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| 03/09
Falter-Kolumne
Am Freitag in der Früh habe ich mich über ein deppertes Mail so geärgert, dass ich drei stinkwütende Mails retournierte, worauf ich naturgemäß von etwa neun Hassmails betoniert wurde. Das passiert, wenn man sich schon um sechs Uhr früh zwischen gerechtem Zorn und buddhistischer Gelassenheit entscheiden muss. Um sieben, nach dem Kaffee, weiß man dann eh, dass man zuerst den Kaffee trinken, die buddhistische Gelassenheit wecken und dann auf das Mail nicht antworten sollte, aber tralala, zu spät. Natürlich vergiftet einem der frühe Zorn den ganzen Tag: Er macht, dass im Semmerl der falsche Leberkäs ist. Er macht, dass die Kinder im Auto aggressiv sind, weil eh, wie man in die Rückbank hineinruft, so schallt es heraus. Und er macht, dass im Waldviertel das Wasser nicht geht, und nicht nur nicht geht: es zerstört sich, während das Anstellen des Wassers misslingt, der Handpumpbrunnen vor dem Haus, und ohne den fließt im Haus kein Wasser. Haben Sie schon einmal einen Handpumpbrunnen repariert? Ich auch nicht. Es ist Freitagnachmittag, die Installateure sitzen schon in ihren warmen Whirlpools. Man wird auch dieses Wochenende, an dem man acht Leute zum Schweinsbraten-Essen und einige davon zum Übernachten eingeladen hat, kein Wasser haben. Darauf kann man auf verschiedene Arten reagieren; manche hocken sich neben den hinichen Brunnen und blatzen.
Ganz früh am nächsten Morgen kommt der Horwath mit dem großen Schraubenschlüssel. Wir schrauben den Brunnen auf, und schau an, das Leder innen ist hinüber, wir binden ein Schnürl herum, aber nix. Der Lange fährt mit dem Brunnenteil und genauen Horwath-Anweisungen zu einem Installateursladen, der zwanzig Kilometer entfernt offen hat. Der Horwath hat eine Idee und holt seine Tauchpumpe, hängt sie in den Brunnen, und hurra, das Wasser im Haus sprudelt los. Aus dem Wasserhahn und aus insgesamt sieben Frostlecks in den Rohren: vier im Badezimmer, eines im Gästezimmer, zwei im Wohnzimmer. Immerhin war das Karma damit soweit besänftigt, dass wir einen Notinstallateur erreichten, der den ganzen Samstag Nachmittag lang Rohre lötete, während wir den Indoor-See trockenlegten.
Das alles hängt, davon ich bin überzeugt, mit dem Freitagmorgenmail zusammen, und zwar nicht mit dem, das ich bekam, sondern mit dem, das ich dann zurückschrieb. Die Karmapolizei hätte gleich einschreiten müssen. Weil eh: Man muss zu allen freundlich sein, auch zu den Depperten, denn wenn man freundlich ist, kommt Freundlichkeit zurück. Selbstverständlich erfordern manche Deppertheiten energisches Gegendeppertsein; aber das war, wenn man es sich genau anschaut, eigentlich keine solche Situation. Es war eine Situation, wo man gelassen sagt, geht mir da rein, geht mir da raus und baba. Leider war der Zorn schneller wach.
Also habe ich am Montag früh ein abschließendes freundliches Mail an den geschickt, der mir das depperte geschickt hat. Und was ist passiert? Zwei Minuten später klingelt es an der Tür und die Post bringt ein Paket und es enthält ein Paar fantastische Sandalen. Und sie passen perfekt. Und das Wasser hält jetzt auch dicht.
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| 03/09
Kurier-Kolumne
Das ist jetzt Tag 15. Ich habe nämlich, ähm, tja, aus Solidarität mit der nikotinabhängigen Bevölkerung im Jänner wieder zu rauchen angefangen. Man sollte ja wissen, wogegen man ist.
Obwohl ich’s eigentlich eh wusste: Zwanzig Jahre habe ich geraucht wie ein LKW-Auspuff, die letzten Jahre konsequent drei Packerl am Tag. Dann habe ich aufgehört und sieben Jahre lang keinen einzigen Zug mehr genommen.
Letzten November fand ich irgendwann spätnachts in einem Lokal, ich könne ruhig wieder einmal anziehen, ich würde es eh widerlich finden. Machen Sie das nicht. Es war nicht widerlich. Ich zog dann öfter einmal an. Ich fand: Alle heiligen Zeiten beim Ausgehen ein, zwei Zigaretten sind ja wohl kein Problem.
Anfang März war ich auf einem Packerl täglich, aber nur an ausgehfreien Tagen. Ich rauchte nach dem Aufstehen, vor und nach dem Essen und beim Radfahren. Bis Mitte März hatte ich schon acht Mal ernsthaft versucht wieder aufzuhören, und es auch jedes Mal volle 28 Stunden geschafft: In Stunde 29 kroch ich auf der Suche nach einer Zigarette durch die Kleiderschränke oder schnorrte Kollegen an. Ich stank aus dem Mund, hustete chronisch, spürte meine Lunge wieder, lag in der Nacht wach, um mir Karzinome vorzustellen und begrüßte das maue Tabak-Gesetz, das mir in praktisch jedem Lokal das Rauchen erlaubte.
Dabei war ich, wer sich erinnert, eben noch ein entschiedener Verfechter von Rauchverboten. Aber wie sagte F.W. Bernstein? „Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“ Ich ergänze: Und sind die Elche richtig dumm, drehn’s die Geschichte nochmal um. Aber jetzt: Vor 15 Tagen wieder aufgehört. Und ietzt weiß ich wieder, wie hart das ist.
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| 03/09
Kurier-Kolumne
Das ist einmal eine gute Nachricht: Österreichs Jugendliche rauchen im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich viel Canabis. Eine EU-Studie hats ermittelt. Leider kommt die gute Nachricht im Verbund mit schlechten: Von allen europäischen Schülern saufen die österreichischen am meisten: 92 Prozent – also praktisch alle – haben in den vergangenen zwölf Monaten Alkohol konsumiert, mehr als die Hälfte davon war zumindest einmal richtig betrunken.
Was daran liegen mag, dass heimische Jugendliche pro Tag 5,5 Zentiliter 100-prozentigen Alkohol trinken. Zur Illustration: Eine Einheit Schnaps hat zwei Zentiliter, aber 40 Prozent Alkohol. Heißt: jede/r österreichische Jugendliche gießt sich täglich ungefähr sechs Schnäpse in den Hals. Das ist ein wenig alermierend.
Auch alarmierend ist, dass die österreichischen Heranwachsenden immer blader werden. Jedes Jahr kommt der Ernährungsbericht heraus, jedes Jahr wird es ein wenig schlimmer. Aktuell sind 19 Prozent der Sechs- bis 15-jährigen übergewichtig. Was resultiert aus alledem? Handlungsbedarf, Handlungsbedarf und Handlungsbedarf. Und wird konkret etwas unternommen?
Punktuellst. In Salzburg lädt seit kurzem die Initiative „Midnight Sports and Music“ Jugendliche ein, ihre Freitagabende statt mit kollektivem Komasaufen gemeinsam in Sporthallen zu verbringen, mit Breakdancen, Basketballerei und ähnlichem. Und was passiert? Die Jugendlichen nehmen das begeistert und massenhaft an.
Das sollte man – neben vielen anderem – also eventuell überall anders nachmachen. Und zwar nicht erst in zehn Jahren, wenn 119 Prozent aller Jugendlichen regelmäßig betrunken und zu dick sein werden.
