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Doris Knecht
der doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
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30.06.09

Palmetshofer steherte relativ weit oben

| Comments (2) | 06/09

Wie ich ihr damals von der Kottan-Premiere erzählt habe, hat die Anna gesagt: Kottan. Soso. In so ein Theater kannst du also gehen. Ich sagte, ich war wegen der Schretzmayer dort. Und wegen den Rabenhofern, aber das trübe soso von der Anna hat trotzdem ziemlich gut verfangen. Ich sagte, okay, stimmt, ich gehe also mit dir jetzt einmal in ein richtiges Erwachsenentheater, such uns eins aus.

Die Anna, die sich mit dem Theater auskennt, hat uns eins ausgesucht, nicht zu lang, Brit-Regenten-frei, modern, und zwar derart modern, dass sich nicht einmal jemand auf der Bühne mehr ausziehen musste: Ewald Palmetshofers „Faust hat Hunger und verschluckt sich an einer Grete“ im Schauspielhaus. Einer kam mir bekannt vor. Ich habe gesagt, der da, den kenn ich, den hab ich schon einmal gesehen, ich glaube, in „Karlsson vom Dach“. Es war aber die lustige Frucade-Werbung.

Erstens weiß ich jetzt, wer das ist.
Zweitens, um es auf facebookisch zu sagen: Doris Knecht ist jetzt ein Fan von Ewald Palmetshofer. Falls ich je gezwungen würde, eine Liste junger Männer unter 35 zu verfertigen, denen ich zutrauerte, dass sie die Welt retten können oder zumindest die Kultur des deutschsprachigen Raums, der Palmetshofer steherte relativ weit oben.
Denn drittens schreibt dieser Palmetshofer Theater, bei dem ich meinen Hintern vergesse, kann mich nicht erinnern, dass das vorher einer geschafft hat.
Viertens weiß Palmetshofer erstaunliche Dinge über die Gegenwart. Über Paare. Über Frauen und ihre Körper. Für sein Alter.

Fünfstens aber lehrt uns Palmetshofer, dass wir falsch daran tun, unsere Kinder mit Verb-Zwänglerei zu quälen. Vielleicht haben Palmetshofer seine eigenen, luschen Eltern nie korrigiert oder er hat das ständige, brutale Korrigiertwerden seiner eigenen, autoritären Eltern in einer radikalen Verb-Aversion verinnerlicht, auf alle Fälle kann man, zeigt uns Palmetshofer, auch verbfrei ein gutes, glückliches, künstlerisch wertvolles Leben. Das Verb, vor allem das Hilfszeitwort, so lernen wir von Palmetshofer, ist exorbitant überbewertet. Wir sollten unsere Kinder unbedingt unterstützen beim unvollständigen Sprechen: Darf ich barfuß? Kann ich einen Kakao? Keine vielelternstimmigen GEHEN!!!- und HABEN-!!!-Chöre mehr, aus! JA sagen, BRAVO! rufen, denn das verbsparende Sprechen ist vielleicht ihre Eintrittskarte in eine erfolgreiche Autoren- und Künstlerexistenz.

Sechstens zeigt uns auch dieses Beispiel wieder, dass sich noch die höchste Kunst aufs banalste Private herunterbrechen, tief in die Alltagssoße tunken oder überhaupt mit dem primitivsten Privaten erst zuverlässig deuten lässt. Oder dass alles Künstlerische sowieso auch nur privat. Und alles Private wahrscheinlich schon Kunst. Und auch wenn das Ende der Theatersaison definitv der falsche Moment dafür ist, aber diesen Palmetshofer, den muss man sich unbedingt.
30.06.09

So wird man getrieben

| Comments (0) | 06/09 | Kurier-Kolumne

Bevor Leserin Klara E. ins Büro fuhr, wollte sie in der Post noch einen Brief aufgeben. Als sie durch die Tür trat, schob ein Mann gerade ein zweites mannshohes Wagerl voller Kuverts an einen der Schalter. Es gebe an dieser Post, berichtet Frau E., zwei Mal zwei Schalter, zwei vorne, zwei hinten. Es standen zwei Mitarbeiter an den hinteren Schaltern, einer begann, sich um den Geschäftspost-Herrn zu kümmern, der andere bediente eine Kundin. Eine alte Dame mit einem Brief wartete schon, Klara E. stellte sich hinter ihr an.
Als die alte Dame an der Reihe war, schloss der Beamte vor ihrer Nase den Schalter zu; er müsse jetzt seinem Kollegen mit der Geschäftspost helfen, man möge sich an die vorderen Schalter begeben. Klara E. schimpfte, wollte aber tun wie geheißen, bis sie sah, dass von den vorderen Schaltern einer geschlossen war und vor dem anderen  acht Kunden warteten. Sie verließ die Filiale unerledigter Dinge. Auf der Straße begegnete ihr eine Post-Mitarbeiterin, sie trug ein Feinkost-Sackerl. Klara E. schmuggelte ihren Brief dann in die Firmenpost: So treibt einen die Post in die Kleinkriminalität.
Leser Mark S.  ging mit seinem Kind einkaufen und  vorher in die lokale Bäckerei, damit es sich dort – und nicht im Supermarkt – ein Kipferl aussuche. Das Kind deutete auf das gewünschte Kipferl, Mark S. beugte sich, las das Schild davor und erbat  „ein Butterkipferl“. „Sind aus“, sagte die Verkäuferin. „Da liegen sie doch!“, sagte Mark S. „Das sind MÜRBE Kipferl!“, herrschte die Verkäuferin. „Steht aber Butterkipferl dran“, beharrte Mark S. Worauf die Verkäuferin geschimpft habe, dass es dann halt jemand falsch eingeordnet habe. So treibt gerade der Kontakt zum Kunden diesen in die Arme anonymer Großmärkte.


