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| 03/10
Kurier-Kolumne
Im Facebook kursiert eine Gruppe von „Menschen, die ihren Namen immer buchstabieren müssen“. Zu denen gehöre ich nicht. Ich würde, wenn dann, bei der Gruppe mit den Namen ressortieren, die gern einmal ein bissl missbräuchlich verwendet und verwitzelt werden.
Dazu gehört wenig überraschend auch die oberösterreichische Gemeinde Fucking, die sich aktuell gleich mit zwei unerbetenen Verscherzungen konfrontiert sieht. Erstens durch den neuen Roman von Kurt Palm mit dem Titel „Bad Fucking“ (Residenz). Und zweitens in einem deutschen Bier des Namens „Fucking Hell“. Das ist, seien wir ehrlich, kein unwitziger Name für ein Helles, nur stimmt es halt nicht, was die Deutschen behaupten: Dass das Bier nämlich in Fucking gebraut worden sei. Die haben gar keine Brauerei.
Im Journalismus gelten Witze mit Eigennamen als großes No-no, und ich begrüße das. Außer jetzt, wenn Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, ihre Namen aus durchsichtigen Gründen ändern haben lassen: Wir erinnern uns immer wieder gerne an den Herrn Hojac, dem dieser sein ursprünglicher Name offenbar zu ungermanisch war. Nicht belegen lässt sich hingegen das hartnäckige Gerücht, Dominic Heinzl sei ein geborener Karl. Herr Heinzl, Jg. 1964, lieferte dem Magazin Fleisch zum Beweis sogar eine Geburtsurkunde; es bedeutet gewiss nichts, dass die 1992 neu ausgestellt wurde. Namen, die einem von der Herkunft zugewiesen wurden, sind für Witze aber tabu.
Das wäre jetzt der perfekte Moment, den Titel dieser Kolumne in ein schlichtes, scherzloses Knecht zu ändern. (Chef, was meinst du?) Andererseits: Ich schreibe das alles ja eh gar nicht selber. Das erledigen durchwegs meine Zeilenknechte.
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| 03/10
Falter-Kolumne
Muss heute Büsche galore besorgen und eilends einpflanzen. Der nachbarliche Rohbau tut mir in den Augen weh. Sind nette Menschen, die Rohbauer, und wir schauen ihnen jetzt schon das dritte Jahr zu, wie sie Wochenende für Wochenende je drei Ziegel aufmauern und dann pro Ziegel erschöpft je zwei Bier trinken. Andere Nachbarn haben erzählt, die Rohbauer planten, ihr Haus fertig zu haben, wenn sie in Pension gehen, und die Rohbauer sind etwa in unserem Alter und arbeiten, soweit mir bekannt ist, nicht bei Post und Bundesbahn. Muss also Büsche besorgen. Wir suchten gestern abend, nach dem Essen bei Horwaths, in den Horwathschen Baumbüchern nach dichten, schnellwachsenden Bäumen, und Pfirsich, Kirsche, Zwetschke leider nein. Holunder und Haselnüsse, das wirds.
Man ist wieder am Land. Die Kinder hämmern zufrieden Nägel in Bretter. Der Lange verdaute schnell die schöne Hilde-Party, die noch schöner gewesen wäre, wenn wir nicht aufgelegt hätten. No more, absofuckinglutely no more Party-DJing. Ich hatte dem Hilde-Mann gleich gesagt, dass das keine gute Idee ist, ich habe noch die Mails, in denen ich ihm erklärte, dass das nicht funktioniert, denn auch wenn er und die Hilde hundert Mal sagen, dass wir spielen können, was uns Spaß macht: Die Gäste von so einer Party sehen das nie so, für die bist du Personal, das genau das zu spielen hat, zu dem sie gern tanzen, was immer irgendetwas aus den Achtziger Jahren ist, zu dem sie letztes Mal so geil getanzt haben. Und auf dieser Party gab es ein paar Gäste, äh, ja.
Also, ich gab nach fünf Nummern auf und übergab an den Langen, der das normal besser drauf hat mit der Tanzmusik. Und der hätte einfach auch nach fünf Nummern aufgeben sollen, aber der Lange ist ein sturer Hund, der sich von blonden Mauserln nicht sagen lässt, was er zu tun hat. Bald konnte ich von der Bar aus beobachten, wie der Lange und der Freund von der Blonden über das DJ-Pult hinweg ein einschlägiges Gespräch führten. Mit so nach hinten gereckten Fäusten, Nase an Nase, wo man sich denkt: ein schnellwachsender Busch wäre jetzt gut. Der Lange hatte der Blonden wohl nach ihrem fünften spiel-gefälligst-Auftritt gesagt, sie möge sich schleichen. Der Freund von der Blonden hatte dem Langen wohl gesagt, so rede er aber nicht mit seiner Freundin. Der Lange hatte dem Freund wohl gesagt, und er schleiche sich bitte gleich mit etcetera etcetera. Daraus lernen wir dreierlei: Erstens, ich bin ein Sitzmusik-DJ, zweitens der Lange auch, drittens man bleibt am besten immer in seinem eigenen kleinen Biotop mit seinen eigenen Leuten, die auf solche Ideen gar nicht kommen. Natürlich macht man sich so keine Freunde, aber: brauchen wir auch nicht. Die paar, die uns aushalten, haben wir schon; die Hilde ist uns, glaub ich, eh nicht mehr bös, und da kommt schon der Horwath, und, schau, er hat einen Busch unterm Arm.
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| 03/10
Bernard ist neun Jahre alt. Er spielt Fußball in einem kleinen Verein, so gut, dass er im Sommer ins LAZ Wr. Neustadt aufgenommen wäre. Wäre. Am 20. Februar rief er seinen Trainer an und sagte: „Trainer, ich komme jetzt ins Gefängnis! Dabei habe ich gar nichts getan.“
Ins Gefängnis kam der Neunjährige trotzdem, nachdem er nachts aus seinem Zuhause in Muthmannsdorf abgeholt worden war: Er wurde mit seinen Eltern und Geschwistern in Schubhaft genommen und in den Kosovo abgeschoben, in ein zerstörtes Haus, an einen Ort, wo seine Eltern keine Arbeit haben, wo er niemanden kennt und keinen Fußballverein mehr hat.
Etwas blieb zurück: Viele verstörte Freunde und Teamkollegen von Bernard. Kinder, denen es Angst macht, dass ihr Freund, der nichts getan hat, plötzlich in der Nacht verhaftet und weggebracht wurde. Warum? Wo ist er? Kann mir das auch passieren? Und Eltern, die diese Fragen nicht zufriedenstellend beantworten können und von ihren Kindern angefleht werden, doch bitte etwas zu unternehmen.
