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Doris Knecht
der doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
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29.11.09

Freiwilligkeit greift hier nicht

| Comments (0) | 11/09 | Kurier-Kolumne

Menschen, die es besser wissen, haben mich davon überzeugt, dass es Unsinn ist, einzelne Hunderassen zu verbieten: Einerseits, weil die Mischlingsproblematik eine solche Verordnung undurchführbar macht. Andererseits kann  auch ein Dackel bei falscher Haltung ein bissiges Tier werden.
Genau da soll der Antrag für eine Novelle des  Wiener Tierhaltegesetzes ansetzen, der vorgestern den Gemeinderat passierte:bei den Hundehalterinnen und -haltern.
Die Wiener Grünen haben den Antrag eingebracht, um so schreckliche Unfälle mit Hunden wie jenen, bei dem kürzlich ein einjähriges Mädchen starb, künftig zu verhindern. Im Moment gibt es dafür mit einem rein freiwilligen Hundeführerschein freilich keine Basis.
Vorgeschlagen wird ein mehrstufiges Verfahren für HundehalterInnen. Zuerst sollen alle, die einen Hund  halten wollen, einen kurzen Hundehaltungskurs absolvieren müssen. Dann sollen HundehalterInnen, die bereits wegen Gewalt oder gefährlicher Drohung straffällig geworden sind, eine psychologische Eignungsprüfung absolvieren müssen, nach welcher „die Haltung eines Hundes gegebenenfalls untersagt“ werden kann. Schließlich soll Besitzern und Besitzerinnen von Hunden, die  aggressives Verhalten zeigten, zwingend ein Hundeführerschein vorgeschrieben werden.
Der Vorschlag scheint mir weitgehend vernünftig, nur in zwei Punkten wünscht man ihn sich konsequenter. Eine Züchterin von Schäferhunden schrieb mir einmal, wenn einer ihrer Hunde nach einem Kind auch nur schnappe, lasse sie ihn sofort einschläfern: erstens das. Zweitens sollte auch der Verstoß gegen Leinen- und Beißkorbpflicht  zur Hundeführerschein-Absolvierungspflicht führen. Aber sonst: Her mit diesem Gesetz.
27.11.09

Jetzt fängt es an

| Comments (0) | 11/09 | Kurier-Kolumne

Gestern fing – auch wenn die Sonne, die eben durch das offene Fenster auf mein Antlitz und meinen Bildschirm brennt, das Gegenteil behauptet – gestern  also fing Weihnachten an. Offiziell; also bei uns daheim
Der Adventkranz wurde im Hort unter völlig tatenlosem Beisein der Kinder („nein, mach du“) produziert: Das übliche ringförmige Strauchwerk, die Deko heuer in orange (das Jungvolk hat es angeordnet).
Die ersten Geschenke wurden mit der Post geliefert und im Dachboden versteckt. Die Wände der Wohnung sind eh schon längst vollgepickt mit gezeichneten und ortografisch originellen Wunschzetteln voller teils unerfüllbarer, teils bizarrer Wünsche. („Ein Torwartleibal. Ein Gemboi Schbil.“ „Ich wünche mir ein eigenes Zimer, das ist mein gröster Wunsch. Und Krücken.“) Auch gestern wurden die neuesten Eintragungen von den Erziehungsberechtigten mit de Worten kommentiert, man werde dem Christkind die aktuellen Änderungen übermitteln, garantiere aber für nichts; Was auch gestern mit genervtem Gebrüll bestraft wurde: „Jetzt kapiert das doch endlich! Es gibt kein Christkind! IHR müssts das kaufen!“ Ach so. Und das Leiberl soll, warte mal, rosa sein, oder?“ „Grün, Mama, GRÜN, ich hab dir das schon TAUSEND Mal gesagt! Das! Ist! Nicht Lustig!“  (Ist es doch, und eine  der preiswertesten Freuden des Advents: den Nachwuchs auf die Palme zu treiben, äh, den Baum.)
Und weil gestern offiziell Weihnachten anfing, wagte ich es erstmals, in Bob Dylans  Weihnachtsalbum hineinzuhören, und Allmächtiger, ich hatte ja keine Ahnung. Und es wäre mir  viel lieber, ich hätte sie auch weiterhin nicht. Gestern fing Weihnachten an, schön; aber wenn ich es nicht hören muss, ist es total ok.



26.11.09

Es mischt sich wieder

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Eine Zeitlang war es eher trist am Brunnenmarkt. Nein, nicht trist, es  wurde bloß immer einheitlicher. Eh gabs immer schon tolle Orte wie den Käsewagen mit der fantastischen Auswahl. Das Kent. Die beste Holzofenbäckerei im Umkreis von drei Bezirken, mit fantastischen Öffnungszeiten. Der Fisch-Mann. Den  Staud und das Café International.
Aber: Die Bank sperrte zu: ein türkischer Haushaltsladen kam hinein. Eine Fleischerei machte zu: ein Wettcafe kam hinein. Der Bäcker machte zu: ein türkischer Laden kam hinein. Der Sauerkrautladen sperrte zu: ein türkisches Geschäft kam hinein. Der nächste Fleischer ging in Pension und keine der drei Töchter wollte übernehmen: ein türkischer Fleischer kam hinein.
Es gab viele  günstige, aber wenige für Mittelstandsfamilien attrakive Wohnungen. Häuser verfielen. Am Markt gab es praktisch nur  Standard-Grünzeug, und selbst das wurde zusehendes von Textilramsch made in China ersetzt. Es zeigte alles in Richtung Ausländerghetto, mit einer Handvoll Multikulti-Bobos dazwischen.
Dann griff die Gemeinde Wien mit einem mächtigen und langfristig extrem effizienten Instrument ein, und das nennt sich Stadtentwicklung. Der Markt wurde autofrei und Stück für Stück an Strom und Kanalisation  angeschlossen, es wurden Häuser und Wohnungen saniert, Kultur gefördert.
Die Köchin Denise Amann mit dem Noi und die italienische Feinkostbar La Salvia trauten sich an den Yppenplatz und andere zogen nach. Mittlerweile gibt es längst nicht mehr nur das Kent und andere türkische Gasthäuser, sondern ein lässiges Lokal nach dem anderen. Familien ziehen zu, auch österreichische. Es mischt sich wieder. Und es lebt sich gut am Brunnenmarkt,sehr gut.
25.11.09

Was sind denn bitte das für Leute?

