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Doris Knecht
der doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
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30.08.09

Ohne Würde lebt es sich nicht gut

| 08/09 Kurier-Kolumne

Das Sommerloch ist fruchtbar. Und es wächst darin, Überraschung, nicht nur Unkraut.  Zum Beispiel dieser SPÖ-Vorstoß, Asylwerbern den Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen: Das. Ist. Gescheit.
Und zwar deshalb: Alle Versuche, Asylwerber in Österreich unsichtbar zu machen, sind bislang gescheitert. Wenn sie doch funktionieren, harmonieren sie  leider durchwegs überhaupt nicht mit der Menschenrechten oder der Genfer Konvention, und sind einem aufgeklärten, vergleichsweise wohlhabenden westlichen Sozialstaat schlicht unwürdig. (Zum Beispiel die Idee, Kinder und Jugendliche in Schubhaft zu nehmen: schäbig, obszön, zum Schämen.)
Menschen (tüchtige, ausgebildete Menschen, die vielleicht ihr Leben lang nichts als geschuftet  haben) nicht arbeiten zu lassen, zur Untätigkeit zu verdammen und zu Almosenempfängern zu degradieren, heißt nämlich auch: ihnen Ihre Würde nehmen. Und so ohne Würde lebt es sich nicht gut, das ist schlecht für den Charakter,  man wird auch leicht depressiv. Da kommt man eher einmal auf dumme Ideen. Zum Beispiel, sich die Zeit mit häuslicher Gewalt vertreiben oder das Almosen durch eigenes, illegales Zutun aufzubessern. Wollen wir das? Das  können wir nicht wollen, und zwar, weil es uns allen schadet.
Ja,  auch unter Asylwerbern  gibt es solche und solche. Aber die Solchenen, die sich an die Gesetze halten, die sollen auch nicht bestraft werden.  So sieht das auch die EU-Kommission und will die Wartezeitauf eine Arbeitserlaubnis für Asylwerber generell auf sechs Monate verkürzen. Ein Teil der SPÖ will das jetzt auch. Das Sommerloch ist fruchtbar noch: Möge die Saat aufgehen.
28.08.09

Ungarisch reisen (II)

| 08/09 Kurier-Kolumne

Weiter in der Geschichte der O.s, die gestern hier begonnen wurde (kurier.at, blogs). Die sollen also um  vier Uhr früh von Rumänien kommend von einem ungarischen Schaffner  ein neues Ticket kaufen, denn das, das die O´.s über das ÖBB-Callcenter gebucht haben, ist abgelaufen. Ein Fehler der ÖBB, der den Ungarn aber powidl sein kann, weil bezahlt wurde ja: Von den O.s an die ÖBB, von der ÖBB an die ungarische Bahn. 
Die O.s erklären und erklären, der Schaffner bleibt stur.Schließlich sind die O.s mürbe und zahlungsbereit, allein der Schaffner akzeptiert keine Euro, nur Forint. Irgendwann verschwindet er.
Der nächste Schaffner erscheint, offenbar instruiert, der ist nun bereit, das Ticket in Euro zu kassieren: zu einem tüchtig überhöhten Kurs und ohne Quittung. Das  kommt für die O.s nicht in Frage, schließlich hat die ÖBB das Problem verursacht und soll dafür die Rechnung zahlen. Der Schaffner holt die Polizei.
Der Zug hat inzwischen die Grenzstation Hegyeshalom erreicht, die O.s werden von der Polizei aus dem Zug geholt, es wird gebrüllt, die Kinder, 3 und 7, weinen. Drei ÖBB-Schaffner kommen dazu.
Der Zug steht wegen des Vorfalls schon eine Dreiviertelstunde am Bahnhof. Die Polizei will die O.s  mitnehmen. Da stellen sich die drei ÖBB-Schaffner vor die O.s und sagen, dass das nicht in Frage kommt, dass die Familie O. jetzt wieder einsteigen und mit nach Wien fahren wird.
Und das tut sie auch. Denn das Eingreifen der beherzten Schaffner wirkt, und die O.s besteigen, ohne dass Geld gewechselt wird, wieder den Zug und fahren nach Wien, wo sie glücklich mit vier Stunden Verspätung ankommen. Aber das sind sie eh gewohnt.
26.08.09

