Das ging jetzt aber nach hinten los. Schrieb mir doch Leser Mag. Johannes W., dass er, „dank Ihnen“ bei der Wien-Wahl der FPÖ seine Stimme geben werde: „H.C. Strache wird‘s freuen...“. Zwar verstehe ich auch nach wiederholter Lektüre seines Mails (und der inkriminierten „Desto-erfolgreicher“-Kolumne) nicht genau, warum er das tut, aber das entspricht ziemlich genau dem Standard-Verständnis zwischen FPÖ-Wählern und mir.
Die Frage, die die Leserinnen und Leser beschäftigt: Darf man ein Viertel der Wählerschaft als dumm und allerdümmst bezeichnen, weil sie der FPÖ ihre Stimme gibt? Nein, schreibt Leser Dieter H., „das sei billig“. „Ja“, meint dagegen Leser Gerd T.: denn Dummheit werde durch ihre prosperierende Massenhaftigkeit ja nicht weniger dumm, sondern höchstens gesellschaftsfähiger.
Dieser Ansicht neigt auch Ihre Autorin zu. Trotzdem, dumm oder nicht, können die anderen Parteien diesen Wählern natürlich nicht einfach freundlich nachwinken, wenn sie sich in ihre rechte Schmollecke verziehen. Und die große Frage, die Wien bis nächsten Herbst zu beantworten hat, lautet: was dann. Denn der kritische Leser-Einwand, dass auch, oder gerade diese Wähler nach komplexen Lösungen für gesellschafliche Probleme gierten, stimmt halt nicht. Diese Wähler wollen simple Heilsversprechen, sie wollen ihre Probleme frei Haus gelöst bekommen und nicht gemeinsam lösen.
Bleiben zwei Möglichkeiten: Die Heilsversprechen auch links und mittig versimplifizieren. Oder ehrlich und mutig sein und sagen, so billig geht‘s nun mal nicht: Wenn unsere Stadt/unser Land besser werden soll, müssen wir gemeinsam ran. Obama hat damit Amerika auf seine Seite gebracht. Möglicherweise klappt das ja auch in Wien.
Das Bubenmädchen ist immer noch ein Bubenmädchen, jetzt schon drei Viertel ihres Lebens lang. Einmal habe ich gelesen, aktuelle Forschungen hätten ergeben, an Transsexualität sei die Mutter Schuld, zuviel Stress in der Schwangerschaft. Nur frage ich mich dann, warum das Zwillingsmimi das gar nicht hat. Jetzt habe ich gehört, das könne am Hormonhaushalt liegen, der sei beim einen Kind so und bei den anderen so. Erscheint mir logischer, aber im Grunde ist es mir powidl: So lange das Kind kein Problem damit hat, habe ich auch keins, und deswegen ist das eigentlich auch nie ein Thema. Alle paar Monate erkläre ich ihr, dass sie da übrigens jederzeit auch wieder heraus kann, falls ihr das Bubenmädchen-Konzept nicht mehr taugt, dass sie das jetzt nicht durchziehen muss, nur weil sie es einmal beschlossen hat, aber sie winkt immer ab. Alles ok, keine Sache.
Es war allerdings interessant, als das Bubenmimi jetzt sein erstes Fussballturnier spielte. Es ist ganz gut im Fußball, also es ist so gut und ein so verlässlicher Teamspieler, dass der Trainer ihm vor dem ersten Turnier die Kapitänsbinde um den Arm wickelte. Die Mutter rot vor stolz. Der Lange auch: unsere Tochter! Allerdings nahm die Tochter die Binde wieder ab und übergab sie einem anderen Kind, weil: Das sieht nicht gut aus. Passt farblich null zum Dress. Dieses Exempel beweist. dass eben doch weitgehend testosteronfreies Mädchenblut in seinen Adern fließt. Und ich finde das, ehrlich gesagt, beruhigend, nicht, weil ich kein Transenkind haben will. Sondern weil es mir für das Kind lieber wäre, es würde glücklich erwachsen werden und erwachsen sein, ohne zuvor eine Hormontherapie und eine Geschlechtsumwandlung hinter sich bringen zu müssen. Was, kein Witz, am Familientisch ein Thema war, seit das Bubenmimi vier ist, aber in letzter Zeit nicht mehr so häufig diskutiert wird.
Aber man tut ja stets, was gut für die Kinder ist. Zum Beispiel wurde das andere Mimi von seiner bekanntlich nicht so theateraffinen Mutter zu einem Theaterkurs angemeldet und zu einer Schnupperstunde begleitet. Es war vielleicht nicht so eine spitzen Idee, mich ausgerechnet an selbigem Tag mit Sedlacek zum Lunch zu treffen, der sich, halleluja!, entschuldigt hatte. Was wir dann ein wenig feierten, so dass ich um vier in nicht einwandfrei erziehungsberechtigem Zustand Zeugin werden durfte, wie mein Kind – ich! Ich! ICH!!! – peinigend überengagiert seine Berufung entdeckte, immer den Finger kerzengerade in der Luft. Aber hallo, sagte mit so einem Grinsen in der Visage der Herr Kabarettist neben mir, dessen Tochter ich auch in den Kurs geschwatzt hatte. Zum Glück kam dann ein Kind, das war noch viel schlimmer; danke, Gott. Später an dem Abend küsste mir ein deutscher Verleger nicht die Hand, sondern den Arm bis über den Ellbogen, aber das ist eine andere Geschichte, die passt hier null dazu.
