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Doris Knecht
der doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
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30.04.09

Ganz wuggi könnt man werden

| Comments (1) | 04/09 | Kurier-Kolumne

Angst könnt’ man kriegen. Vor der Schweinegrippe. Vor der Vogelgrippe. Vor der Erfindung der Fischgrippe. Vor der Grippe als solche. Vor Viren. Vor Computerviren.  Vor dem Stau auf der Tangente. Vor dem Stau am Gürtel. Vor dem Dickmaulrüssler. Vor Fett. Vor Zucker. Vor dem Winter. Vor dem Frühling. Vor dem Sommer. Vor dem Herbst. Vor Krankheit und Tod.
 Vor einer Benzinpreiserhöhung. Vor der Gasrechnung. Vor der Gesamtschule. Vor der Bildungsreform. Vor der Reichensteuer. Vor HC Strache. Vor Andi und Alex. Vor Dominic Heinzls Frisur. Vor  Parkverboten. Vor Radfahrern. Vor Autofahrern. Vor Fußgängern. Vor Kinderlärm. Vor Kampfhunden. Vor Pollen. Vor Milch. Vor Schulterpolstern. Vor Länderspielen. Vor einem Händedruck. Vor einer Reunion der Zillertaler Schürzenjäger. Vor einer Reunion von Kajagoogoo.  Vor noch einer Staffel „Starmania“. Vor Heidi Klum. Vor Florian Silbereisen. Vor Seife. Vor Menschen, die sich vor Seife fürchten.
Vorm Fliegen. Vor Piraten. Vor einem leeren Akku. Vor dem neuen Bob-Dylan-Album. Vor allem Fremden.  Vor der Dunkelheit. Vor zu viel Sonne. Vor der Champions League. Vor dem Ende der Champions League. Vor deutschem Humor. Vor Mundgeruch. Vor Irren. Vor Falten. Vor der Post. Vor der Inflation. Vor dem Finanzamt. Vor Haarausfall. Vor der Krise. Vor Zugluft. Vor einem Kratzer im Auto. Vor Unfällen. Vor Spinnen. Vor dem Urlaub. Vor dem Ende des Urlaubs. Vor dem leeren Blatt. Vor dem Kleingedruckten.
Man kann vor  vielem Angst haben. Man könnte vor lauter Angst sogar ganz wuggi werden und übers Fürchten  aufs Leben vergessen.Und das ist tatsächlich  zum Fürchten.
29.04.09

Und das ganz ohne See

| Comments (0) | 04/09 | Kurier-Kolumne

Die Zürcher sind schwer geschockt. „Für Zürich ist der Rückschlag bitter“ klagte der Tagesanzeiger nur Stunden nach Bekanntwerden der Nachricht. Was ist passiert: Zürich wurde eben vom Lebensqualitätsrankingsthron verdrängt und zwar, tadaa!, von Wien. Laut der jährlich veröffentlichten Umfrage der Personalberatungsfirma Mercer gilt Wien ab sofort als die Stadt mit der international höchsten Lebensqualität – vor Zürich, Genf, Vancouver, Kanada und Auckland, Neuseeland. Das ist für die Zürcher schwer zu packen: Sieben Jahre lang führte Zürich die Rangliste an, jetzt muss man sich einer Stadt geschlagen geben, die nicht einmal eine See hat. Nicht einmal einen See! Allerdings haben sich Menschen wie ich, die in beiden Städten gelebt haben, schon früher gefragt, was eine Stadt eigentlich konkret lebenswert macht. Welche Faktoren spielen da eine Rolle? Lebensqualität heißt ja nicht nur schöne Natur, schönes Wasser, schöne Aussicht, schöne Altstadt, schöne Restaurants. Und, wie Mercer vermerkt, beruhigende Friedlichkeits-, Sicherheits- und politische-Stabilitätswerte. Zur Lebensqualität gehört schon auch, dass man sich die Wohnungsmieten und Lebenshaltungskosten leisten kann. Dass es ein vielfältiges Kinderbetreuungsangebot, auch für kleinere Kinder, gibt. Dass man auch in preiswerteren Restaurants gutes bis sehr gutes Essen bekommt. Und in all diesen Kategorien hatte Wien schon längst die Nase vorn. Während es in den Bereichen Kultur, ausländerfeindliche Wahlkämpfe und schwer verständlicher Dialekt ziemlich pari steht. Nur so einen schönen See haben wir nicht. Aber das ist jetzt auch egal.