Das habe ich mir bitte redlich verdient

| 08/09 Falter-Kolumne

Allmählich erreiche ich den Punkt, wo es schwierig wird, etwas zu erzählen, weil das Sommerprogramm „Ereignisarmut“ seine Wirkung beängstigend effizient entfaltet. Seit zwei Monaten erschlage ich tagsüber Wespen und lausche abends dem Fluss, und es ist gut. Nichts fehlt. Ich bin soweit, dass ich dem McDings, der seine Ferien ebenfalls in vertrauter Umgebung verbracht hat, maile, ja, genau, das sei doch gut, die Menschen erlebten viel zu viel, allgemeines Mindererleben sei doch für die Menschheit und für den Klimawandel viel gesünder. Also quasi diesen Satz von Pascal, von dem Unglück, das allein daher rühre, dass die Menschen nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen, als Ökobilanzrechnung. Ich vermag das mittlerweile unglaublich gut, wenn man jetzt einmal das Zimmer etwas größer fasst und ein bisschen Wiese, den Fluss, ein paar Bäume und Kinder hineinstellt. Und etwas zu essen und zu trinken, was weil man nicht immer nur Holundersirup, Zucchini, Erdäpfel oder Paradeiser aus dem Garten zu sich nehmen mag, was zugegebenermaßen Autofahrten nach großzügig entfernten Das und Dorts erfordert. Der Dings mailte etwas überaus Bedachtes zurück, nämlich, dass das, was ich eben gemailt habe, ein kompletter Unsinn sei, man müsste im Gegenteil die Menschen dazu zwingen, viel mehr zu erleben und tüchtig was von der Welt sehen, weil das das Hirn erweitere. Ja ja! Ich meinte doch eh: uns. Wir haben uns das wenigstens temporäre Nichtserlebenmüssen unter selbstloser Gefährdung unserer Gesundheit redlich verdient. Ja, mailte der Dings. Damit war auch dieses Ereignis vorbei.

 

Es ist zudem schwierig, zu arbeiten, weil sich ein Arbeitszimmer hier nicht ausgeht und die Kinder sich den Satz „Ich muss jetzt arbeiten“ nicht länger als zwei Minuten merken. Merken können. Wollen. Dann verlangen sie ein Honigbrot oder stellen sich mucksmäuschenstill in einem 45-Grad-Winkel neben den Computer, treten von einem Bein auf das andere und strahlen mich mit ihren glänzenden Kinderaugen rücksichtsvoll an. WAS!!!! Es ist, weil sie diese Erstklässlerrechenaufgabe auf ihrem Nintendo nicht verstehen. Es gibt für den Nintendo ja auch pädagogisch unheimlich wertvolle Lernspiele. „Fülle die leeren Kästchen richtig aus. Rechne mit Plus oder Minus.“ Wie? Welche leeren Kästchen? Was rechnen? Versteh ich auch nicht, frag den Papa. Der Lange kapitulert ebenfalls, also spielen sie wieder Supermario.

 

Und zwar ohne den Nachbarsbuben, weil dem habe ich, damit es zu keiner Straftat kommt, ganz auf erwachsen eine freundliche Rede gehalten, dass er bitte ein paar Tage nicht kommen soll, weil uns das zuviel wird. Jetzt war er schon so viele Tage nicht da, dass ich Angst habe, dass ich seine zarte Nachbarsbubenseele nachhaltig gekränkt habe. Ich überlege schon, ob ich ihn mit einem Honigbrot herüberlocken soll. Nein, lieber nicht, der kommt schon wieder.

26.08.09

Ungarisch reisen (I)

| 08/09 Kurier-Kolumne

 Die Familie O. kennen Sie schon. Die unbeirrbaren Bahn-Kunden, Sie wissen schon, Mutter, Vater, zwei kleine Kinder an denen  die Bahn quasi repräsentativ regelmäßig ihre Defizit-Exempel statuiert. Die haben sich  trotzdem  kein Auto gekauft, sondern fahren weiterhin mit dem Zug. Unlängst in die Ferien nach Rumänien, was einen  Eklat zeitigte, in der ÖBB-Mitarbeiter eine un- und drei Schaffner sehr rühmliche Rollen spielten.
Schon Anfang Juni buchte Herr O. telefonisch Schlafwagen-Plätze und Tickets für sich und seine Familie für die Rumänien-Reise Mitte August. Was aber weder Herrn O auffiel, noch dem Herrn am Schalter, bei dem er die Reise umbuchte, noch allen Schaffnern während der problemfreien Hinreise, noch den ersten beiden Schaffnern am Rückweg: Der Mitarbeiter im ÖBB-Callcenter hatte die Tickets nicht wie die Schlafwagenplätze für das Datum der Reise ausgestellt, sondern ab dem Moment der Buchung. ÖBB-Tickets sind bekanntlich nur zwei Monate gültig. Ein ungarischer Schaffner bemerkte das im Nachtzug „Dacia» von Bukarest über Sighisoara und Budapest nach Wien, bei der Rückreise, so um vier Uhr früh herum.
Was dann geschah, hat mit der Krise zu tun und dem Umstand, dass die ungarische Bahn dringend sparen muss, weshalb aus dem Schnellzug „Dacia“ an der rumänischen Grenze bereits ein Bummelzug mit bald dreistündiger Verspätung geworden war. Um vier Uhr früh fand der ungarische Schaffner, dass sich mit der Familie O. noch etwas verdienen lasse. Die fand das nicht.
Lesen Sie morgen wie die Familie O. von der ungarischen Polizei aus dem Zug geholt und von beherzten ÖBB-Schaffnern gerettet wird. Ehrlich, kein Witz.