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Das passiert, wenn man sich nicht an die eigenen Regeln hält. Aktuell diese: Nie die Kinder mit ins Restaurant nehmen. Was auch hier wiederholt in missionarischer Absicht postuliert wurde. Am Samstag verstießen der Lange und ich dagegen und gingen mit ihnen  – aus!nahms!wei!se! Und nur weil ihr euch immer beschwert, dass wir euch abends nie mitnehmen! - zum ersten Mal seit zwei Jahren oder so abends ins Restaurant.

Der Tisch war auf sieben reserviert. Um zehn nach sieben bettete eins der Mimis – das eine, das man sonst nur unter Einsatz schwerster, mit der Menschenrechtskonvention nicht konformen Drohungen gegen halb neun oder neun ins Bett bekommt – sein schweres Haupt auf selbigen und flüsterte matt, es sei entsetzlich müde und würde gern nach Hause und zu Bett gebracht werden. Hallo?! Geht’s noch? Um viertel nach sieben fragte das andere, ob wir sie eigentlich in böser Absicht mit in ein Restaurant nahmerten, in dem es für ein Kind absolut nichts zu essen gibt? Um zwanzig nach sieben hatten wir uns mühsam auf Nudeln mit Tomaten und auf Ravioli mit nichts geeinigt. Um fünf vor halb acht fragten sie, ob es für uns ok wäre, wenn sich die Schuhe auszögen und sich zum Schlafen auf die Bank legten. Nein! Ist es nicht! Um eins nach halb acht zwang ich ihnen die Nintendos auf, die ich eigentlich nur als allerletztes Notprogramm eingepackt hatte und dann saßen sie uns mit abgewandeten Blick gegenüber und ließen ihre Daumen sprechen.

Dafür warfen uns Leute am Nebentisch genau die Blicke zu, die wir Leuten wie uns früher vom Nebentisch aus zugeworfen haben: Was sind denn das für welche, die ihre armen Kinder abends mit in ein Restaurant zwingen und sie dann deppert Nintendo spielen lassen? Nie was von Babysittern gehört?

Zweiter Fehler: Dazu auch noch technisch anspruchsvolles Essen bestellen, mit dem man dann nicht weiß wie umgehen. Ist das die Art Artischocke, die man Blatt für Blatt auszuzelt oder isst man die mit Messer und Gabel? Dieser Stiel: Ist der Deko oder essbar, und blamiere ich mich mehr, wenn ich ihn esse oder wenn ich ihn nicht esse? Ich aß ihn nicht und blamierte mich mehr, denn der war natürlich, wie ich beim abservieren lernte, das Beste an der Sache. Selbstverständlich aßen die Leute am Nebentisch ihre Artischocke mit bravouröser Eleganz und in der richtigen Reihenfolge und es rutschte ihnen auch nicht das Besteck zweimal in die Buttersoße. Ja, danke. Noch ein Fass Wien bitte. Und der Wildschweinbraten war fantastisch, aber ich kann nicht mehr. Die Mimis hatten derweil ihre Jacken angezogen und warf uns von unter den Kapuzen stabil vorwurfsvolle Blicke zu.

Um neun waren wir draußen. Und sollte ich es wieder vergessen, erinnert mich bitte daran, dass wird die Kinder erst wieder mit ins Restaurant nehmen, wenn sie uns einladen. Und das wird teuer, ich schwöre bei Gott.

 

25.11.09

Unglaublich: Die rufen zurück!

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Einerseits hat Frau R. letzte Woche wegen der Bahn einen Opernbesuch in Wien verpasst. Und wurde dafür in Wels, wo sie nach einem verspätungsbedingten Anschluss-Versäumnis wie immer völlig desinformiert wartete, auch noch von einem Schaffner ausgelacht: Haha, der Zug, der sie noch rechtzeitig nach Wien hätte bringen können, sei gerade an ihr vorbeigerauscht. Andererseits ist die Odyssee der O.s endlich vorbei: die waren im August mit zwei kleinen Kindern und der Bahn nach Rumänien und zurück gereist; erinnern Sie sich? Am Rückweg hatte man sie an der ungarischen Grenze aus dem Zug werfen wollen, weil ein ÖBB-Mitarbeiter beim Buchen Mist gebaut hatte. Beherzte ÖBB-Schaffner hatten das verhindert, und so hatte der Zug Wien mit fast vierstündiger Verspätung erreicht. Seither hat Herr O. versucht, die ihm dafür zustehende Entschädigung zu erhalten. Und 12 Wochen später bekam er sie. Wenn auch nicht von selber, und das nun wird vielleicht Leserin R. interessieren. Bernhard O. fand nämlich nach unzähligen ergebnislosen Telefonaten mit diversen ÖBB-Stellen eine Behörde, die für das Recht der ÖBB-Kunden kämpft. Nämlich die Schienen Controll Gesellschaft, eine Schlichtungsstelle, die bei Kunden-Problemen mit der ÖBB eingreift und vermittelt. Und zwar so, dass man, wenn man dort anruft oder mailt, von freundlichen Menschen, die sich kümmern, zurückgerufen wird. ZU-RÜCK-GE-RU-FEN, bitte!!! Die Telefonnummer dieser außerordentlichen Behörde lautet 01 5050707/40, und sie hat auch eine Website (www.scg.gv.at) sowie eine Mailadresse: office@scg.gv.at. Und die werden, das traue ich mich wetten, viele von der ÖBB bis aufs Blut gereizte Leserinnen und Leser gerne nutzen. Eben.
24.11.09