SOS Mitmensch
28.06.09

Millimeterarbeit

| Comments (0) | 06/09 | Kurier-Kolumne

Die guten Nachrichten der Woche: Erstens hat der Regen endlich aufgehört, für viele gerade noch rechtzeitig. Der Wettergott bewies beim Einsehen Talent zur Millimeterarbeit; zum Beispiel in Mauthausen, fünf Zentimeter mehr, Katastrophe. Mein Freund C. hat den Fluss zum Glück auch nicht mehr in  kommoder Blasenentleerungsdistanz, was Leser Günter S. allerdings von vornherein zu bezweifeln wagte. „Ein Meter achtzig?!“ mailte er,  „nehme ich Ihnen nicht ab.“ Öh. Muss den C. noch einmal fragen.
Zweitens: Das Donauinselfest findet augenblicklich wie geplant statt, was wahrscheinlich nicht alle Anrainer im gleichen Maße begeistert; die Besucher, Veranstalter und Standler dagegen schon.
Drittens ist es eben doch eine Beleidigung, wenn einer einen anderen in – no na – beleidigender Absicht „Berufsschwuchtel“ nennt. Gery Keszler hat in zweiter Instanz Recht bekommen, „Zur Zeit“ muss ihm 4000 Euro zahlen. Gut, denn Österreich ist, siehe die im neuen Familienrecht völlig überraschend vergessene Homoehe, auch so schon homophob genug.
Viertens, danke Niki Lauda. Lauda sprach im Zusammenhang mit dem Umfeld des rechten Nationalratspräsidenten Martin Graf wörtlich von „brauner Scheiße“, kritisierte den parteilichen „Usus“ und wurde im Interview mit News.tv dann derart explizit, dass er gleich dreimal überpiepst werden musste. Yo. Jugendliche sollten sich, so Lauda, lieber „genau überlegen, (...) wohin sie gehen wollen: Zurück in die fürchterliche Vergangenheit mit Hassparolen und Diskriminierung und anderen Dingen, oder sich einen vernünftigen Weg zu suchen. Aber der Weg, den uns der Herr Strache im Moment vorlebt, ist hundert Prozent der falsche.“
Fünftens Sonne. Jjjjjja.
26.06.09

Hoffentlich hört es auf

| Comments (0) | 06/09 | Kurier-Kolumne

Und die Flüsse schwellen. Und das Wasser steigt. Und es regnet immer noch. Im Wetterbericht hieß es, es hört auf, aber es regnet nach wie vor. Am Abend soll es aufhören, heißt es jetzt. Hoffentlich. Ich habe den C. angerufen, und er hat gesagt, er kann schon von der Veranda aus in den Fluss schiffen; der Kerl hat Nerven. Der Fluss ist normalerweise gute fünfzehn Meter weit weg, und jetzt noch ungefähr, schätzt der C., einen Meter achtzig. Trotzdem bleibt der C., sagt er, noch ganz gelassen, denn dieser Fluss ist, im Moment jedenfalls, keiner von den Sorgen-Flüssen, diesmal nicht. Und wird es hoffentlich auch nicht. Während des Hochwassers 2002 konnte der C. nicht stehen, wo er jetzt steht, weil dort alles unter Wasser stand, Schuppen, Häuser, Höfe, Ställe. Das Wasser riss die Brücke weg und trieb Autos vorbei, Möbel, Tierkadaver und sogar, der C. schwört es, einen Mähdrescher. Danach haben sie tagelang den Schlamm aus den Häusern geschaufelt, aus den Küchen und den Stuben und den Schlafzimmern. Sie rissen die Böden heraus. Sie warfen die zerstörten Einrichtungen in die Gärten. Die Häuser sind innen längst alle wieder schön. Die Brücke wurde neu gebaut. Und der Fluss hat ein tieferes Bett bekommen. Aber an manchen Hauswänden zeigt der Fassadenputz immer noch, wie hoch das Wasser damals stand. Im Moment sieht noch alles gut aus, sagt der C. Also vergleichsweise gut. An den Sorgen-Flüssen haben die Leute schon die Gummistiefel an, pumpen ihre Keller aus und werfen kaputte Möbel vor die Häuser. Man sieht schon Zillen, wo sonst Autos fahren. Am Abend soll es zu regnen aufhören. Ein Meter siebzig, sagt der C. am Telefon. Hoffentlich hört es auf.
25.06.09

ALLE ist eben relativ

| Comments (0) | 06/09 | Kurier-Kolumne

Gratiskindergarten, zigtes Kapitel. Alexandra G. s fünfjährige Tochter besucht einen Privat-Kindergarten in Mariahilf. Einen zweisprachigen Privat-Kindergarten, denn der Vater der Kleinen lebt im Ausland, spricht nicht Deutsch und die Mutter möchte, dass ihre Tochter mit ihrem Vater kommunizieren kann. Der Kindergartenplatz kostet Frau G. bisher 421 Euro pro Monat: Aufgrund Ihrer Einkommenssituation erhielt sie allerdings einen Zuschuss von der Gemeinde Wien. Ab Herbst werden nun die städtischen Kindergärten gratis sein. Eltern, deren Kind einen Privat-Kindergarten besucht, erhalten einen Zuschuss von mindestens 226 Euro. Daneben hat die Gemeinde die Förderung der Privat-Kindergärten umgestellt: Und zwar so, dass der Kindergarten von Frau G.s Kind ab Herbst weniger Fördergeld erhält, was zur Folge hat, dass die Preise für jedes einzelne Kind erhöht werden müssen. Da der Zuschuss, den Frau G. bislang bekam, nun durch den neuen Zuschuss ersetzt wird, kostet der Kindergartenbesuch für Frau G.s Tochter um 100 Euro im Monat mehr als bisher. Alexandra G. schrieb deshalb an Stadtrat Christian Oxonitsch, dessen Büro sie auch zurückrief: Man wisse über Fälle wie den ihren Bescheid, könne aber im Moment nichts tun. Vielleicht werde sich aber in einem Jahr etwas ändern. Soviel zum Gratiskindergarten für ALLE. Nein, halt, noch mehr: Denn ich weiß mittlerweile von mehreren Müttern von Kleinkindern, u.a. alleinerziehenden Unternehmerinnen, die für alle Kindergarten-Plätze, für die sie ihr Kind angemeldet hatten, Absagen erhielten. Alles ausgebucht. Kein Platz in vernünftiger Distanz zu Wohnung oder Arbeitsplatz mehr frei. Gratis ja, Kindergartenplatz leider nein. Was tun die nun?
24.06.09

Keine Angst, der bellt nur

| Comments (0) | 06/09 | Falter-Kolumne

Die 85jährige Nachbarin aus dem ersten Stock fragt mich, ob sie dem Langen etwas getan hat. Oder ob der Lange sie leicht nicht mag. Nicht dass ich wüsste. Weil immer, sagt die Nachbarin, grüßt sie den Langen freundlich und immer brummt der nur unfreundlich zurück.

