagen. Oh, oh. Was ist von einer Ehe zu erwarten, in der die Braut schon keine Lust auf Flitterwochen hat? Leider, ich habe da schon einen wichtigeren Termin, fahr du mal allein.
Wir Paartherapheuten sind besorgt und ahnen Böses: Wenn eine Partnerschaft mit einem derartigen Misston beginnt, ist da nicht schon die Saat des Endenwollens implantiert? Wie das weitergehen könnte, lässt sich im „Handbuch für schlechte Vorzeichen“und im „Schnell-wieder-Single“-Ratgeber nachlesen: Zu Weihnachten das unangebrachte Geschenk oder gar keins. Silvester erst einem andern das Neujahr anwünschen. Im Mai den Geburtstag vergessen. Im Juni, wenn man beim Heurigen mit Freunden über „unser Lied“ plaudert, „Stay the Same“ von den New Kids On The Block anstimmen, und dabei wars doch „Never tear us apart“ von INXS. Die Jahrestage ignorieren: Das erste Kennenlernen, der erste Handschlag, das erste Duzen, die ersten Koalitionsverhandlungen, die ersten Annäherungen.
Es hätte alles so romantisch werden können. Und jetzt das.
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| 12/08
Kurier-Kolumne
Leser Michael W. hat einen viereinhalbjährigen Sohn, mit dem er das alljährliche Spielefest im Wiener Austria Center besuchte: auch um vielleicht den einen oder anderen Wunsch ans Christkind zu entdecken. Zuerst aber entdecken Vater und Sohn, dass sie sich nach Kartenerwerb durch Schülermassen drängeln müssen, und, zwar zwei Mal, weil man ihnen erst im zweiten Stock mitteilt, dass sie auch einen Spielepass brauchen. Wieder oben treffen die W.s zuerst auf einen Herrn, der seinen Kollegen (an Tag eins, um zehn Uhr) laut „Leckereien zur Nervenberuhigung“anbietet; das löst in W. warme Gefühle des Willkommenseins aus.
Herr W. holt ein Spiel, der Sohn befindet es alsbald als fad, worauf W. um weitere Spiele für Vier- bis Fünfjährige bittet, worauf die Mitarbeiterin ratlos blickt, minutenlang verschwindet und ohne Spiel wiederkehrt.Worauf Michael W. sich eines aus der Liste sucht, welches nach weiterem Gesuche aber nicht vorhanden ist. Ein anderer Mitarbeiter bringt schließlich etwas; nach langem Warten. W. fragt, wo man das ausprobieren dürfe. Die Antwort „überall“ versteht Herr W. wie „überall“ und setzt sich mit dem Kind in einen Saal, durch den bald ein Mitarbeiter rauscht und die Gäste brüllend informiert, das sei kein Spiel-, sondern der Bastelbereich.
Danach gehen Vater und Sohn auf Würstel und Pommes in die Gastrozone und suchen dort einen Essplatz, doch es gibt nur Stehtische in Thekenhöhe; für Kleinkinder optimal.
Als sich die W.s nach dem Essen ratlos über ein Spiel beugen, geschieht ein Wunder: eine Mitarbeiterin fragt, ob sie Hilfe brauchen. Ja! Die Mitarbeiterin bittet um die Spielanweisung, sie kenne das Spiel auch nicht. Der Eintritt zu dieser Spiel-Fachmesse kostete Leser W. übrigens neun Euro.
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| 12/08
Falter-Kolumne
Ich bin jetzt noch verärgert darüber, dass ich das TV On The Radio-Konzert ausgelassen habe. Selbstverständlich das, wie ich höre, großartigste Konzert des Jahres, unübertrefflich. Stattdessen saß ich mit Sedlacek in einem italienischen Lokal, und Sedlacek war überraschend angenehm; erwachsen, gelassen, zuhörbereit: Leider war ich es nicht, was in erheblichem Maß mit verschiedenen Aktivitäten zu tun hatte, in denen jeweils Rotwein eine Rolle spielte. Ich vertrage keinen Rotwein auf nüchternen Magen, haben das jetzt alle verstanden? Zuerst war ich mit einem der Mimis Adventkranzbinden im Hort (Glühwein), dann war das andere Mimi bei einem Freund abzuholen, wo es etwas zu essen gab (was ich, wegen der Verabredung mit Sedlacek, ausschlug) und Rotwein zu trinken (was nicht). Dann übergab ich die Kinder dem Babysitter und eilte in das Restaurant, wo Sedlacek schon beim Rotwein saß und in die Speisekarte blickte, aber ich hatte doch keinen Hunger und beteiligte mich nur am Wein. Am nächsten Tag wusste ich nicht mehr, ob ich eigentlich den Babysitter bezahlt hatte und Sedlacek antwortete bis heute nicht auf ein Mail, das eine Menge ähs enthielt. Der Mann hat keine Ahnung, wie schnell eine Mutter in eine akute Angetschechertheit rutschen kann. Viel schneller als keine Mutter nämlich, weil keine Mutter würde gerade aus dem Büro kommen, wo sie bis kurz vor dem Essen mit Sedlacek volkswichtige Erwerbsarbeit erledigt hätte. Was einen tatsächlich entschieden weniger durstig macht, als das Binden von Adventkränzen in Gesellschaft anderer Mütter, die dafür nicht geschaffen sind, und danach ein Rudel Sechsjähriger, das sich einen völlig enthemmten Dreifrontenkrieg mit Lebensmitteln, Schuhen und Tampons liefert, bis man sie endlich alle an den Ohren zu fassen kriegt. Seids ihr eigentlich noch. Kruzi.