24.04.09

Erfolgsmodell Kirch-Amt

| Comments (0) | 04/09 | Kurier-Kolumne

Die Post macht es so: Sie schließt Postämter in B-Lagen und eröffnet Briefmarkenläden in A-Lagen,  unlängst erst ein neues in der Wiener Josefstädterstraße. „Philatelie-Shops“ heißen die, was ein wenig ungeschickt ist, weil sich die Bezeichnung „Post-Philialen“ natürlich unglaublich aufgedrängt hätte.
Das hätte nämlich Infrastruktur-Ministerin Doris Bures die Möglichkeit verschafft, in Radio-Interviews völlig wahrheitsgemäß zu verkünden, dass bitte keineswegs nur Postämter geschlossen würden, nein, es werden sogar neue Post-Philialen eröffnet. Aber  bei der gespannten Budget-Situation heutzutage müssen die Ministerien ja bei allem sparen, auch bei den Ideen.
Diese Chance ist also vertan. Die Kirche dagegen will jene, die sie selbst in der Filialen-Schließung erkennt, nicht ungenutzt verstreichen lassen. Das ist gescheit. Denn wer kommt besser an die Leute heran, als die Mitarbeiter der Post? Beziehungweise zu  wem wollen die Leute dringender zubi, als an den Post-Mitarbeiter hinterm Schalter? Offenbar hat die Kirche beim Lokalaugenschein in einer Post-Filiale erkannt: Da schau her, dafür stellen sich die Menschen sogar in langen Schlangen geduldig an! Das wollen wir auch, diese Gelegenheit müssen wir nutzen: die Kirche muss  Post-Partner werden!
Der Kollege Schwarzer hat die möglichen Synergieeffekte gestern schon aufgezeigt, und auch ich glaube fest an den Erfolg der Kirch-Ämter. Eine Kirche, die nicht mehr nur Seelenheil verspricht, sondern auch Packerl, verzahnt mit einer Post, die nicht mehr nur Dienstleistung anbietet, sondern auch spirituellen Beistand: Die alttestamentarische Endlosigkeit der Schlangen vor den Kirchen will man sich gar nicht vorstellen.
23.04.09

Bitte,Herr Lehrer,eine Frage!

| Comments (2) | 04/09 | Kurier-Kolumne

Auf die Gefahr hin, dass sofort wieder Körbe voller Abokündigungsdrohungen und anderen Watschen eintreffen, wage ich es, noch einmal meine Hand zu erheben: Bitte, ich möchte noch etwas zum Lehrer-Streit wissen. Doch, sicher, Herr Professor, Sie haben mir bereits klipp und klargemacht, dass ich mich nicht in Sachen einmischen darf, die mich nichts angehen und von denen ich nichts verstehe: Ja, ich habe jetzt eingesehen, dass 13 Jahre Schulbank, die Aufzucht zweier Schulkinder und die eingehende Lektüre der Konflikt-Berichte mich noch lange nicht dazu befähigen, über die Lehrer eine Meinung zu haben. Dafür möchte ich mich nachträglich ausdrücklich entschuldigen. Und ja, ich habe jetzt auch endlich kapiert, dass die Lehrer die einzige Berufsgruppe sind, die sich auch zu Hause mit ihrer Arbeit beschäftigt und sich vorbereitet. Nein, eine Meinung habe ich sicher nicht mehr, ich erlaube mir nur, ganz schüchtern aufzuzeigen und eine Frage zu stellen: Entschuldigung, Frau Professor! Ich möchte nämlich unbedingt wissen:Wie spart man durch die Abschaffung der schulautonomen Tage etwas ein? Ich versuche meine Frage einmal mit einem ganz einfachen Rechenbeispiel zu verdeutlichen: Wenn ein Lehrer für einen Tag, an dem er 13 Äpfel dafür bekommt, dass er sich fortbildet, stattdessen 13 Äpfel dafür bekommt, Schüler zu unterrichten, wie viele Äpfel bleiben dann für die Frau Unterrichtsministerin übrig? Lautet die richtige Antwort nicht: keine? Bitte, Herr Fesser, noch eine Frage: Sind nicht die einzigen, die etwas von der Abschaffung der schulautonomen Tage haben, die Schüler? Nämlich weniger Ferien? Sowie weniger fortgebildete Lehrer? Und, bitte, ich habe wirklich nur gefragt.
22.04.09

Soviel zur Sauce Hollandaise

| Comments (1) | 04/09 | Kurier-Kolumne

So. Nachdem der größere Teil der heimischen Waldboden-Flora zertrampelt wurde, damit der andere, bärlauchige Teil vollumfänglich ausgerissen und aufgegessen bzw. in Pesti verarbeitet werden konnte, widmet sich das Volk jetzt dem Spargel. Die Vertreter der energischen Bärlauch-Verachtung (EBV) lehnen sich verschränkten Arms und feisten Grinsens zurück: Es ist ummi, ein Jahr eine Ruh, für Bärlauch interessiert sich keine Sau mehr, denn die Saison der blassen und grünen Underground-Stengel hat jetzt begonnen, Das weiß man einerseits aus den Gesellschaftsformaten, die einem bereits die immerselben Grinsgesichter in neuen Kleidern zeigten, wie sie im immerselben SchnickschnackGasthaus auch heuer ihre Gratis-Solo-Prügel verspeisten. Andererseits vom Markt und Supermarkt, wo man wochenlang die Import-Ware nicht einmal ignoriert hat und jetzt endlich zwischen hiesigen Sorten wählen darf. Ja. Denn Spargel hat bekanntlich nichts wie Vorteile. Unter anderem kommt er den Ergebnissen einer nagelneuen Studie entgegen, die erforscht hat, dass die Menschen – schon wieder schlechte Nachrichten für das Kaloriat – nicht nur der Gesundheit wegen dünner sein sollten: sondern auch aus Klimaschutzgründen, weil Dünne die Umwelt deutlich weniger belasten. Vor allem aber schmeckt der Spargel; allerdings muss eilends zur hierorts bereits angedeuteten ESHV (energische Sauce-Hollandaise-Verachtung) geschritten werden. Weißer Spargel hat gern flüssige Butter und Parmaschinken. Grüner kann auf etwa 500 verschiedene Arten zubereitet und kombiniert werden; keine davon verlangt nach der holländischen Fettschlacke. Die mag der Spargel nicht: tutses weg.
22.04.09