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| 03/09
Kurier-Kolumne
Da schließt sich ein Kreis. Vor ein paar Wochen hat die Wiener Vizebürgermeisterin Grete Laska den Gratiskindergarten ab Herbst präsentiert, jetzt ist sie zurückgetreten, mit der Begründung, sie habe ein Kind zu hüten. Und zwar das acht Monate alte Kind ihrer Tochter, einer Lehrerin, die im Juni, also einen Monat vor den Sommerferien, in Niederösterreich wieder zu arbeiten beginnt. „Und Sie kennen ja die dortige Betreuungssituation“, sagte Laska, machte also indirekt den niederösterreichischen Landeshauptmann Erwin Pröll für ihren Rücktritt verantwortlich.
Das ist erstens ein wengerl perfide, denn Tagesmütter gibt es auch in Niederösterreich, zweitens desavouiert Laska damit ihre eigene Arbeit, drittens verspottet sie ein bissl die Frauenpolitik. Denn nach 25 Jahren Berufspolitik besinnt sich Laska jetzt auf ihre weiblichen Kernkompetenzen und tut, was man von Frauen offenbar auch im 21. Jahrhundert noch immer erwarten darf: Dass sie sich im Ruhestand unbezahlt um ihre Enkerl kümmern.
Kinderbetreuung ist also, anders als die Politikerin Laska durch Schaffung von Betreuungsplätzen postulierte, doch keine Arbeit, sondern ein lustiges Hobby, für das die Pensionistin Laska im Ruhestand jetzt endlich genug Zeit hat.
Ein schönes Signal zur Krisenzeit: Denn wenn es mehr willige Omas wie Oma Grete gäbe, bräuchten wir weniger Kinderbetreuungsplätze und würden uns eine Menge öffentliches Geld sparen. Wenn’s hart auf hart kommt muss nun einmal ein jeder seinen Beitrag leisten; fangen wir doch ausnahmsweise einmal bei den Frauen an. Die Pensionistinnen haben (jetzt außer vielleicht, sie betreuen alte und behinderte Angehörige) lange genug gefaulenzt: Auf gehts, Omas, packtsas an, Oma Grete geht voran.
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| 03/09
Kurier-Kolumne
Die Geschichte, die mir Leserin Anja J. gestern erzählte, schlägt punktgenau ein Hakerl in die Oma-Grete-Laska-Geschichte (nachzulesen auf kurier.at): Denn Frau J. hat eine Tochter, die acht Monate alt ist – also genauso alt wie das Enkerl, um das sich Grete L. künftig in Niederösterreich kümmern will. Und auch Frau J. muss bald wieder arbeiten; leider steht bei ihr keine Oma hab acht.
Die braucht sie aber eben auch nicht, denn sie hat ja das Glück, in Wien zu leben: wo es, anders als in NÖ, 4.829 städtische Krippenplätze für Kinder von null bis drei Jahren gibt, wie wien.gv.at informiert. Im März 2010 endet Anja J.s Karenz ; deswegen meldete sie sich im vergangenen Jänner bei der MA 10 Platz für einen Kinderkrippenplatz an.
Dort habe man, berichtet Frau J., ihre Zuversicht gleich auf ein Minimum zurecht gehackt. Sie brauche sich keine großen Hoffnungen zu machen, mitten im Jahr einen Krippenplatz zu bekommen: Das Kindergartenjahr beginne bekanntlich im September und nicht mitten im Jahr, aber wenn sie Glück habe, falle ja vielleicht mitten im Jahr ein Kind aus. Man händigte Anja J. eine Liste mit privaten Kindergärten aus, mit dem Tipp, es entweder dort zu versuchen, oder noch einmal Ende Dezember vorstellig zu werden, um zu sehen, ob unerwartet etwas frei geworden sei: also zwei Monate vor Arbeitsbeginn.
Nun hat sich auch die Tochter der Ex-Bildungsstadträtin den Geburtstermin ihres Kindes nicht so eingeteilt, dass die Karenz exakt zum Beginn eines Kindergartenjahres endet: In Wien sollte man das unbedingt tun. Es sei denn, man will das Kind ein paar Monate früher in die Krippe bringen. Oder man kann sich den Aufschlag auf einen privaten Kindergarten leisten. Oder man hat eine liebe Oma.
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| 03/09
Falter-Kolumne
Sie können mit dem Getstse wieder aufhören. Die letzte Woche war geprägt von überwältigender, ja einschläfernder Ereignislosigkeit. Nichts passiert. Keine peinlichen Performances. Nie ausgewesen, außer das eine Mal, wo ich mit den „Literats“ geprobt habe, und einmal Hauskonzert; Haus- nicht House-, ganz genau. Vor allem: Nicht geraucht, schon neun vollständige Tage nicht eine einzige Zigarette geraucht. Ich habe nämlich aufgehört, und nach sechs sehr kurzfristig gescheiterten Versuchen diesmal ernsthaft. Ich werde meinen Turm aus den nichtgerauchten Zigaretten-Schachteln jetzt weiterbauen, im November war er 173 Meter hoch, dann Baustopp, nun wächst er wieder täglich um 2,3 cm. Ich stinke weniger aus dem Maul, und mein Handekzem hat sich stark gebessert, seit ich mir nicht mehr alle halbe Stunde den Zigaretten-Gestank mit Seife von den Händen waschen muss, damit die Kinder meine Missetaten nicht erriechen. Allerdings habe ich jetzt nicht mehr so einen guten Überblick darüber, was unter meinem Balkon passiert. Nicht, dass viel Spannendes passiert wäre in der Zeit, einmal hab ich in der Nacht einen Mann gesehen, der Fahrräder fotografierte, das war, glaube ich, das Aufregendste. Abreagieren durch Anbrüllen von Hundebesitzern war auch nicht, weil die jetzt meistens ein Sackerl dabei haben, jedenfalls bei Tageslicht, und in der Nacht kann man aus der Distanz leider nicht genau sehen, was der Hund jetzt da gemacht hat, und es ist, das weiß ich zufällig, saupeinlich, wenn man einen Gassigeher mit Chili in der Stimme auffordert, dass er das gefälligst wegmachen soll, und der Hund hat nur gebrunzt.
Aber nicht einmal so eine kleine Peinlichkeit habe ich mir diese Woche zuschulden kommen lassen. Und sehen Sie, schon ist Ihnen fad. Und es geht so weiter: Gleich werde ich Ihnen erzählen, wie ich brav jeden Tag mit dem Kind Flöte geübt habe, wie die Mimis ihr erstes Buch ganz allein ausgelesen haben, wie ich bei ebay vier Thonet-Sessel um kein Geld ersteigert habe, wie ich ein paar neue Sofakissenbezüge nähte und wie mir vorgestern ein Kärntner Reindling gelungen ist: und man wird das Weiße in Ihren Augen sehen und Atemluft wird explosionsartig zwischen Ihren Lippen entweichen. Phhh, ist das öd. Und mitleiderregend; diese bemühte Beweiserballung braver Bürgerlichkeit. Und diese traurigen Alliterationen, meinerseel.
Bitte, wenn Sie mir bei echten Peinlichkeiten zusehen wollen, das geht, das können Sie, lesen Sie bitte das Kleingedruckte. Und die Thonet-Sessel sind in Wirklichkeit wahrscheinlich eh keine, so ein Pickerl ist ja schnell aufgepickt, und schon am Donnerstag oder so wird der Horwath mich deswegen schallend belachen. Es wird schon wieder alles normal hier, passen Sie auf.
Doris Knecht liest und singt am 1. April mit The Literats, Josef Haslinger, Mieze Medusa u.a. in der Roten Bar im Volkstheater, 22 Uhr.