Ein bisserl schwanger gibt’s nicht. Ein bisserl diskriminiert auch nicht. Es gibt auch nicht halb-, viertel- oder achtelgerecht: Gerechtigkeit und Gleichberechtigung sind unteilbar. Entweder es ist gerecht oder ungerecht, entweder man gleichberechtigt oder benachteiligt, nicht diskriminiert oder diskriminiert. Aber kaum geht es um Homosexualität, wird die ÖVP irrational, nagen an ihr alle Ängste und Vorurteile, die sie offiziell längst nicht mehr hat. Allerdings kann man nicht auf der einen Seite sagen: Alle Menschen, ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung, haben gleiche Rechte – um ihnen auf der anderen, aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, die Institutionen zu versperren, die sonst allen Österreicherinnen und Österreichern, die sich an die Gesetze halten, offen stehen. Zum Beispiel: das Standesamt. Dass die ÖVP die Familie als solche gefährdet sieht: geschenkt, bei diesen Scheidungsraten. Und es ist legitim, nach Gründen und Auswegen zu suchen. Aber: Es sind nicht die die heiratswilligen lesbischen und schwulen Paare, die das System Familie bedrohen. Familien zerbrechen aus vielerlei Gründen; weil der Alltag sie zerreibt, weil sich die Partner nicht mehr lieben, wegen Betrugs, wegen Gewalt, wegen Überforderung. Aber niemals deshalb, weil auch lesbische und schwule Paare am Standesamt heiraten dürfen. Der Homo-Ehe das Standesamt zu verweigern, rettet das System Familie nicht. Mag sein, dass unser traditionelles Wertesystem in Gefahr ist, aber gewiss nicht wegen homosexueller Paare, die ihre Liebe legalisieren und sich vor der Öffentlichkeit zueinander bekennen wollen. Wer JA sagt, Volkspartei, soll wirklich JA sagen: auch zum und am Standesamt.
Michael Häupl fürchtet einen „grauslichen“ Wiener Wahlkampf und ist damit nicht allein. Man kann fix davon ausgehen, dass die FPÖ alle Provokationsregister ziehen wird: immer knapp an der Grenze zur Rechtswidrigkeit, stets im Graubereich von knackiger Dichtung und komplizierter Wahrheit. Es werden Gruppen und einzelne Menschen durch den Dreck gezogen werden. Es wird brutal.
Die Frage ist, ob man sich gegen derlei wappnen kann, bzw: wie man damit umgeht. Die üblichen Reflexe des Buh-Rufens und scharf Abgrenzens von links haben in der Vergangenheit nicht besonders gut funktioniert. Sondern führten fast stets dazu, dass alle, die sich übergangen, unverstanden, zu kurz gekommen, entrechtet, ungeliebt und ausgegrenzt fühlen, sich in der rechten Ecke, dort wo die ganz simplen Lösungen verkauft werden, eng zusammenkuscheln. Und sich hinter noch ärgeren Parolen verbarrikadieren: je menschenverachtender, rassistischer, antisemitischer und grauslicher, desto erfolgreicher.
In Vorarlberg haben gerade 44.122 Wählerinnen und Wähler goutiert, dass FPÖ-Chef Egger den Direktor eines jüdischen Museums diffamiert hat. Es hat nichts genützt, dass die anderen Parteien sich gegen diese Form des Antisemitismus verwehrten, oder dass Egger schamloser Lügen überführt wurde, im Gegenteil: Ein Viertel der Wahlberechtigen sagte: super, gut so, ganz in unserem Sinn.
So ein undifferenzierter Sündenbock-Wahlkampf mit extremen Parolen wird bald auch in Wien beginnen. Und das werden, wie im Ländle, auch hier nicht nur die Allerdümmsten akklamieren. Wogegen man realistischerweise wenig tun kann. Es ist wie bei einer Fliegenplage: Man wedelt sie weg, sie kommen wieder.
Josef B. wohnt am Wiener Flötzersteig, und der ist bekanntlich oben. Stellenweise sogar ziemlich hoch oben. Dort oben erreichte ihn ein eingeschriebener Brief, besser, er erreichte ihn nicht, denn Josef B. war nicht daheim. Als er von der Arbeit kam, fand er einen gelben Zettel, der ihn zwar über den eingeschriebenen Brief, hinterlegt bei der Post-Filiale Wiental, informierte, aber nicht über den Absender: Woraus Josef B. erlesen hätte können, ob der Brief wichtig ist oder nicht.
Das ist ihm schon öfter passiert, und weil die Post-Filiale Wiental gute zwei Kilometer entfernt und sehr weit unten liegt, hat er auch schon öfter versucht, in der Filiale anzurufen und den Absender zu erfahren, was ihm, da es keine filialinternen Abgabestellen mit zugehörigen Abgabe-Leitern mehr gibt, stets misslang. Und an den Schaltern haben sie immer so viel zu tun, dass sie meistens nicht abheben.
Auch diesmal nicht, also stieg Josef B. auf sein Radl, fuhr zwei Kilometer hinunter, behob den Brief, stellte fest, dass er für ihn völlig unwichtig ist, und radelte die zwei Kilometer im kleinsten Gang wieder hinauf: So oben wohnt er nämlich.
Und ärgerte sich mächtig: Dass der Postler das Feld mit dem Absender nie ausfüllt. Dass er deshalb keine Möglichkeit hat zu erfahren, ob sich der Weg zum Postamt lohnt. Und nun hat Josef B. eine Idee, die er dem Rest der gelbzettel-geplagten Welt nicht vorenthalten möchte: Er wird jetzt jeden dieser gelben, absenderfreien Zettel einscannen, und bei www.post.at, Kundenservice uploaden, und wird schriftlich darum bitten, ihn innerhalb der Abholfrist über den Absender zu informieren.Weil er hat das sinnlose Hinunter- und Hinaufgeradle tüchtig satt. Ob das etwas bringt? Werden wir schon sehen.
Jetzt schickt mir Sedlacek jede Woche ein SMS des Wortlauts: du bist super. Immer: du bist super, alle paar Tage. Seit ungefähr acht Wochen geht das so. Ich habe noch kein einziges Mal darauf geantwortet, was einen normalen, sensiblen Menschen vermutlich an der Effizienz der gewählten Strategie zweifeln ließe. Allerdings handelt es sich beim Absender um Sedlacek, deshalb rechne ich noch mit weiteren acht, zehn, zweiundzwanzig gleichlautenden Nachrichten. Die ich ebenso ignorieren werde.