Da ist kein Vorwurf zu machen

| Comments (0) | 11/09 | Kurier-Kolumne

Wir würden nicht noch einmal davon anfangen, wenn es nicht die Staatsanwaltschaft Klagenfurt taterte. Und wenn es sich nicht gerade so harmonisch in den Themenkomplex „Das Recht muss für alle gelten“ fügerte, der ja im Arigona-Kontext heftig und überwiegend zu Lasten der Zogajs bemüht wurde.
Die Staatsanwaltschaft Klagenfurt zeigt, dass es auch anders geht. Sie bestätigt uns erneut, dass das Recht eine undurchschaubarer  Wissenschaft ist, deren praktische Anwendung nur Experten zumutbar ist. Also etwas ähnliches wie Gefäßchirurgie oder Atomphysik. Denn es sei, es muss hier noch einmal in seiner ganzen Pracht ausgebreitet werden, dem Kärntner Landeshauptmann für die Verrückung von Ortstafeln kein Vorwurf zu machen, da er „über keine juristische Ausbildung verfüge“. Deswegen keine neue Anklage. Also: Da Dörfler, verantwortlich für das Wohl von mehr als einer halben Million Kärntnern, das Recht im Detail nicht bekannt war, kann er für den Verstoß dagegen nicht belangt werden.
Das wirft  Fragen auf. 1. Gehört Kärnten noch zu Österreich? 2.) Falls ja: Gilt dort ein anderes Recht als im Rest der Republik? Oder hat, 3.,  Kärnten die Ausnahmegenehmigung, eine ganz andere Rechtsauffassung pflegen zu dürfen als die anderen acht Bundesländer? Und wie war das, 4., noch einmal bei den Zogajs?
Aber das ist natürlich etwas ganz anderes, denn das  Fremden-, Asyl-,und   Aufenthaltsrecht versteht ja jedes Kleinkind, und ein nicht deutschsprachiger Asylwerber sowieso. Also kann man dem Asylwerber den Verstoß dagegen ruhig – so formuliert es die Klagenfurter Staatsanwaltschaft – „zum Vorwurf“ machen.
Wie heißt es in der Österreich-Werbung? „Das muss Österreich sein.“ Oh ja.

20.11.09

Seit 20 Jahren ein glückliches Paar

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Freunde von mir haben kürzlich ihr Beziehungsjubiläum gefeiert: Sie sind seit zwanzig Jahren ein Paar. Auf den Fotos ihrer Facebook–Alben sieht man sie meistens zu zweit, und auf fast jedem Foto sehen sie glücklich aus; ein glückliches Paar. Vor drei oder vier Jahren haben sie sich gemeinsam eine Wohnung gekauft, mit einem Garten und einer Katze. Ihr Jubiläum haben sie in Venedig gefeiert. Und, nein, verheiratet sind sie nicht. Weil: Sie durften bisher nicht heiraten. Und falls sie jetzt heiraten wollen – sie wollen nicht, wollen’s aber dürfen – können sie es zwar, aber nicht am Standesamt, das hat die Regierung vorgestern so beschlossen. Sie dürfen es nicht, weil sie Mann und Mann sind, statt, wie es sich gehört, Mann und Frau. Kanzler Werner Faymann hat diese eingeschränkte Homo-Ehe ernsthaft als „Erfolg der SPÖ“ gefeiert. Und das ist nun eine ernsthafte Verhöhnung mündiger Wählerinnen und Wähler, homo- wie heterosexueller. Denn das ist es nicht. Es ist ein Erfolg der ÖVP, dass ihre Ressentiments und Vorurteile jetzt in einem Gesetz festgeschrieben sind, das längst überfällig war. Immerhin: Das Gesetz verschafft endlich endlich endlich auch in Österreiche gleichgeschlechtlich Liebenden ein Recht auf eine gesetzlich verankerte Partnerschaft. Und natürlich ist die Tatsache, dass es dieses Gesetz jetzt gibt, weitgehend den jahrelangen, sturen Bemühungen von SPÖ-Verhandlern zu verdanken. Aber: Es ist ein Kompromiss, mit diskriminierenden Einschränkungen, die dem Koalitionsfrieden geschuldet sind. Ein Kompromiss, der, ja, besser ist als gar nichts und auf dessen Basis man – und so hätte Faymann das glaubwürdig argmentieren können – man weiterarbeiten kann und muss, bis das Gesetz wirklich gut und gerecht ist. Aber ein Erfolg für die SPÖ? Bitte gar schön.
18.11.09

Permanente Panikattacke

| Comments (0) | 11/09 | Kurier-Kolumne

Seit einer Woche laboriere ich an einer Verkühlung, und wann immer ich das erwähne, höre ich Grunz-Geräusche: Zefix, nein! Es ist nicht die Schweinegrippe! Es ist eine stinknormale, altmodische Erkältung, mit zähem Husten, hartnäckiger Heiserkeit, und laufender Nase: Das gibt es, wenngleich man es kaum glauben würde, nämlich auch noch.  Und ich finde das alles langsam ein bisschen H1N1ysterisch hier, obwohl: Hysterisch war’s schon, als es noch nicht einmal echte Gründe dafür gab. Aber der Mensch sorgt sich halt  gern.
Immerhin: Die Gründe gibt es jetzt. Wenngleich mir die  permanente Panikattacke bezüglich der Schweinegrippe noch immer übertrieben scheint.
Aber, ja: Ich bin auch verunsichert. Und ich bin über meine Impf-Verweigerung nicht mehr hundertprozentig gewiss: Zuerst hat mich meine Leserschaft mit aufmunterndem Infomaterial eingedeckt, danke; jetzt empfehlen diverse Institutionen wie die Medizin-Uni allen Österreicherinnen und Österreichern die Impfung.
Mein Widerstand erodiert allmählich: Denn da meine eigene medizinische Kompetenz mich zu nichts weiter befähigt, als das Aufkleben von Pflastern auf Kinderknie und die Verabreichung von Kopfwehpulvern, werde ich mich wohl auf die verlassen müssen, die sich mit Viren, Epi- und Pandemien auskennen. Und die finden jetzt, dass sich möglichst alle impfen lassen sollen.
Eh: Wer nicht krank wird, kann auch nichts verbreiten. Aber natürlich fragt sich eine erfahrene Paranoikerin wie ich trotzdem: Wer profitiert davon, wer verdient daran, wer reibt sich die Hände, wenn ich mich und die Kinder impfen lasse? Denn wie sehr bei so einer Empfehlung auch ökonomische Interessen berücksichtigt werden, weiß man ja nie so genau.  Trotzdem: Ich überlege es mir.