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| 03/09
Kurier-Kolumne
Andererseits, um noch einmal auf die letzte Entmündigungskritik-Kolumne zum geplanten Ess-Verbot in Öffis zurückzukommen, anderseits: Das Verbot, die Wiener Gehsteige und Parks von Hunden volltrümmerln zu lassen, hat gewirkt. Das sieht doch viel jetzt besser aus. Nicht, dass man nie mehr ins Gackerl stiege, aber seltener. Und hier war nun tatsächlich alles Appellieren an Vernunft und Verantwortungsbewusstsein der Hundebesitzer für den Hugo gewesen, und erst das Strafe-Drohen und konkrete Abstrafen hat genützt.
Auch so gesehen muss ich den Leserinnen und Lesern Recht geben, die seit Samstag kritisierten, ich führe wohl nie mit der U-Bahn und hätte keine Ahnung von den bestialischen Gerüchen, die dort überhand nähmen: Erstens stimmt, zweitens stimmt, ich fahre meistens mit dem Rad und wenn ich einmal die öffentlichen Verkehrsmittel nutze, haben meine Mitpassagiere offenbar jeweils gerade keinen Hunger. Ohne Ess-Verbote, so die Leserschaft, verbessere sich nicht nur nichts, sondern werde zuverlässig immer schlimmer: Ich solle meinen Standpunkt bitte überdenken.
Gut, tue ich. Und hier würde jetzt perfekt meine alte Leier herpassen, dass diese Problem verpuffte, wenn die Menschen einfach wieder vernünftig essen lernten. Allerdings, a), gefährdete dieses Lamento mein lebensnotwendiges, sporadisches Mobil-Leberkässemmerl (aber Open Air!), b) ist mir klar, dass sich auf diesem Weg das U-Bahn-Gestanksproblem nicht vor in hundert Jahren lösen würde. Bzw.: nie.
Trotzdem: Werden wir langfristig auch im banalsten, simpelsten Alltag Vernunft und Selbergneißen durch Gebote ersetzen? Und wer bindet mir dann mein Schuhband?
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| 03/09
Kurier-Kolumne
So. Wir treten in eine neue Phase der Aufklärung: Alle Menschen werden Kinder. 40-plus-Frauen tragen Hello-Kitty-Leiberl, Männer hüllen ihre sehr volljährigen Bäuche in Trikots mit urlustigen Sprüchen. Und das ist nur der unbedeutende Aspekt der zunehmenden Infantilisierung der Gesellschaft. Akutere Auswüchse: die geplanten Verbote in Öffis; erstens Handys, zweitens Essen.
Das muss wohl sein: Erwachsene benehmen sich zunehmend wie ungezogene Kinder, denen man genau vorschreiben muss, was sie tun dürfen und was nicht, was anderen zumutbar ist und was nicht. Und sie haben scheint’s völlig verlernt, sich gegen Zumutungen selbst zu wehren, und gehen stattdessen wie Kleinkinder petzen: Der da isst neben mir! Das riecht eklig! Tu etwas dagegen!
Ja, das öffentliche Verbreiten von Essensgeruch ist rücksichtslos, gefährdet das Gemeinwohl aber nur unwesentlich. Was wollen wir den Leuten noch alles vorschreiben? In welchem Winkel und Abstand man sich schnäuzen darf? Mit welchem Fuß man die U-Bahn zuerst betreten muss? Wo samma denn: Im Kindergarten?
Und hatten wir nicht einmal einen Verstand, der adoleszente Sozialisation in zivilisatorische Kompetenz umzuwandeln imstande war, und mit dessen Hilfe wir vernünftig und verantwortlich handeln konnten?
Liebe Evolution, den brauchen wir nicht mehr. Es wird uns jetzt eh alles so schön vorgeschrieben. Das ist gut; weil ständig stellt uns das Leben vor urschwierige Entscheidungen: Soll ich dem vor die Füße schlatzen oder nicht? Und wenn nicht: warum nicht? Und woher weiß ich das? Und warum muss ich das entscheiden?
Warum? Weil du ein zurechnungsfähiger Erwachsener bist, deshalb: Schreib dir das einfach auf dein Leiberl.
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| 03/09
Kurier-Kolumne
Heute also das Urteil im Fritzl-Prozess. Viele Medienvertreter harrten aus, einige sind schon verbittert abgereist, offenbar, weil sie nicht die erhofften Bilder, O-Töne und Athmo-Splitter geliefert bekamen. Was haben diese Medien von einem Prozess, der aus vielerlei vernünftigen Gründen unter teilweisem Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, erwartet? Dass die Opfer überraschend doch noch auf einem roten Teppich aufmarschieren? Sich verdichtende Hinweise auf einen überraschenden Freispruch? Oder dass Fritzl vor den Kameras weinend in die Knie sinkt? Eine ausländische Reporterin soll sich, einem Medienbericht zufolge, darüber beschwert haben, dass der Angeklagte stattdessen sein Gesicht hinter einem Ordner versteckt hatte, das gehe nicht, soll die Reporterin gesagt haben, der Mann müsse sich dem stellen, was er getan habe.
Das stimmt. Das musste er auch. Aber eben dem Gericht, nicht einer Journalisten-Jury, und es ist ein weitverbreiteter Irrtum unter gewissen Medien, dass Fritzl sich vor der Öffentlichkeit verantworten müsse. Er muss sich vor dem Gericht verantworten, vor seinen Opfern, vor sich selbst. Vor 9live oder Rai Uno oder der Sun nicht, selbst wenn er noch so monströs ist.
Ein britischer Journalist kritisierte allerdings zu Recht, die Informationssperre lasse die Rolle von Sozialarbeitern, Polizei und Beamtenschaft im Dunkeln. Ich will hinzufügen: und die der Mutter. Die Frage, wie man es nicht merkt, dass man 24 Jahre lang direkt auf der Tochter lebt, ist, meine Meinung, nicht zufriedenstellend beantwortet. Und ob es etwas wie eine Pflicht gibt, dergleichen zu bemerken. Aber ich frage nur. Ein Urteil darüber kann nur ein Gericht fällen.
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| 03/09
Kurier-Kolumne
Es kann aber auch in der Krise das exakte Gegenteil von Krise passieren: Dass Menschen unbedingt Geld ausgeben und die Wirtschaft unterstützen wollen, und man lässt sie nicht. Dieses Phänomen kann man an jedem Wochentag in der Wiener Mariahilfer Straße beobachten, zwei Mal täglich: Ab 9:15 Uhr und um 9.45 Uhr wachsen dort Menschentrauben aus den Gehsteigen vor Läden, die erst um halb zehn oder um zehn aufmachen.
Zehn Uhr Vormittags, Damen und Herren. Ich will jetzt nicht revanchistisch sein und fordern, dass alle Menschen so früh aufstehen müssen wie wir Eltern von Schulkindern, aber. Wir Eltern wären nicht undankbar, wenn wir zwischen dem Schulbeginn der Kinder und dem eigenen Arbeitsstart vielleicht noch etwas anderes einkaufen könnten als Brot oder Lebensmittel.
Bücher vielleicht, Haushaltszeug oder Gewand. Sachen, bei denen man gern in Ruhe herumstöbert, schaut und anprobiert, bevor man kauft: Tätigkeitigen, die mit den Interessen von Kindern gewaltig disharmonieren. Zwischen acht und zehn Uhr morgens wäre also die ideale Zeit, um diesbezüglich Kolateralschäden zu vermeiden.
Aber: nix. Diese Läden öffnen jetzt noch nicht. Diese Läden haben dafür bis in die Nacht hinein offen, was viele gern nutzen und ich nie. Ich stehe lieber in der Früh vor versperrten Türen. Aber ich bin dabei nie allein.