Künftig will ich grantig sein

| Comments (1) | 04/09 | Falter-Kolumne

Weil unser verblendetes Kindsvolk unbedingt beim Wien-Marathon mitlaufen will (Kinderlauf, Medaille), dürfen wir nicht ins Waldviertel fahren. Nicht in der Scholle wühlen. Nicht am Lagerfeuer Wein trinken. Nicht den gruseligen Rohbau der Nachbarn hinter fette Platanen oder ins nächste Dorf imaginieren. Das von studierten Metereologen versprochene schlechte Wetter, das diesen Umstand leichter verschmerzen ließe, bleibt aus: Die Sonne lacht am Freitag, die Sonne lacht am Samstag, also treffen wir uns, wenn wir schon in der Stadt sein müssen, wenigstens mit den Finks zum Mittagessen im Kent. Der Fink kommt zuerst und informiert uns gleich darüber, dass er jetzt ein neues Daseinskonzept hat, er will künftig grantig sein. Das ewige Lustigsein habe sich abgenutzt, fertig jetzt. Das macht mir keine großen Sorgen, weil im genetischen Bauplan vom Fink zwar vielerlei lustige Abweichungen von der humanoiden Standardverfasstheit vorgesehen sind, aber Grant gehört nicht dazu. Grant müsste der Fink sich in eigenen Grantkursen mühsam aneignen, dafür ist er zu alt und zu träge.

Dann kommt das Kind vom Fink mit der Frau Fink, die ist auch grantig, aber echt, und zwar aus zahlreichen überaus nachvollziehbaren Gründen, von denen, sage ich einmal, die meisten im Kontext ihres Zusammenlebens mit dem Fink stehen. Aber die Finks kennen wir schon so lange, dass das wurscht ist, wenn sie beim Mittagessen einmal grantig sind, und schließlich erleben die uns auch nicht immer sonnig; also mich schon, aber den Langen nicht. Der Lange hat das Grummelige nämlich im Unterschied zum Fink außerordentlich in der Genetik, wenn man nicht überhaupt vom Grummeligen als des Langen charakterlichem Fundament sprechen will. Und schlimm ist es ja nur, wenn die immer sonnigen Paare bei so einem Essen plötzlich übereinander herfallen, so dass man den Wunsch, das Mittagessen ganz am WC zu verbringen, irgendwann gar nicht mehr unterdrücken kann. Bei den Finks und uns ist das nicht so. Wir sind einander gewohnt.

Alle essen das übliche, Omletts, Hühnerspieße, Köfte mit Pommes, nur ich bin mutig genug, den neu angebotenen Mozarella-Salat zu testen. Davon kann ich jetzt abraten. Dann müssen die Finkin und das Finkkind zu einem Kindergeburtstag, also überantwortet die Fink dem Fink den Wochenendeinkauf. An dieser Stelle versucht es der Fink kurz mit seiner neuen Daseinsidee, findet aber in seiner Frau einen in dieser Hinsicht gut trainierten und unbezwingbaren Gegner. Die Finkin sagt: Zwiebeln, Essiggurkerl, Erdbeeren und Lammkoteletts. Der Fink entsinnt sich einer seiner Abweichungen und ruft: Wo um ALLES in der Welt soll ich jetzt noch LAMMKOTELETTS herbekommen? Wir befinden uns, zur Erinnerung, mitten am türkisch dominierten Brunnenmarkt. Das ist unser Fink, so haben wir ihn lieb; auch wenn die Finkin die Augen rollt, und mit was, mit Recht. 
21.04.09

Ein Meter plus Tempo in Zentimeter

| Comments (0) | 04/09 | Kurier-Kolumne

Hinten auf meinem Rad ist der Korb jetzt so groß, dass ich einen zehn-Kilo-Sack Erdäpfel, die anderen Einkäufe und zwei Schultaschen gleichzeitig transportieren kann. Und so breit, dass die Autofahrer beim Überholen freiwillig fast so viel Abstand halten, wie sie eigentlich müssten (ein Meter plus die Geschwindigkeit in Zentimeter laut StvO, nur falls es wer vergessen hat).
Allerdings – und ich nehme jetzt einmal den Standpunkt einer Verkehrsteilnehmerin ein, die, wenn möglich, das Rad statt die Öffis statt des Autos benützt – allerdings nämlich: Vielen Autofahrern ist gar nicht klar, dass sie einen Verkehrsteilnehmer überholen. Sie tun durch engagiertes Hupen ihre Überzeugung kund, sie passierten ein lästiges Verkehrshindernis, das auf ihrer Straße nichts verloren hat. Ist übrigens verboten. Und ja!, ja!, ja! es gibt auch extrem dumme und wahnsinnig rücksichtslose Radfahrer, Wegabschneider, Gehsteigfahrer, nächtliche Lichtlosfahrer, denn das solche-und-solche-Prinzip gilt naturgemäß uneingeschränkt für jede Spezies auf diesem Planeten (Banker, Lehrergewerkschafter, Journalistinnen, Bimfahrer, Schwule, Priester, Marathonläufer, Autofahrerinnen, undsoweiter).
Aber es scheint mir, die Auto-Lenker gewöhnen sich (bis auf die üblichen Unbelehrbaren) zusehends  daran, die Straße zu teilen. Erstens wegen der  zunehmenden Menge der Radfahrer. Zweitens entdecken immer mehr Autofahrer und Autofahrerinnen die Freuden des Pedalens: der Fitnessfaktor, der Wind um die Nase, die Schnelligkeit, die Parkplatzsuchlosigkeit und dass man viel bequemer Stöckelschuhe tragen kann, weil man viel weniger gehen muss. Und tragen: Der Korb muss halt groß genug sein.
19.04.09