 Ah ja. Kenn ich schon. Schon wieder nichts Neues in meinem Leben. Der meint das gar nicht so, erkläre ich der Nachbarin, der ist einfach so, der kann nicht anders, das Grummelige liegt dem in der Natur. Wenn der ganz normal aufgelegt ist, wirkt das auf andere so, als sei er auf dem Weg zu einer Bluttat, und wenn er glücklich ist, erkennt man das an dem leicht depressiven Zug um seinen Mund. Und das Brummen, das er Ihnen aus dem Gestrüpp seiner Kinnregion schickt, bedeutet: Ihnen auch einen schönen guten Morgen, liebe Frau Weiß, ist es nicht ein herrlicher Tag?

Eins der Kinder hat das auch. Klarer Fall von Vererbung. Grundstimmung: ruppig, muffig, spröde, mit viel Ausbau-Potential ins Saugrantige. Aber sonst sehr lieb eigentlich. Ich weiß noch nicht, wie ich das Kind beim Abreagieren unterstützen soll: Der Lange hat jetzt eine Spitzhacke, aber für eine Siebenjährige ist das suboptimal. Eine Freundin probierts bei ihrem ähnlich veranlagten Kind mit Lach-Yoga, aber ich bin ja eher nicht so yoga-affin. Wenn es bei anderen wirkt, toll; bei mir greift das nicht. Der Lange reflektiert auch wenig auf meditative Selbstkalmierungstechniken, jetzt einmal abgesehen von abendlichen Naturbetrachtungen bei Bier. (Immerhin, dabei entdeckt der Lange viel Schönes: Kinder, kommt schnell, schaut, da drüber ist ein Wildschwein! Wo. Da, da drüben, am Waldrand! Wo. DAS BRAUNE DA, GENAU VIS A VIS, KRUZIFIX! Das ist ein Hund. DAS IST KEIN HUND, SEIDS IHR ALLE KOMPLETT BLIND!? Papa, das ist ein Hund, hörst du, jetzt bellt er. Grummel, brumm.)

Nicht nur aufgrund einer vom Langen strikt ignorierten Sehschwäche begrüße ich es, dass er nun die Spitzhacke als sein neues Lebenswerkzeug entdeckt hat. Viel besser, der Lange reagiert sich mit der Spitzhacke ab als mit der Kettensäge. Man kann sich zwar auch mit einer Spitzhacke weh tun, aber mit der Kettensäge effizienter. Die Kettensäge steht in des Langen Werkzeug-Rangliste jetzt zum Glück auf Platz drei, erstens Spitzhacke, zweitens Danelectro, drittens Stihl, was mich stark beruhigt, weil ich zehndäumige Doppelinkshänder mit rustikalem Charakter und ohne besonderes Talent im Technischen plus Kettensäge für eine relativ erhebliche Gefahr für Leib, Leben, Haus und Garten halte. Mit der Spitzhacke dagegen hat er jetzt schon zwölf Thujen-Wurzeln und einen einbetoierten Zaun aus der Erde gehauen und einen Stein-Weg zum Schuppen gemacht, das tut ihm richtig, richtig gut: Ich sehs an dem leicht depressiven Zug um seinen Mund. Wenn wir jetzt noch dem Kind sein Werkzeug finden, werden wir noch eine richtig fröhliche Famile, passts auf.
24.06.09

Das geht jetzt ein bisschen zu schnell

| Comments (0) | 06/09 | Kurier-Kolumne

Meine Freundinnen und ich fühlen uns als Frauen komplett nicht ernst genommen. Und zwar ausgerechnet von der Frauenministerin und neuen SPÖ-Frauenchefin Gabriele Heinisch-Hosek nicht. Und zwar gerade weil sie sich seit ihrer Amtseinführung immer wieder eine 40prozentige Frauenquote in Führungspositionen der Privatwirtschaft wünscht. Einmal abgesehen davon, dass ich mir vom Christkind hundertmal einen Ferrari wünschen kann und ihn trotzdem nie kriegen werde: Warum gerade 40 Prozent, Frau Ministerin? Woher kommen diese 40 Prozent? Hat das etwas mit dem Frauenanteil in der Bevölkerung zu tun? Oder damit, dass die Frauenbenachteilungsproblematik gerade eben erst gestern über uns hereingebrochen ist und man jetzt nicht so plötzlich so maßlos viel Gerechtigkeit fordern kann? Nicht einmal als Frauenministerin? Ja, Frau Ministerin, Quoten bitte, unbedingt. Meine Freundinnen und ich finden aber, dreiviertelgerecht gibts nicht; also 50 Prozent. Aber da das offenbar unzumutbar ist, würden wir gerne wissen, was in Richtung 40-Prozent-Quote unternommen wurde. Hat schon irgendein großes Unternehmen beschlossen hat, sie 2010 einzuführen? Wird demnächst dem Parlament ein Gesetzesentwurf vorgelegt? Irgendwas? Seit den 1970er Jahren kämpft die SPÖ jetzt vehement für die volle Gleichberechtigung der Frauen, mit dem Erfolg, dass, laut spoe.at, von 92 SPÖ-Abgeordneten in Nationalrat, Bundesrat und Europaparlament 30 weiblich sind. Schimpfen Sie uns Pessimistinnen, aber meine Freundinnen und ich haben jetzt schon viele Frauenministerinnen kommen und gehen sehen. Und wetten jetzt einmal: Auch am Ende dieser Amtszeit werden wir keine Quote haben. Weder da, noch dort.
23.06.09