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| 03/09
Kurier-Kolumne
Es kann aber auch in der Krise das exakte Gegenteil von Krise passieren: Dass Menschen unbedingt Geld ausgeben und die Wirtschaft unterstützen wollen, und man lässt sie nicht. Dieses Phänomen kann man an jedem Wochentag in der Wiener Mariahilfer Straße beobachten, zwei Mal täglich: Ab 9:15 Uhr und um 9.45 Uhr wachsen dort Menschentrauben aus den Gehsteigen vor Läden, die erst um halb zehn oder um zehn aufmachen.
Zehn Uhr Vormittags, Damen und Herren. Ich will jetzt nicht revanchistisch sein und fordern, dass alle Menschen so früh aufstehen müssen wie wir Eltern von Schulkindern, aber. Wir Eltern wären nicht undankbar, wenn wir zwischen dem Schulbeginn der Kinder und dem eigenen Arbeitsstart vielleicht noch etwas anderes einkaufen könnten als Brot oder Lebensmittel.
Bücher vielleicht, Haushaltszeug oder Gewand. Sachen, bei denen man gern in Ruhe herumstöbert, schaut und anprobiert, bevor man kauft: Tätigkeitigen, die mit den Interessen von Kindern gewaltig disharmonieren. Zwischen acht und zehn Uhr morgens wäre also die ideale Zeit, um diesbezüglich Kolateralschäden zu vermeiden.
Aber: nix. Diese Läden öffnen jetzt noch nicht. Diese Läden haben dafür bis in die Nacht hinein offen, was viele gern nutzen und ich nie. Ich stehe lieber in der Früh vor versperrten Türen. Aber ich bin dabei nie allein.
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| 03/09
Kurier-Kolumne
Schon seit Jahren hat die Familie S. für die Kinderkonzerte „Allegretto“ im Musikverein ein Abonnement für ihre Kinder, fünf und sieben Jahre alt. Ende Februar bekam die Familie ein weiteres Kind, das die meiste Zeit in einem Tragetuch an der Brust seiner Mutter schläft: Auch am Samstag, als es genau drei Wochen alt wurde.
An diesem Samstag fand eines der fast immer ausverkauften „Allegretto“-Konzerte statt. Der kleine Sohn war gerade krank gewesen und wollte, dass unbedingt die Mama mitkomme; also ging Christine S., mit dem Still-Baby im Tragetuch, mit ins Konzert. Also: sie wollte.
Im Musikverein wurde ihr untersagt, sich auf ihren bezahlten Abo-Platz zu setzen. Und zwar warum: Weil der winzige, an seiner Mutter pickende Säugling keine eigene Eintrittskarte hatte.
Das Baby sei, wurde Christine S. erklärt, eine zusätzliche Person, und da jede Person eine eigene Eintrittskarte brauche und das Konzert nun einmal ausverkauft sei, könne die zusätzliche Person eben nicht mit in den Saal kommen. Nein, keine Ausnahmen. Frau S. hatte also zwei Möglichkeiten: Die zusätzliche Person für die Dauer des Konzerts vor dem Saal abzulegen. Oder die größeren Kinder allein im Konzertsaal neben dem leeren Platz der Mutter sitzen zu lassen und mit dem Winzling vor dem Brahms-Saal zu warten.
Letzteres geschah. Auf ein Beschwerde-Mail reagierte der Musikverein schnell, ausführlich, überaus freundlich und verständnislos. Vorschrift sei Vorschrift, eine „Fülle schlechter Erfahrungen zwingt uns zu einer konsequenten Einhaltung der geltenden Bestimmungen“. Man hoffe dennoch, dass alle Kinder zu Musikliebhabern heranwüchsen. Eine Entschädigung für die verfallene Karte wurde Frau S. nicht angeboten.
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| 03/09
Falter-Kolumne
Die kulturellen Höhepunkte der letzten Woche: Hermes, Kreisky und Thomas Maurer, und danke, es reicht jetzt wieder für ein Zeitl. Nicht inhaltlich, inhaltlich war da, dort und drüben alles im grünen, ja teils im frühlingsgrellen Bereich, aber die Rahmenbedingungen. Die Rahmenbedingungen überlappen meine Kampfkraft massiv. Immerhin kann ich von Maurers kollossalem „Aodili“-Abend (das schauen Sie sich bitte umgehend an, sobald es ihnen gelingt, Karten zu kriegen, ist nämlich zu Recht auf längere Sicht hin ausverkauft) folgendes sagen: ich stand aufrecht bis zum letzten Glas. Was ich vom Kreisky-Abend nicht behaupten kann. Vor den Zugaben, um halb drei Uhr in der Früh, wartete ich im Flex-Klo darauf, dass sich endlich eine Tür öffnen möge und wunderte mich, wie man von ein paar Sommerspritzern mit einem Mal so blunznfett sein kann. Das nächste, was ich sah, waren drei Neunzehnjährige, die besorgt auf die merkwürdige alte Frau herniederblickten: Alles in Ordnung? Ja, danke. Ich kann jetzt wieder aufstehen. Ich kann nur einen Kreislaufkollaps nicht mehr von einem Fetzen unterscheiden.
Früher konnte ich das. Früher wurde man hin und wieder, wenn es die Situation erforderte, aus dem Chelsea hinausgetragen und lernte schließlich, wie sich das anfühlt, wenn man jetzt dann gleich ohnmächtig umfällt, und was man dann tun sollte. Und was? Der Organismus hat es, das kommt von dem ständigen Regelmäßigessen und Zeitiginsbett, vergessen, nach nur zehn Jahren. Soviel zum Thema Körpergedächtnis. Aber ich habe eh nicht vor, derlei in näherer Zukunft zu wiederholen. Haben wir nämlich etwas daraus gelernt? Ja, haben wir. Zum Beispiel, dass ein Leberkässemmerl zu Mittag keine ausreichende Unterlage für einen multistatiönigen Gemma-Abend ist. (Nicht, dass wir das nicht auch schon einmal gewusst hätten.) Zum Beispiel, dass Rauchen auch schlecht für die Kreislaufstabilität ist. Zum Beispiel, dass man, wenn einem schlecht ist, direkt an die Frischluft soll, ohne Umweg aufs Klo.
Danach wollte mich der Zwei-Meter-Security-Riegel nicht mehr ins Flex lassen, obwohl ich einen Stempel auf meinem Unterarm vorweisen konnte. Das sei nicht der Stempel. Ich bellte ihn an, dass, Entschuldigung, dieser Stempel vom Chef persönlich appliziert worden sei, also dürfte ich BITTE!? Ich durfte. Viel später, als ich im Backstageraum eine Banane aß – immer gibt’s Obst in Backstageräumen und noch nie habe ich einen Musiker Obst essen sehen – erblickte ich auf meinem anderen Arm noch einen Stempel. Der wärs gewesen; Entschuldigung, Herr Security: Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld.
Das gleichnamige Kreisky-Album kaufen Sie sich übrigens bitte jetzt gleich. Und das alte dazu. Und Sie schauen sich ein Konzert von den Burschen an. Und den Austrofred im Rabenhof. Und kaufen die Bücher vom Austrofred. Und das Buch vom Franz Adrian Wenzl. Der Wenzl Franz ist definitiv State of the Pop-Art. Der Wenzl Franz hat das Talent, die Eier und den Stil. So muss das klingen, so muss das auschauen, so will man zum Lachen gebracht werden, so muss das im Bauch wirken und so im Kopf. So muss man das machen, genau so.
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| 03/09
Kurier-Kolumne
Glück: Kann man das lernen? Kann man offenbar. Eine Lehrerin in Baden hat – der KURIER berichtete – in Eigeninitiative ein Schulprojekt organisiert. Nach deutschem Vorbild, wo das Unterrichtsfach Glück immer populärer wird: Kindern und Jugendlichen sollen lernen, Glück und Zufriedenheit aus sich selber und eigenen Fähigkeiten zu schöpfen. Tolle Idee.