General-Verscherzung

| Comments (0) | 04/09 | Kurier-Kolumne

Bravo, Lehrergewerkschaft: Kommenden Donnerstag werden viele Kinder endlich einmal live vor Ort erleben, womit ihre Mütter und Väter das Haushaltsbudget verdienen. Wie nennt man diese Form des Unterrichts? Lebensschule? Projektunterricht? Lernstoff-Auslagerung? Protesttag. Und viele Eltern werden nächsten Donnerstag, so es am Montag nicht doch noch zu einer Einigung kommt, keine andere Wahl haben, als ihre Kinder – so der Arbeitgeber das erlaubt – mit an ihren Arbeitsplatz zu nehmen. Die Lehrergewerkschaft betreibt damit eine interessante und betörend altmodische Form des Lobbyismus: Normalerweise versucht eine Lobby Interessen durchzusetzen, indem sie für ein möglichst breites Verständnis für die Forderungen der vertretenen Gruppe sorgt. Die Lehrergewerkschaft praktiziert das exakte Gegenteil und macht durch General-Verscherzung auf ihre Wünsche aufmerksam. Jetzt vergrault man auch noch jene Eltern, die für den Unmut der Lehrer lange Zeit Verständnis hatten: Das schmilz rapide, je länger die Verhandlungen dauern und je origineller die Ideen der Lehrervertreter werden.Die Lehrer isolieren sich immer mehr, weil ihr Kampf zusehends auf Kosten und auf dem Rücken der Schulkinder stattfindet. Zuerst schlug man vor, zur Sicherung der eigenen Pfründe ein bissl auf die Bildungsreform zu verzichten, jetzt unterrichtet man einfach einmal ein wengerl nicht mehr. Was die Schüler während des Streiks machen: schmecks. Aber was hat ein Pädagoge verfehlt, dem das Wohl seiner Schüler zweit- oder drittrangig ist? Genau. Ja, Gewerkschaftsarbeit ist kein Beliebtheitswettbewerb. Interessen gehören gehört. Aber die Lehrerinnen und Lehrer selbst sollten es sich nicht gefallen lassen, derart als Buh-Leute der Nation vorgeführt zu werden.
17.04.09

Eiliger Schuldspruch

| Comments (0) | 04/09 | Kurier-Kolumne

Von Bild bis Hi Society ist man außer sich vor Entsetzen: Die 26jährige deutsche No-Angels-Sängerin Nadja B. wurde verhaftet, weil sie trotz HIV-Infektion ungeschützten Geschlechtsverkehr mit mindestens drei Männern gehabt haben soll. Einer davon soll infiziert sein. Wie konnte sie so etwas nur tun?
Ja, tatsächlich: Wie kann man so verantwortungslos sein? Absolut fraglos muss jemand, der weiß, dass er HIV-positiv ist, Sexpartner  entweder über die Infektion informieren oder zumindest strikt auf Safer Sex bestehen.  So wie gewiss jeder der bislang drei Männer, die Nadja B. anzeigten, ihr vor dem Sex einen negativen HIV-Test und diverse Atteste präsentiert hat, dass keine Geschlechtskrankheiten vorliegen, um Frau B. trotz Kondomverzicht nicht zu gefährden.  Und ganz bestimmt hatte jeder von ihnen jeweils zum allerallerersten Mal ungeschützten Geschlechtsverkehr, gewiss nur bedingt durch unendlich schicksalshafte Umstände, die genau dieses eine Mal die Benutzung eines Kondoms vereitelten. Oder wie.
Für die Ansteckung mit dem HI-Virus sind immer zwei  verantwortlich: Eine Person, die das Virus, wissentlich oder nicht, in sich trägt und eine Person, die sich anstecken lässt, indem sie sich  nicht schützt und  sich so wider besseres Wissen in Lebensgefahr bringt. Schon Kinder wissen das. Und ganz bestimmt weiß es Dominik Heinzel.
Trotzdem fällte der in „Hi Society“ schon einmal einen Schuldspruch: „Ausgerechnet beim Liebe machen schenkte sie den Tod“, sagte Heinzel wörtlich über Nadja B. Und  im Zusammenhang mit einem derart „teuflischen Verbrechen“ (Heinzel) gilt die Unschuldsvermutung ja selbstverständlich nicht.
16.04.09