Sie unternahmen etwas. Sie gründeten die Internet-Plattform www.fussballverbindet.org. Und starteten eine Unterschriftenaktion, die schon von mehr als 5000 Menschen, darunter Helge Bayer und Robert Palfrader, unterzeichnet wurde, die es untragbar finden, dass hier gut integrierte Familien bei Nacht und Nebel deportiert werden und es Gesetze gibt, die das ermöglichen. „Diese Behörden meinen, im Sinne aller Österreicher zu handeln. Aber das tun sie nicht“, heißt es in der Petition. Die Zahl jener, die sagen „In meinem Sinne nicht“ wächst.
Bernard ist weg. Sein Verein trainiert wieder. Aber die Nummer 4, Bernards Nummer, wird nicht vergeben.
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| 03/10
Kurier-Kolumne
Beim Lichtertanz gegen Rosenkranz war ich nicht. Kurz überlegte ich, ob ich hingehen soll, weil es hieß, die beste heimische Band Kreisky trete auch auf. Tat sie dann aber aus guten Gründen nicht.
Es gab weitere Gründe, nicht hinzugehen. Erstens zu viel SPÖ dahinter, also Wahlkampf. Zweitens: Ein Lichtermeer gegen Politiker - das erscheint mir der falsche Weg. Wer Barbara Rosenkranz und ihre Weltanschauung nicht will, soll sie nicht wählen; das ist Demokratie. Wer will, dass sie andere nicht wählen, soll die davon überzeugen, dass es falsch und schlecht für das Land ist; das ist Politik.
Eine Masse zu bilden, die sich einfach nur gegen die andere Masse der Rechts-Wähler stellt: Damit überzeugt man niemanden, damit predigt man nur zu den Bekehrten und stärkt so die andere Masse.
Drittens: Die selben Leute, die sich jetzt beim Lichtertanz wichtig gemacht und engagierte Grußbotschaften verlesen haben, begrüßten erst kürzlich vor Society-TV-Kameras Claudia Haider mit warmem Händedruck bei der Premiere eines Stücks mit zwei der Lichtertanz-Moderatoren im Akzent-Theater, und führten sie zu ihrem Platz in der ersten Reihe. Man erklärte mir das so, dass der armen Frau Haider ja vermutlich gar nicht bewusst gewesen sei, mit wem sie da verheiratet war, der könne man wirklich keinen Vorwurf machen. Frau Riess-Passer war auch eingeladen.
Das ist ein bisschen das Problem in diesem Land: Es gibt für jeden und alles eine Entschuldigung. Am Ende geht es darum, dass sich alle gut fühlen und man nicht über die Gründe für den Erfolg von Strache & Co nachdenken muss. Ein Lichtermeer ist dafür ein schöner Ort. Man hält einfach ein Kerzerl in die Höh’: Und ist gut unter Guten, und total politisch; ja.
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| 03/10
Kurier-Kolumne
Am Mittwoch berichtete ich über einen Studenten, der beim Verlassen seines Zielbahnhofs von einer ÖBB-Kontrollorin ohne Ticket betreten und mit einem Erlagschein über Euro 90 versehen worden war. Trotz der Beweise, die er vorlegen konnte, dass er für die Fahrt mit der Bahn bezahlt hatte, war er in einem harschen Schreiben von den ÖBB aufgefordert worden, den Betrag umgehend zu überweisen, andernfalls Inkasso.
Noch am selben Tag meldete sich mit einem freundlichen Mail ein Herr von der Schlichtungsstelle der Schienen-Control GmbH, der sich des Falls annehmen wollte; er könne nichts versprechen, aber er wolle versuchen, Herrn K. zu helfen.
Selten war ein derartiger Versuch so schnell so erfolgreich. Schon einen Tag später erhielt ich zwei Mails. Eins von dem Herrn von der Schienen-Control: Er könne mich darüber informieren, „dass das Schlichtungsverfahren für Herrn Kowatsch positiv endete und die ÖBB PV auf die gesamte Fahrgeldnachforderung verzichtet hat“. Und eins vom Studenten K., das viele Rufzeichen enthielt, die anzeigten, wie sehr er sich über den positiven Ausgang seiner Angelegenheit freute. Die Autorin freut sich mit.
Auch über die Geschichte von Frau K., die gerne einmal die ÖBB-Security gelobt wissen möchte. Einmal beobachtete sie am Westbahnhof, wie zwei dieser Herren zwei alten Damen samt Gepäck-Trolley behutsam über den Gürtel halfen. Und ein andermal, wie ein Security-Mann nicht nur zusah, als eine offenbar alkoholisierte Mutter ihr Kind am Bahnhof beschimpfte und grob anfasste, sondern beherzt eingriff. Bleibt zu hoffen, dass auch die ÖBB-Oster-Urlaubsreisenden viel Positives mit der Bahn erleben. Jubelberichte sind sehr willkommen.
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| 03/10
Kurier-Kolumne
Der Ressortleiter hat ein Plakat ans Fenster seines Ressortleiter-Aquariums gehängt. Ich gehe ins Aquarium und sage: „Du, Schatzi“ (wir pflegen hier im Ressort einen sehr familiären Umgang), „du, Schatzi, ich finde, dieses Plakat ist eines Ressortleiters irgendwie nicht würdig“.
Das Plakat zeigt eine liegende Frau in Spitzen-Dessous, mit geöffneten Beinen und aufmunterndem Blick. Der Ressortleiter, ein Mann von hervorragenden Manieren und untadeligem Umgang mit Frauen, schaut mich groß und ungläubig an, weil er bisher offenbar nicht ahnte, dass ich, verborgen, hinter Lippenstift und in Highheels, in Wirklichkeit eine radikalfeministische Kampflesbe bin: halt jemand, von dem man so eine Reaktion erwartet.
Das Plakat hänge hier, sagt der Ressortleiter, weil, wenn ich da mal genauer hinsehen würde, in dem Schriftzug sein Name vorkomme, da, lies. Äh, stimmt, war mir gar nicht aufgefallen. Eine Kollegin - einE KollegIN bitte – habe es ihm geschenkt, eine andere habe ihm geholfen, es anzupicken, er werte das als eindeutigen Freispruch. Mir wird klar, dass meine Position eher suboptimal ist, und sie wird davon nicht verbessert, dass eine weitere Kollegin erscheint und sagt: lustiges Plakat!
Solche Plakate auf der Straße stören mich nicht, das ist halt Unterwäsche-Werbung, die wird mit nackten Frauen und Sex gemacht. Und, nein, ich fühle mich auch nicht belästigt: Es tut mir eher der nette Ressortleiter leid, weil jemand, der ihn nicht kennt, über ihn denken könnte, er sei einer, der es nötig hat, sich solche Plakate ins Büro zu hängen. Hat er natürlich nicht. Ist nur Spaß.