Das animiert zum Hirnen über weitere sozial relevante Unterrichtsfächer, gerade im Kontext mit den aktuellen Auswüchsen einer kranken Gesellschaft. Natürlich ist eine solide humanistische Bildung wichtig, aber sie deckt zentrale Bereiche der Realität einfach nicht ab. Sie verschafft keine Werkzeuge zur Lösung alltäglicher Probleme, denen sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene nun einmal zu stellen haben.
War es nicht zu allen Zeiten eine primäre Aufgabe der Schule, Heranwachsenden jenes Wissen zu vermitteln, das Eltern überfordert oder ihnen nicht zur Verfügung steht? Und wenn sich so deutlich zeigt, dass dazu jetzt neben Mathematik, Physik und Fremdsprachen eben auch Glück oder richtige Ernährung oder Leben mit der Natur oder der Umgang mit Gefahren aller Art gehört, sollte sich die Institution Schule darauf einstellen.
Wieso wird nicht endlich mit einem verpflichtendem Koch- und Ernährungsunterricht auf die grassierende Fehlernährung ganzer Schichten reagiert? Wieso hat nicht jede Schule einen Fußballverein, einen Tanzclub oder dergleichen, wo Bewegung, ein gutes Körpergefühl keine Quälerei sind, sondern ein Nebeneffekt von Spaß ? Wieso lernen Kinder nicht, wie man ohne Gewalt auf Bedrohungen, Angst und Frust reagiert?
Chemie und Geometrie sind wichtig. Aber solche Fähigkeiten: lebenswichtig.
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| 03/09
VN-Kolumnen
Neues Problem. Die Truhe ist voll. Wenn die Truhe voll ist, habe ich mir gesagt, ist fertig. Wenn die Truhe voll ist, habe ich mir geschworen, ersteigerst du keine Tischtücher mehr. Jetzt ist die Truhe voll, und ich kann nicht aufhören. Aber die Truhe ist ja eine Truhen-Eckbank und wenn sich jetzt, sagen wir, zwei Erwachsene drauf setzen, geht der Sitzbrett-Deckel fast zu. Also, so gut wie; die Tischtücher blitzen ein bissel aus dem Spalt heraus, minimal. Leider hat jetzt wirklich kein einziges Tischtuch mehr in der Truhenbank Platz, dabei sind noch gar nicht alle drinnen. Also das, das ich vorgestern ersteigert habe, und das, das ich heute Abend unbedingt ersteigern muss: Un. Be. Dingt.
Ja, ich weiß, ich besitze schon ein paar bestickte Tischtücher, aber SO ein schönes Tischtuch... Aus groben, rohweißem Leinen, über und über von Hand mit Rosen bestickt. Wunderschön. Man kann so ein schönes Tischtuch nicht ignorieren, das ist bei ebay nicht wie beim Diskonter, wo man sagt: Kaufe ichs heute nicht, schlafe ich einmal oder zweimal darüber; vielleicht morgen. Oder das Schicksal bestimmt, dass nächste Woche noch eins da ist oder dass es übernächste aus China nachgeliefert wird. So ist das bei diesem Tischtuch nicht. Dieses Tischtuch gibt es genau dieses eine Mal auf der Welt, und es steht heute und nur heute um 19.41 Uhr zum Verkauf, und wenn ich es da nicht ersteigere, ist es weg, für immer und ewig.
Der Mann braucht davon nichts zu wissen. Der Mann ist der Ansicht, wir hätten jetzt aber langsam genug Tischtücher. Diese Tischtuchbesessenheit sei ihm erstens nicht mehr wurscht, zweitens hätten wir nun etwa acht Mal so viele Tischtücher wie Tische. Drittens lappe diese Tischtücherei langsam in Spießige, Verbiedermeierte, ob ich sicher sei, dass das zu mir passe. Bin ich. Und falls nicht, möchte ich es mit dem Wort des geschätzten Herrn Palfrader, auch bekannt als Kaiser Robert Heinrich I., ausdrücken: WUASCHT! Überdies habe ich am Montag bis halb vier Uhr früh in einem Lokal Platten aufgelegt, ich meine, eine zweifache Mutter meines Alters: So ein besticktes Tischtuch schafft hier einen wünschenswerten, ja notwendigen Ausgleich. Ich habe, erkläre ich dem Mann, in den letzten Monaten, sagen wir neun Mal aufgelegt und dem Auflegen noch ein paar weitere Facetten altersungemessener Würdelosigkeit hinzugefügt, auf die ich jetzt nicht näher eingehen will, das wiegen die fünf – na gut: acht – Kreuzstich- Tischtücher, der hübsche, handbemalte Wasserkrug, die riesige alte Salatschüssel mit himmelblauem Spritzdekor und die elf Blaurand-Teller, die ich während dieser Zeit ersteigert habe, ja nicht einmal annähernd auf.
Außerdem handle ich bitte im Sinne der Nachhaltigkeit. Ich schone die Ressourcen und beute keine Billiglohnarbeiter aus, wenn ich per ebay altes Zeug ersteigere: Alles, was ich da ersteigere – und es ist ja nichts darunter, was wir nicht dringendst brauchen würden –, muss nicht noch einmal hergestellt und durch die ganze Welt gekarrt werden: ich leiste einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Und, doch, auch zum Wirtschaftswachstum, indem ich die Wirtschaft zwar nicht unmittelbar, aber doch unterstütze, weil ich schließlich die Kaufkraft desjenigen erhöhe, dem ich das Tischtuch um 5, 91 Euro abkaufe. Der kauft sich dann davon ein fünf Kilo Erdäpfel oder ein Handy-Etui, was weiß ich. Und die Post, die Post braucht ja dringend meine Hilfe, sage ich. Und viertens geht die Bank nicht mehr zu, sagt der Mann. Das stimmt. Das ist ein Problem.
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| 03/09
Kurier-Kolumne
Jetzt sollen wir also Bücher auch nicht mehr vom Papier, sondern von kleinen elektronischen Kasterln lesen. Bitte, ich bin kein Modernismus-Verweigerer: Mein erstes Handy hatte Größe, Format und Gewicht eines Ziegels und keiner rief je an (weil keiner sonst eins hatte), ich hatte eine eMail-Adresse bevor es auch nur ein Wort für Spam gab und besitze einen ipod mit berückender Speicherkapazität.
Dass ich je ein eBook-Lesegerät, wie es jetzt bei der Leipziger Buchmesse präsentiert wird, besitzen werden, wage ich aber zu bezweifeln. Weil wozu? Mit einem MP3-Player ist das Ding nicht zu vergleichen: Der eignet sich dafür, unterwegs eingesetzt zu werden, weil er in seiner Winzigkeit Platz für eine überdurchschnittliche große CD-Sammlung bietet, aus der sich der reisende Mensch je nach Laune bedienen kann. Oder man stellt einen grandiosen Song, eine Oper oder ein Konzert auf Wiederholung und hört es immer und immer wieder.
Das macht man mit einem Buch nicht. Die Lektüre eines Buches ist lineare, langwierige und zumeist einmalige Angelegenheit: Man liest ein Buch nach dem anderen und hat, außer man schreibt gerade an einer Diplomarbeit, kein Interesse daran, alle Augenblicke zwischen verschiedenen Büchern hin- und herzuwechseln.
Es ist also unnötig, stets eine mittlere Bibliothek im Hosensack mit sich zu führen: Ein Buch reicht lange vor. Ballast-Vorteil hat das Elektrobuch auch keinen; ist nicht kleiner als ein Buch, wiegt nicht weniger, bietet keinen Zusatz-Nutzen. Im Gegenteil: Man kann nämlich derzeit in ebooks nicht einmal herumblättern. Und das tut man doch ganz gern.