 
18.11.09

"Der Rechtsstaat muss für alle gelten"

| Comments (0) | 11/09 | Kurier-Kolumne

So reagierten Leserinnen und Leser auf die Zogaj-Kolumne (www.kurier.at, blogs): Richard V. schrieb: „Ich stimme Ihnen hundertprozentig zu.“ Pfarrer Gerald G. meinte: „Sie werden wahrscheinlich einige böse Reaktionen auf Ihre Zeilen bekommen: ich meinerseits möchte mich voll inhaltlich übereinstimmend erklären!“
Leserin Renate A. tut das nicht. „Es gibt Millionen Zogajs. Diese Famiie genießt das Medieninteresse und versucht ihren Aufenthalt zu erpressen. Immer wieder höre ich, wir sind in einem Rechtsstaat. Der muss für alle gelten.“ Liebe Frau A., genau darum ging es ja. Dass das Recht eben leider nicht für alle gleich gilt, und solche wie die Zogajs gerne seine volle Härte zu spüren bekommen, während bei anderen Milde waltet. (Apropos: Was wurde eigentlich aus den Kremser Polizisten? Der überlebende 17jährige Einbrecher wurde so zügig angeklagt, dass jetzt schon der Prozess stattfinden kann. Und die Polizisten, die ihn ange- und seinen 14jährigen Freund erschossen hatten? Die sind wieder im Dienst.)
Leserin C. K. schreibt: „Diesem steigenden Bodensatz a la Strache einerseits und dem Verhalten der Politik andererseits muss man energisch entgegentreten, um etwas zu bewegen.“ Herta W. fordert gar „das goldene Ehrenzeichen“ für Arigona und Familie, dafür „dass sie das Problem publik gemacht und damit hoffentlich die Aufmerksamkeit auf ihre vielen LeidensgenossInnen gelenkt hat.“   Josef St.: „Vollinhaltliche Zustimmung!“
Manfred P. dagegen meint: „Fakt ist, dass die Eltern schwere Fehler gemacht haben. Nachdem aber die Familie zusammenbleiben sollte, ist als einzige Lösung die Abschiebung der gesamten Familie richtig.“
Auf die Frage, was  die Zogaj-Kinder für die Fehler ihrer Eltern können, hat Josef S. eine Antwort: „Richtig, nichts. Aber was kann die Tochter von Lugners dafür, solche Eltern zu haben? Mit solchen Argumenten machen Sie beste Arbeit für Strache und Co.!“  Was garantiert keine Absicht war.

17.11.09

Wenigstens ist das Wetter schön

| Comments (0) | 11/09 | Falter-Kolumne

Was jetzt? Ich weiß nicht. Die letzte Woche war: Ich weiß nicht. An vielen Orten gewesen. Jägerschule, Prater-Schihütte, Büro, Hold, Laternenfest, Annas Sofa, Polly Adlers Sofa, Kunsthalle, Bett, Internet, Roter Elefant, Folio-Fest, Millis neuer Küche, Wetter, Novelli und hinter den Plattentellern vom phil. Mit vielen interessanten Leuten geredet oder leider nicht, aber ich weiß nicht. Das führt mich wieder nur geradeaus in eine Faustwatsche des Kollegen Dings, der mich rügt, dass ich neuerdings nicht einmal mehr die elementarsten Regeln des Kolumnismus berherzige, nichts als verschwommene Andeutungen, deppertes Namedropping, lose Enden und narrative Sackgassen, aus denen sich der Leser dann genervt wieder auf den Rückweg machen muss, und du kommst dabei im übrigen ziemlich unsympatisch rüber. Ja. Weiß ich. Aber wenn das nun einmal mein Leben ist?

Dann erfinde dir ein besseres, nein: erfinde mir ein besseres, ein schachtelsatzfreies, mit einer Struktur und guten Pointen an den richtigen Stellen, ist mir völlig powidl, ob das gelogen ist oder wahr. Ich weiß nicht. Ich weiß nicht. Erst einmal frühstücken. Und an etwas Schönes denken.

Schön ist zum Beispiel das Wetter. Also das neue Lokal am Yppenplatz, von Lea Redolf und Raetus Wetter, vormals Expedit. Dort stimmt alles so wunderbar (bis auf den, so die Mimis, höchst beklagenswerten Umstand, dass es zur Weißwurst kein Ketchup gibt), ich könnte dort tagelang versacken, was allerdings elementar damit zusammenhängt, dass man sich, nachdem man eine von Wetters Appenzeller Käsefladen gegessen hat, stundenlang nicht mehr rühren und gerade noch den Arm zum Verdauungschnapsordnern lupfen kann.

Wien wird ja augenblicklich von einem Bobo-Wettrüsten in Atem gehalten: Brunnen- oder Karmeliterviertel? Wo gibt es die lässigeren Lokale, die besseren Marktstände, das Slow-Food-Futter, die Bio-Artischocken, die selbstgepupsten Marmeladen, wo wohnen die cooleren Promis? Seit der Wetter das Wetter eröffnete, steht es 103 zu 102, wenngleich ich am Yppenplatz jetzt nur einen toten Schriftsteller weiß und am Karmeliter-Platz drei lebende; dafür am Yppenplatz viel mehr Musiker, und zwar von den guten; einer tauchte im Wetter auf, als ich gerade drohte, ob der Last der Käseflade unter den Tisch zu rutschen.