26.08.09

Verpasste Chance, klassisch

| Comments (1) | 08/09 Kurier-Kolumne

Vor einem Jahr wurde am Dach vom Waldviertler Haus eine Warmwasser-Solaranlage montiert. Das dauerte keinen Tag, und hat etwas gekostet, wurde aber von Land und Gemeinde gut und erstaunlich unbürokratisch gefördert. Und trotz des eh logischen  Prinzips ist es jedes Mal wieder lässig: Die Sonne scheint, und wir haben warmes Wasser, einfach so, ohne Einsatz von Energie. Wenn die Sonne länger nicht scheint, muss man fürs Warmwasser halt den Küchenholzofen anheizen, was diesen Sommer aber trotz vieler Regentage praktisch nie notwendig war. Und im Winter, wenn die Sonne sich rar macht, heizt man ja sowieso.
Es ist eine bestechende und rundum vernünftige Idee, dass die Österreicher mit Mini-Sonnenkraftwerken auf ihren Dächern nicht nur ihr eigenes Wasser warm machen, sondern auch Strom für sich und andere erzeugen: indem überschüssiger Strom einfach ins Netz eingespeist wird. Sowohl die Technologie als auch der Wille der Österreicher ist reichlich vorhanden: Letzterer zeigt sich jedes Jahr, wenn sie den  Klimafonds mit ihren Förderanträgen innerhalb von wenigen Minuten bis auf den letzten Cent leeren. Und wenn danach tausende enttäuschte Dachbesitzer ihre Anträge in den Papiermüll knüllen.
Und das ist natürlich die klassische verpasste Chance: Hier würden die Österreicher gemeinsam und total öko zumindest ein bisschen etwas von dem Strom erzeugen, den wir alle täglich verbrauchen. Das wäre nicht nur gut für die Umwelt, sondern auch pädagogisch wertvoll, denn was man selber gemacht hat, schätzt man mehr. Das gilt auch für den Strom.
Dass Österreich dafür nicht genug genug Geld zur Verfügung stellt, ist völlig unverständlich.

23.08.09

Obama ist quasi so gut wie fix

| 08/09 Kurier-Kolumne

Geschätzter Bürgermeister, verehrte Frau Vizebürgermeisterin, liebe Freunde! Folgendes: Es war ja unlängst die Tragödie mit dem X, der fast ein Freund von mir war; jedenfalls habe ich ihn einmal von der VIP-Tribüne aus gesehen, wo seine Großnichte nur zwei Reihen vor mir saß. Hab ich sie natürlich angetalkt, und schau an sie ist ein mörder Sissi-Fan. Und wie ich  der Shirley (so heißts) jetzt wegen der  Trauer  einen Sentimental-Award donated hab, ist uns die Idee zu einer Show für den X gekommen: The Memory.
Und zwar, passts auf, Mitte September im ganzen Rathaus.  Das wird eine Einsershow.  Eintrittspreise wegen der exklusiven Location und der intimen Atmo zwischen 200 und 600 Euro, im Prater Public Viewing auf Riesenscreens mit nochamal zwischen 30 und 80 Euro Eintritt. Weil wir das Event trauermäßig schnell daten müssen, haben wir momentan  noch keine Signings. Aber die Shirley war ja 1982 selber die Nr. 192 in den Billboard-Charts und durch den X   mit dem US-Showbusiness  auf so: Das Line-Up signt sich quasi von selbst.
Aber jetzt das Beste:  die Shirley kennt eine, die hatte ein Pantscherl mit einem, der war einmal im Häfn mit einem Halbbruder vom Obama. (Ein) Obama ist also fix. Weshalb wir ums Rathaus herum eine Bannmeile brauchen, es muss alles gesperrt und geräumt werden. Über die Umwegrentabilität via Wien-Tourismus und Memorabilia brauchen wir aber eh nicht reden. Ich seh uns drei schon beim Jay Leno. Und beim Gottschalk!
Und selbstverständlich habe ich euch schon als Nominees beim Leaders-of-the-Heart-Award gefixed (und ich bin die Jury :))), den ich ja 2010 in der Location Fernheizwerk stagen werde und für den der Fidel Castro so gut wie zugesagt hat. No? Friendship! Eure