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| 03/09
Kurier-Kolumne
Vielleicht wäre mein Vater, wenn ihm nicht schon als Jugendlicher meine Mutter beim Eislaufen in die Arme gefallen wäre, katholischer Pfarrer geworden. Er heiratete und arbeitete, als die Stelle frei wurde, bis zu seiner Pensionierung als Pfarrsekretär seiner Heimatpfarre. Meine Eltern bekamen vier Kinder und sind seit 45 Jahren glücklich verheiratet.
Josef Friedl ist Pfarrer geworden; er unterwarf sich per Gelöbnis den strengen Regeln einer Institution und befolgte sie irgendwann nicht mehr. Er lebt seit Jahren mit einer Partnerin zusammen: Nun droht ihm der Amtsentzug. Und das ist, nach den Gesetzen der katholischen Kirche, völlig in Ordnung.
Die katholische Kirche muss sich und ihre Dogmen nicht ändern. Das ist ihr gutes Recht; sie kann ihren Mitglieder verbieten, was sie will. Allerdings kommen ihr die zusehends abhanden, und die Ereignisse der letzten Wochen haben eine gewisse Nervosität spürbar gemacht: Hohe Würdenträger gaben zu verstehen, dass die Austritte die Amtskirche sehr wohl tangieren.
Pfarrer Friedl scheint, das nehmen wir einmal an, in seiner Pfarre beliebt zu sein, sonst hätte die sein offenes Geheimis nicht so lange bewahrt. Es gibt immer weniger gute, beliebte Pfarrer, weil es immer weniger Pfarrer gibt. Der Zölibat mag für viele Männer eine erstrebenswerte Lebensform sei; für immer mehr ist er es nicht. Unter anderem, weil der Zölibat auch ein Ausdruck der kirchlichen Frauenfeindlichkeit und -ausgrenzung ist; und ein Alltag ohne Frauen ist für die meisten Männer eine extrem unbetörende Vorstellung.
Mein Vater hat seine Entscheidung für ein Familienleben niemals bereut. Aber er wäre ein guter Pfarrer gewesen: auch mit Frau und Kindern.
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| 03/09
Falter-Kolumne
Jetzt hat eins der Mimis zwei Mal bei bei meiner Freundin Anna übernachtet und ist darob zu der Erkenntnis gelangt, dass Elternschaft ein soziales Konstrukt ist. Anna, deren Sohn schon aus dem Haus ist, steht den Bedürfnissen kleiner Mädchen extrem aufgeschlossen gegenüber: man darf bei Anna schon zum Frühstück fernsehen, spät Nachts mit dem Handy für den favorisierten Dancing Star voten, Schokolade essen bis man in ein glykolisches Koma verfällt und wird in Milch und Honig gebadet. Die Anna sagt nie Sachen wie; jetzt nicht, geht’s noch?, räum dein Zimmer auf, zieh dich endlich an, dann gibt’s aber keinen Nachtisch, komm Flöte üben und beeil dich. Es ist dem Mimi klar, dass sein Wunsch, ganz zu Anna zu übersiedeln, vermutlich abschlägig beschieden würde, deswegen hat es jetzt realistischer verankerte Sorgerechtsverhandlungen aufgenommen: Wenn es ein- oder zweimal pro der Woche bei Anna übernachten würde, würde das das Verhältnis zwischen ihr und der ihrer Herkunftsfamilie doch sehr entlasten, das wäre doch für alle das Beste, da hätte doch jeder was davon. Geht’s noch? Und jetzt räum endlich dein Zimmer auf.
Immerhin glaube ich jetzt zu wissen, was des Mimis Frühpubertät ausgelöst hat: Dass wir es an das Schulsystem verraten und ausgeliefert haben. Dass wir den bösen Drachen Schule nicht mit güldenden Schwertern und unter Einsatz unseres nackten Lebens von unserem Kinde abgewehrt, sondern ihm dieses zum Fraße hingeworfen haben. Ich fürchte, das hat das Mimische Grundvertrauen in unsere Komplizenschaft stark erschüttert. Zur Strafe lässt es seine Hausaufgabenhefte in der Schule liegen, weil nicht gemachte Hausaufgaben natürlich nicht dem Kind angelastet werden, sondern den innerlich verwahrlosten Eltern. Das andere Mimi will auch nicht in die Schule, verarbeitet diese Tatsache aber mit weniger rebellischem Potential. Dabei ist es ja nicht so, dass es ihnen in der Schule nicht gefällt. Sie tun sich auch nicht schwer. Sie wollen nur nicht hin.
Der Fink wiederum fühlt sich von seiner Dreijährigen verraten. Es gäbe im Kindergarten seiner Tochter so viele nette Kinder aufregender und geiler Mütter, sagt der Fink, und wen hat sich das Kind zum Freund erwählt: den Justin. DER JUSTIN!, heult der Fink, AUSGERECHNET DER JUSTIN!
In dieser Hinsicht haben wir mit unseren Kindern mehr Glück. Wann immer eins der Mimis von einem der neuen Schulfreunde zum Geburtstag geladen wird, holen wir es hernach in Wohnungen ab, in denen man nicht von frostiger Pathologie-Athmosphäre oder exakten Kopien von Schöner-Wohnen-Trend-Dekos in die Flucht geschlagen wird. Nein, wo immer es uns hinverschlägt, verweilen wir auf ansprechend zerkratzten Fußböden, zwischen sich stapelnden Büchern und dekorativ herumlehnenden Stromgitarren gern auf alten Stühlen. Keine Justins, nirgends, nur unzickige Eltern, die einem ohne lang zu fragen, den Teller oder das Glas noch einmal bis zum Rand füllen. Wenn alles an dieser ganzen Schulsache so einfach wäre: halleluja.
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| 03/09
Kurier-Kolumne
Endstation. Am Sonntag legte ein Oberleitungsschaden den Wiener Westbahnhof lahm: Die Züge mussten also woanders abgefertigt werden. Kann passieren.
Es gibt in so einem Fall drei Gruppen von Betroffenen: Die, die in einem der Züge sitzen. Die, die auf einen dieser Reisenden warten. Und die, die mit einem der Züge zu fahren beabsichtigen. Die drei Gruppen eint ein Interesse: Sie würden gerne informiert werden. Und genau das geschah auch diesmal nicht, bzw. auf eine mit nicht extrem nahe verwandte Weise.
Leserin Sch. saß, von Hallein kommend, in einem dieser Züge und machte eine Erfahrung, die Ihre Autorin auch schon machte: Es gab nicht nur, obwohl die Lautsprecher bis dahin klaglos funktioniert hatten, keine Durchsagen, es verschwand auch alles Personal, wie weggezaubert. Bitte, fast alle Reisenden haben ein Handy plus überraschend gewonnene Zeit: Sollen sie doch recherchieren.
Frau Sch. tat das und erfuhr bei der Zugauskunft, dass es ihren Zug, den IC 649, gar nicht gebe. Es gelang ihr aber, den ÖBB-Mitarbeiter von dessen Existenz überzeugen, worauf sie schließlich über 49 Minuten Verspätung informiert wurde und darüber, dass der Zug über Meidling zum Südbahnhof geführt werde. Zum Glück hatte Frau Sch. keine auf sie Wartenden zum Südbahnhof umgeleitet, denn man überraschte die Reisenden schließlich mit der Ausstiegsstelle Hütteldorf.
Wohin man auch mit der U-Bahn gelangen musste, um mit einem der Züge abfahren zu können: Darüber wurde, erzählen Wartende, spärlich aber doch per Durchsage informiert: leider unter reichlicher Beigabe von Rauschen und deshalb weitgehend unverständlich. Aber wozu hat man ein Mobiltelefon? Eh.