Es muss nicht, aber es geht

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Man müsse sich schützen, sagte die Künstlerin Maria Lassnig dieser Tage in einem großen Interview. „Wovor?“, fragte die Süddeutsche Zeitung. „Vor Kindern“, sagte Lassnig. „Die einen ärgern?“, fragte die SZ. „Nein! Dass man keine bekommt!“, sagte Lassnig. Denn das gehe zu Lasten der Kunst. Es habe immer Frauen gegeben, die alles haben wollten. „Ehe, Kinder, Ruhm, alles. Aber das geht nicht.“
Die gebürtige Kärntnerin Lassnig, die im MuMoK gerade ihre großartigen späten Bilder zeigt, wird heuer 90; stammt also aus einer Gegend und einer Generation, die es für Frauen nicht vorsah, Beziehung, Kinder, Karriere: alles zu wollen.
Tracey Emin wiederum, die wichtigste britische Gegenwartskünstlerin und eine gute Generation jünger als Lassnig, erzählt in ihrer soeben auf deutsch erschienenen Autobiografie „Strangeland“ (Blumenbar Verlag) auch von ihrem latenten Kinderwunsch: Den sie sich  nie erfüllte, weniger aus Angst, ein Kind könnte ihre Karriere bremsen, sondern weil sie befürchtete, sie würde ihr Baby in einer Bar vergessen und  sich am nächsten Tag nicht mehr daran erinnern, in welcher. Das ist einer von vielen eklatanten Gründen, keine Kinder haben zu wollen  und beweist, dass das Konzept freiwilliger weiblicher Kinderlosigkeit energischer Verteidigung bedarf.
Aber es ist auch gut, dass man Maria Lassnig zwar Recht geben  kann, aber nicht muss: Doch, Kinder zu haben ist immer noch schwer, es geht – wenn man das Kinderhaben und das Arbeiten Ernst nimmt - immer noch (zumindest ein wenig) zu Lasten des einen oder anderen. Aber es ist möglich und  mittlerweile normal, dass Frauen alles haben oder wenigstens wollen dürfen. Es zwickt noch; aber es geht.
15.04.09

Der Gabelbub hat wohl getrödelt

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Weil Sie gefragt haben: Das Schremser gibt’s beim Verde, in der Josefstädterstraße 27. Auch sonst gab es bezüglich der letzten Kolumne zig Fragen. Ausdrücklich beantwortet sei jene der Wahlpariserin Sigrid N., die entgeistert wissen will, ob das ernst gemeint sei, dass man von diesem Speck nur das Weiße esse, also das pure Fett? Ist es, werte Frau N., es heißt ja auch Lardo, was wir sehr leicht über das englische „lard“ also „Fett, Schmalz“ herleiten können und uns zu einer gleichnamigen Band führt, deren schönes Lied „Forkboy“ ich kürzlich nach Mitternacht im rhiz mit viel Zuspruch zur Aufführung brachte. Der Gabelbub passt mir auch thematisch gut ins Konzept, denn ich will diesmal eigentlich nur übers Essen reden. Fastenzeit: vorbei. Mein Horoskop sagt, es sei heute sowieso nicht mein Tag, ich solle mich bei Verhandlungen entschuldigen und das machen, was mir Freude bereite, und es macherte mir eine Freude, wenn ich, unter Beifügung von einem wengerl mildem Alkohol, ohne Unterlass essen könnte. Speckbrote. Lardobrote. Oder, wie die Waldviertler Marktfrau auf die Frage, wie man denn den weißen Speck da nenne, meinte: weißen Speck. Oder Speckspeck. Der Oberösterreicher nennt ihn Kübelspeck, hat es aber nicht so mit der Kräuter-Raffinesse bei seiner Herstellung, weil er serviert ihn eh mit dick darüber gestreutem Schnittlauch. Brauch ich nicht so.

Leider ist der Speckspeck aus. Die Speckjause hat hier in der Waldviertler Wochenend-WG eine so schöne Nachmittagstradition, dass man gar nicht so viel Speck im Eiskasten aufhäufen kann, wie sofort weggegessen wird. Das Gute ist, dass es davor ein Mittagessen gab und danach ein Abendessen geben wird, bei Kerzen- oder Gebrauchtwarenhändlerlichterkettenschein, je nachdem, ob wir bei den Horwaths essen oder bei uns. Letztes Mal, wie wir bei uns gegessen haben, ging mir beinahe das Besteck aus (weil das ersteigerte, typisch, nicht rechtzeitig geliefert worden war, der Gabelbub hatte wohl getrödelt) und vorübergehend standen sieben Erwachsene in unserer Küche und betrachteten versonnen ein großes, auf den Punkt gebratenes Stück Beiried. Wir vertrieben sie aber schnell, weil das große Stück Beiried wurde, nachdem es mit einer dicken Bärlauchschicht bedeckt und für kurze Zeit erneut in den Holzofen geschoben worden war, im Verbund mit einem Erdäpfelpüree und in Olivenöl gebratenem Wurzelgemüse am Tische in der lauschigen Laube tranchiert. Die Kinder verzichteten überraschenderweise auf das Gemüse und kriegten automatisch Würstel; wir wollten nicht, dass irgendwer das exorbitante Grün-Fleisch mit wäh und bäh beleidigte.