21.08.09

Armut schützt vor Bildung

| 08/09 Kurier-Kolumne

Hier schon einmal die Kontonummer: 207477417, Raiffeisenbank, BLZ 32 000, Aktion Schulanfang. Denn auch heuer sieht sich die Diakonie Österreich  gezwungen, ein Spendenkonto für Familien einzurichten, die sich den Schulstart ihrer Kinder nicht leisten können. 112 Euro, so errechnete eben die AK, kostet der Schulbeginn pro Kind, Ranzen noch nicht eingerechnet.
Weil die Mindestsicherung und ihre konsequente Abwirtschaftung durch die Politik gerade Thema ist: Die Mindestsicherung hilft ja nicht  vorwiegend alleinstehenden, erwachsenen Minderleistern, wie das gerne suggeriert wird. Am armutsgefährdetsten sind alleinerziehende Mütter. Wenn die 733 Euro also nur 12 statt 14 Mal ausbezahlt werden, trifft das vor allem Kinder.
In Deutschland sah sich jetzt der Verband der Kinderärzte gezwungen, von Bund und Ländern die Finanzierung von Schulobst zu fordern, weil immer mehr deutsche Familien zu arm sind, um ihre Kinder vernünftig zu ernähren. 1,6 Millionen Kinder leben dort von Hartz IV. In Österreich leben, so die Diakonie, 228.000 Kinder in Wohnungen, in denen sie zuwenig Platz zum Spielen und Lernen haben, 53.000 in Räumen, die nicht ausreichend beheizt werden können. Zwar sei die Kinderarmut in Österreich vergleichsweise gering, dafür sind die sozialen Aufstiegschancen von Kindern aus unterprivilegierten Familien nur durchschnittlich.
Was im übrigen ein betörendes Argument für eine neue Mittelschule ist, das allerdings denen, die das schulische Zweiklassensystem mit Verve verteidigen, naturgemäß eher powidl ist. Armut schützt noch immer ziemlich gut vor Bildung. Und sie macht vielen Eltern Jahr für Jahr Angst vorm Schulanfang. Spendenkontonummer siehe oben.

20.08.09

Orientierungsschwächen

| 08/09 Kurier-Kolumne

Ausnahmsweise leiden einmal nicht die Kärntner Slowenen unter der periodischen Verhaltensoriginalität des BZÖ sondern  die Vorarlberger. Im Ländle findet gerade Landtagswahlkampf statt, und auch das BZÖ macht mit. Und zwar mit der auf 30 riesigen, zentral plazierten Plakatständern affichierten Parole: „Wir passen auf dein Kärnten auf“.
Die Vorarlberger sind etwas irritiert. Allerdings wissen wir ja, dass BZÖ-Mitglieder zu gröberen Schwächen mit korrekten Ortsangaben auf großen Tafeln und bei juristischem Kleingedruckten neigen. Dieses Defizit beschäftigt schließlich gerade das Justizministerium, und zwar auf eine Weise, dass man sich am Montag dort gedrängt fühlte, den Privat-Blog des Justizskandal-Aufdeckers Florian Klenk für Justizministeriumsmitarbeiter zu sperren. Mit der Begründung, die inkriminierte Website enthalte „Inhalte aus den Bereichen Glückspiel,
Computerkriminalität, Pornografie, Soziale Netzwerke und Phishing.“
Tatsächlich kann man dort justizkritische Artikel zu den Vorgängen um BZÖ-Landeshauptmann Dörfler nachlesen: Was den den Pornografie-Verdacht insofern legitimiert, als normale, strafmündige Bürger die Gründe für die Verfahrenseinstellung für durchaus obszön halten. Aber diesmal fand nicht einmal das Justizministerium ausreichende Gründe für die Blogsperre und hob sie gleichentags auf.
Zurück nach Vorarlberg: Dort lebten, so die Begründung des BZÖ, schließlich 20.000 Kärnten-Stämmige. Mag sein; möglicherweise sind die aber nach Vorarlberg geflüchtet. Denn seit 1919 müssen sich die Vorarlberger dafür verlachen lassen, dass sie einst den Anschluss an die Schweiz wollten. Eins ist aber sicher: Zu Kärnten wollten sie nie.
19.08.09