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| 03/09
Kurier-Kolumne
Am 22. März will der Schweizer Roland Wagner den Schwimm-Weltrekord über 50 Meter Freistil brechen, den der Australier Eamon Sullivan seit vergangenem Jahr mit 21,28 Sekunden hält. Das wäre Stoff für einen Einzeiler im Sport, wäre Roland Wagner nicht ein 44-jähriger Manager bei IBM. Früh einmal war Wagner Schweizer Meister in verschiedenen Disziplinen, aber das ist mehr als zwanzig Jahre her.
Warum macht er das? Er wolle der Leistungsgesellschaft und ihren teilweise kranken Auswüchsen einen Spiegel vorhalten, sagte Wagner dem Tagesanzeiger. Er habe sich gedacht, das was Investmentbanker ihren Kunden an Gewinn versprachen, sei ja, als würde einer wie er behaupten, er könne den Weltrekord in 50 Meter Freistil brechen. Er beschloss dann, es zu behaupten. Nun glaubt er, das er es schafft (und dokumentiert sein Training auf Facebook).
Eine weitere Interpretationsmöglichkeit drängt sich auf: Worauf kann sich der Mensch noch verlassen, wenn die ökonomischen Strukturen um ihn herum brüchig werden? Was bleibt uns noch, was haben wir noch einigermaßen unter Kontrolle, was verschafft uns Erfolgserlebnisse? Der eigenen Körper, das eigene Körpergedächtnis, die eigenen überschaubaren Fähigkeiten.
Manche stricken, manche gärtnern und kochen, andere schwimmen oder tanzen. Wobei uns das Beispiel Christoph Fälbl leider bewiesen hat, dass gerade bei „Dancing Stars“ unkontrollierbare Faktoren zum Scheitern führen können.
Beim Roland Wagner wird das am 22. März doppelt keine Rolle spielen: „Sollte ich scheitern, passiert mir das, was den meisten Menschen passiert, immer wieder“, sagte er. Soll er es trotzdem schaffen.
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| 03/09
Kurier-Kolumne
Wenn Frauentag ist, fordere ich normal die sukzessive Abschaffung des Frauentags durch Lösung aller Frauen-Probleme usw. Heuer schreibe ich lieber über Larissa, 16, aus Kärnten, die gerade den deutschen TV-Model-Contest aufmischt. Und diese Larissa ist nicht nur Österreichs Top-, sondern auch ein ideales Rolemodel, weil sie beweist, dass Erfolg weder von guter Ausbildung noch von Tüchtigkeit abhängt. Es kommt auch nicht darauf, ob das, was aus Frauen- Mund kommt, einen Sinn macht, solange der Mund schön und voll ist. (Auch hilfreich: schöne Beine, schöne Haare, schöne Zähne.)
Wir sehen: Die ganze Lernerei und Studiererei bringt eh nichts, wie uns die hohen Frauenanteile in den Hörsälen, und die minimalen in den Führungsebenen von Wissenschaft und Wirtschaft beweisen. Nur unter Models verdienen Frauen mehr als Männer, überall anders immer weniger und noch weniger.
Es ist, machen wir uns nichts mehr vor, für eine weibliche Biografie nach wie vor das Vernünftigste, jung sehr schön zu sein und damit entweder schnelles Geld zu machen oder einen lukrativen Mann zu fangen (und unbedingt, der profitablen Scheidung wegen, zu heiraten), vor allem, wenn man Kinder will. Wie viele zufriedene, bekinderte Aufsichtsrätinnen kennen Sie? Wie viele Uni-Rektorinnen? Wie viele tüchtige Frauen, die so viel verdienen wie ihre Männer? Wie viele Männer, die sich so um ihre Kinder kümmern wie ihre Frauen?
Die Frauen haben studiert, gelernt, geschuftet, das Weibchenschema abgelegt, Ehrgeiz gezeigt, Diplomatie bewiesen; genützt hat’s wenig. Auf die Evolution brauchen wir nicht hoffen; auf die Politik schon gar nicht. Larissa aber wird es einmal besser haben. Soviel zum morgigen Frauentag.
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| 03/09
Kurier-Kolumne
Am Anfang ein guter Rat: Tun Sie im Facebook nichts, was Sie nicht auch in der U-Bahn tun würden. Ziehen Sie sich nicht aus, parlieren Sie nicht nicht über Ihre sexuellen Vorlieben, zeigen Sie keine Fotos Ihrer nackten Kinder und keine Videos von sich selbst in prekären Situationen, schimpfen Sie nicht über Vorgesetzte.
Dass das gerade stark diskutierte soziale Internet-Netzwerk Facebook eine virtueller Zubau ans eigene Wohnzimmer sei, ist ein verbreiteter Irrglaube unter blauäugigen Nutzern. Man hat auf Facebook ja „Freunde“, verschickt und bekommt „Freundschaftsanfragen“: Das verleitet dazu, Dinge und Daten von sich preiszugeben, an denen man im echten Leben tatsächlich nur einen eng begrenzten Freundeskreis teilhaben ließe.
Großer Fehler. Freundschaft bedeutet Vertrauen, Intimität und Sicherheit. Facebook nicht, und die sog. „Freunde“ wären mit dem prosaischen Begriff „Kontakt“ wahrhaftiger beschrieben. Facebook ist eine Art virtuelles Beisl, in dem sich Gruppen von Menschen über Sachen unterhalten und mitunter streiten, die sie gerade beschäftigen. Man weiß, mit wem man es zu tun hat und von wem man beschimpft wird: Im Unterschied zu den anonymen Postings; weshalb das Beschimpfen auf Facebook auch nicht so populär ist.
Die netteste (aber auch gefährlichste) Facebook-Spezialität ist ein „Was-machst-du-gerade?“-Feld, in dem jede/r jederzeit mit 160 Buchstaben mitteilen kann, was er oder sie eben tut. Das kann etwas Langweiliges sein oder etwas Lustiges: „Maria kann nicht gut Kuchen backen.“ „Urs befiehlt der Sonne zu scheinen.“
Aber besser nichts, was der Chef oder die Mutter nicht wissen sollten: Privat und unter sich ist man auf Facebook nämlich nie.
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| 03/09
Kurier-Kolumne
Gewöhnen wir uns daran: Wir werden uns jetzt viel anstellen. Wir werden in Schlangen vor Schaltern, Supermarktkassen, in Arztpraxen stehen. Wir werden lange und chronisch warten.
Die Menschenschlange ist das Symbol der Krise: Alle Bilder von Armut, Mangelwirtschaft und schlechten Zeiten zeigen Menschen, die sich vor Läden, Ämtern, Krankenhäusern aufreihen. Wir werden jetzt auch viel stehen; wenn wir Glück haben, nicht vor einer Tür im Arbeitsamt. Aber die Dienstleistungsverknappung, das Sparen am Kundendienst werden wir alle spüren. Wozu zwei Mitarbeiter an zwei Schaltern beschäftigen, wenn es auch mit einem geht? Wozu ein Postamt erhalten, wenn das auch der Supermarkt nebenan erledigen kann.
Gerade die Post hat ja schon in guten Zeiten vorgezeigt, wie man Schlangen erstens erzeugt und zweitens den daraus dampfenden Unmut mit eiserner Disziplin ignoriert: Diese Kunst wird nun noch perfektioniertwerden.
Ziehen wir also bequeme Schuhe an, packen wir stets eine Zeitung ein, ein Buch oder den ipod. Plaudern wir mit den Leuten vor und hinter uns (z. B. über den Begriff Vokuhila, mit dem ich, Entschuldigung, gestern viele ältere Menschen überforderte: er kürzt die Frisur VOrneKUrzHIntenLAng ab, einst als Schlurf bekannt).