Ich arbeite jetzt halt im Inneren eines Bundesheer-Spinds. Aber wenn das sonst keine hier stört, sage ich auch nichts mehr.
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| 03/10
Kurier-Kolumne
Dass es die ÖBB mit der Pünktlichkeit ihrer Züge nicht immer so genau nehmen, ist bekannt. Zum Ausgleich dazu nimmt man es sehr genau mit der Abstrafung vermeintlicher Schwarzfahrer, z.B. dem Studenten Benjamin K.
Der pendelt seit einem Jahr mit Vorteilscard und Studententicket von Krems zum Studium nach Wien. Vor ein paar Tagen löste er sein sieben-Euro-Ticket, das vom Zugbegleiter kontrolliert wurde und ließ es dann im Abteil liegen. Das war ein Fehler, der ihn 95 Euro kostet, denn nachdem er in Spittelau ausgestiegen war, wurde er dort im Bahnhof oberhalb der Rolltreppe kontrolliert und trotz seiner Beteuerungen mit einem Erlagschein ausgestattet.
Das fand Herr K. sehr ungerecht, also schilderte er dem ÖBB-Kundenservice in einem Brief seinen Fall, fügte hinzu, dass die ÖBB von ihm viel Verständnis für Zugverspätungen erwartet und erhalten habe, bat mit dem Verweis auf seine prekäre studentische Finanzlage um ebensolches, und legte sowohl Abbuchungsbestätigung als auch Kundenbeleg bei.
Er erhielt schon drei Wochen später Antwort. Man habe den Fall überprüft: Die Ausstellung der gegenständlichen Forderung sei korrekt gewesen sei. Man ersuche den Betrag umgehend einzubezahlen, weil man sonst gezwungen sei, die Forderung an ein Inkassobüro weiterzugeben. Und am Ende: „Wir ersuchen um Verständnis, dass es im Zusammenhang mit dieser Forderung seitens ÖBB-Personenverkehr AG keine weiteren Stellungnahmen geben wird.“
Wie sagte Verkehrsministerin Doris Bures kürzlich so schön? Ihr Anliegen sei es, „das Bewusstsein in den ÖBB zu schärfen, dass der Kunde König ist.“ Das misslang bisher.
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| 03/10
Falter-Kolumne
Man muss die Dinge genau so lange liegen lassen, bis man vor Angst kurz vor dem Herzinfarkt steht und keine Nacht mehr durchschläft. Die Angst muss einem auf der Seele liegen und auf den Magen schlagen. Der Selbsthass muss einem bis einen Millimeter unter den Nasenlöchern stehen. Praktisch ist, wenn man in so einem Fall über eine gewisse Lebenserfahrung verfügt, die einen gelehrt hat, dass es dann, unmittelbar bevor man mit einer Panik-Attacke eingeliefert wird, auf einmal geht. Darauf vertraue ich jetzt erst einmal. Das große, das zukunftsweisende Projekt wurde projektiert, dingfest gemacht und auch letzte Woche wieder offensiv vertrödelt, ist ja noch Zeit. Der Selbsthass steht auch erst knapp bei den Brustwarzen, das reicht nicht, das ist für einen kreativen Schub noch lang nicht genug, da geht noch was.
Das kleinere Projekt dagegen ist so gut wie im Kasten, nur eins der Mimis, die dafür je zwei völlig unschuldige Körperteile für ein Buch-Cover in eine Kamera halten sollten, ist jetzt doch nicht bereit, bei dem Unsinn mitzumachen. Sicher nicht, such dir ein anderes Kind. Will ich nicht, ich brauch dich. Nein. Du kriegst einen Euro. Hahaha. Drei Euro. Nein. Fünf! Trotzdem nicht. Aber der Fotograf hat schon gaaanz berühmte Leute fotografiert, zum Beispiel die Christina Stürmer und den Bundespräsidenten! Mir wurscht. Du machst da mit, Herrschaftszeiten! Nein.
Ich werde Anna auf das Mimi ansetzen müssen, von Anna fühlt das Kind sich verstanden, ganz anders als von seiner blöden Mutter, die immer nur herumkeppelt, einen zum Essen, zum Baden und zum Schlafen zwingt, einen in der Früh aus dem Traum reißt, nie mit einem das "Frühlingsfest der Volksmusik" anschaut und einem nicht einmal Geschenke mitbringt, wenn sie verreist. Dabei ist es ein klares Geburtsrecht jedes Kindes, dass Eltern, die mit Koffern das Haus verlassen, mit Geschenken wiederzukommen haben. Das ist ein DJ-Koffer, Schatzl, ich verreise nicht, ich lege nur im phil auf. Es ist ein Koffer, bring mir was mit. Anna bringt mir auch immer was mit.
Anna wird das machen, das mit der Fotosache, das ist sie mir auch schuldig, wenn sie schon unbedingt ihre perverse Veranlagung an den Mimis ausleben muss. Denn Anna schaut so gern das Dingsfest der Volksmusik, aber sie schaut es nicht gern allein, und außer den Mimis, die sich alles anschauen, solange es nicht gruselig ist, macht das ja keiner mit. Ich habe versucht, den Kindern zu erklären, dass das aber wohl gruselig ist, Entschuldigung, das ist womöglich das Gruseligste, was das Fernsehen überhaupt zu bieten hat, aber ich finde wie stets kein Gehör. Und in Anna diesmal keine Komplizin, sondern darf mir jetzt 24/7 volkstümliche Lieder aus Kinderkehlen anhören, Schwerpunkt Liebe im Frühling. Herrlich, vergeltsgott. Dafür regelst du das mit dem Foto, dankeschön, dann bin ich eventuell bereit, das zu verzeihen, e-ven-tu-ell.
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| 03/10
Kurier-Kolumne
Schleifmühlgasse bitte, sagte ich. Was, sagte der Taxler. Schleifmühlgasse, sagte ich. Schlafwie, sagte der Taxler. Das nächste, was ich tat: Ich tippte dem Taxler die Schleifmühlgasse, eine bekanntlich an der äußersten Peripherie der Stadt versteckte Sackgasse, ins Navi. Ah, Schlafmühlgasse, sagte der Taxler, da beim Naschmarkt! Genau, sagte ich, und der Taxler sagte: Und wie komme ich da hin?
Immerhin: Der Mann sah während des Fahrens nicht fern. Das ist nicht selbstverständlich; immer wieder gerate ich in Taxis, in denen der Taxler sich mehr auf Germanys Next Topmodel konzentriert als auf den Verkehr und auf die wieder auf Grün gesprungene Ampel aufmerksam gemacht werden muss.