Kinder an die Leine

| 08/09 Kurier-Kolumne

Sommers fährt Klara K. gerne mit den Kindern an einen See. Es gibt dort einen Gasthof, da kaufen sich die Kinder immer ein Eis. Diesmal ist eine noch eine Freundin samt Kindern mit, und wegen der vielen Wespen holen sich die Kurzen, drei Siebenjährige mit einem Dreijährigen an der Hand, ihr Eis diesmal erst am Rückweg zum Auto.  Klara K. und ihre Freundin wollen derweil schon einmal die Badesachen im Kofferraum verstauen.
Als die Kinder den Gastgarten  betreten, rennen drei Hunde auf sie zu, ein großer, ein mittelgroßer und ein kleiner. Die Hunde bellen und springen an den Kindern hoch. Die Kinder schreien. Die Mütter lassen alles fallen und rennen los, während sie in Richtung des Gasthauses brüllen, dass man die Hunde einfangen soll. Ein Mann, offensichtlich einer der Hundebesitzer, steht auf und beobachtet das Geschehen  mit heiterer Gelassenheit. Schließlich kommt eine Frau gelaufen, fängt die Hunde ein und entschuldigt sich sehr, während der Mann und weitere Leute, denen  einer der Hunde gehört, stabil und reaktionslos am Tisch sitzen bleiben.
Die Mütter beruhigen die Kinder, dann geht Klara K. ziemlich aufgebracht zu dem Tisch und sagt zu den Sitzengebliebenen: Entschuldigung, aber eigentlich ist sie der Meinung, dass die Hundebesitzer ihre Hunde einfangen müssen,  nicht die Eltern ihre Kinder. Der Mann sagt, er hatte eine Knieoperation. Okay, die andern auch? Eine der sesshaft gebliebenen Damen sagt: Sehen Sie sich den Hund an, der ist ja noch ein Baby. Klara K. sagt, das sehe sie, aber ein Dreijähriger nicht, und dass Hunde in einem Gastgarten an die Leine gehören. Die Frau sagt: Nehmen Sie doch Ihre Kinder an die Leine. Da geht Klara K. Manchmal bringt Reden überhaupt nichts.

19.08.09

Wartet, ich bin gleich wieder da

| Comments (2) | 08/09 Falter-Kolumne

Die Frage, ob man alle Kinder mögen muss, wird täglich virulenter. Es ist kurz nach neun, draußen auf der Schaukel sitzt der Nachbarsbub, spielt Nintendo und wartet, dass sich einer erbarmt. Wenn sich einer erbarmt haben wird, pickt er bei uns, bis wir ihn abends heimschicken. Es macht ihm nichts aus, wenn Gäste da sind. Er gibt, das sind die Regeln, den Nintendo ab, hält ersatzweise kenntnisreiche Vorträge über Super Mario, Mario Kart und  Mario Party und erkundigts sich periodisch, wann es endlich wieder etwas zu essen gibt. Wenn es endlich wieder etwas zu essen gibt, nimmt er sich von den acht Marmeladebroten sechs und schöpft er sich drei Mal, bevor die anderen Kinder auch nur einen halben Teller ausgegessen haben. Er sagt nicht bitte und nicht danke, aber vorgestern beim Mittagessen meinte er während der dritten Portion Spagetti Bolognese, dass er so eine Soße bisher nur einmal schlechter gegessen hat, und zwar letztes Jahr im Burgenland. Bei einem niedlichen Kind wäre das möglicherweise, nun ja, niedlich. Der Nachbarsbub ist kein niedliches Kind. Einmal setzte er sich bei uns uneingeladen zum Abendessen und verfiel beim Coq Au Vin in ein derartiges Weah und Würg und dass das die grausigste Soße sei, die er je gegesse habe, dass ich ein wenig ausfällig wurde. Naja, sehr ausfällig, jedenfalls entschuldigte ich mich danach bei ihm. Der Nachbarsbub verzieh mir großzügig und brachte mir andertags ein von seiner Mutter handgeschriebenes Rezept einer anständigen Champignonsoße mit zwei Rindssuppenwürfeln und einem halben Liter Schlagobers mit.

 

Wenn wir mit den Kindern ins Schwimmbad oder an den See fahren wollen, verschwindet er für zwanzig Sekunden, und kommt dann wieder mit einem Handtuch, einer Badehose und der Information, seine Mutter hätte erlaubt, dass wir ihn mitnehmen, wenn wir gut auf ihn aufpassen. Ob wir Lust haben, ihn mitzunehmen, auf ihn aufzupassen, ihn mit Sonnencreme einzuschmieren und ihm ein Eis und Pommes zu kaufen, interessiert hier niemanden.