Was ich noch erzählen wollte: Unlängst habe ich, ich glaube, in der FAS, ein Tracey-Emin-Interview gelesen. Die Journalistin fragte Emin, ob sie sich denn mit dieser permanenten persönlichen Preisgabe in ihrer Kunst nicht „irrsinnig verletzlich“ mache. Tracey Emin antwortete: „Inwiefern?“
Ja. Haha.
15.04.09

Wir beugen uns dem Druck

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Die Osternestern sind geplündert: Jetzt werden die Tage bis zum Geburtstag gezählt. Es wird das heftig ersehnte Einser-Geschenk erwartet, das Master-Geschenk, das Geschenk der Geschenke: der Nintendo dings. Seit sie in Schule und Hort gehen, haben die Kinder zahlreiche Stunden damit verbracht, ihren Freunden beim Computerspielen zusehen. (Wobei  in diesem Hort elektronisches Spielzeug nur einmal im Monat erlaubt ist und nicht, wie in anderen Wiener Horten, zur täglichen Nachmittagsbeschäftigung gehört: eine „Betreuung“, für die Eltern um die 250 Euro im Monat bezahlen.)
Wir litten noch zahlreichere Stunden unter einem unendlichen Kinderlamento: Wann kriegen wir auch einen! Wann, wann, wann, wann! Bitte, bitte, bitte, bitte! Ebensoviele Stunden lang haben wir Argumente vorgebracht, warum ein Kind ein derartiges Gerät nicht braucht, ja es sogar ein Privileg ist,  wenn derlei nicht all die Zeit wegfrisst, in der ein Kind viele lustigere,  sinn- und entwicklungspsychologisch wertvollere Dinge tun kann. Das verhallte ungehört: Bittebittebitte! Bittäää!
Jetzt haben wir, gegen unsere Überzeugung, resigniert: Gut, zum nächsten Geburtstag.  Man will ja auch nicht die moderne Entsprechung jener Eltern sein, die ihren Kindern einst die Lektüre von Comics verboten haben: Weil die das ebenso unnötig und schädlich fanden, wie wir jetzt den Umstand, dass Kinder viele Stunden am Tag damit verbringen, mit einem Stäbchen auf einem kleinen Bildschirm herumzutippen. (Um zum Beispiel eine Puppe anzuziehen oder zu kochen. Ich meine: jetzt einmal ernsthaft? Was wurde aus der guten alten Wirklichkeit voller Puppengewand und echten Kochlöffeln?) Nun beugen wir uns halt dem Druck. Nicht gern.

10.04.09

Veränderung liegt in der Luft

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Man braucht nicht katholisch zu sein, um die Idee der Fastenzeit zu begreifen: Der Aschermittwoch soll etwas ändern. Der Alltag wird unterbrochen, die Normalität, der Lauf des üblicherweise Üblichen. Das Leben wird geändert, für ein paar Wochen, ein paar Tage oder auch nur für die paar Stunden, in denen Gläubige am Aschermittwoch und dann wieder am Karfreitag kein Fleisch essen. Vielleicht geht man danach ganz zurück ins alte Leben. Vielleicht wirkt die Änderung, die Reinigung über Ostern hinaus noch länger nach.
Veränderung ist ein Thema, nicht nur weil Karwoche und die Fastenzeit fast vorbei ist. Weil Krise ist: Können wir so weiterleben wie bisher? Müssen wir unser Leben ändern? Müssen wir uns selbst ändern? Und sollen wir auch dann etwas ändern, wenn einen die Umstände akut gar nicht dazu zwingen? Und wenn ja: Was genau, wie genau und wie viel? Und  sind wir überhaupt in der Lage, einzugreifen, unser Schicksal zu korrigieren oder ergehen wir uns dabei nur  in einer Illusion?
Der Philopsoph Peter Sloterdijk, wie stets mit einem guten Gespür für aktuelle Befindlichkeiten gesegnet, hat zu dem Thema eben ein ganzes Buch geschrieben: „Du musst dein Leben ändern“ (Suhrkamp) und vielleicht lohnt es sich, darin nach ein paar Anhaltspunkten für individuelle Korrekturabsichten zu graben.
Denn auch wenn Veränderung schwerfällt oder winzig oder für andere gar nicht erkennbar ist, für das Individuum hat sie doch immer etwas Erhebendes, Kathartisches, Stärkendes: Man hat ein wenig an seinem Dasein geschraubt. Man hat etwas verändert, optimiert, sich selbst auf eine neue Spur gebracht. Und wie? Indem man es wollte. Und man konnte es.
08.04.09

Das Nest ist voll

| Comments (0) | 04/09 | Kurier-Kolumne

Gut, dass der Winter jetzt vorbei ist. Erstens  natürlich die Sonne, die Wärme, die laue Luft, das grüne Grün. Zweitens, weil ich nicht mehr weiß, wo ich den  Hausrat noch verstecken soll, den ich bei ebay ersteigert habe; je länger der Winter, desto hochfrequenter.
Jeder wird mit einer Winterdepression auf seine Weise fertig; die einen saufen, die anderen legen sich ins Solarium, wieder andere ersteigern bei ebay kistenweise alte Röschen-Tassen, dicke Wilhelmsburger-Teller, abgesplitterte Email-Kaffeekannen, bestickte Tischtücher, gehäkelte Decken. Nestbau, eh; man braucht nicht Psychologie studiert zu haben, um das zu erraten.
Aber jetzt ist die Zeit der Nesterei vorbei, und die Schränke sind voll. Die Schubladen auch, aber das liegt nicht ausschließlich an mir. Sondern auch an Oma, die findet, dass ihr altes Besteck in unserer Bestecklade besser aufgehoben ist als bei der Caritas. Worüber man geteilter Meinung sein könnte. Aber ich will Oma nicht beleidigten, und was, wenn es bei ihrem nächsten Besuch fehlt? Wie erkläre ich ihr den Unterschied, zwischen dem ersteigerten alten Silber, von dem zugegebenermaßen kein Teil zum anderen  passt und ihrem tadellosen und überdies vollständigen  Edelstahlbesteck aus den Achtziger Jahren mit dem schicken Rillenmuster? Kann ich nicht. Auch für den Gatten ist es nur altes Klumpert, das eine wie das andere.
Für mich ist es einzigartig schönes altes Klumpert, das das Universum, so ist das mit ebay, immer nur für die Länge eines Blinzelns hergibt, und wenn das Universum fertig geblinzelt hat, ist es für immer dahin. Und in einem Winter, so lang wie der letzte, kann einem dieser Gedanke ganz schön zusetzen. Gottlob ist es jetzt endlich Frühling.