Überhaupt kannte ich im Wetter die halbe Gästeschaft, was Neo-Phobiker wie ich zu schätzen wissen, die vor Neuem scheuen und es gerne haben, wenn alles vertraut ist, wenn alles so bleibt wie es ist und es eine Woche oder drei immer das gleiche großartige Essen und den gleichen fantastischen Song gibt, die nie den Mann wechseln und sich die perfekte Jeans gleich dreimal kaufen. Die Pointe für den Dings wäre jetzt, dass sich das mit den Jeans bewährt hat, weil mir noch am Samstag, vermutlich käsefladeninduziert, das Hosentürl platzte, und es wäre zudem original wahr, aber das ist mir zu aufgelegt, sorry, echt nicht.
17.11.09

Im Einzelfall erbarmungslos

| Comments (0) | 11/09 | Kurier-Kolumne

Wie sehr in diesem Land mit zweierlei Maß gemessen wird, zeigt  ein  Nebenaspekt in der  aktuellen Zogaj-Geschichte. Als Falter-Redakteur Florian Klenk vor ein paar Monaten geheime Akten aus dem Justizministerium zugespielt wurden, in denen es genau um die juridische Janusköpfigkeit in diesem Land ging, war die erste Reaktion der zuständigen Ministerin, sofort mit aller Härte gegen die undichte Stelle vorzugehen. Wenn aber die Zogajs und ihre Betreuer über ihren abgelehnten Asyl-Antrag aus der Kronenzeitung erfahren, ist das halt ein kleines Malör, schmecks. Genauso wird rigorose Law-and-Order-Politik immer nur bei den Wehrlosen gefordert, während zum Beispiel ein ehemaliger Finanzminister, in dessen nächster Umgebung es Geld regnete, noch nicht einmal befragt wurde oder Verfahren gegen einen Landeshauptmann oder einen ehemaligen Minister einfach vergessen werden.
Maria Fekters  Asylpolitik ist auch ein weiteres Exempel dafür, wie in diesem Land Politik gemacht wird: Man vertraut entweder darauf, dass sich die Dinge mit gut Zureden schon von selber regeln (siehe Bildungs-, Klima- oder Frauenpolitik), oder man dreht  so brutal an irgend einer Schraube, bis jemand die Daumen abfallen und es anderen hoffentlich eine Lehre sein wird.
Im  Fall der Zogajs wird nebenbei noch die Strafmündigkeit für Kinder, sowie ein bissl Sippenhaftung eingeführt: Denn was können diese Kinder für die Fehler ihrer Eltern?  Nichts, gar nichts: Trotzdem werden sie von einer im Einzelfall erbarmungslosen Gesetzgebung für diese aus dem Land geworfen, in dem sie ihr halben Leben unbescholten aufwuchsen – und das ihnen Heimat ist. Man fragt sich: Wann wenn nicht hier, soll humanitäres Bleiberecht wirksam werden?

15.11.09

Das Kind ist tot.

| Comments (3) | 11/09 | Kurier-Kolumne

Gestern ist ein einjähriges Mädchen von einem Rottweiler totgebissen worden. Es war der Familienhund. Der war sicher bisher immer ganz lieb. Der tat nix. Und der wollte vielleicht auch diesmal nur spielen; leider ist dabei das Kind tot geworden.
Das ist so schockierend und traurig, man kann und will man eigentlich gar nichts mehr sagen. Weil es ist alles schon gesagt worden, zuletzt vor zwei Monaten, als zwei Pitbulls eine Dreijährige fast umgebracht hätten. Die Pittbulls, die ja nichts dafür konnten, leben immer noch unbehelligt bei ihrer unbehelligten Besitzerin; immerhin wird ihr Sohn zur Verantwortung gezogen. Die Dreijährige überlebte schwer verletzt und mit nur noch einem Ohr. Und viele besorgte  Eltern, Großeltern, Hundebesitzer, Kommentatorinnen, Bürgerinnen und Bürger fragten entsetzt: Muss erst ein Kind sterben, damit etwas geschieht? Damit etwas gegen bestimmte Hunderassen und gegen verantwortungslose Hundebesitzer unternommen wird?
Jetzt ist ein Kind tot, es starb an schweren Kopfverletzungen, zerfleischt  vom Hund seines Vaters. Und das verschärft die Tragödie zusätzlich. Denn dieser Hund war vermutlich gut erzogen: Sein Besitzer, der Vater des toten Kindes, ist Polizeihundeführer.
Es liegt also nicht immer nur an den verantwortungslosen, erziehungsfaulen Hundehaltern. Es liegt auch an den Hunden selbst; deren Gefährlichkeit offenbar nicht einmal ausgebildte Experten richtig einschätzen können. Es ist Zeit endlich ernsthaft das Verbot bestimmter Rassen in Angriff zu nehmen.
Es ist viel zu lange gewartet worden. Man hat es darauf ankommen lassen, und es ist wieder passiert: Und diesmal ist das Kind tot.
13.11.09

Im Kreis der Fehlbaren

| Comments (0) | 11/09 | Kurier-Kolumne

Prokrastinieren  – also aufschieben – war gestern: Jetzt wird durchgewurstelt: Weil es manchmal zielführender ist, das Leben nicht nach Plan zu führen, sondern es einfach passieren zu lassen. Wie man das macht, weiß der Wiener Autor Christian Ankowitsch im neuesten seiner „Kleinen Seelenklempner“. Der trägt den Titel „Wie Sie sich glücklich durchs Leben improvisieren“ und Ankowitsch begibt sich darin in heiterer Grundstimmung nicht nur in die alltäglichen Kampfzonen: Wie man cool ist, wie man abnimmt, wie man Dinge wegwirft, wie man mit dem Rauchen aufhört oder wie man den richtigen Partner findet und behält.
Nein: Er bricht auch die ganz großen, die ganz elementaren Fragen (ja, selbst die nach dem Sinn des Lebens) auf das überschaubarste Private herunter: Weil das der Ort ist, wo man diese Antworten auch braucht.
Wobei es nicht unbedingt darum geht, dass man ein besserer oder erfolgreicherer Mensch wird, sondern viel mehr darum, dass man die eigene Fehlbarkeit leichter erträgt. Was, wie sich einwenden ließe, die Welt nicht optimiert: Allerdings sind ein paar Menschen mehr, die mit sich im Reinen sind, für das globale Psychoklima sicher nicht abträglich. 
Ankowitsch verrät ein paar gute Tricks zum Glücklichwerden, er hat sehr liebevolle und lebensnahen Ansichten über das Erziehen von Kindern und er drängt sanft, aber nachdrücklich dazu, den Blick aufs Wesentliche zu lenken. Z.B. auf „Liebe, Respekt und Engtanzen.“
 
Am Fr. den 13. 11. wursteln sich Christian Ankowitsch und Doris Knecht gemeinsam durch die Präsentation von Ankowitsch’ Buch:  19 Uhr, Kunsthalle Wien project space, am Karlsplatz.