Das Nachtragendsein gelingt mir bei Sedlacek, das fällt mir auf, jetzt immer besser und besser als bei anderen: Was aber möglicherweise im Kontext damit steht, dass ich mir Sedlaceks damaliges Arschloch-SMS noch immer jederzeit vergegenwärtigen kann, und es regt mich noch immer mörder auf, und der Trottel hat sich noch immer nicht dafür entschuldigt. Das wiederum dürfte unmittelbar damit zusammenhängen, dass Sedlacek zwar niemals vergisst, wie ihn einer, zum Beispiel der Hofer Pepi in der zweiten Klasse Volksschule, nicht von seinem Käsbrot hat abbeißen lassen, oder dass ich ihn zu seinem 36. Geburtstag nicht beschenkt, ja nicht einmal angerufen habe, weil ich in boshafter Ignoranz gerade in den Wehen lag oder derlei. Anderseits vergisst er schon circa übermorgen auch die ungeheuerlichsten Untergriffe, die miesesten Frechheiten, die ihm anderen gegenüber ausgekommen sind, ja er erinnert sich nicht einmal an die wirklich gezielten, mit äußerstem Vorsatz auf das zumeist amikal gesonnene Gegenüber abgeschossenen Treffer. Wahrscheinlich, weil es funktioniert; die meisten Menschen halten Sedlacek für nicht hundertprozentig zurechnungs- und somit auch nicht für satisfaktionsfähig, und sehen ihm seinen periodischen Arschlochismus mit der Generosität der Gescheiteren nach. Habe ich auch gemacht. Mache ich nicht mehr. Fertig, da brauchts jetzt einmal ein bisschen mehr, der soll jetzt einmal etwas lernen.
Nach ein paar mit der charakteristischen Sedlacekschen Zärtlichkeit formulierten wasistjetzts, warumspinnstdennduschonwieders und zicknichtimmersoherums seinerseits ließ ich ihn meinerseits kurz wissen, dass seine penibel ausformulierte Kränkung durchschlagenden Erfolg gehabt habe und er nun bitte mit den Folgen leben soll. Und genau wie ichs erwartet habe, kroch Sedlacek keineswegs zu Kreuze, sondern schickte eine patzige, völlig verständnislose SMS zurück, dass er keine Ahnung habe, wovon ich da rede. Das soll der jetzt einmal ohne meine Hilfe herausfinden. du bist super. Meine Güte.
Die Frage ist, wer an so einem Sedlacek Schuld trägt. Ich sags ungern, aber ich verdächtige seine Mutter. Die hat ihn vermutlich zu lange gestillt oder ihn fürs Deppertsein tüchtig belohnt, in der Hoffnung, das würde aus ihm einen sensiblen, dankbaren Menschen machen. Das hat nicht funktioniert, aber gar nicht.
Aus gegebenem Anlass: Auszüge aus den vielen Reaktionen auf die Pitbull-Kolumne („Den Hunden geht’s eh gut“, kurier.at, blogs). „Ihr Artikel spricht mir aus der Seele“, schreibt Rolf D. Gabriela K. findet die Reaktion der Bezirkshauptmannschaft „völllig unbegreiflich“, Isabella R. hält es für „eine Schande, dass unsere Behörden nichts unternehmen.“ Peter Z.-K. fragt sich, „was noch passieren muss, bis diese Hunde aus dem Verzehr gezogen werden.“ „Sie haben Recht“, schreibt Barbara B., und Michael G. meint, dass „alle Kampfhunde verboten“ gehören. Robert F. dagegen sieht „nicht ein, das ein Hund der es nicht anders kennt auf der Stelle aus dem Verkehr gezogen wird, für etwas, das für ihn natürlich ist“, während Noel S. mir„ ein gestörtes verhältnis zu Hunden“ unterstellt. Auch Brigitte J. ist nicht der Meinung, dass die Hunde weggehören: „Haben Sie schon einmal gefordert dass eine Stiege abgetragen werden soll, über die ein Kleinkind gestürzt ist?“ Christine F. allerdings fragt sich: „Warum hält man sich derartige Hunde? Damit sich die anderen fürchten und man damit mehr Stärke und Macht zeigen kann?“ Frau B.-K. ärgert sich ständig über unangeleinte Hunde: „Dann muß man sich blöde Sprüche wie: nehmens´ ihr Kind an die Leine, anhören.Iris R. hat selbst schlimme Erfahrungen mit Hunden: „Meine heute 5jährige Tochter wurde 2007 von einem ach so braven lieben Hund schwerst verletzt. Er hat ihr damals mehrmals die Oberlippe durchgebissen. Ich bin der Meinung, dass ein Biss eines Hundes ein Biss zuviel ist!“ Und Martina M. meint : „Der Vorfall spiegelt unsere Gesellschaft wieder, nämlich, dass ein Tier mehr zählt als Kinder.“ Danke. DasThema bleibt uns.