 

Die Mutter erscheint alle vier oder fünf Tage, jeweils kurz nachdem der Nachbarsbub seine drei Mittagsportionen gegesssen hat, um mitzuteilen, dass sie ihrem Buben jetzt etwas gekocht hat. Wir sagen ihr wie immer, dass der Bub schon gegessen hat. Sie sagt, aha, dann geht der Nachbarsbub mit hinüber, um endlich wieder einmal wieder etwas Anständiges in den Magen zu bekommen. Eine Viertelstunde später ist er wieder da. Gestern nutzten wir diese Viertelstunde, um heimlich ohne ihn ins Bad zu fahren. Nach einer halben Stunde ruft die Horwathin an, ob wir schon im Bad sind, sie kommen jetzt auch, fahren danach aber weiter zu einem Heurigen, ob wir bitte den Nachbarsbub vom Bad mit heim nehmen können, der ist nämlich vorhin aufgetaucht und geht sich jetzt nur schnell ein Handtuch und eine Badehose holen. Ich muss die Regeln ändern, sonst geschieht hier eine Straftat.

 

 

19.08.09

Ich hätte vielleicht nicht so lange schlafen sollen

| Comments (1) | 08/09 Falter-Kolumne

Der Nachbar ist fertig mit Wiese sensen, jetzt verputzt er von morgens früh bis Abends spät sein Haus und hat auch damit nichts als Probleme. HUR! Meine Sippe ist schon wieder weg: was, HUR!, ernsthaft schade ist, denn der Besuch war sehr viel netter, als die Wirren der Vorbereitung es vermuten hatten lassen. Zudem festigte er die Kinder in ihrer politischen Sozialisation; denn um eine Verlängerung des Aufenthalts zu ertrotzen, gründeten sie eine Lobby; organisierter Widerstand in seiner unschuldigsten Form, mit Parolen, Plakaten und Sprechchören. Wer so weit fährt, bleibt länger da! Auch Kinder haben ein Recht auf Verwandschaft! Wir! Bleiben! Hier! Sie! Bleiben! Hier! Wir! Bleiben! Hier! Selbstverständlich fiel ich meinen Schwestern in den Rücken, die diese geballte Renitenz hinter ihren Prosecco-Gläsern zu ignorieren trachteten, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen, nämlich den prognostizierten Regentag zur Heimreise in ihre staubentstellten Häuser zu nutzen: Querulantismus, meine Kernkompetenz bitte.


Das muss man doch unterstützen, rief ich. Entschuldigung, Schwestern, habe ich gesagt, wenn ihr das jetzt abwürgt, könnt ihr euren Kindern gleich das Rückgrat herausoperieren, dann seid IHR Schuld, wenn aus ihnen devote Duckmäuser werden, mutlose, apathische Befehlsempfänger, unfähig, ihren legitimen Forderungen Gehör zu verschaffen! Stimmt!, riefen die Kinder. Wenn ihr ihnen dieses erste gemeinschaftliche Dagegensein, diesen Mut zum Einspruch jetzt zum Misserfolg macht, prägt das ihre Zukunft! Ihr macht sie schwach! Ihr macht sie klein! Ihr macht sie feig! Das könnt ihr doch nicht wollen. Ja!, riefen die Großeltern! Na gut, seufzten die Schwestern. Gib mir fünf!, brüllten die Kinder.


Allerdings hätte ich am nächsten Tag nicht so lange schlafen sollen, denn anders als tags zuvor, als ich, kein Scheiß, um 9.21 Uhr in der Früh von Sektkorkengeknalle meiner Morgenlektüre entfremdet wurde, zwangen sie diesmal, HUR!, ihre Kinder mit brutalen Bestechungmaßnahmen in einen Umdenkprozess, der in allgemeiner Abreise endete. Kinder sind ja so korrupt. Tja, schade, wenn ihr meint. Ja, wir meinen. Ich meinte dann auch, weil die Aussicht, meinen Schwestern einen Regentag lang beim anschwellenden Unrundsein Gesellschaft leisten zu dürfen, machte mir ein wenig Angst. Soviel Prosecco habe nicht einmal ich im Keller. Also stellte ich mich mit den Kindern an die Straße und wir winkten ihnen lange nach. Eins der Mimis weinte sehr, und wurde am Rückweg zum Haus, wohin ich es mit mit mütterlichen Trostworten leitete, auch noch, HUR!; von einer Wespe gestochen. Aber danach, als das Weinen mithilfe einer halben Zwiebel, zwei Packerl Gogos und einem Kinderfilm verebbte, war es: still. Ich lauschte dem Regen, den Birnen, die auf die Wiese platschten, dem Wind in den Bäumen und dem Nachbarn. HUR! Tja.