12.11.09

Wurlt ein wengerl

| Comments (0) | 11/09 | Kurier-Kolumne

Der Taxifahrer fuhr 17 Minuten lang orientierungslos durch den Prater und setzte mich dann einfach irgendwo aus. Die Straße des 1. Mai mit dem gesuchten Restaurant sei vermutlich da hinten und dann um die Ecke. Vielen Dank, man stöckelt ja gerne nachts mausallein an finsteren Geisterbahnen und geschlossenen Zuckerwatte-Standln vorbei. Aber ich erreichte heil das prallvolle Riesen-Restaurant, in dem gerade mit Ansprachen, Lesungen von Eva Rossmann und Franzobel sowie einem großartigen Konzert der famosen Frau Gustav die Eröffnung der heurigen Lesefestwoche gefeiert wurde: Und heute Abend wird – die Rede hält Eva Menasse – die Buch Wien am Messegelände eröffnet. Gut, Lesefestwoche und Buch Wien sind nicht die Frankfurter Buchmesse, werden es nie werden. Aber es wird jedes Jahr besser. Vor allem: Man spürt die Buch Wien jetzt in der Stadt, man spricht darüber. Wer liest wo?, bei welcher Lesung trifft man wen?, wann ist man auf dem Messegelände?, was gibt es dort? und wo gehst du am Freitag hin? Und was gibt es sonst noch? (Sonst gibt es zum Beispiel noch Kinderprogramm, Diskussionsrunden, schreibende DJs – bzw. plattenauflegende Autoren – und eine Schiffreise. Alle Informationen: www.lesefestwoche.at.) 325 Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland lesen, 400 Verlage stellen ihre Neuerscheinungen vor. Und wenn Sie mich fragen, ist das spitze, wenn es in Wien eine Woche lang des geschriebenen Wortes wegen wurlt, wenigstens ein wengerl. Wenn Literatur ein paar Tage lang ein Thema ist; und ein gesellschaftlicher Faktor. Und voller Ereignisse, von denen man zumindest ein paar nicht versäumt haben möchte.
11.11.09

Das aber wärmt.

| Comments (0) | 11/09 | Kurier-Kolumne

In Salzburg hat vorgestern Nacht ein Mann auf drei Obdachlose geschossen und zwei davon getroffen und verletzt; es habe ihn gestört, dass die Leute auf einem Firmengelände in der Nähe seines Wohnhauses übernachten wollten. In Wien dagegen bekomme ich Briefe wie jenen von Leser Karl B.: „Bin zwar Alleinverdiener und die Tochter hat im September mit der Schule begonnen (Sie wissen, dieser Umstand ist mit nicht geringem finanziellen Aufwand verbunden), werde aber trotzdem für zumindest zwei Decken spenden.“ Und jenen von Franz S.: „Im Krieg (ja, ich bin mit 15-einhalb zur Flak eingerückt und heute im 82sten) mussten wir viele Nächte im Freien an Gerät und Geschützen verbringen und haben Decken schätzen gelernt. Und so hat mich Ihr Beitrag zur spontanen Spende von zehn Decken an die Gruft angeregt.“ Denn ich hatte letzte Woche hier darüber berichtet, dass das Caritas-Lager mit Wolldecken für Obdachlose fast leer sei. Nicht nur diese beiden Leser spendeten: „Nach dem Aufruf glühten bei uns die Telefone“, schreibt der Pressesprecher der Caritas Wien. „Ein großzügiger Spender, der anonym bleiben möchte, hat 3000 Euro für 200 Decken gespendet, dass ist ein wichtiger Beitrag. Rund 30 Decken wurden bereits gestern Vormittag in den drei Ausgabestellen vorbeigebracht.“ Ich danke meinen Leserinnen und Lesern, dass sie nicht schießen, sondern helfen. Apropos Hilfe. In einem momentan kursierenden Rund-Mail empfehlen die Blaulicht-Organisationen im eigenen Handy folgendes einzuspeichern: Unter dem Kürzel ICE (In Case of Emergency) die Nummer jener Person, die im Falle eines Notfalls informiert werden soll. Auch wenn der Fall bitte bloß nicht eintreten möge.
10.11.09

Den Teil mit der Parkbank lasse ich vielleicht aus

| Comments (1) | 11/09 | Falter-Kolumne

Nur Stunden, was heißt, Minuten nach Erscheinen der letzten Kolumne erhielt ich ein freundliches Mail vom freundlichen Herrn Stermann, in dem er mir freundlicherweise folgendes schriftlich bestätigte: Ich war definitiv nicht gemeint. Mit dieser angeflaschelten Journalistin mit der Zauselfrisur. In diesem seinem Anzengruber-Sauftext. Das beruhigte mich ungemein, und ich ließ es in diversen Internet-Foren und Live-Gesprächen nicht unerwähnt, bis selbigen Abends kurz vor Mitternacht bei der Viennale-Abschlussparty, als ich, nachdem ich auch dort mehrere Menschen, die nicht danach gefragt hatten, über Stermanns Quasi-Freispruch informiert hatte, auf dessen Kumpel Grissemann traf, der irgendetwas sagte wie: Ha ha, so so, aber der Stermann hat mir gesagt, dass er beim Schreiben speziell an dich gedacht hat, doch, hat er.

Ich sagte: Sagamal, Grissemann, findest du eigentlich, dass ich eine versoffene Funzen bin?, und verließ die Viennale-Party, ohne Grissemanns Antwort abzuwarten, mit einem schmalbrüstigen Schauspielschüler an der Hand. Dann hätte mich Grissemann eigentlich um vier Uhr früh schlafend auf einer Parkbank betreten sollen, aber ich ließ diesen Teil angesichts der frostigen Temperaturen lieber aus, sonst wäre ich jetzt erfroren und könnte diese Kolumne nicht schreiben. Und ich könnte nicht den Deutschen und ein paar Korrektoren dieser Stadt erklären, dass es sich, wie mir das Österreichische Wörterbuch schriftlich und hoffentlich stabil unwiderlegt bestätigt, beim Ausdruck „betreten“ um altes Wiener Amtsdeutsch handelt: Das ich mir letztes Mal herauskorrigieren habe lassen, weil das, falls es überhaupt existiere, kein Schwein verstehe, wie mir wiederholt versichert worden war.