Na dann, Prost und Mahlzeit

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Also was jetzt!? Jahre-, ja, jahrezehntelang predigte man uns jetzt, wir sollen weniger essen, dann blieben wir gesund. Man legte uns Studien vor, die bewiesen, dass Dünne länger leben und langsamer altern. Man riet uns aus Anti-Aging-Gründen nach 17 oder 16 oder 15.30 Uhr zu fasten oder wenigstens zwei oder dreimal in der Woche auf das Abendessen zu verzichten. Mindestens zwei, nein drei Liter Wasser oder ungesüßten Tee pro Tag. Wenig Fett. Nicht zuviele Kohlehydrate. Auf keinen Fall Fett in Verbindung mit Kohlehydraten. Kein Zucker. Und unter keinen Umständen Alkohol.  Oder höchstens ein Achterl Rotwein pro Tag. Nein,  zwei. Fünf Mal am Tag Obst und Gemüse. Halt, doch nur dreimal am Tag essen und dazwischen unbedingt fünf Stunden nichts, gar nichts, auch kein Grünzeug, weil sonst unser Fett nicht effizient verbrenne.
Denn das Fettt galt nun, nachdem die Aufpasser bei der Drogenbekämpfung ein wenig ermüdeten, neben Nikotin als die große Geißel der Menschheit. Das lehrte uns auch immer wieder der Blick ins rurale Amerika, wo man Autos und Schulbänke und Särge  verbreitern muss, weil die Leute immer zahlreicher aus der Form gehen.
Und jetzt? Neue Studie: Wir sollen jetzt wieder dicker werden. Mollig sollen wir sein, ja sogar ein wenig übergewichtig: Dann lebten wir, so heißt es jetzt, fünf Jahre länger als die Mageren. Andererseits: Die Kontrollgruppe, an der das festgestellt wurde, bestand aus 50.000 Nordjapanern. Und was in Japan als dick gilt, halten die Amerikaner vermutlich für auszahrt, während das, was die Amerikaner essen, in Japan schätzomativ großteils zum Sondermüll getragen wird.
Im Prinzip sagt uns die neue Untersuchung also genau eins: Mahlzeit.  Jeder, was ihm schmeckt und gut tut: Denn die neue Appetitverderber-Studie ist garantiert schon irgendwo in Arbeit.

21.06.09

Nichts hat mehr Kraft

| Comments (0) | 06/09 | Kurier-Kolumne

Auf dem Weg zu einem Termin geriet ich vorgestern beim Parlament  unversehens in eine Lichterkette: Tausende junge Menschen hatten sich im Zeichen der Zivilcourage versammelt. Später, nach Mitternacht, saßen noch immer Gruppen junger Menschen bei Kerzenlicht und Bier auf dem Ring-Rundweg. Das war sehr schön. Das erinnerte sehr an die Sit-Ins der 1960-er Jahre, in denen sich Protest und Pop glücklich vereinten. Und das überrascht, dass die Generation Facebook Gefallen an Protestformen findet, mit denen sich schon ihre  Großeltern Gehör, besser: Geseh verschafft haben.
Denn nichts transportiert Anliegen wirksamer  als eine unübersehbare Menschenmenge. Und nichts hat mehr Kraft: wie die mittlerweile Millionen Demonstranten in Teheran täglich beweisen.
Soziale Internet-Netzwerke wie Facebook und Twitter ermöglichen  heutzutage zudem eine unglaublich schnelle und effiziente Mobilisierung von Menschenmassen. Das Internet führt jetzt nicht mehr nur Vereinzelung und Isolation seiner Nutzer, im Gegenteil: Es bringt die Menschen zusammen, und, wenn nötig, sehr schnell gemeinsam auf die Straße. (Oder ins Museumsquartier.) Ausgerechnet via Internet repolitisiert sich endlich die Jugend, deren Gleichgültigkeit gegenüber politischen Prozessen so lange beklagt wurde.
Das Beispiel Iran zeigt zudem, wie wichtig etwa Twitter als Informationsdienst geworden ist: Die etablierten Medienvertreter konnte das Regime einschüchtern oder ausweisen, die Menschen vor Ort,  die direkt aus dem  Geschehen Nachrichten in die Welt twittern, nicht. Das mag kein objektiver Journalismus sein, aber  es ist der O-Ton des Widerstands. Hier findet eine doppelte Revolution statt; und vielleicht verändert sie die Welt.
18.06.09

Bitte HIER einbrechen

| Comments (0) | 06/09 | Kurier-Kolumne

Die Geschichte erinnert stark an die vom Feuerwehrmann, der seine Aufgabe so sehr liebt, dass er heimlich selbst Brände legt, um sie dann löschen zu dürfen. Sie geht so: Herr N. wohnt in einem von der Einbruchswelle nicht verschonten Wiener Innenbezirk und wollte zu Fronleichnam gerade ins verlängerte Wochenende abreisen. Als er gegen zehn Uhr vormittags seine Wohnung verließ und die Tür versperren wollte, fand er vor dieser gut sichtbar platziert ein Flugblatt, das offenbar kurz zuvor abgelegt worden war. Natürlich auch vor den Türen der Nachbarn, die längst an ihre Wochenendzielorte abgereist waren, – und da selbst vor jenen mit offiziellen „Bitte-kein-Reklamematerial“-Pickerl. So oder so würden die Folder tagelang vor den Wohnungen liegen bleiben. Ein schönes Signal an alle Einbrecher, dass mit der Rückkehr der Bewohner vermutlich nicht vor Sonntag Nachmittag zu rechnen ist: Bitte HIER einbrechen. Das ärgerte Herr N. sehr, also sah er sich den Flugblatt-Verursacher genauer an und musste tüchtig staunen: „ACHTUNG WICHTIGE MITTEILUNG“ stand da in roten Versalien. Darunter wurde Herr N. über die „Aktion sicheres Wohnen in Wien“ des Ebreichsdorfer Sicherheitstüren-Herstellers R. informiert. „In Wien werden schon über 50 Einbrüche täglich verübt!“ Um diesen „wirksam entgegenzutreten“, las Herr N., förderten die Stadt Wien und die Firma R. „den Tausch Ihrer Wohnungseingangstüre gegen eine Sicherheitstüre“. Austria Gütesiegel, Önorm Auszeichnung, und: empfohlen „vom kriminalpolizeilichen Beratungsdienst“. Soso. Dass der kriminalpolizeiliche Beratungsdienst diese Art der Werbung empfiehlt, ist allerdings unheimlich unwahrscheinlich.
17.06.09