Wir erreichten die Schleifmühlgasse und den Ort, an dem ich auszusteigen beabsichtigte. Der Navi befahl anzuhalten. Ich bat anzuhalten. Der Fahrer fuhr weiter, reagierte aber bereits bei der Margaretenstraße auf mein drittes „Stopp!“.
Das ist auch nicht selbstverständlich. Unlängst kurvten wir auf der Suche nach einer Party mit einem Taxi durch Erdberg. Gut, unsere Ortsangaben waren etwas fragmentarisch. Als die Feierlichkeit sich nicht am angepeilten Ort fand, drehte der Taxler um und raste kurz einmal zwei Kilometer in die Gegenrichtung, bis wir ihn überreden konnten, zur genaueren Orientierung doch bitte einmal anzuhalten. Danach fuhren wir die zwei Kilometer wieder zurück, das war nämlich genau da gewesen, wo wir es vermutet hatten, nur rechts statt links.
Aber wenigstens: er fuhr. Kürzlich in Berlin sanken wir erschöpft und sackerlbepackt in ein Taxi, nannten ein kilometerweit entferntes Ziel und hörten: „Kamma det ned lofn?“ Kamma. Muss aber nicht.
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| 03/10
In Vorarlberg haben sich die Bürger von Röthis gegen die Abschiebung einer gut integrierten Familie gewehrt: Mit Erfolg. Das Video steht auf youtube, und es macht Gänsehaut, wie diese Leute samt Bürgermeister sich im Morgengrauen vor diese Familie stellen und den Beamten, die ihre Arbeit tun wollen, in aller Ruhe klar machen, dass sie das nicht zulassen werden.
Und vorgestern bekam ich eine Aussendung des Architektur-Büros Caramel. Caramel war eingeladen worden, am Wettbewerb für ein Schubhaftzentrum teilzunehmen. Und kam zum Schluss: Hier geht es um „ein Gefängnis für Menschen, die nichts verbrochen haben“. In dem sie „einzig aus dem Grund, nicht in Österreich geboren zu sein, eingesperrt werden“. Und Caramel fand für sich eine Antwort: Nein, da machen wir nicht mit.
Wird das Leben irgendeines richtigen Österreichers besser, wenn man Flüchtlinge einsperrt? Oder wenn man an den Zogajs und anderen gut integrierten Familien ein Exempel statuiert? Ist es eine nachhaltige Genugtuung, wenn Recht über Humanität siegt? Und kann sich davon irgend jemand eine Wurstsemmel kaufen?
Im Vergleich dazu der Assistenzeinsatz des Bundesheers: kostet 22 Millionen Euro zusätzlich, 19 (in Worten: neunzehn) illegale Einwanderer wurden aufgegriffen. Für 22 Millionen Euro, um die man sich viele Wurstsemmeln – oder anderes – kaufen könnte, die aber nur das subjektive Sicherheitsgefühl der Österreicher stärken.
Viele haben das schon begriffen: Dass es hier nur ums Gefühl geht. Darum, dass die Österreicher sich besser fühlen. Nicht darum, dass es ihnen besser geht. Daran ändern ein paar abgeschobene Familien nämlich genau gar nichts.
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| 03/10
Falter-Kolumne
Nicht nur die Kirche muss derzeit darüber nachdenken, was man mit Kindern alles nicht tun darf, auch ich. Der Wunsch, mein Kind zu hauen, ist dieser Tage überwältigend. Ich tue es, wie immer, nicht, würde aber sehr gern. Es ist nämlich nicht so, dass Trotzphasen kommen und gehen und irgendwann aufhören, nein, das Kind performt jetzt einen Trotzphasen-Remix mit besonderem Engagement in den hohen Frequenzen. Die, bei denen ich leicht die Beherrschung verliere, was, wie mir einer meiner Psychiater am Samstag bei Wirtens erklärt hat, wahrscheinlich von einem selektiven Hörschaden herkommt: Wenn im Lokal der Geräuschpegel hoch ist, höre ich meinen Gesprächspartner zu wenig, wenn das Kind mich angreint, leider zu viel. Immerhin haben sie uns bei Wirtens das fantastische Abendessen zu Ehren von Horwaths nichtendenwollendem 50er nicht ruiniert, sie waren im Kinderzimmer damit beschäftigt, ihre Strategien im Geschlechterkampf zu verfeinern und Schuhe anzuzünden: nicht meine Wohnung, geht mich nichts an, ich muss mich mit dem Rindfleischsalat, den scharfen Garnelen-Nudeln, dem Steak mit Garnitura Dalmatinska, dem Tiramisu und der Jogurt-Panacotta beschäftigen, ich habe gerade keinen Kopf für etwas anderes.
Und ich war auch zu dankbar, überhaupt endlich stabil an Wirtens Tisch zu sitzen, die Kinder wollten ja zuerst nicht hin. Nachdem sie sich die ganze Woche über bitter beklagt hatten, dass ihre grausamen Eltern ihnen ständig aus purem Egoismus den Kontakt zu anderen Kindern verwehrten, den und die und die und den hätten sie jetzt schon seit ewig, was heißt: seit Jahren praktisch nicht gesehen, NIE führe man sie anderen Kindern zu. Und wie wir am Samstag zu Wirtens und ihren Kindern aufbrechen wollten, erscholl großes Geheul, das sei ja wieder eine spezielle Grausamkeit, einem überarbeiteten, erschöpften Schulkind seine verdiente Wochenend-Freizeit zu rauben, nie könne man sich ausruhen, nie erholen, nie in Ruhe spielen (aka fernsehen), es sei eine unablässige Quälerei. Und nein, man gehe auf keinen Fall mit und ziehe sich jetzt sicher nicht die Schuhe an; überhaupt, was sei das für eine Art der Kommunikation, den ganzen Tag nur Befehle, Befehle, Befehle. Natürlich vernahmen wir, als wir sie um elf bei Wirtens einpackten, das gleiche, nur in anderen Worten, aber da hatte das viele Essen und Trinken meinen selektiven Hörschaden derart verstärkt, dass ich gar nichts mehr hörte.
Der Horwath hatte bei Wirtens zu unser aller Erstaunen die Bregenzerwälder Kuhfell-Hölzler an den Füßen, in die er, gegen alle Prognosen - außer meiner - offenbar sofort nach Überreichung eingezogen ist. Der Horwath sagt, super, alles, was das Leben verlangsame, sei ihm gerade sehr recht. Mein Leben würde derzeit schon von einer partiellen Verleiserung massiv profitieren, und den Kindern ist das wieder einmal komplett powidl.