08.04.09

Und weißt du, das zahle ich gern.

| Comments (0) | 04/09 | Falter-Kolumne

Wie das Mimi aus der Schulgarderobe kommt, spritzt ihm schon das Gift aus den Augen. Es ist offensichtlich gedemütigt worden; und von wem, eh klar, von seiner Mutter. Es wurden nämlich in der Schule Eier gefärbt und seine Mutter hat ihm zweierlei: erstens braune Eier mitgegeben, was diesfalls allerdings die minderschwere Sünde bedeutet, zweitens aus Bodenhaltung. BODENHALTUNG!, heult das Kind der Mutter vom Rücksitz aus in den Nacken, meine Mutter kauft Eier aus BODENHALTUNG!, wie konntest du nur! Den ganzen Gürtel-Stau hindurch erklärt das Mimi seiner hirn- und herzlosen Mutter, was das bedeutet, wenn Hendln in BODENHALTUNG gehalten werden und wie die sich gegenseitig Löcher und in die Leiber, ja sich totpicken! Und wie sie nicht verstehen kann, wie ein Mensch so verantwortungslos, nein: BÖSE sei kann, Eier aus BODENHALTUNG zu kaufen! Wo es doch überall auch gute Bio-Freilandeier von glücklichen, artgerecht auf grünen Wiesen gehaltenen Hühnern gibt: Ist euch das alles egal?

Tatsächlich ist es natürlich so: Wenn es etwas auch in bio gibt, nehmen wirs in bio, bis auf ein paar Ausnahmen, die aber nicht ursprünglich mit unserer Bosheit zu tun haben, sondern mit unserem endenwollenden Haushaltsbudget. Wir glauben an ökologisch bestelltes Land, saubere Gewässer und gesunde Tiere, deshalb kaufen wir im Bauernladen oder radeln Freitags zu diesem suprigen kleinen Markt bei der Lerchenfelder-Kirche und verteilen unter den Händlern kleine Vermögen für glücklichen Lardo vom Mangalitzaschwein, glückliche Bio-Essiggurkerl und glücklichen Bio-Paprika. Ich mache mehrmals wöchentlich einen Umweg, um den lässigen Biohändler, mit dem ich jetzt per du bin, zu unterstützen, indem ich das Dreifache zahle wie im Supermarkt, und zwar gern, denn dafür gibt’s fantastisches Biobrot vom Kasses in Thaya, das Schremser aus der guten Waldviertler Familienbrauerei und absolut überglückliche Bio-Freilandeier, die ein grundgüter Biobauer dem glücklichen Biohuhn mit liebevollen Worten abverhandelt, gepützelt, gestreichelt, gekost und zärtlich in ihr Pappmaché-Schachterl gelegt hat. So ist es nämlich.

Aber wie ich letzten Dienstag das Biogemüse für das Bio-Wokgericht geschnippelt habe und eben die geraspelten Bioerdäpfel mit den Biozucchini zu Puffern zusammenmixen will, sind die glücklichen Eier aus. Nachbarin 1 ist nicht daheim und Nachbarin 2 ist nicht daheim, also zieh ich die Pfannen vom Ofen und mir nochmal Schuhe an, renne in den nächstgelegenen Supermarkt und kaufe die einzigen Eier, die es dort gibt. Und genau die sind noch im Kühlschrank, als die Mutter im Mitteilungsheft des Mimis die Nachricht entdeckt, das Kind habe bitte ein paar gekochte Eier zum Färben mit in die Schule zu bringen. Und jetzt sind wirs: ruchlose Hendlschänder, die marodierend durch Billigdiskounter ziehen; und das Kind gesellschaftlich ruiniert. Das pickt an uns wie Hühnerdreck, vermutlich für immer.
07.04.09