Weniger wird mehr

| Comments (0) | 06/09 | Kurier-Kolumne

In den USA macht man zur Rettung der Städte jetzt Folgendes: Man planiert sie. Eine gute Idee, die, wie Kollege Mauch vor einiger Zeit im steirischen Eisenerz feststellte, auch hierzulande Anhänger findet: Denn wenn, wie in den amerikanischen Industriestädten, Arbeitsplätze weniger werden, verwaisen die sog. Rost-Gürtel, in denen Berg- und Fabriksarbeiter gelebt haben. Diese Quartiere sollen nun nicht mehr Verfall und Kriminalität preisgegeben, sondern weggerissen und durch Grünraum ersetzt werden, während die Bevölkerung wieder in den Innenstädten zusammenrückt. Gesundschrumpfung mit Öko-Effekt, bestechend logisch. Vermutlich ist Verkleinerung sowieso das einzig zielführende Modell, die Welt noch zu retten. Zurücknahme, Zurückhaltung, Selbstbescheidung, radikale Reduktion. Wir sehen ja, was es gebracht hat, immer alles mehr und größer machen zu wollen. 925 Millionen Menschen auf der Welt hungern, und sie geht kaputt und versinkt im Müll. Apropos kaputt, das passt gerade: Der iPod von Kollegin K.s Sohn ging kaputt. Er brachte ihn zu seinem iPod-Händler, um ihn reparieren zu lassen. Der Herr, bei dem er diesen Wunsch deponierte, sagte: Machen wir nicht, wegschmeißen; reparieren lohnt sich nicht. Und zwar sagte er das, ohne das Gerät auch nur angefasst zu haben. Der Sohn insistierte, also schloss der Mann das Gerät an einen Computer an, Resultat: kaputt, wegschmeißen. Meine Mutter hatte 22 Jahre lang den selben Herd, und wenn er einmal nicht funktionierte, wurde er repariert. Aber das Modell hat wohl keine Zukunft: Der iPod war genau zwei Jahre alt. Er kommt jetzt auf den globalen Handy-, Notebook-, Aufladegeräte- und iPod-Misthaufen.
16.06.09

Wir haben uns doch ganz gut gehalten

| Comments (0) | 06/09 | Kurier-Kolumne

Beispiele für nicht so gelungenes Marketing: a) „Im Keller hat es schon wieder SO große Spinnen“. b) „Das geht sich super aus, es müssen nur etwa 3000 von deinen Platten aussi“.

Beispiele für gelungenes Marketing: a) Die aktuelle Gogo-Hysterie unter Kindern beiderlei Geschlechts: das Glumpert ist in ganz Wien ausverkauft. b) Die Präsentation der neuen Ernst-Molden-CD „Ohne di“ (Monkey), unter einem Nussbaum, in einem rosenberankten Weinviertler Hof, an einem lauen Sonntag Nachmittag, bei Bier, Wein und Kuttelsuppe; Kinder erwünscht. So macht man das. So holt man uns alte Säcke ab. Solche Nachmittage versöhnen uns doch sehr mit dem Älterwerden. Lauter Leute da, mit denen man einst in unterschiedlicher Intensität jung war und denen die Zeit mehr oder weniger zusetzt, und es ist gerade was? Wuascht ist es: Schau uns an, es geht uns doch ganz gut. Wir haben uns doch gar nicht schlecht gehalten. Wir sind immer noch beieinander. Der Schmäh rennt wie früher. Unsere Kinder, so wir welche haben, sind uns doch prächtig gelungen. Und die Musik vermag noch immer unsere Herzen zu rühren.

Das Molden-Konzert ermöglicht mir zudem ein Privatmarketing im Familienkreis: Denn anhaltend bohrt in mir das schlechte Gewissen, dass es meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld ist, wenn meine Kinder dereinst zig Computergames spielen können und null Instrumente, weil ich mich genau jetzt darum kümmern sollte, dass sie endlich eine anständige musikalische Ausbildung erhalten. Gut, das eine Kind bläst mit verhaltener Begeisterung Flöte, aber nun müsste dann einmal ein richtiges Instrument ins Auge gefasst werden. Geige, Klavier oder Gitarre, das ist hier die Frage, und natürlich ist es falsch, diese Entscheidung auf pragmatischer Basis zu treffen, aber: ein Geige lernendes Kind hält schon keiner aus und ich hab zwei, außerdem interessiert es sie nicht. Klavier dagegen schon, und wir würden in dieser Wohnung auch noch ein Piano unterbringen, wenn der Lange nur etwa 3000 Langspielplatten daraus verschwinden lässt. Bleibt also Gitarre, was für ein Kind im Moment ein maximal semiattraktives Instrument ist, weil man nicht draufhauen und damit unmittelbar Lärm erzeugen kann.

Es ist also gut, wenn der Molden mit seiner Gitarre und dem Resetarits und dem Soyka eine Musik macht, die nicht nur die Herzen der Alten rührt: „Vü föd ned und i waan“, um es in Moldens genialer Übersetzung eines Hank-Williams-Songs zu sagen. Sondern auch die Kinder am Boden vor der ersten Reihe praktisch annagelt. Boah. Ja, schön. Die Mimis sehen nie Konzerte; weil wir sie schlecht um neun mit in die Arena nehmen können oder  um zehn ins Chelsea oder um zwölf ins Flex, um sie an die Schönheit des Live-Gitarrespiels am Beispiel Sonic Youth oder Reverend Peyton oder Kreisky  heranzuführen. Aber am frühen Abend unter den Nussbaum: passt. Gitarre lernen jetzt auch.
16.06.09