 

5.08.09

Du kannst natürlich nein sagen, überhaupt kein Problem

| Comments (1) | 08/09 Falter-Kolumne

Der Lange ist nach insgesamt 18 Stunden geflüchtet; hat sich ins Auto gesetzt und ist bis auf weiteres nach Wien gefahren. 18 Stunden sind heldenhaft, 18 Stunden sind entschieden mehr, als ich ihm zugetraut habe. Ich habe gesagt, folgendes, sie kommen irgendwann am Nachmittag, dann ist eh erstmal Hausumbauen, Kuchen, Prosecoo und Bekannte ausrichten. Am Abend Grillage, und am nächsten Tag hast du, sagen wir, um zehn einen Termin in Wien. Der Lange hielt dann aber viel länger durch und verabschiedete sich erst am Abend, da aber mit Halleluja.

Ursprünglich ausgemacht war: Meine Schwestern kommen mit ihren Kindern, also zu sechst. War dann aber schon seit Wochen ein Gestöhne am Telefon: „Phhh, so ein weiter Weg von Vorarlberg zu dir, und das mit den Kindern.“ „Ich weiß, ich bin ihn in den letzten sieben Jahren im Zug mit zwei kleinen Kindern, lass mich kurz überschlagen, 25 Mal hin und 25 Mal retour gefahren.“ „Jaja, aber du bist es ja gewohnt. Es wäre jedenfalls viel einfacher, wenn man mit dem Zug ins Waldviertel fahren könnte. Mit den vier Kindern hinten im Auto, das wird furchtbar. Mit dem Zug wärs ÜBERHAUPT kein Problem.“ „Ich weiß, deswegen wart ihr, lass mich kurz überschlagen, in den letzten Jahren genau einmal bei mir in Wien.“ „Entschuldigung, wir hatten halt keine Zeit.“ „Ja, eh, für eine voll erwerbstätige Freiberuflerin wie mich ist es ja leicht, immer wieder tage- und wochenlang woanders zu sein, für zwei Hausfrauen dagegen, gar nicht auszudenken, wie eure Häuser ausschauen werden, wenn ihr sie drei Tage lang nicht gesaugt und eure Männer, wenn ihr ihnen drei Tage lang nicht die Hemden gebügelt habt.“ „Lustig.“ „Ja, ich freue mich auch total auf euch.“

Vor einer Woche haben sie mir ein Mail geschickt. Also, sie können praktisch nicht mehr schlafen, vor lauter Horror vor dieser endlosen Autofahrt, und die Eltern wollten doch eh auch demnächst einmal wieder kommen, und jetzt haben sie sich gedacht, wenn die gleich mitkämen, dann könnte man die Kinder in zwei Autos aufteilen, das wäre unendlich viel leichter, und es wäre doch so super, wenn wir wieder mal alle ein paar Tage beeinander wären, und sie haben auch schon in der Pension da bei uns im Ort angerufen, die haben noch Zimmer frei, aber man könnte sich auch so, so und so im Haus verteilen, alles überhaupt kein Problem, und der Opa mit den Kindern, da sind wir doch alle super entlastet, ich soll mir das doch überlegen und ich kann natürlich auch nein sagen, selbstverständlich, überhaupt keine Sache, wenn ich nein sage.

Ja, sicher. Nicht einmal die Schottermizzi könnte nein, sagen, wenn man ihr mit so einem Asylantrag kommt. Jetzt sind sie alle da, und wir bestaunen die interessanten Effekte, die beim Zusammenprall von einem Wiener und drei Vorarlberger Lebensstilen in einem Haus entstehen. Gut ist, dass wir genug Alkohol im Keller haben, und er geht zügig weg.
2.08.09

Man muss sich ja alles selber machen

| 08/09 Falter-Kolumne

Letzte Woche habe ich irgendwo gelesen, ich sei für Boote ungeeignet und hätte es mehr mit Ufern an und für sich, dafür nicht mit Abenteuern. Mei. Kompletter, völlig daherfantasierter Schwachsinn, bitte. Erst diesen Samstag bin ich in einem schmalen Polyethylen-Boot zwölf Kilometer den stark wasserführenden Kamp hinabgepaddelt, von Steinegg bis Rosenburg, es gibt dafür zuverlässige Zeugen. Boote sind nämlich toll, und fester Boden unter den Füßen wird stark überschätzt. Das Paddeln war lässig, bis auf den Anfang, als ich es lernen musste und relativ sicher war, dass man mich nachher tot aus dem Fluss fischen würde. Ging dann aber gut. Das Ufer sah schön aus, so von der Flußmitte aus, einsam, waldig, tiefgrün. Fische sprangen. Enten flogen auf. Eisvögel querten. Umgestürzte Weiden ragten ins Wasser. Der Polz erwischte eine, kippte um und verlor sein Boot, der Lampl hat es dann gerade noch erwischt. Und: Ich kippte nicht. Ich konnte es einigermaßen. Ich drehte mich einmal im Kreis und rammte ein paar Felsen, aber ich blieb oben. Das Boot und ich, wir konnten miteinander, und was lernen wir daraus: Irgendwann hat man das Alter erreicht, da kann einen eigentlich nichts mehr überraschen. Überrascht man sich halt selber.