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| 03/10
Kurier-Kolumne
Die Reaktion des Vatikan zum Missbrauchsskandal entspricht genau der Bunker-Athmosphäre, in der er stattgefunden hat: Man schweigt sich aus. Das ist unsere Sache, das besprechen wir intern, geht keinen etwas an, niemand von außen hat sich einzumischen, wir machen die Mauer, wir halten still. Genau so entsteht auch das Umfeld, in dem etwas derartiges wie kollektiver Missbrauch und akzeptierte Misshandlung von Kindern überhaupt möglich wird: eine eigene Welt mit eigenen Gesetzen und einer eigenen Weltanschauung, in der Dinge möglich sind, die draußen, im wirklichen Leben, verpönt und verboten sind.
Eines dieser eigenen Gesetze heißt Zölibat: eine Lebensform, deren Regeln nicht unbedingt der Natur des Menschen entsprechen. In diesem Zusammenhang ist die auch Haltung der Kirche zur Homosexualität interessant, und zwar doppelt. Denn Homosexualität habe, heißt es von kirchlicher Seite her gerne, Gott in der Schöpfung nicht vorgesehen: die Menschen, Mann und Frau, seien dazu geschaffen, sich fortzupflanzen. Der Zölibat entspricht, wenn man sich dieser Sichtweise verschreiben will, wohl auch nicht den göttlichen Vorgaben, speziell wenn er seine Anhänger dazu treibt, sich an Minderjährigen zu vergreifen. Dafür ist sicher nicht nur der Zölibat verantwortlich zu machen; bekanntlich tun das, da es ja mehr mit Macht als Sex zu tun hat, auch nicht zölibatär lebende Männer. Aber Männer, die ihre Sexualität unterdrücken müssen, sind sicher gefährdeter – und wieder schützt sie das geschlossene System – ihre durch ein lebensfernes Reglement stillgelegten Triebe an denen auszuleben, die eigentlich ihres Schutzes bedürften. Die Abschaffung des Zölibats, Peter Rabl hat es gestern an dieser Stelle geschrieben, wäre ein wichtiger Schritt zur Verhinderung weiterer Opfer.
Verjährung oder nicht? Ein anderer Schritt, aktuell sowohl in Deutschland als auch hierzulande erwogen, ist die Aufhebung oder Verlängerung der Verjährungsfristen für Kindesmissbrauch.
Der Schriftsteller Josef Haslinger, selbst ein Opfer des Missbrauchs durch katholische Pater, der sich aber nicht nur als Opfer sehen möchte, äußert sich dazu in einem bemerkenswerten Beitrag für die deutsche Welt. Er warnt davor, „jetzt eine Hexenjagd“ zu inszenieren. Es habe „einen guten Sinn“ dass es im Gesetz Verjährungsfristen gebe. „Das Hauptaugenmerk kann doch nicht Tätern gelten, deren Straftaten verjährt sind“, schreibt Haslinger: „Das Hauptbestreben der derzeitigen Thematisierung von Pädophilie und Pädosexualität muss es sein, heutige Fälle aufzudecken und künftige zu verhindern.“ Die Opfer aber hätten einen uneingeschränkten Anspruch auf Aufarbeitung der Geschichte.
Und genau hier müssen sich jetzt vor allem der Vatikan und der Papst bewegen. Denn eines ist sicher: Nur die schonungslose Offenheit, nur die Wahrheit wird auch die innerkirchliche Realität verändern. Und eine Veränderung ist unumgänglich.
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| 03/10
Kurier-Kolumne
Ihre Kolumnistin lernt gerade die Eigenheiten ihrer schönen Nebenwahlheimat Niederösterreich kennen. Und ist, siehe letzte Kolumne, ein wenig verwundert über die Direktwahl-Besonderheiten bei den Gemeinderatswahlen: die Kandidaten können Direktwahlstimmzettel mit nur ihrem Namen darauf ausgeben, auf denen man nichts mehr anzukreuzen braucht und die den amtlichen Stimmzettel ersetzen.
Was Leser-Reaktionen bewirkte: Einige zeigten sich über die niederösterreichischen Demokratie-Spezialitäten gleichfalls irritiert: das sei „obskur“, und „verunsichernd“. Andere schimpften mich „ahnungslos“, reimten mir „Gepolter“ an und begrüßten die Regelung: Das sei bitte die niederösterreichische Wahlordnung und gut so, und jegliche Verwunderung darüber sei höchst unangebracht.
Was noch interessant ist an dem System, und es ist gut, wenn Neo-und Nebenniederösterreicher wie ich das wissen: Man sollte sich besser entscheiden, ob man den amtlichen Stimmzettel verwendet oder den Parteienstimmzettel, also den Direktwahlzettel mit dem Namen eines Kandidaten darauf.
Wenn man beide hineinsteckt, ist das kein Problem, so lange das Kreuz auf dem amtlichen und die Partei des direkten übereinstimmen. Wenn man aber auf dem amtlichen Stimmzettel die Partei ankreuzt, die man z. B. bei Nationalratswahlen favorisiert, aber noch den Direktwahlzettel des Bürgermeisters einer anderen Partei dazu steckt – beispielsweise als, wie ein Leser mailt, „Ausdruck der Wertschätzung“ – sticht der Direktwahlzettel den amtlichen Stimmzettel: der verliert seine Gültigkeit und die Stimme geht an die Partei des Bürgermeisters. Puhh, Demokratie ist schwer.
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| 03/10
Kurier-Kolumne
Ihre Kolumnistin lernt gerade die Eigenheiten ihrer schönen Nebenwahlheimat Niederösterreich kennen. Und ist, siehe letzte Kolumne, ein wenig verwundert über die Direktwahl-Besonderheiten bei den Gemeinderatswahlen.
Was Leser-Reaktionen bewirkte: Einige zeigten sich über die niederösterreichischen Demokratie-Spezialitäten gleichfalls irritiert, andere schimpften mich „ahnungslos“, reimten mir „Gepolter“ an und begrüßten die Regelung.
Eine Gemeinderätin berichtete mir, was das System in der Praxis bewirkt – und um das zu veranschaulichen, erfinden wir hier einmal eine niederösterreichische Gemeinde. Nennen wir sie Vorderdings.
In Vorderdings gibt es 70 Wahlberechtigte, und die sind mit ihrem Bürgermeister so zufrieden, dass er von 60 der 70 wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürgern wiedergewählt wird. Von den 60 haben – und genau das komme, berichtet die Gemeinderätin, in der Realität ständig vor – 20 nicht nur mit dem amtlichen Stimmzettel gewählt, sondern auch noch den Direktwahl-Zettel dazugesteckt.