Schaden & Scham

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Frau R. möchte, sagt sie, lieber anonym bleiben. Dabei hat sie nur versucht, ein paar Kilo wegzuzaubern. Ein TV-Shop hatte ihr nämlich ein verlockendes Angebot gemacht: Einen figurformenden „Dream Slim Body“, der die Speckrollen so über Bauch und Hüfte verteilt, dass man eine ganze Kleidergröße spart. Frau R. wollte das, auch weil das Angebot eine „Aktion“ enthielt: Bei Erwerb eines Bodys bekomme man einen weiteren gratis dazu. Kosten: Euro 44,95.
Frau R. bestellte, bezahlte per Kreditkarte, und erhielt kurze Zeit später ein Paket der Firma K. aus Liechtenstein, das zwei Bodies enthielt. Frau R.  probierte einen und scheiterte bereits am Versuch, ihn vorsichtig über den Schenkel zu streifen.Und sie staunte über die Abrechnung, die sich folgendermaßen  zusammensetzte:
Bearbeitung für GRATIS Body            8,32
Dream Slim Body                         74,97
Rabatt                                                –37,48
Kreditkartengebühr                         0,83
Handling Gebühr                          0,83
Porto                                           12,46
Transportversicherung                     2,46
Umsatzsteuer                               12,47
Rechnungs-Betrag                        74,84
 Sie packte die Bodys wieder ein und schickte das Paket zurück. Bald darauf wurde ihr auch Geld retourniert: Und zwar genau 9,98 Euro.
Frau R. rief bei der Firma an und erfuhr, sie habe den bezahlten Body probiert, dieser sei damit wertlos, sie erhalte aber ja die Bearbeitungsgebühr für den Gratis-Body refundiert. Frau R. verlangte, dass ihr die Bodys wieder zugeschickt werden. Das wurde ihr zugesagt und geschah bis heute nicht. Die Firma rechnet offenbar damit, dass ihre beschämten Kundinnen das Recht eher nicht bemühen. 
Wenn Sie sich also zu dick fühlen: Nehmen Sie ab, sporteln Sie, irgendetwas. Aber kaufen Sie  bloß keinen Wunderbody im TV.
14.06.09

Der tollste Platz der Stadt

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Die Aufregung um das Getränke-Mitbring-Verbot im Museumsquartier hat  auch einen Meta-Grund: Wien ist mit großen, zentralen Plätzen nicht gesegnet.  Die großen Plätze gehören entweder den Touristen (Stephansplatz) oder den Hunden (Heldenplatz) oder den Autos. Wenn nicht, mangelt es ihnen meist an der gastronomischen und kulturellen Infrastruktur, die längeres Verweilen attraktiv macht – wie am Rathausplatz: Außer er ist bespielt, dann ist er aber jeweils  auch komplett verbaut und überlaufen.
Deshalb war das Museumsquartier ja  von Beginn an so ungeheuer beliebt bei praktisch jeder Bevölkerungsgruppe: Man kann sich dort treffen und/oder Kultur, Essen und Bier konsumieren. Es gibt Sanitäranlagen und für kleine Kinder   kein Entkommen. Man sieht von einem zum anderen Ende, und wen das beängstigt, der verschafft sich im Zoom- oder im AZW-Hof  mehr Intimität.
Dazu haben PPAG das einzigartige Stadtmöbel Enzi entworfen, das zigfache Bespielung ermöglicht und mittlerweile in den Rang eines zeitgenössischen Wiener Wahrzeichens rückte. Der MQ-Hof erfüllt einfach absolute jede Voraussetzung dafür, der tollste Platz Wiens zu sein. Und als solcher wird er von immer mehr Menschen angenommen.
Jetzt kann man sich auf freien, öffentlichen Plätzen das Publikum nicht aussuchen: je größer, desto Querschnitt der Gesellschaft. Da es sich beim MQ-Hof aber streng genommen um einen privater Platz handelt, kann seine Direktion natürlich einen privaten Sicherheitsdienst engagieren, der den Querschnitt Richtung brave Konsumenten verkleinert, indem er  für Ordnung sorgt. Aber er sorgt eben auch für das Ende des Frei-Raums.
Die Moral ist aus der Geschicht leicht herausdestilliert: Mehr große, freie Plätze braucht die Stadt.
12.06.09

Der Fluch der Gogos

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Das Elternquäldepartement hat sich eine neue Gemeinheit ausgedacht. Besser: Es hat eine alte Gemeinheit wieder ausgegraben. Denn Ende der 90er Jahre taumelten Kinder schon einmal im Gogo-Wahn, und jetzt wollen sie sie wieder: diese  kleinen Plastik-Knochen, abgepackt zu 3 Stück um je 1,50 Euro. Es gibt 80 Modelle in je fünf Farben, damit das Sammeln, Tauschen und Kaufen nie ein Ende nehmen möge. Denn auch wenn man damit prima pfitschigogerln kann, geht es natürlich darum, möglichst viele verschiedene davon zu besitzen.
In der Schule haben sich die Gogos innerhalb von einer Woche wie eine Seuche ausgebreitet. Und, Überraschung!, meine Kinder wollen auch welche.  Zum Beispiel als Belohnung für Zahnarzt-Tapferkeit am Nachmittag. Wo gibt’s das Glumpert? In jeder Trafik. Na gut, ich besorg’s.
Das Versprechen war übereilt: Trafik eins hat keine, in Trafik zwei sind sie ausverkauft, Trafik drei informiert darüber, die Dinger seien nicht nur ausverkauft, sondern momentan wegen übergroßer Nachfrage nicht lieferbar. Der Schreibwarenhändler hat auch keine mehr. Trafik vier: ausverkauft. Trafik fünf: nix. Die Mutter rechnet schon einmal aus, was es sie kosten wird, wenn sie ohne diese Gogos ankommt. Trafik sechs im mittlerweile dritten Bezirk rettet ihren Tag.
Der Sohn von Kollegin B. hat auch schon ein Dutzend. Und pfefferte, um seiner Mutter die Stabilität, also Sinnhaftigkeit des Spielzeugs zu beweisen, eins der Gogos gegen den  Fußboden. Kunststoff made in China traf auf 60-jährigen Parkett made in Niederösterreich. China gewann. Jetzt sind wir schon zwei, die flehentlich hoffen, der Gogo-Fluch möge bald weiterziehen.
10.06.09