Kürzlich nach dem Hort-Elternabend: großes Gemurre. Es war wegen des Platzgeldes; jener ziemlich geschmalzene Betrag, den man trotzdem bezahlt, wenn das Kind vier Wochen in den Ferien ist. Nebenan, im Kindergarten, den fast alle der Hortkinder die letzten zwei, drei oder vier Jahre lang besuchten, ist jetzt alles gratis, auch die Ferien: Während wir für den Kindergarten pro Kind über die Jahre bis zu insgesamt 14.000 Euro ausgegeben haben. Wir fühlen uns ein bissl verhöhnt. Deshalb wird jetzt einmal ein wenig gejammert, denn: Wir sind die Bezahler-Generation. Wir sind diejenigen, die immer voll brennen. Die 30- bis 50jährigen, die jetzt Schul- oder studierende Kinder haben: Für uns gabs kein Geburtengeld mehr und kein Heiratsgeld; das wurde abgeschafft, kurz, bevor wir’s nutzen konnten. Wir, die Frauen vor allem, durften die Kinderbetreuung nicht absetzen, dafür bezahlen wir, anders als in anderen Ländern, unsere Verhütungsmittel komplett selber; dafür fühlt sich die Krankenkassa nicht zuständig. Wir bezahlen Länge mal Breite die Renten der jetzigen Pensionisten, haben aber keine Garantie, dass wir selber einmal Pensionen bekommen. Viele von uns bezahlten zwischendurch auch noch Studiengebühren für ihre Kinder. Wir müssen länger arbeiten. Wir zahlen hohe Steuern, hohe Zinsen, hohe Mieten, hohe Gebühren, hohe Selbstbehalte: für Schulbücher, für Schülerfreifahrten, für Arztbesuche, für Medikamente. Denn wenn eine öffentliche Institution wie die Krankenkassa Finanzprobleme hat, selbstverschuldet oder nicht: Wir zahlen die Rechnung. Immerhin: Wir müssen nicht mehr fürs Erben bezahlen. Und Fliegen ist billiger als früher. Aber sonst: zahlen wir.
Der Fahrradmechaniker ist der Meinung, ich brauche einen neuen Lenker. Wieso, mein Lenker ist tadellos, der passt mir genau, ich mag meinen Lenker. Jaja, sagt der Fahrradmechaniker, aber der Lenker ist, wie der Rest vom Rad, wenigstens zwanzig Jahre alt, und obwohl es ein gutes, stabiles Rad ist, Qualitätsarbeit aus dem Ländle, brauche ich, wenn es mich nicht demnächst auf die Pappn hauen soll, einen neuen Lenker. Der da könnte brechen. Na gut, bald. Und meine Güte, die Kette schaut wieder aus, seufzt der Mechaniker, du musst die Kette öfter ölen, die ist ja schon wieder total rostig. Ja, gut, gut, versprochen. Während der Mechaniker meine Kette ölt und dann die halbaufgelösten alten Griffe vom Lenker schneidet und mir neue hinaufmurkst, schaue ich mir die Helme an. Ob ich einen Helm will, fragt der Fahrradmechaniker, der auch ein Rad- und Zubehörhändler ist. Nein, eigentlich nicht. Die Vernunft sagt mir, ich sollte einen wollen, aber ein paar andere Dränge sind derzeit noch stärker. Es sieht einfach zu deppert aus; der Helm, mit dem man nicht deppert aussieht, ist noch nicht erfunden. Natürlich ist es noch depperter, auf derlei Wert zu legen, trotzdem. Und, so sieht das auch der Mechaniker, das Lässige am Fahrrad ist doch seine Einfachheit, die Eleganz des Simplen. Man steigt auf und fährt los. Man springt runter und ist da. Kein Stauen, kein Treibstoff, keine Parkplatzsuche. Keine teuren Reparaturen. (Und kein Stöckelschuh-Fußweh.) Alles was die Sache auch nur minimal verkompliziert, stört, passt irgendwie nicht dazu; selbst wenn es etwas so Vernünftiges ist, wie seinen Blutzer zu schützen. Fünf Euro, sagt der Fahrradmechaniker. Danke, sage ich, und wegen demLenker komme ich dann.
Der Plan wäre jetzt, ein bisschen fiktionale Distanz zwischen diese Kolumne und meine Wirklichkeit zu legen. Es wird auf die Dauer langweilig, wenn es jedes Mal, wenn ich was erzählen will, heißt: Weiß ich schon, hab ich schon gelesen. Plus werde ich immer harmoniesüchtiger und sehe nicht mehr so gern die hochgezogenen Augenbrauen von Leuten, die nicht darum gebeten haben, ihre privaten Angelegenheiten im gleißenden Licht der Öffentlichkeit wiederzufinden.
Vielleicht sollte ich es machen wie Rubinowitz, der es macht wie Lottmann und ein paar reale Personen in ein paar fiktive Situationen schicken, aber ich glaube, ich mag Lottmann nicht. Also jetzt als Schriftsteller, privat kenne ich ihn ja nicht, obwohl es natürlich ein erster Schritt wäre, hier zu behaupten, ich sei letztes Jahr mit Lottmann und Rubinowitz aus dem Meinl am Graben geworfen worden und mit lebenslangem Hausverbot belegt worden, weil Lottmann und Rubinowitz sich dort in meinem Beisein einen Faustkampf mit Spucken und Tellerwerfen geliefert hätten. Und ich hätte einmal mit Lottmann in Darmstadt Rainald Goetz getroffen und wir hätten im Landgraf Ludwig VIII ein Hirschragout zurückgehen lassen, bevor wir im Nachtcafé-Club gemeinsam die Glieder schüttelten. Wäre aber eben ein peinlicher Abklatsch und überdies ein Schritt in die falsche Richtung; da will ich nicht hin, dort gefällt es mir nicht.
Und vielleicht kann ich ja überhaupt nur Wirklichkeit, vielleicht ist mir das Talent der Dichtung gar nicht gegeben. Aus der Wirklichkeit der letzten Woche, als ich auf einer Hochzeit beschimpft wurde, wäre noch etwas nachzureichen: Denn den Kerl hätte ich, so erklärten Braut wie Bräutigam hinterher, ruhig tüchtig zurück beschimpfen, ja von ihnen aus gerne auch mit der einen oder anderen Tätlichkeit bedenken dürfen; offenbar hätte es keinen Falschen getroffen. Und ich war wohl auch bereits der fünfte oder sechste Hochzeitsgast, der sich über den Herrn beschwert hatte. Hätte ich gern gemacht; zu spät. Aber ich habe ja regelmäßig im rhiz Gelegenheit, Gäste zu beschimpfen, die meinem Musikgeschmack erstens reserviert gegenüberstehen und das zweitens nicht für sich behalten können. Der Lange ebenfalls: Wobei ich mich frage, wie der auflegt, wenn ich nicht dabei bin, weil ich ihm letztes Mal von jeder zweiten CD die Titel vorlesen musste. „Now I’m a Fool“, welcher Track ist das? Sechs, Schatz. Zu kleine Schrift. Daran denkt die Musikindustrie wieder nicht, dass zahllose Djs bereits fortgeschrittenes Alter erreicht haben und ihre Arbeit in den Clubs und Underground-Lokalen ungern mit einer Lesebrille verrichten. Und, jajaja, ich WEISS, dass ich dir das schon einmal erzählt habe.