Bei der Auszählung werden nun alle Kuverts aus- und alle Zettel auf einen Haufen geleert. Die Auszählung ergibt: Von den 70 wahlberechtigten Vorderdingsern haben 90 – amtlich und direkt – gewählt, zehn davon stimmten für die andere Partei: 80 der 70 Wahlberechtigten wählten also den Bürgermeister.
114 Prozent: Das ist ein Resultat, das normalerweise nicht einmal von Diktatoren totalitärer Ein-Partei-Regime erreicht wird. In weniger zivilisierten Ländern mit Demokratie-Defiziten würde eine Wahl mit einem derartigen Ergebnis von OSZE-Wahlbeobachtern vermutlich als ungültig betrachtet werden. In Niederösterreich geht so etwas.
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| 03/10
Kurier-Kolumne
So, zugeklebt, fertig, muss nur noch in die Post. Ihre Autorin, Neben-Niederösterreicherin, hat gerade gewählt: Entschied sich für eine von zwei Parteien und vergab ihre Vorzugsstimme.
In vielen niederösterreichischen Gemeinden wird einem diese Entscheidung erleichtert. Leser R. aus Langenlois etwa erhielt einen Brief seines ÖVP-Bürgermeisters: Es sei kommenden Sonntag eine wichtige Entscheidung für die nächsten fünf Jahre zu treffen, man habe viel geleistet. Wahlkampf halt, und im üblichen Ton geht es weiter, Werbung um die Stimme und so fort.
Interessant wird’s beim P.S. ganz unten, da fand Herr R. nämlich diesen Satz: „Mit den beiliegenden Stimmzettel ist es möglich, mich direkt zu wählen, dieser ersetzt den amtlichen Stimmzettel. Herzlichen Dank!“ Und dieser Stimmzettel enthält dann, zwischen den Hinweisen „ersetzt den amtlichen Stimmzettel“ und „Bitte stecken Sie diesen persönlichen Stimmzettel bei der Gemeinderatswahl am 14. März 2010 ins Wahlkuvert. Danke.“ nur noch in fetten Versalien den Namen des Bürgermeisters. Ankreuzen nicht mehr nötig. So erleichtert man dem Wahlvolk die Demokratie. Service an den Bürgerinnen und Bürgern, denen man das verwirrende Auswählen und quälende Kreuzerl-Malen abnimmt.
Von niederösterreichischen Kolleginnen höre ich, das sei in ihren Orten auch so üblich. Und als Nicht-Juristin würde ich gerne wissen: Sieht das österreichische Wahlgesetz vor, dass Bürgermeister einfach eigenmächtig den amtlichen Stimmzettel durch einen Zettel mit nur ihrem Namen darauf ersetzen dürfen? Oder ist das einfach Usus, den man gegenseitig toleriert? Demokratie: langweilig wird sie nie.
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| 03/10
Falter-Kolumne
Drei Wochen lang hatten wir Lazarett. Kind krank, Kind krank, Mutter krank, Kind krank, Kind krank, und jetzt sind die Mimis komplett ruiniert vom Fernsehen. Sie singen und tanzen Werbespots nach, träumen schlecht, haben das Spielen verlernt und zucken wegen jedem Scheiß aus. Die Mutter im Übrigen auch. Die Mutter würde wieder einmal gern ein paar Stunden lang nicht angesprochen werden, von niemandem, einfach nur gar nicht. Nur den Sound of Silence hören, verziert mit paar Geräuschen von der Straße und aus dem Ballkäfig, die mit mir nichts zu tun haben und an denen keine Forderungen und Beschwerden appliziert sind. Wieder ganze Tage nur unter Erwachsenen verbringen, in Ruhe in der Redaktion schreiben, Mittagessen gehen mit dem C. oder dem T. oder der B., dazu Wein trinken, statt Nutella-Brote schmieren und magenschonendes Karottensüppchen nach dem Rezept von Dr. Urban kochen, das dann sowieso abgelehnt wird. Gemoser, den ganzen Tag.
Dieses wurde immerhin am Samstag unterbrochen von Horwaths 50er, im Wetter, sehr nett. Wir schmissen die Kinder in der Ecke auf einen Haufen, warfen Nintendos und Weißwürste mit Ketchup hinterher (die vorbildlich guten Wetter-Menschen haben die Ketchup-Anregung sofort aufgenommen) und konnten so mehrere Stunden ungestört mit Erwachsenendingen verbringen, aka trinken, rauchen, reden und Blut- und Leberwürste vom Metzger Fontain in Dornbirn essen, ohne dass die Kinder dazu Würgegeräusche machten. Das war sehr schön, obwohl das Geschenk für den Horwath nicht rechtzeitig angekommen war, dabei hätte es so gut zu den Würsten gepasst. Und der gute Herr Devich war extra noch am Mittwochnachmittag in Bezau, Bregenzerwald, mit einem Paar wunderhübscher, lammfellgefütterter Rindsfell-Hölzler der Größe 45 zur Post marschiert, wo man es dann genau so lange liegen ließ, dass es dann pünktlich nicht ankommen, sondern erst Montag früh geliefert werden konnte. Danke, liebe Post. Deswegen kann ich auch noch nichts über die Horwathsche Reaktion erzählen, der uns exilierte Xiberger (plus dem Langen) jetzt seit Jahren wegen dem Schuhwerk verlästert, das wir im Waldviertel praktisch ausschließlich an den Füßen tragen. Aber heuer hat ja auch Lagerfeld Holz-Clogs, das überzeugt den Horwath vielleicht von der Sinnhaftigkeit seines Geschenks.
Weil: Was schenkt man einem wie dem Horwath zum Fünfziger? Das Werkzeug, damit er endlich mal eins seiner fetten Sulmtaler mordet, hat er schon gekriegt. Gut: Die Felders schenkten ihm ein Kochbuch mit Hendl-Rezepten, das wird er hoffentlich bald benützten. Er nennt die Hendln jetzt auch schon „Hendln“ und nicht mehr bei ihren Namen, wir waren von Anfang an gegen die Namen, da wird doch das Verhältnis vom Bauern zu seinem Schlachtvieh viel zu intim und vertraulich. Wir halten es für einen Schritt in die richtige Richtung, dass der Horwath dieses Verhältnis jetzt allmählich auf eine prosaischere Ebene herunterschraubt, und hoffen sehr auf Ostern.