Hofieren statt tolerieren

| Comments (0) | 06/09 | Kurier-Kolumne

Schon in Ordnung, schimpfen sie mich ruhig lästig. Denn es geht schon wieder los mit Radfahr-Verklärung, weil: a) hat es bis jetzt schmerzlich wenig genützt. B) liege ich im Trend, auch wenn immer noch viele Autofahrer hoffen, dass das Radfahren schon baldt verboten wird. C) wegen Kopenhagen. Die Innenstädte der europäischen Metropolen haben ja alle das selbe Problem. Zu viele, viel zu viele und immer mehr Autos, und alle daraus resultierenden Unter-Probleme: verstopfte Straßen, zu wenige Parkplätze, Stau, Lärm, giftiger Gestank. Rezepte dagegen sind zahlreich: von Zuwarten, ob es von selbst weniger wird, über City-Maut bis zu innerstädtischen Fahrverboten. Die dänische Hauptstadt Kopenhagen probiert etwas Neues: Sie stellt die Radfahrer ins Zentrum innerstädtischen Verkehrs. Die Bewegung der Innenstadt soll sich der Bewegung der Radfahrer anpassen – und ihrem Tempo, was konkret heißt: Tempo 40 in der ganzen Stadt, Ampelphasen, die sich an der Geschwindigkeit der Radfahrer orientieren. Und das ist einmal ein neuer, spontan vernünftig klingender Ansatz. Dass man nicht da und dort ein bissl Platz macht für die Radfahrer, sondern dass man sagt: Der öffentliche und der Radverkehr sollen unsere Hauptverkehre werden. Schon jetzt fahren 36 Prozent der Kopenhagener mit dem Rad zur Arbeit und es sollen bald 50 Prozent werden. Der Radverkehrsanteil in Wien liegt aktuell bei fünf Prozent und will bis 2012 acht Prozent erreichen. Das ist vergleichsweise traurig, und könnte sich ab dem Moment ändern, da Radfahrer werden nicht mehr nur toleriert, sondern hofiert werden. Und warum? Weil es funktionieren könnte. Und weil ganz Wien davon profitieren würde: Siehe Stau, Lärm, Giftgestank.
09.06.09

Ich brauche keinen Kopf, ich habe Beine.

| Comments (0) | 06/09

Der depperte Perfektionismus macht die Menschen kaputt. Meistens kommt er Hand in Hand mit seinem noch depperteren Bruder, dem Purismus, und gemeinsam zerstören sie Ehen und Familien, bringen Kinder zum Weinen, treiben Mütter ins psychische Elend und früher oder später in die Geschlossene. Weil: Haut ja nie hin. Kann man acht Mal staubsaugen, fuselt es trotzdem. Wird nie alles perfekt. Passt immer etwas nicht dazu. Schlagen sich die Socken vom Kind farblich mit dem Sofa auf dem es sitzt, und die Frage ist, was man austauscht, das Sofa, die Socken oder ein Kind, das auf die Idee kommt, sich mit so aufdringlich dysharmonischen Socken in die Nähe des Sofas zu wagen. Womit ich auch einmal ein Problem aufgreifen will, das ich nicht habe, wovon allerdings spätestens seit der Fleischfliegeneier-Geschichte schon eine leise Ahnung in der Luft lag.

Der Wille wäre schon da allein, es mangelt an Talent. Ich will ja eh alles richtig machen, und dann hapert es immer an der Umsetzung. Ich lese aufmerksam die fünf Mitteilungshefte und schreibe alle Termine nicht in einen, sondern zwei Kalender, mit Schönschrift. Dann hindert mich ein böser Geist, morgens in die Kalender zu blicken und später radle ich aus dem Büro wieder heim, um dem Kind die Flöte noch rechtzeitig in den Hort zu bringen. Und ich rufe den Zahnarzt an und entschuldige ich zum elften Mal in Folge, dass ich den Zahnarzttermin der Kinder vergessen habe. Dabei habe ich ihn nicht vergessen. Er stand in den Kalendern. Er war mir präsent. Ich wusste: heute Zahnarzt. Ich hieß die Kinder extragründlich Zähneputzen. Ich besorgte bizarr teure Pokemon-Karten als Belohnung. Ich schaffte dem Langen das Mitgehen an und entband ihn wieder davon. Ich merkte mir genau die Uhrzeit, und zwar die vom letzten Zahnarzttermin, und wie ich das endlich gneißte, war der aktuelle schon schön verstrichen. Immerhin ist mir das diesmal aufgefallen, bevor ich mit einem nervösen Kind mit der Bim in eine große, gähnende Zahnarztabwesenheit hinein gefahren bin, weil der Termin schon am Vortag war. Das Kind wollte die Belohnung natürlich trotzdem, es hatte bitte schrecklich Angst und kann nichts für seine Huschi-Mutter.

Das wird das Credo ihrer Jugend, ich spür es schon: Wir können nichts für unsere Huschi-Mutter, tuts einfach, als warert sie gar nicht da. Andererseits wird es den Müttern, die mit, ich weiß nicht, Briefen an Konzernleitungen, Konsumentschutz und Lebenskunst-Magazine dafür gesorgt haben, dass auch meine Wäscheklammern jetzt  „UV-Schutz“ haben, auch nicht anders gehen. Die können zwar endlich ihre Wäscheklammern unbesorgt der Sonne aussetzen, ohne das sie, was Perfektionisten offenbar in ein systolisches Koma wirft, Farbe verlieren, aber ihre Kinder werden sie trotzdem hassen. Und sie nicht in der Geschlossenen besuchen, während ich daheim glücklich im Kreis der Familie Fleischfliegen erschlage, aber hallo.
09.06.09

Danke, Bruno

| Comments (1) | 06/09 | Kurier-Kolumne

Brüno! Österreich hat einen neuen Botschafter in der Welt. Bruno, der österreichische Reporter, hat sich mit seinen berührenden Interviews in kurzer Zeit ein derartiges internationales Renommee verschafft, dass Sacha Baron Cohen nun eine biografische Dokumentation über ihn gedreht hat, die bald in die Kinos kommt: „Bruno“.
Es ist allerdings zu befürchten, dass auch Bruno das Schicksal international erfolgreicher Österreicher ereilt, die in Aus- und Deutschland gemeinhin als Deutsche wahrgenommen werden. Wie aktuell Michael Haneke, dessen Goldene-Palme-Film als deutsches Werk verkauft wird (und zwar, nun ja, zu Recht) oder wie Daniel Kehlmann, der von Vanity-Fair-online ohne einen Genierer in die Wahl zum „wichtigsten Deutschen“ aufgenommen wurde. Dass Deutschland sich auch des kolossalen Brunos bemächtigt, der, wie man im Film sehen wird, auf seinen ipod verzichtete, um sich eines schwarzen Adoptivbabys annehmen zu können, muss partout verhindert werden.
Denn es wäre von unabsehbarem Schaden für Österreich, ist Bruno doch ein typischer, ja  freudscher Charakter, der unser Land in der Welt perfekt repräsentiert: Als einer seiner Interview-Partner seine Rechte zum Hitlergruß ausstreckt, ignoriert Bruno das nicht einmal; der Mann mit der Hautperücke will, wir kennen das,  ja wahrscheinlich nur ein Bier bestellen. Oder seine Mami grüßen.
Wir alle können viel von Bruno lernen: Stil, Lebensfreude, Vielseitigkeit, Furchtlosigkeit. Und dass man nie seine Herkunft verleugnen soll: Fast jeden seiner Interview-Partner bittet er um eine „Botschaft an die österreichische Gay-Community“. Dieser Mann ist stolz auf seine Heimat. Seien auch wir stolz auf ihn.