Aber auf Versicherungen gebe ich sowieso nichts mehr. Man hat ja gesehen, wie viel sie wert sind. Vielleicht lässt sich die ganze peinliche Angelegenheit aber doppelt profitabel verwerten, als ich ja erstens in der göttlichen Position bin, jede mir widerfahrende Demütigung unmittelbar in bares Gerstl verwandeln zu können. Zweitens kann sie als Beweis dafür herhalten, wie ungemein rockbitchig ich im Grunde meines Herzens eben bin, also voll im Trend, wenn man sich die ganzen angejahrten Damen mit 1.-Bezirk-Strähnchen-Frisuren und voll hoaten Preis-auf-Anfrage-Motorradjacken so anschaut, die gerade überall auf cool aus der Zeitung äugen; Oida. Oder auf den Covern eigener Magazine ihre bislang mühsam unterdrückte ur-oage-Rockerbrauthaftigkeit mithilfe eines Visagisten, einer Stylistin, einer Chanel-Bikerjacke und eines professionell gestylten 300-Euro-Zauselkopfs auch endlich einmal freilegen dürfen. Eh nur diese Saison, fürs Frühjahr hat Stella McCartney Blümchen und Rüschen verordnet. Dann verräumen die Bankergattinnen die Lederjacken im Schrank und föhnen wieder; nur ich, ich bin immer noch zerzaust.
10.11.09

Die Gegenwart frisst die Zukunft

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Für ihr Video „Der Angriff der Zukunft auf die übrige Zeit“ filmte die junge Künstlerin Conny Habbel eine Nacht lang ein paar ihrer Freunde: Sie treffen sich in einem Lokal, sie reden, lachen und trinken, sie holen Geld aus dem Automaten, sie fahren mit dem Taxi in die Disco, sie tanzen, und als es hell wird, gehen sie zusammen frühstücken. Es sieht alles sehr leicht und unbeschwert aus. Aber auf der Tonspur zu dem Film zerstören die Freunde, alle Studierende Anfang bis Mitte 20, die vermeintliche Sorglosigkeit komplett, indem sie von ihren Erwartungen an die Zukunft erzählen: Sie wollen viel und erwarten weniger als nichts. Weil sie, wie einer der jungen Männer sagt, ihre Illusionen über das Leben schon verloren haben: „Etwa, dass alles schon irgendwie gut gehen wird. Aber so ab 18 machen dann ja die meisten die Erfahrung, dass es eben überhaupt nicht so ist.“
Vermutlich geht es den Besetzerinnen und Besetzern des Audimax – mittlerweile vieler solidarischer Audimaxe, auch im Ausland – nicht anders. Nur dass sie beschlossen haben, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, indem sie die Voraussetzungen dafür verbessern wollen; und jener der Generationen nach ihnen. Sie tun es, weil es niemand anderer für sie tut, und weil die, die es in der jüngeren Vergangenheit tun hätten sollen, das Gegenteil taten, indem sie die Universitäten finanziell aushungerten und ihre augenscheinlichen Probleme ignorierten. (Dass man jetzt ausgerechnet den rebellierenden Studierenden vorwirft, ihre Forderungen seien – wie? – schwammig, ist betörend im Kontext einer Bildungspolitik, für die das Prädikat schwammig noch als Kompliment gelten darf.)

Antriebslos und karrieregeil. Wie können es die heutigen Jungen überhaupt richtig machen? Man wirft ihnen vor, sie seien antriebslos und sie seien egoistisch nur auf ihre Karriere fixiert, sie seien völlig unpolitisch und sie seien viel zu ideologisch. Aber in was für eine Gegenwart wurden sie gestellt? In eine Gegenwart eines schulischen Zweiklassen-Systems, in der Eltern ihre Erziehungsveranwortung immer mehr an Fernseher, Computer und darauf nicht vorbereitete Bildungsinstitutionen abgeben. In eine Krise, in der Arbeitsplätze etwas sind, das man nur noch verlieren und kaum noch bekommen kann. In eine Zeit, in der die eigentlichen Privilegien des Jungseins – Fehler machen, Dinge ausprobieren, rebellisch sein, das Maul aufreißen und dabei auch einmal nicht Recht haben zu dürfen – zu Zukunftsrisiken wurden, die sich keiner mehr leisten kann. Dieser Jugend bleibt im Prinzip zweierlei: ein unbestechliches Gespür für das Hier und Jetzt, welches sagt: ungeheuer suboptimal. Und Bildschirmablenkungen, die sie das vergessen lässt.
In Habbels Video sagt  einer: „Besser haben es die, die keine Fragen stellen.“ Genau. Aber eine Gesellschaft entwickelt sich nur, wenn elementare Fragen gestellt werden: Die Studierenden tun das gerade. Sie haben ernsthafte Antworten verdient.
05.11.09

Das gehört halt auch zur Stadt

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Was eine große Stadt aushalten können sollte: Ein bisschen Durcheinander. Ein wenig Lärm: Autolärm, Kinderlärm, Schanigartenlärm, Ballkäfiglärm. Ein bisschen – nicht zuviel – Dreck, also soweit er sich nicht von den Verursachern entfernen lässt. Ein bissl Kriminalität, realistischerweise. Solche und solche Gegenden. Unterschiedliche bis sehr unterschiedliche Menschen und Lebensentwürfe. Schön neben schiarch, reich neben arm. Angenehme und nicht so angenehme Dinge, und dass man auch manchmal Sachen und Menschen zu sehen bekommt, die man Ruhekissengewissensmäßig lieber nicht sehen würde: Drogenabhängige, Bettlerinnen, Obdachlose. Aber gerade auch das, weil derzeit soviel von Quasi-Sozialschmarotzereien die Rede ist, sollte eine Stadt aushalten können; die gibt es, die sind da, die gehören zur Stadt dazu, weil sie nämlich auch von der Stadt und ihren Zwängen und Lebensumständen bedingt werden. Die Stadt könnte die natürlich, um das Gewissen der anderen rein zu halten, vertreiben oder verstecken: Besser, sie sorgt dafür, dass diese Leute nicht verhungern, an heilbaren Krankheiten sterben oder erfrieren. Was derzeit das Thema ist: ein paar hundert Menschen schlafen in Wien im Freien. Die Caritas mit dem Canisbus versorgt bis zu 250 Menschen täglich mit Suppe, Tee und Brot und verteilt einmal wöchentlich warme Wolldecken. Das akute Problem: Das Wolldeckenlager für obdachlose Menschen ist fast leer, auch in der Gruft gibt es zu wenige Decken, es müssen dringend und schnell welche her. 15 Euro kostet eine Wolldecke, die Caritas bittet um Spenden: PSK 7.700.004, Blz 60.000, Kennwort Wolldecken. Es schneit schon, nachts friert es: Obdachlosig ist eine urbane Realität; wenn möglich, helfen wir.
03.11.09

Das bin doch nicht ich!