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| 03/10
Kurier-Kolumne
Anlässlich des Frauentags las der Kollege H. im KURIER diesen Satz der ÖVP-Parlamentarierin Silvia Fuhrmann: „Wenn ein Mann einfach nicht in Karenz gehen will, kann auch die Politik nichts tun.“ Und er erzählte dann folgendes:
Im Jänner bekamen der Kollege und seine Freundin ihr erstes Kind: einen Sohn. Und gleich, nachdem dieser auf die Welt kam, bekamen die beiden schon im Krankenhaus eine Sozialberatung der Wiener Mag 11, auch bekannt als: Amt für Jugend und Familie.
Der Kollege H., ein wacher, aufgeschlossener junger Vater, berichtete der Sozialarbeiterin von seinem Plan, ein paar Monate in Karenz gehen zu wollen; also konkret: vier Monate von insgesamt 14 in der einkommensabhängigen Kindergeld-Version.
Was meinte dazu die Sozialarbeiterin? Die Sozialarbeiterin meinte, das sei keine gute Idee. Der Kollege habe erst kürzlich eine Anstellung gekriegt? Dann rate sie ihm eher davon ab, in Karenz zu gehen; denn auch wenn Chefs sagten, man könne danach zurückkommen, sei das keineswegs immer sicher, und in Zeiten wie diesen sei eine Anstellung doch viel Wert. Stattdessen riet die Frau H.s Freundin, die längstmögliche Karenzvariante in Anspruch zu nehmen, damit habe man die größte Sicherheit.
Die Höhe des Verdiensts der jungen Mutter oder das Karriere-Risiko , das sie mit 14 Monaten Karenz eingeht, interessierte die Frau von der Mag 11 nicht. Und ließ die jungen Eltern verdattert zurück.
Und die, beide Akademiker, fragen sich nun, wie junge Eltern aus weniger bildungsnahen Schichten wohl auf so eine Beratung reagieren. Es ist nicht nur die Schuld der Väter, dass die Väter–Karenz so unpopulär ist.
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| 03/10
Kurier-Kolumne
Das gab’s immer schon. Und jetzt wird – wenn nötig auch gegen den Widerstand der Kirche,– endlich auch darüber geredet, was in deutschen katholischen Internaten vorgefallen ist. Und vermutlich noch immer vorfällt.
Der deutsche Missbrauchsskandal weist erstaunliche Parallelen zu einem österreichischen auf, nämlich jenem der Mühl-Kommune. Das beweist erstens, dass Kindesmissbrauch nichts mit Ideologie zu tun hat: Die 68er und ihre lockere Sexual-Moral sind an derartigen Vergehen keineswegs schuld. Überhaupt hat die Sache, wie auch Kollege Tartarotti schon deutlich formulierte, mit Sex eigentlich nichts zu tun. Es geht beim Kindesmissbrauch nur vordergründig um das Ausleben von Sexualität: Es geht um Macht und die billigste, brutalste Form ihres Missbrauchs.
Die Parallelen zeigen zweitens, dass kollektiver Missbrauch in hermetisch geschlossenen Systemen am reibungslosesten funktioniert, deren Mitglieder sich ihre eigene Realität, ihre eigenen Codizi etablieren und legitimieren. Dass der Mensch – speziell der männliche – in von äußerer Kontrolle geschützten Labor-Sitationen dazu neigt, sich sein eigenes Wertesystem außerhalb der rechtlichen Normen und des sozialen Konsenses zu errichten. Frauen übernehmen in solchen Systemen – genauso wie beim innerfamiliären Missbrauch – häufig den traurigen Part der Komplizinnen, der Schweigerinnen und Wegschauerinnen, die sich in ihrer Machtlosigkeit so gemütlich eingerichtet haben, dass sie die Gewalt-Hierarchie nicht mehr sehen: Und die noch viel Schwächeren, die sie als Erwachsene zu schützen hätten.
Da wie dort hielt die Schweigemauer über Jahre und Jahrzehnte. Jetzt stürzt sie ein: Und mit ihr hoffentlich das System dahinter.
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| 03/10
Kurier-Kolumne
Aus der ÖVP-Aussendung einer österreichischen Ortschaft: „D ie Kandidatinnen für die Gemeinderatswahl 2010 laden herzlich ein zum Frauentag am Donnerstag den 11. März 2010 um 19 Uhr: So mache ich mehr aus meinem Typ.“
Muss man zum Tag der Frau mehr sagen? Ja: Auch wenn man den Frauentag nicht so gründlich missversteht, ist er trotzdem ein Irrtum. Der Frauentag gehört abgeschafft. Er ist kontraproduktiv. Ein Tag im Jahr: Trommelwirbel, Magazincover, TV-Talks. Frauengeschichten. Statisken und Zahlen, die jedes Jahr wieder beweisen, dass all die Frauentage der letzten Jahrzehnte nichts bewirkt haben, dass es immer schlimmer, die Schere immer größer und das Leben am 9. März weiter gehen wird wie zuvor. Wieder wird jede Quotenforderung, jeder Versuch, die Gleichstellung der Frauen in Österreich endlich Realität werden zu lassen, von den zuständigen Stellen aus pragmatischen, finanziellen und organisatorischen Gründen abgeblockt werden. Und die auch zu diesem Frauentag nicht beantwortete Frage, warum es z.B. keine einzige österreichische Uni-Rektorin gibt, wird man 364 Tage lang gar nicht mehr stellen. Ist halt so.
Zudem impliziert so ein Tag der Frau, dass Frauen etwas Extraordinäres seien: wie eine seltene Spezies, die man sich im Zoo anschaut: Da schau, arm!, und jetzt zu Wichtigerem.
Und genau das ist systemstabilisierend. Einmal im Jahr ein schlechtes Gewissen: das korrigiert nicht den Lauf der Dinge. Korrigierend wirken dagegen die Menschen, die Frauen, die das ganze Jahr dafür kämpfen, dass sich schritt-, ach: trippelweise doch etwas ändert und bessert. Der Frauentag tut das definitiv nicht.
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| 03/10
Kurier-Kolumne
Aus der ÖVP-Aussendung einer österreichischen Ortschaft: „D ie Kandidatinnen für die Gemeinderatswahl 2010 laden herzlich ein zum Frauentag am Donnerstag den 11. März 2010 um 19 Uhr: So mache ich mehr aus meinem Typ.“
Muss man zum Tag der Frau mehr sagen? Ja: Auch wenn man den Frauentag nicht so gründlich missversteht, ist er trotzdem ein Irrtum. Der Frauentag gehört abgeschafft. Er ist kontraproduktiv. Ein Tag im Jahr: Trommelwirbel, Magazincover, TV-Talks. Frauengeschichten. Statisken und Zahlen, die jedes Jahr wieder beweisen, dass all die Frauentage der letzten Jahrzehnte nichts bewirkt haben, dass es immer schlimmer, die Schere immer größer und das Leben am 9. März weiter gehen wird wie zuvor. Wieder wird jede Quotenforderung, jeder Versuch, die Gleichstellung der Frauen in Österreich endlich Realität werden zu lassen, von den zuständigen Stellen aus pragmatischen, finanziellen und organisatorischen Gründen abgeblockt werden. Und die auch zu diesem Frauentag nicht beantwortete Frage, warum es z.B. keine einzige österreichische Uni-Rektorin gibt, wird man 364 Tage lang gar nicht mehr stellen. Ist halt so.