Doris Knecht liest am Do, 17.9., 20 Uhr, im Rahmen der unik.at-Vernissage in der Gartenvilla Albertgasse 33, 1080 Wien und legt am So, 20.9. im rhiz auf, live: Glen Meadmore
Das haben wir ja gleich gesagt. Das roch doch schon vor Wochen komisch. Und zwei Stunden vor der endgültigen Absage des Jackson-Tribute-Konzerts hat sich dann auch die Stadt Wien aus der Sache zurückgezogen, aber: zu spät. Den Scherben haben die Gemeinde, die Wiener SPÖ und Finanzstadträtin Renate „Wonderful, wonderful, wonderful“ Brauner jetzt auf, und zwar zu Recht.
Denn das war sehr unprofessionell. Jede Kindertheater-Gruppe muss für 1500 Euro Subvention konkretere inhaltliche Konzepte vorlegen, als das, wofür die Gemeinde Wien hier zickezacke bereit war, die Westeinfahrt zu sperren und 600.000 Euro auf den Tisch zu legen. Der Schaden, den sie sich hier selbst zugefügt hat, lässt sich auch mit dem Rückzug um fünf vor zwölf und der daraus resultierenden Absage nicht so leicht reparieren. Denn auch wenn die Jackson-Fans das Geld für die teuren Tickets – gewiss nicht ohne Umstände – jetzt retourniert bekommen: Es bleibt eine Enttäuschung und ein Vertrauensbruch.
Weil wenn sich eine verantwortungsbewusste Kommune mit soviel Geld hinter eine Veranstaltung stellt, dann sollte man sich ja wohl darauf verlassen können, dass das auch was wird.
Da hat man sich aber getäuscht. Anstatt (wie die anderen Jacksons) zu fragen, was Jacko mit Wien zu tun hatte und umgekehrt, und wie lange im Voraus internationale Superstars üblicherweise gebucht werden, wollte die Wiener SPÖ auch ein bissl Kapital aus der weltweiten Trauer um den King of Pop schlagen: Man erhoffte sich von von dem vermeintlichen Welt-Ereignis ein wenig glamourösen Image-Transfer für den Wien-Wahlkampf. Und hat deshalb dem Gaul, der von weitem wie ein rassiges Rennpferd aussah, nicht so genau ins Maul geschaut.
Die Hunde dürfen bleiben: Das entschied die Bezirkshauptmannschaft Lilienfeld, nachdem drei Pitbull-Terrier letzte Woche eine Dreijährige fast totgebissen hatten: Die Hunde rissen dem Kind ein Ohr ab und verletzten es so schwer, dass es noch immer im Krankenhaus liegt.
Die Mutter des Kindes und der Sohn der Hundebesitzerin, die insgesamt fünf Kampfhunde hält, wurden wegen Körperverletzung und Vernachlässigung der Aufsichtspflicht angezeigt. Die Hundebesitzerin und ihre Hunde aber bleiben unbehelligt. Die Frau sei ja, argumentiert die Bezirkshauptmannschaft nach einem Lokalaugenschein, während des Angriffs gar nicht zuhause gewesen, und die Hunde würden gut versorgt. Ja, prima, dann ist ja alles bestens.
Entschuldigen schon, aber sollte es hier nicht in allererster Linie darum gehen, wie gefährlich diese Hunde sind, anstatt darum, wie gut es ihnen geht? Und schließt „gute Vorsorgung“ gute Erziehung nicht ein?: Drei dieser Hunde haben eben eine Dreijährige angefallen, weil sie stolperte. Ist es nicht wesentlich relevanter, dass diese Hunde so schlecht erzogen sind, dass sie auf Kleinkinder losgehen? Offenbar wusste die Bezirkshauptmannschaft auch erst aus der KURIER-Geschichte, dass diese Frau mehr als drei, nämlich fünf Kampfhunde hält. Sollte das nicht bekannt sein? Vor allem, weil das offenbar nicht der erste Vorfall mit diesen Hunden war.
Beschimpfen Sie mich ruhig wie üblich als herz-lose Hunde-Hasserin, aber: Ein Hundebesitzer, der seine Hunde so miserabel erzieht, dass sie grundlos Kleinkinder anfallen, hat als Hundehalter vollkommen versagt. Und ein Hund, der ein kleines Kind zerfleischt, gehört auf der Stelle eingeschläfert.
Die Frage „Freust du dich schon auf die Schule?“ wurde vergangene Woche mit vielen inbrünstigen JAs beantwortet. Vor allem von Müttern. Und Vätern. Ich selbst zählte am Sonntag, als ich dazu wieder in der Lage war, die Stunden bis Montag um neun, wenn sich zur Abwechslung wieder einmal andere Menschen als ich um meine Kinder kümmern würden. Am Sonntag nachmittag war ich, dank neun Wochen Ferien und Pias Hochzeitsfest nachts zuvor, so fertig, dass ich die Kinder mit einer Schachtel Schwedenbomben vor den Fernseher setzte, normal ein absolutes no-no.