Kleiner Exkurs in die Grüßvielfalt

| Comments (0) | 04/09 | Kurier-Kolumne

Der Steuerberater sagt: Du die Buchstaben, ich die Zahlen. Das hat einen Grund; wie der Leserschaft seit meiner Wieviel-sind-eigentlich-100-Mio-Euro?-Kolumne  bekannt ist. Denn natürlich ist ein Stau aus  5500 Mittelklasseautos nicht drei sondern  30 Kilometer lang, ein Sicherheitsabstand von einem Meter zwischen den Autos eingerechnet.
Deshalb lieber wieder Wörter; diesfalls solche, mit denen man grüßt. Denn laut Umfrage eines Linzer Meinungsforschungsinstituts begrüßen sich  schon 65 Prozent der Österreicher mit „Hallo“  und bereits 52 Prozent sagen zum Abschied nicht mehr leise „servus“, sondern laut „Tschüss“. (Denn „tschüss“ kann man gar nicht leise sagen).
Als radikale und durchaus auch internationalistische Sprach-Liberale vertrete ich die Meinung, dass man auch tschüss sagen darf, solange man man andere und alte Grußformeln nicht vergisst:  hier deshalb ein kleiner   Exkurs in die Grüßvielfalt.
Guten Tag. Grüß Gott. Sgott. Freundschaft. Servus. Seawas. Grüssie. Grüß di. Habe die Ehre. Dere. Mahlzeit.  Griaß enk. Hei. Heil. Heile (die Tiroler und Vorarlberger meinen das völlig ideologiefrei). Hallöle. Moin, Moin. Morschn. Oida! Bonjour. Grüezi. Salut. Sali. Hola. Ciao. Aloha.
Auf Wiedersehen. Wiederschaun. Servus. Seawas. Baba. Babatschi. Bis bald. Sie haben zehn Sekunden Zeit, mein Grundstück zu verlassen. Pfiat enk. Pfiati. Pfüati. Gehabt euch wohl. Ich hatte achtzehn volle Whiskeys; ich denke das ist Rekord. (So verabschiedete sich der Dichter Dylan Thomas; allerdings für immer.) Dere. Sauber bleim. Schleich di. Man sieht sich. Abgang. Adios. 
Ich entscheide mich heute für ein schlichtes: Auf Wiedersehen, bis morgen.
02.04.09

Schmeckt nach Frühling

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Wäre das schön, wenn Wünsche stets derart hurtig erfüllt würden, wie der gestrige: Kaum wurde der Winter zum Rücktritt aufgefordert, buckelte er auch schon von dannen und der Lenz trat mit Anlauf die Tür ein: Rrrrumms. Bin jetzt da! Na endlich. Gut! Aber kaum bringt der Frühling Sonnenschein und Entfeuchtung, tun die Österreicherin und der Österreicher, was sie am liebsten tun; sie sudern. Die Pollen, bitte! Die staubige Luft! Und der Bärlauch! Die energische Bärlauch-Verachtung, kurz EBV, findet beklagenswerterweise immer mehr Anhänger. Der Bärlauch sei eine Pest: Wo immer man sich zum Mahl niederlasse, werde zuverlässig Bärlauch serviert, Bärlauch-Suppe, Bärlauch-Pesto, Bärlauch-Knödel, ja sogar Bärlauch-Waffeln! Am Bärlauch sei nur eines gut, nämlich der Moment, an dem er nicht mehr wachse. Das ist sehr gemein gegenüber dem Bärlauch. Denn bald nach dem Bärlauch dominiert ein weiteres Saisongemüse die Speisekarten, und wird der Spargel so unhöflich empfangen? Wird er nicht. Keine ESV, nirgends. Wenn der Spargel seine blassen Spitzen aus der Erde bohrt, rufen alle hurra und juchee, zücken das Börsl, dichten ihm Lieder und rühren schon einmal die Sauce Hollandaise an. (Eine Verirrung, übrigens. Wenn schon nicht dem Spargel, dann muss mindestens der Sauce Hollandaise mit energischer Verachtung begegnet werden; erstens wegen ihrer Spargelgeschmacksüberdeckenden Grauslichkeit, zweitens aus Solidarität mit dem Bärlauch.) Den wir jetzt nicht gegen den Spargel ausspielen wollen. Aber wir wollen ihn loben: Er schmeckt nach Frühling. Er ist krisenfest und selbstversorgeraffin. Und bevor er einem über wird, ist er wieder weg.
01.04.09

Treten Sie zurück!

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Entschuldigen Sie, wenn ich heute ausnahmsweise über’s Wetter schreibe: Ich tue das nur, weil absolut alle darüber reden. Das Wetter, so wie es sich derzeit / schon wieder / noch immer präsentiert, ist ein durch und durch mehrheitsfähiges Thema. Der Winter. Der Regen. Der Frühling, der nicht und nicht anfangen will. Alle leiden darunter. Alle schimpfen darüber. Absolut keinem ist das Wetter mehr wurscht. Sogar die Kinder, denen das Wetter sonst meistens wurscht ist, mosern: Wieso muss ich immer noch die dicke Jacke und die warmen Stiefel anziehen, wenn der Frühling schon längst angefangen hat? Er hat eben nicht angefangen. Aber er hat! Schau aussi, er hat nicht. Aber er muss längst! Ja, er müsste. Immerhin: Einen derart breiten gesellschaftlichen Konsens, wie die Einigkeit darüber, dass der Winter die Sache überzogen hat und auf der Stelle zurücktreten muss, gab es innerhalb der Bevölkerung schon lange nicht mehr. Ich würde sagen: 99 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher sind vollinhaltlich dafür. Vor allem, weil alle Beweise, dass der Lenz da ist, längst vorliegen: Die Frühjahrsmüdigkeit. Die Sommerzeit. Das geöffnete Schweizerhaus. Die Sandalen in den Schaufenstern. Das schisportfreie Fernsehgerät. Die todesmutigen Fenster-Putzerinnen auf den Außen-Simsen im ixten Stock. Der saisonelle Haarausfall. Die Hemden-Farbe Pink. Der Schanigarten vor dem Café Hummel. Die Tulpen in den städtischen Beeten. Die Autoschlangen vor den Waschanlagen. Die Knospen an den Kastanien. Die Winter-Gas-Rechnung im Postfach. Aber. Die Hoffnung auf eine definitive Verlenzung Österreichs lebt: Der Chef sagt noch für diese Woche sommerliche Temperaturen voraus. Und der Chef hat immer Recht.
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