Egal. Zum Glück habe ich nicht das Bernhard-Fleischmann-Konzert ausgelassen. Ich glaube zwar, dass es in ganz Wien keinen dümmer konzipierten Konzertsaal gibt, als den sonst hübschen Ragnarhof, aber das Konzert war wunderbar, melodiöses Gefrizzel mit hohem Seelenanteil, sehr uncool, sehr berührend, hat viel mit den Gaststimmen von Marilies Jagsch und Sweet William Van Ghost zu tun. Am Ende betrat auch noch Christoph Kurzmann vollkommen unverändert die Bühne und ich fiel schlagartig ins Zeitloch, zurück in die Neunziger, die ich praktisch lückenlos auf Konzerten verbracht habe und mit der Abklärung musikalischer und gesellschaftspolitischer Standpunkte. Ich war oft heiser in den Neunzigern. Ich konnte ausschlafen in den Neunzigern. Es war nett in den Neunzigern. Dafür hatte ich keinen Adventkranz und niemand, der mir tagelang damit auf die Nerven ging, wann jetzt endlich die erste Kerze angezündet wird, und insofern, soviel vorweihnachtliche Kinder-Verbrunztheit erlaube ich mir jetzt einmal, bin ich vollkommen damit einverstanden, dass sie vorbei sind. Tuts nur den Rotwein weg, bitte.
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| 12/08
Kurier-Kolumne
Das lag wohl einmal zu oft in einer Lache neben der Badewanne. Oder reagierte übersensibel auf das Gebrösel in der Tasche. Jedenfalls funktioniert das Mobiltelefon, obwohl noch gar nicht alt, nicht mehr gescheit; ein neues muss her. Das neue ist praktisch ident mit dem alten, bis auf die Lackierung und auf den, so scheints, minderbeunruhigenden Umstand, dass es nur 16 Ruftöne vorgespeichert hat. Wird schon etwas brauchbares dabei sein.
Ist es nicht. Bei „Buzzer“ scheppern mir die Ohrwaschl, bei „Catwalk“ wird mir schlecht, der „Chipper“ lässt mich um Gnade jaulen; den selben Effekt haben die Klänge von „Collosseum“ und „Deal“. Der Discosound von „Eternal“ entspricht meiner Klingeltonpersönlichkeit so wenig wie die Klänge von „Journey“. „Freeheart“ und „Today“: jössas! Es wird mir noch das Geklingel eines alten Bakelittelefons vorgeschlagen (nein), und zwei Schrilltöne, die klingen wie ein altes Bakelittelefon auf Ecstasy. Nein!
Meine Klingeltonpersönlichkeit nämlich fühlt sich von mildem, faulem Elektro-Gedüdel aus maximal zwei Tönen am besten verstanden, und derlei hat mein Handy nicht mehr im Angebot. Zu sehr neunziger Jahre, nehme ich an.
Aber bitte, es gibt Klingelton-Websites, und Halleluja, das Angebot ist enorm, tausende von Tönen und darunter nicht einer, bei dem ich in der Bim nicht vor Scham unter die Bodenplatten kriechen würde. Hengste wiehern, Vögel zwitschern, Streichorchester fiedeln, der Kasperl krawuutzikapuutzt, Charthits pumpern, und wildfremde Kerle brüllen im Krocha-Style meinen Namen. Aber ein einfaches, bescheidenes Düdeldü: nix. Die moderne Welt versteht mich nicht mehr. Nein, nicht umgekehrt.