Aber der Lange und ich hatten bei Pias Hochzeit aufgelegt, normal auch ein absolutes no-no. Vor allem Hochzeiten von Freunden. Die sollen ja einen glücklichen Abend haben, was den DJ relativ oft über den Rand der Erniedrigung führt, weil volle Tanzfläche, gelungener Abend. Aber auch verschiedene Geschmäcker. Plus gibt es auf jeder Hochzeit dieses Paar, das fantastisch tanzt, Walzer, Tango, Two-Step, Dingsbums, was weiß ich, die schweben über die Tanzfläche und strahlen sich an, und die wollen das dann den ganzen Abend so beibehalten. Und wenn du einmal etwas spielst, bei dem esnicht mit wehenden Kleidern übers Parkett fliegen kann, wirft das Paar verletzte Blicke gegen das DJ-Pult und wünscht sich deutlich sichtbar einen ganz anderen Sound. Und wenn man normal, sagen wir im rhiz, auflegt, ist der Hinweis, dass in diesem Moment in in dieser Stadt in sicher tausend Lokalen genau jetzt genau solche Drecksmusik läuft, schnell bei der Hand, was du bei einer Hochzeit natürlich nicht bringen kannst. Du spielst, was gewünscht wird. Du willst, dass das Brautpaar glücklich ist.
Was zuerst einmal schief ging, denn Pia hatte sich als ersten Tanz einen Walzer gewünscht, und ausdrücklich gesagt, es sei einerlei, welche Sorte Walzer, es müsse nichts Traditionelles sein, sie wolle nur einmal mit dem neuen Herrn Pia walzen. Also hatte ich lange gewühlt und spielte dann „When a Man Loves A Women“, in der fantastischen Version von der wunderbaren, toten Karen Dalton, und sie tanzten sehr schön und am Ende des Stücks kam eine Frau und fragte, und was jetzt mit dem Walzer sei. Hallo? Einszweidreieinszweidrei? Walzer?
Aber das mit der vollen Tanzfläche wurde dann schon, ich sage nur Barry White, und bei „You're the First, my last, my everything“ zeigte dann die alte Posse, dass wir auch tanzen können, halt anders, und das schöne Paar floh mit allen Anzeichen von Panik. Und später wurde ich nur ein bisschen von einem weißhaarigen Herrn wegen schlechten DJings übel beschimpft (ich, nicht der Lange; bei großen Männern trauen sie sich das nicht), der war vor fünfzig Jahren auch einmal DJ und ist wahrscheinlich ein super Kollege, wenn er nüchtern ist. Es war ein sehr schönes Fest, lustige Leute, guter Wein und Pias Kleid war meine Herren, aber Hochzeiten mache ich trotzdem nicht mehr.
Wieder einmal eine ÖBB-Geschichte, und diesmal eine mit Ganslhaut-Faktor; passen Sie auf. Herr S., sah sich nämlich, wie so viele Bahnkunden, gezwungen, einen Brief an den ÖBB Kundendienst zu schreiben.Und zwar deshalb: An einem Freitag Nachmittag bestieg Herr S. am Südbahnhof am Bahnsteig 14 einen Waggon des EC 159. Herr S. ist 79 Jahre alt, und wie viele ältere Herrschaften ist er lieber zu früh am Bahnhof, im konkreten Fall: eine Stunde zu früh. Der Waggon, den er bestieg, wurde gerade von einem Putztrupp gereinigt. Das wunderte Herr S. schon ein wenig, und er wunderte sich noch viel stärker, als die Garnitur, in der er saß, sich unversehens bewegte: Sie wurde geschoben, und zwar weit vom Bahnsteig 14 weg, auf ein Abstellgleis. Und dort gneißte Herr S. kurz vor der Abfahrtszeit endlich, dass er im falschen Zug saß. Also im falschen Waggon, nämlich in einem, der erst am nächsten Tag wieder eingesetzt werden würde. Der alte Herr war auch den beiden Mitarbeitern des Reinigungstrupps aufgefallen, die den Waggon gerade saubermachten, und sie sahen auch: Der Mann hat ein Problem. Und was taten sie? Herr S. schildert es in seinem Brief so: „Sie halfen mir (hoben mich!) aus dem Waggon und geleiteten mich (trugen mich!) alle Vorsicht beachtend über die vielen Geleise zum Bahnsteig 14 des Südbahnhofs“, wo der richtige EC 159 gerade abfahren wollte. Mit dem Handy riefen die beiden Herren die Zugbegleiterin des Zuges an, und die sorgte tatsächlich dafür, dass der Zug noch den Augenblick am Bahnhof wartete, den alte Herr brauchte, um sicher einzusteigen. So kann’s einem auch gehen mit der ÖBB. Gansl-haut, ich sagte es doch.
Der „Faust“ also. Gestern war Hartmann-Premiere im Burgtheater: Mit dem Stück über den einflussreichen, alten Gelehrten, der auf einmal feststellt, dass er überm Studieren greis geworden ist, die Juhu-Abteilung des Lebens übersehen hat und jetzt darin keinen Sinn mehr erkennt. Da möcht er sich entleiben. Mephistopheles macht ihn wieder jung. Worauf er ein unschuldiges Mädchen mit Hilfe von Gold und Edelstein erst zu seiner Geliebten und dann unglücklich macht, was ihm aber, da er auf dem Blocksberg von geilen Hexen abgelenkt ist, zu spät auffällt. Goethes Stück ist so aktuell, dass man es jeden Tag im Fernsehen sehen und in den Zeitungen lesen kann; bei Heinzl, in den „Seitenblicken“, auf den Gesellschaftsseiten. Die Fäuste von heute heißen Briatore, Bohlen und Berlusconi, Lugner, Gibson, Wood, Rourke und Hefner, wohlhabende Männer mit Macht und/oder einem ansehnlichen Lebenswerk, was ihnen das Altern aber offenbar nicht erleichtert. Die Mephistos, die sie wieder jung machen, sind keine Teufel, sondern Schönheitschirurgen, Haar-Transplanteure, Personal Trainer, Pharma-Hersteller und Sportwagenhändler, die die Fäuste fit machen für die Walpurgisnächte in Discotheken, Golf-Ressorts und Privat-Clubs. Nur eins hat sich seit Goethe definitiv geändert: Die jungen Greteln haben ihre Unschuld längst verloren und sind nicht mehr so leicht herumzukriegen. Und wenn doch, dann wissen die Noemis, Ekaterinas, Hollys, Carinas und Bambis ganz genau, was sie tun und wie sie davon profitieren. Was lernen wir also vom „Faust“? Die jungen Frauen sind gescheiter geworden; die alten Männer nicht. Aber das ist jetzt vermutlich etwas zu kurz gegriffen.