Man weilt wieder im idyllischen Waldviertel. Es ist sehr schön. Jeden Morgen, Punkt sechs, wirft einer der Nachbarn seine Motorsense an, und mäht ein großes Stück seiner Wiese. Wenn er irgendwo hängen bleibt, brüllt er. HUR! DRECKIGE HUR! So wacht man gerne auf. Um halb sieben pumpert der Nachbarsbub an die Tür, weil er ist schon lange wach und findet, wir sollten das auch sein. Wenn der Nachbarsbub einmal da ist, bleibt er das, bis es dunkel ist oder man neue Gesetze erlassen hat. Neue Regel, Stefan, sage ich, du kommst nicht vor zehn und gehst um sieben, Mittagessen, Jause, zwei Eis inklusive, und wenns sein muss, nehme ich dich auch mit zum Baden, aber vor zehn kommst du nicht. Der Nachbarsbub akzeptiert murrend und spielt dann ab neun in unserer Schaukel Nintendo, bis ihn jemand erlöst, worauf er meldet, dass sein Frühstück jetzt schon lange her ist und er nun tüchtig Hunger hat. Das ist so zuverlässig wie der Steuerbescheid, außer die Horwaths sind da, dann geht er zum kleinen Horwath, der ihn zwar gerne ein wenig schikaniert, aber immer noch besser als mit Mädchen spielen. Außerdem nimmt ihm dort niemand seinen Nintendo weg. Wenn keins von den Wiener Kindern da ist, spielt er 16 Stunden am Tag. Er SPRICHT mit dem Nintendo, und, wenn er einmal aus irgendeinem Grund Nintendo-Verbot hat, ersatzweise mit der Gebrauchsanleitung, ich habs mit eigenen Augen gesehen.

Unseren medial vergleichsweise unverwöhnten Kindern aber zeigte der Lange auf deren ausdrücklichen Wunsch Michael Jacksons „Thriller“-Video. Danach hatten wir sie drei Nächte bei uns im Bett. Das machen wir nicht mehr.
2.08.09

So hilft die ÖBB beim Klimawandel

| 08/09 Kurier-Kolumne

Es sind die O.s, die in der letzten Kolumne mit ihren Kindern einen Sonntagvormittag am Floridsdorfer Bahnsteig verbrachten, tapfere und furchtlose Menschen. Denn nur drei Tage später traten sie wieder eine Bahnreise an; diesmal von Wien Westbahnhof nach Bad Aussee. Bzw: Bernhard O. war beruflich bereits in Linz und wartete dann dort auf Frau und Kinder, die um 9.44 Uhr den Zug bestiegen.
Bernhard O. sagt eh: Pech. Das kann natürlich passieren, dass ein Bagger mit seiner Schaufel irrtümlich die Oberleitung herunterholt und so einen Zug  ausbremst. Da kann die ÖBB als solche  nichts dafür. Aber wenn  eine ereignislose Fahrt mit der ÖBB mittlerweile die vollkommene Ausnahme geworden ist, dann liegt es schon an den ÖBB. Wenn es praktisch nicht mehr vorkommt, dass alles ganz normal funktioniert, weil es zuverlässig immer Probleme gibt: Verspätung, Zugausfall, Desinformation, kaputte Toiletten, ausgefallene Klimaanlagen, verpasste Anschlüsse, frustriertes, uninformiertes Personal.
Wie jenes in Linz, das nicht einmal benachrichtigt worden war, dass der 9.44-Zug nicht kommt.
Gleichentags gab die ÖBB-Führung zu, dass momentan viel schief laufe und man bemüht sei, wieder Verlässlichkeit in den Fahrplan zu bringen: Ohne zu erklären, wie man das erreichen will, wenn man gleichzeitig Züge einstellt und Personal abbaut, so dass z. B. defekte Lokomotiven nicht rechtzeitig repariert und ausfallende Lokführer  nicht ersetzt werden können.
Die O´s. kamen in Bad Aussee, wohin man mit dem Auto circa zweieinhalb Stunden braucht, um 16.50 Uhr an. Sie werden sich jetzt entgegen ihre Überzeugung vielleicht  doch ein Auto zulegen. Weil mit der ÖBB, das geht einfach nicht mehr.
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