Es hat eh keinen Sinn, sich über die Schlange aufzuregen. Stellen wir uns an; und machen wir so gut es steht das Beste daraus.
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| 03/09
Kurier-Kolumne
Weil vor einiger Zeit dieser Bim-Fahrer für Aufregung gesorgt hat, Sie erinnern sich, der, der mit Sieg-Heil grüßte und dann entlassen wurde: Lena M., 23, fuhr kürzlich in der Früh mit dem 5er, als vor ihr ein Herr mit sehr kurzen Haaren Platz nahm. Im Nacken hatte der Herr, Lena M. nahm es sehr unangenehm berührt zur Kenntnis, ein Hakenkreuz tätowiert.
Dass es sich dabei nicht um eine dumme, aber halt unrevidierbare Jugendtorheit handelte, wurde Lena M. klar, als eine offenbar türkische Frau, die ein Baby im Arm trug, in die Straßenbahn einstieg: Als die Frau den Gang entlang ging, stellte ihr der Mann ein Bein.
Ein geistesgegenwärtiger Fahrgast fing die Frau auf, bevor sie der Länge nach auf ihr Kind fallen konnte. Andere Fahrgäste grummelten empört. Lena M. brüllte dem Kerl spontan ein erbostes „Tschuldigung?!?“ an den Hinterkopf, nicht ohne sich in der Sekunde zu fragen, was das für Folgen nach sich ziehen könnte und ob die anderen Fahrgäste darauf auch mit Gegrummel reagieren würden.
Aber bevor irgendetwas anderes geschehen konnte, geschah folgendes: Die Straßenbahn blieb ohne Vorwarnung stehen, der Bim-Fahrer, offenbar von anderen Fahrgästen alarmiert, kam nach hinten marschiert. Der Fahrer habe, erzählt Lena M., einen netten Vokuhila getragen und auch sonst irgendwie nicht wie der klassische Gutmensch (oder wie der halt gern karikiert wird) ausgesehen, aber was tat er? Er packte den Kerl mit dem Hakenkreuz und schmiss ihn ansatzlos und ohne Diskussion aus dem Wagen.
Daraus lernen wir: Es gibt nicht nur solche Bim-Fahrer: Es gibt auch solche; Gott sei Dank.
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| 03/09
Falter-Kolumne
Am Dienstag wollte ich zur Vernissage von der Frau Widauer gehen, Babysitter organisiert, mit einer Freundin ausgemacht, alles, wusch mir in der Früh die Haare, und die waren dann so fluffig und ganz abnormal ansehnlich, dass ich mir die Frisur nicht mit einer Haube runieren wollte, ich radelte also ohne Haube ins Büro und ging dann nicht zu der Vernissage, weil ich den Abend dann doch lieber mit hundert Schneuztüchern, einem Thermophor und einem Fieberthermometer im Bett verbrachte. Aber ich hatte dabei die Haare sehr schön.
Immerhin musste ich wegen Heiserkeit auch nicht mit meinem Kind herumstreiten, das mit sechseinhalb in die Pubertät gekommen ist und nicht mehr mit uns spricht. Also noch weniger mit uns spricht als vorher schon nicht. Es schmust nicht mehr, es will nicht mehr gekitzelt werden, es will nur noch in seiner Hängematte liegen und ganz für sich und ganz laut „Was-ist-was“-CDs-hören, und wenn ich ihm zwischendurch eins von Schiepeks hübschen Melamintellerchen mit einem Buttertöstchen ins Zimmer stelle, brummt es: Hm, und jetzt geh wieder. Und mach die Tür hinter dir zu. Zuweilen kuschelt es sich an mich und drückt mir warme Küsse auf die Backe, dann will es außerhalb der verabredeten Zeiten einen Film anschaun. Wenn sich diese Investition nicht lohnt, reduziert es den Kontakt wieder auf böses Geschau und pampigen Befehlston. Jetzt heult es gerade „Papa, du verlangst zuviel!!“, und zwar, weil der Lange nicht und nicht einsehen will, dass einmal in der Woche baden völlig reicht.
Ich will nicht undankbar sein, aber andere Eltern haben nettere Kinder. Und oft zudem noch begabtere. Wo immer wir derzeit hinkommen, haben Eltern nette, begabte Kinder, die auf dem Klavier unaufgefordert fehlerfreie kleine Etüden spielen, anstatt gemein zu ihren Eltern zu sein. Na, gut, es sind auch welche darunter, die vorher und nachher gemein zu ihren Eltern sind, wofür die Etüden aber einigermaßen entschädigen. Was habe ich? Ich habe zwei Kinder, die sich an den Gastgeber-Tisch setzen und sagen, es tue ihnen leid, aber jedes der angebotenen Gerichte sei auf seine spezielle Weise grauslich und ungenießbar, verzehren oder auch nur probieren sei ganz ausgeschlossen. Nein, stimmt nicht, das tut-mir-leid lassen sie weg, sie sagen nur das mit dem ungenießbar und dem grauslich.
Auch im Unterschied dazu haben andere Eltern Kinder, die ihnen permanent Anlass geben, verzückt über diese zu sprechen, ungefragt zu betonen, wie gut sie dies und das können, diese Eltern zeigen auf ihre Kinder und rufen: Ist er nicht süß? Ure. Dabei sind meine Kinder schon auch süß, auf ihre ganz eigene Weise, und deppert sind sie auch nicht, sie können auch Sachen total gut, aber das Verklären von Kindern ist, finde ich, eher eine Oma-Disziplin. Ich komme ja mehr vom Sudern; und das, bei dem Weg, können meine Kinder absolut prima. Plus, sie haben sehr schöne Haare; nicht, dass Sie glauben.
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| 03/09
Kurier-Kolumne
Jetzt aber. Jetzt ist auch Österreich endlich offizielles Slow-Food-Land: Elf heimische Produkte wurden in die offizielle Slow-Food-Liste der „Arche des Geschmacks“ aufgenommen. Und das bedeutet viel mehr, als dass diese Produkte nur gut oder einzigartig schmecken: Es ist ein Qualitätssiegel. Und ein Bekenntnis. Weil es für den Geschmack eines Produkts eine Rolle spielt, wo es unter welchen Umständen mit welchen Zutaten und Mitteln hergestellt wurde.
Geschmack, der echte Geschmack echter Nahrung, ist eben etwas anderes als das Ergebnis geschickt komponierter Aromastoffe, Geschmacksverstärker und Konservierungsmittel. Und was wir essen, entscheidet auch darüber, wie unsere Landschaften aussehen, wie es unseren Bauern geht, unter welchen Bedingungen die Landarbeiter leben, wie unsere Nutztiere gehalten werden, ob unsere Böden und Gewässer sauber oder vergiftet sind, wofür Wälder abgeholzt werden.
Wer im Winter Industrie-Erdbeeren aus Spanien kauft, kauft damit zerstörte, mit Folien verschandelte Landschaften, verseuchte Böden und Gewässer, ausgebeutete Arbeiter. Wenn wir das nicht wollen, brauchen wir nicht auf der Straße demonstrieren oder Petitionen unterschreiben: Wir bestimmen es täglich mit unserem Einkauf. Ja, man kann nicht immer nur gut kaufen: aber öfter.
Einen richtigen Bregenzerwälder Bergkäse, eines der elf heimischen Slow-Food-Produkte, kann man nicht industriell in Fabriken herstellen. Er braucht gesunde Kühe, die gemächlich auf intakten Almen und Wiesen grasen, naturverbundene Bauern, Alm- und Dorf-Senner, er braucht Zeit und die richtige Lagerung. Deshalb schmeckt nicht nur der Käse so gut: Deshalb ist auch der Bregenzerwald so schön.