Was es noch gab, diesen Sommer: keinen Fernseher. Hier, wo wir die Ferien verbracht haben, gibt es keinen und auch nach neun Wochen totaler TVlosigkeit verspürt keiner den Wunsch, dass es einen geben sollte. Na gut, die Oma. Ich glaube, die Oma scheut diesen abseitigen Ort ein wenig, sie war einmal ein paar Tage da, besucht uns aber lieber in Wien, wo es Geschäfte gibt, Öffis, keine Spinnen und einen Fernseher, vor dem sie abends einschlafen kann. Und der ihr hier das Gefühl gäbe, nicht ganz aus der Welt zu sein. Den Kinder, die auch am Wiener Fernsehgerät (bis auf Ausnahmen wie, ähm, „Dancing Stars“) nicht fernsehen, sondern ab und zu Filme und Serien auf DVD sehen dürfen, fehlte er auch nicht: Allerdings wurde ich zugegebenermaßen bei anhaltendem Regenwetter gezwungen, meinen Laptop zu entfremden und mit Kinder-DVDs zu füttern. Reicht auch. Geht eh. Geht auch nachts, wenn die Kinder schlafen und die Großen sich hin und wieder via DVD staffelweise die großartigen der amerikanischen TV-Serien einsaugen, „The Wire“, „Curb Your Enthusiasm“, „West Wing“ oder „Deadwood“ die der ORF hartnäckig ignoriert und in denen man, da hat Daniel Kehlmann vollkommen recht, meistens sehr viel mehr vom Leben sieht und spürt als im Theater. Wer braucht bitte zum abertausendsten Mal den „Faust“? Jaja, sollen derartige Wiederundwieder-Inszenierungen freuen, wen mag; jeder nach seinem Geschmack. Aber schauen Sie sich einmal „The Wire“ an: ganz großes Drama, realistisch, zeitgemäß, präzise und kollossal spannend. Trotzdem: Wieder ein bisschen ganz normales Durchschnittsfernsehen an Herbstabenden... Darauf freue ich mich jetzt auch.
Am Samstag wurde an dieser Stelle der SPÖ-Vorstoß begrüßt, Asylwerbern den Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Es gab ein paar Leserbriefe, die dem zustimmten, ein paar, die das verantwortungslos oder huschi fanden und einen, auf den ich hier näher eingehen möchte. An und für sich eh kein schlechter Kommentar, schrieb Frau I.-T., bis auf den Umstand, dass ich ihn mit einem einzigen Satz zerstört hätte. Denn ich behauptete, dass Menschen, die man zur Untätigkeit verdamme, eventuell auf „dumme Ideen“ kämen, zum Beispiel sich die Zeit mit häuslicher Gewalt zu vertreiben. Und das sei nun, meint Frau I.-T., Vorstandsfrau eines österreichischen Frauenhauses, erstens völlig falsch, zweitens in seiner Falschheit auch noch verharmlosend. Und was soll ich sagen, sie hat Recht. Denn, so Frau I.-T., zig Studien weisen nach, dass es keinen kausalen Zusammenhang zwischen harten Lebensbedingungen und Gewalt gegen Frauen gibt. Weder Alkohol, noch Arbeitslosigkeit seien die Ursache dafür, dass Männer ihre Frauen und Kinder schlagen, „sie können“, schreibt Frau I.-T., „vorhandenes Gewaltpotential verschärfen, ja: aber Auslöser sind sie nicht.“ Diese Männer hätten die Grundeinstellung, dass es in Ordnung sei, Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung einzusetzen. Im Prinzip: patriarchale Verhaltensmuster. Und: Viele Asylwerberinnen kämen genau aus solchen partriarchalischen Gesellschaften, in denen die Gesetze die Untaten der Männer auch noch legitimieren. So ist es. Und mit einer „dummen Idee“ hat Gewalt gegen Frauen und Kinder, wie Frau I.-T. richtig kritisiert, nichts zu tun. Sagen wir so: Das war dumm.
Anderswo mag eine muhende Kuh als Sinnbild ländlicher Idylle gelten, hier tut sie einem leid. Die Kuh steht mit 30 oder 40 anderen in einem sogenannten Freilaufstall. Den hat die EU den Bauern aus Gründen des Tierschutzes verordnet. Der Stall gehört dem Nachbarbauern, und die Kuh kann dort so ein bisschen herumspazieren. Das könnte sie auch auf einer der unzähligen Wiesen, die dem Bauern rund ums Dorf herum gehören, aber der Bauer fährt lieber mit einem seiner sechs Traktoren auf die Wiesen, mäht das Gras und bringt es der Kuh in den Stall. Bitte, ich bin kein Bauer und will auch keiner sein, aber das kommt mir ein wenig schwachsinnig vor. Plus es führt dazu, dass die Kuh ihr Leben lang nie ein Stück Grün oder Himmel sieht, sondern ihre gesamte Existenz in dem kuhfreundlichen EU-Freilaufstall mit Betonboden verbringt, aus dem ihr Muhen erbarmungswürdig durch das ganze Dorf hallt. Und zwar ab sechs Uhr früh. Die armen Viecher. Die Kühe von dem anderen Bauer vis a vis grasen friedlich auf der Wiese oberhalb von seinem Hof, weshalb der Bauer hier in der Gegend als kauziger Spinner gilt. Das macht hier sonst keiner. Hier siehst du praktisch nie und nirgendwo eine Kuh. Du hörst sie nur.