05.06.09

Das Glück ist ein Radieschen

| Comments (0) | 06/09 | Kurier-Kolumne

Es ist ein Zufall oder es ist kein Zufall, dass zwei große deutsche Magazine diese Woche das Glück im Titel führen.  ,Der Spiegel weiß jetzt  „Was Glück ist“. Focus findet das „Glück, selbstgemacht“: Die Geschichte über die neue Do-It-Yourself-Bewegung  spürt einem Selbermachen-und-Selberpflanzen-Trend nach, der hier in diesem Kasterl auch schon erschnuppert und frech behauptet wurde: Weil gerade sehr viele Menschen, auch wenn sie gar nicht müssten, die Dinge lieber wieder selber in die Hand nehmen und sich ihre Erfolgs- und Glückserlebnisse buchstäblich basteln.
Die hier aufgestellte These, dass es  zumindest das Selbstvertrauen stärkt, wenn man sich einiger Fertigkeiten sicher sein kann, wird in Focus löblicherweise von einem Neurobiologen  untermauert: Der Do-It-Yourself-Trend, sagt der Doktor, sei „vielleicht eine Rückbesinnung auf diejenigen Bereiche im Leben, wo man noch wirklich etwas gestalten kann“. Und  wissenschaftlich betrachtet: „Wenn man mit den Händen arbeitet, wird das Denken, Handeln und Fühlen wieder eins.“
Plus: Wenn man es selbst gemacht hat, weiß man, aus was es ist. Und muss sich nicht, wie jetzt zum Beispiel beim Erdbeerjoghurt oder beim Käse auf der Pizza  fragen, ob das, was man sieht, auch wirklich da ist. Bei dem, was im Joghurt wie Erdbeeren aussieht und schmeckt, handelt es sich bekanntlich häufig um Baumrinde.  Der Pizzakäse dagegen ist, wie ich erst letzte Woche lernte, oft gar keiner, sondern etwas, das man  als Analog-Käse bezeichnet. Danke, sehr gschmackig.
So gesehen ist das Glück auch ein Radieschen. Z.B. das, das ich vorhin aus dem Blumenkistl zog: mitleiderregend klein, aber sehr mein. Und hundertprozentig original Radieschen.
04.06.09

Scheiße, ich bin schon wieder tot

| Comments (0) | 06/09 | Falter-Kolumne

Fk: Super Mario. Die aktuelle Niederlage im meinem niederlagsreichen Leben. Das kann ich nämlich auch nicht, wie ich Sudoku nicht kann, und den Zauberwürfel nicht. Die Mimis, und das sind die einzigen Konversationen, die wir derzeit mit ihnen führen, versuchen eh, es mir zu erklären: Da musst du hüpfen, das musst du kriegen, da pack es, neeeeiiiiiiin! Wieder keine zwei Leben erwischt, wieder kein Riese geworden, wieder nicht alles niedertrampeln dürfen. Wieder tot. Auch Super Mario ist nichts für mich.

Und Nintendos sind nichts für Kinder: Seit die Mimis je einen besitzen, weiß ich das noch besser. Nintendos sind etwas für Erwachsene, weil die sich nämlich, wie wir schon bei der Mimi-Geburtstagsparty feststellen konnten, in Ruhe alkoholisieren und anderen Erwachsenensachen widmen können, während sich alle Kinder in Trauben um die zwei oder drei versammeln, die auf einem Nintendo herumdrücken. Sie sehen dabei weit weniger intelligent aus, als wenn sie jetzt zum Beispiel eine Sandburg bauen; auch das weiß ich genau, denn davor waren wir mit der ganzen Party-Partie am Spielplatz. Einem kleinen Spielplatz. Die Siebenjährigen stellten sich an den Rand der Sandkiste und sprachen: Entschuldigung, aber was mache ich hier? Du spielst. Du meinst, ich soll da reingehen und mich schmutzig machen wie ein Kleinkind? Das wäre eine Möglichkeit; wir können aber auch Topfklopfen. Die Siebenjährigen starrten mich mit einem Was-will-die-Geisteskranke?-Blick an, weil Topfklopfen, Entschuldigung, babyischer geht’s ja wohl nicht. Rück die Süßigkeiten einfach so raus; und holst du bitte die Nintendos herunter? Nein. Dann gib den Topf her, wir brauchen Wasser, wir müssen den Dings einbetonieren. Bitte gern. Es wurde eine ausgefieselt schöne Sandburg, mit Wassergräben und Türmen und statisch einwandfreien Tunneln, und zwar völlig ohne mein Zutun.

Seit danach sind die Mimis praktisch nicht mehr da: Sie sitzen abwesend auf dem Sofa und sprechen mit ihren Computern. Jetzt geh da! Juchuuu! Scheiße, ich bin schon wieder tot! Es ist beängstigend, aber der Plan geht so: Eine Woche spielen sie, soviel sie wollen, danach brutales Reglement. Selbstverständlich hegte ich die Illusion, dass meine Kinder, meine Kinder nämlich, das Gerät schon nach wenigen Stunden weglegen und bekannt geben würden, das werde ihnen jetzt allmählich zu blöd, sie wöllen nun wieder etwas Kreatives tun. Passiert natürlich überhaupt nicht, und wieso auch, sie entstammen schließlich einer Klein-Dynastie von Computernerds und Süchtlern, denen das Talent zur Mäßigung nicht gegeben ist. Also zum Beispiel ihre Mutter musste sich mit schmerzhaften Schnitten zuerst vom Rauchen und danach vom Facebook abschneiden, weil ein bisschen geht einfach nicht. Es geht nur volle. Bis Mittwoch noch, Mimis. Dann will ich eure Gesichter wieder sehen, auch wenn schmerzverzerrt sein werden.
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SOS Mitmensch