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Leider sehe ich mich gezwungen, folgendes zu verlautbaren: Ich bin nicht die „Journalistin“ in Dirk Stermanns „Bottle-in-a-Message“-Text von vor zehn Tagen im Standard-Album. Ich bin niemand in Stermanns Text, ich komme Gottseilobunddank in dem Text überhaupt nicht vor, auch wenn ich sonst gerne in Texten vorkomme, in diesem: nicht.

Tatsächlich habe ich dem Stermann sofort ein Mail geschickt: „Ha! Lustiger Text! Wurde in der Sekunde zur Temperenzlerin!“, nachdem ich seinen Anzengruber-Alkoholismus-Aufsatz gelesen hatte: Einen von Mitleid unverstellten Blick auf Stermanns unmittelbares Tschecheranten-Umfeld, der dieser Tage bei Czernin in dem Buch „Wir sind gekommen um zu bleiben: Deutsche in Österreich“ erscheint. Jedenfalls sitze ich ein paar Tage später anlässlich einer anderen Buchpräsentation mit der Herausgeberin des Werks, der ansonsten klugen und unbestechlichen Eva Steffen im Jin´s, als sie mir über die Tafel hinweg zuruft, sie habe jetzt übrigens wiederholt das Gerücht gehört, ich sei die „Journalistin“ in Stermanns Text, stimme das denn. Himmel, Heiliger, Kruzitürken, nein, das stimmt natürlich nicht!  Allein dafür, dass du das fragst, müsste ich dich schon verklagen, Steffen!

Die Journalistin in dem Text ist, wer ihn noch nicht gelesen hat, eine Post-40erin mit zerzausten Haaren, die im Anzengruber abwechselnd Rot- und Weißwein trinkt. Im Laufe der Geschichte tritt sie an Stermanns Tisch, um ihn zu fragen, ob er glaube, dass sie eine versoffene Funze sei, verlässt dann mit einem „schmalbrüstigen Schauspielschüler an der Hand“ das Lokal und wird später von Stermann schlafend auf einer Parkbank betreten. Ganz langsam, zum Mitschreiben: diese Frau hat mit mir nichts gemein als das ungefähre Alter und an schlechten Tagen die Frisur. Ich mische keine Weinsorten, ich bin so gut wie neverever im Anzengruber anzutreffen, ich schlafe nicht auf Parkbänken, ich schleppe keine Männer ab und ganz gewiss keine dünnen, und ich bin, soweit ich weiß, auch nicht die direkte Nachfahrin eines „ranghohen Sozialdemokraten aus dem Burgenland“, wie Stermann ausdrücklich schreibt. Also ich glaube, das ist jetzt geklärt, Steffen. Meinen Ruf ruiniere ich mir nämlich, wenns Recht ist, immer noch selber.Und ich bin in Wirklichkeit eine nette - ja: nett, in seinem ganzen, diffamierten Wortsinn - dezente, diskrete, schüchterne und im Grunde langweilige Person, die jetzt gleich noch ein Scheitchen ins Feuerchen werfen und ihren Liebsten ein Süppchen kochen wird

Aber es war überhaupt eine ziemlich lausige Woche. Ich zankte mit Hans Hurch über die Bedeutung des Wortes „Gala“, kam nur einmal zum Schwimmen, verlor meinen Kalender, und als der Lange nach fünf Tagen Halligalli aus Istanbul zurückkam, legte er sich sofort drei Tage mit Husten ins Bett. Wenns diese Woche ein bissl lustiger wird, hätte ich im Prinzip nichts dagegen.

03.11.09

Ideologisch statt logisch

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Die Studenten sollen gefälligst arbeiten statt protestieren, da die Allgemeinheit schließlich für ihr Studium bezahle. So  ruft es aus manchen  Kommentaren zur Audimax-Besetzung. Und das ist mit voller Absicht fuzzikurz gedacht, denn es ist natürlich ein sozialstaatliches Prinzip, dass die eine  Generation der nächsten die Ausbildung vorschießt und damit für die eigene bezahlt. Wer das ignoriert, argumentiert nicht logisch – sondern ideologisch in den Sack jener, die sich für ewig zu kurz gekommen halten. Und fordert hintenherum, dass höhere Bildung wieder wohlhabenden Eliten vorbehalten sein solle.
Basierend auf einem ähnlich ideologisch statt logisch motivierten Denkprinzip legalisiert das ÖVP-Justizministerium die Homo-Ehe nun einerseits,  und verbietet ihr andererseits en Festakt am Standesamt. Das ist ein bockiges Beharren auf tradierten Vorurteilen. Was hier schon öfter zu lesen war, völlig sinnloserweise: Denn in dieser Frage verfangen vernünftige Argumente bei der ÖVP ebenso wenig wie Verweise auf die Verfassung („Alle Bundesbürger sind vor dem Gesetz gleich“). Die Volkspartei erlaubt sich auch weiterhin den stillen Zusatz: „Außer sie lieben Partner des gleichen Geschlechts, dann sind sie nicht gaaaanz gleich“; man gönnt sich  ja sonst nichts.
Das ähnelt im Kern ein wenig jener Nachricht, dass die britische Regierung ihren Drogenbeauftragen gefeuert hat, weil er auf streng wissenschaftlicher Basis die Gefährlichkeit von Extasy und Canabis und die Ungefährlichkeit von Tabak und Alkohol relativierte. Das passt nicht ins  Konzept der Dämonisierung einzelner Drogen, also weg mit dem Mann.
Ideologie statt Logik; das hat halt nach wie vor immer und überall Saison.
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