Nicht mehr lange, wir fahren bald in die Stadt. Es ist Zeit. Ich habe unstillbare Bedürfnisse nach schlechter Luft, Autolärm, Sushi, Schuhen (im Sinne von: Schuhen, die diese Bezeichnung verdienen), speckfreier Kost, meinem Friseur, einem erfolgreichen Shoppingerlebnis, urbanem Halligalli in zwielichtigen Tränken, honigbrotfreien Mittagspausen und einem klimatisierten, Kinder- und Langenlosen Büro. Wir haben uns jetzt neun Wochen am Stück auf einer 24/7-Basis ausgehalten, es war erstaunlich friedlich, und es langt jetzt. Ich will jetzt wieder egoistisch sein, autonom und Marmeladefleckenfrei, mindestens acht Stunden am Tag, dankeschön. Und es ist jetzt auch genug idyllische Natur und Gemuhe und Viecher aller Art: obwohl, die Kinder haben gerade das Angeln entdeckt. Die Pollaks waren da, und der Pollak fuhr mit seinen Buben und den Mimis an den Fischteich, Abendessen fangen. Wir waren ein wenig besorgt, wie die Kinder das Fischeerschlagen wegstecken würden, und als sie zurückkamen, zeigte sich auch tatsächlich eine gewisse Blässe, und zwar um die Nase vom Pollak, dem das überhaupt nicht taugt. Die Kinder dagegen hielten stolz und völlig untraumatisiert ihre selbstgekillten Forellen in die Höh, grillten sie am Feuer, verspeisten sie gewissenlos und schliefen danach gut und tief. Aha. Interessant. Der Lange versucht auch etwas zu fangen, nämlich die Maulwürfe, die unsere Wiese umgraben, wird aber täglich von neuen Haufen ausgelacht. Das macht ihn aggressiv. Und drüben muht noch immer erbarmungwürdig diese Kuh. Und irgendwo kräht jetzt auch noch ein Hahn. Aus, fertig, packts eure Sachen, Kinder, wir fahren in die Stadt.
Fangen wir einmal mit denjenigen der neuen Straßenverkehrsregeln an, die, so vom Zebrastreifen aus betrachtet, nicht ganz stimmig wirken. Erstens: die Strafen fürs Schnellfahren. Wer 30 Stundenkilometer zu schnell erwischt wird, zahlt künftig mindestes 70 Euro Strafe. Dabei ist es egal, ob man im Ortsgebiet oder auf der Autobahn erwischt wird. Und genau das wirkt ein bisschen unverhältnismäßig, weil zwischen einem Auto, das 160 km/h auf der Autobahn rast und einem, das mit 80 km/h durch eine Ortschaft kracht, in der Kinder und alte Leute die Straße überqueren, ein deutlich fühlbarer Unterschied besteht. Der wird dann ab der nächsten Straf-Stufe von 150 Euro evident, die der Gesetzgeber ab 40 km/h innerorts und ab 50 km/h außerorts verrechnet. Zweitens: Wer mit 1,6 Promille im Blut beim Fahren erwischt wird, muss seinen Führerschein künftig ein halbes Jahr statt vier Monate abgeben. Ein halbes Jahr? Auf 1,6 Promille komme ich circa, wenn ich innerhalb von zwei Stunden sieben Krügel Bier oder acht Achterl Wein trinke und dann sofort ins Auto steige und losfahre. Dafür kommt mir ein halbes Jahr Führerscheinentzug fast ein bissl wenig vor. Aber wie die meisten Autofahrer verfüge ich ja „über keine juristische Ausbildung, und es ist fraglich“, ob ich „die strafrechtliche Tragweite“ meiner „Handlungen einzuschätzen“ vermag (ganz besonders nach neun Bier): Man kann diese Begründung für die Einstellung des Verfahrens gegen Ortstafel-Verrücker Dörfler gar nicht oft genug aus dem Zusammenhang reißen. Denn wenn das Justizministerium sich und die Verfügungen seiner Mitarbeiter ernst nimmt, wird es sowieso nicht viele Verkehrsstrafverfahren geben.
Leserin W. war allein mit ihrem siebenjährigen Sohn im Laaerbergbad. Am Ende des Bade-Tages nahm sie ihn mit in den Umkleideraum und war grob erstaunt, als eine Bad-Mitarbeiterinihr erklärte, der Bub habe hier nichts verloren. Frau W. fragte, wie das gemeint sei. Die Frau sagte, der Bub müsse in den Herren-Umkleidebereich. Frau W. fragte, ob sie den Siebenjährigen ernsthaft mit einem eigenen Kästchenschlüssel (samt vierstelligem Code) allein zu den Männern schicken solle? So verlange es die Badeordnung, sagte die Frau, und jedenfalls müsse er hier raus. Raus: das bedeutet im Laaerbergbad die unmittelbare Nähe zum Schwimmbereich. Frau W. tat dennoch wohl oder übel wie geheißen, bat den Sohn, draußen zu warten und zog sich dann so schnell wie möglich um. Beim Hinausgehen wies sie die Dame noch darauf hin, dass sie als Mutter eine Aufsichtspflicht für ihr Kind habe, was sie eigentlich vordringlicher erscheine, als die Damen in der Umkleide vor den lüsternen Blicken eines Siebenjährigen zu schützen. Badeordnung, sagte die Frau. Die las Frau W. dann ganz genau und fand dort auch folgenden Passus: „Unsere MitarbeiterInnen sind stets bemüht, unseren Badegästen freundlich und hilfsbereit gegenüberzutreten.“ Aha. Die Kinderregel gehört aber geändert. Apropos: Auf die „Kinder-an-die-Leine“-Kolumne gab es zahlreiche Reaktionen. Die meisten von Eltern, denen ähnliches passiert war; eine von einer Hundebesitzerin, die mein fehlendes Verständnis für Tiere beklagte. Dennoch, sie selbst nehme ihren Hund immer an die Leine, bevorzuge aber den Ausdruck „Band der Liebe und des Schutzes“. Passt, Hundebesitzerinnen und -besitzer, nennen Sie es wie Sie belieben: Hauptsache, Ihre Hunde hängen daran.