Zudem impliziert so ein Tag der Frau, dass Frauen etwas Extraordinäres seien: wie eine seltene Spezies, die man sich im Zoo anschaut: Da schau, arm!, und jetzt zu Wichtigerem.
Und genau das ist systemstabilisierend. Einmal im Jahr ein schlechtes Gewissen: das korrigiert nicht den Lauf der Dinge. Korrigierend wirken dagegen die Menschen, die Frauen, die das ganze Jahr dafür kämpfen, dass sich schritt-, ach: trippelweise doch etwas ändert und bessert. Der Frauentag tut das definitiv nicht.
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| 03/10
Kurier-Kolumne
Weil wir gestern übers Speiben sprachen: Das provokative Kokettieren einer Präsidentschaftskandidatin mit rechtsextremem Gedankengut verlängert den Brechreiz weit über die virale Infektion hinaus. Es ist das alte Dilemma: Einerseits kann man derartige Ungeheuerlichkeiten nicht unerwidert lassen, anderseits signalisiert jede Reaktion auch Gesprächsbereitschaft... Es ist ein ewiges Elend, dass diese Strategie immer wieder Erfolg hat.
Auch deshalb dachte ich diese Woche lieber über Alex James nach. James war – und ist es bei Bedarf noch – Bassist der britischen Band Blur, die das Lebensgefühl, mit dem meine Generation erwachsen wurde, präzise, politisch und extrem erfolgreich in Popmusik übersetzte. (Oasis gaben die dumpfen, begabten Bauchmenschen, Blur die wachen, sensiblen Schlauköpfe.) Blur waren so etwas wie der kürzeste Weg von Punk zu Pop, mit allen exzessiven Begleiterscheinungen, die der Rock‘n‘Roll-Lifestyle so im Repertoire hat.
Dafür wird man irgendwann zu alt und zu gescheit. (Naja, die meisten; Oasis nicht.) Damon Albarn, der geniale Blur-Frontman, rannte in die Welt hinaus und nahm von überall Sounds mit, die er in verschiedenen Formationen einbrachte. Gitarrist Graham Coxon wandelte solo und in der Kunst.
Und Alex James wandte sich ab und zog aufs Land. Zog aufs Land, bekam fünf Kinder und begann auf seiner Farm Käse zu zu produzieren. Und schrieb darüber ein Buch, dessentwegen er jetzt Interviews gibt, und das Konzentrat ist: Der Mann hat wieder den richtigen Ort zur richtigen Zeit gefunden, den Ort an dem er ungestört älter, milder und bärtiger werden kann. Der Mann ist glücklich. Und er weiß, warum.
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| 03/10
Kurier-Kolumne
Um fünf Uhr früh spieb das Kind zum vierten Mal, und als es wieder schlief, ging ich hinaus auf den Balkon, frische Luft atmen. Und dann hörte ich es. Die Vögel. Die Vögel sind wieder da.
Wenn die Vögel wieder da sind, ist der Winter vertragsgemäß vorbei. Leider kommt der Lenz heuer nicht nur mit dem Geräusch zwitschernder Vögel, sondern mit (Achtung! Ab hier 50%iges Gustiositätsgefälle!) einem weiteren: Dem Sound von plötzlich sich entleerenden Mägen. Jeder um mich herum speibt, hat gespieben – oder wird demnächst speiben, weil er schon angesteckt wurde.
Ich habe es gerade hinter mir und trachte jetzt, während ich das Kind versorge und tröste, allmählich meinen Kreislauf wieder... (Kurze Unterbrechung. Die Schule hat angerufen. Das andere Kind sähe so aus, als würde es gleich speiben und sei deshalb pronto abzuholen. Bin gleich wieder da.)
Bin wieder da. Die Kinder sehen fern, um sich vom Bauchweh abzulenken, und wenn ich das oben erwähnten Geräusch vernehme, laufe ich los, um mütterlichen Beistand zu leisten und dann eiskaltes Wasser in klitzekleinen Schlucken zu verabreichen, wie es die Hausärztin meines Vertrauens empfohlen hat. Sie händigte mir zudem ein Rezept für eine Rossi-Kur aus (¼ l Schwarztee, ¼ l frischen Orangensaft, ¼ l abgekochtes Wasser und eine Prise Salz mischen, im Tiefkühlfach kühlen und eiskalt löffelweise über den Tag verteilt verabreichen), aber das akzeptieren meine nicht einmal, wenn ihnen brechschlecht ist. Hoffentlich wird es auch so besser.
Dann geh ich hinaus auf den Balkon, nehme meinen Kreislauf langsam wieder in Betrieb und seh mir den Frühling an. Vielleicht zeigt sich ja ein Vogel.
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| 03/10
Kurier-Kolumne
Klara K. startet ihr MacBook neu: graue Fläche. Nichts. Bei dem Apple-Händler am Getreidemarkt, bei dem sie das MacBook vor zwei Jahren und drei Monaten gekauft hat, erklärt ihr ein Herr, der Kostenvoranschlag koste 66 Euro, und nein, keine Ahnung, was das Gerät haben könnte, aber vor in zwei Wochen sei nichts zu machen. Klara K. erklärt dem Mann, ihre Erwerbstätigkeit hänge von dem Gerät ab. Der Mann zeigt professionelles Desinteresse. Ob es denn einen Expressdienst gäbe? Ja, das koste 59 Euro extra. Der Mann ruft einen Techniker an, legt sein Ohr ans Gerät und bescheidet Frau K. dann: derzeit kein Expressdienst. Frau K. erklärt, dass sie in diesem Laden bereits zwei ibooks für je 1000 Euro gekauft habe, was dem Mann nicht gleichgültiger sein könnte. Klara K. zieht ab: Schön, dass es Unternehmen gibt, die es sich noch leisten können, auf Kunden zu verzichten.
Klara K. geht dann zum Apple-Reparaturservice MyMac in der Margaretenstraße, und dort geschieht folgendes: Ein freundlicher Mitarbeiter hört sich ihr Problem aufmerksam an, fragt nach, sagt, was es sein könnte und dass es sich gewiss beheben lasse; eventuell sei sogar eine Kulanz von Apple drin. Der Kostenvoranschlag kostet zwar 86 Euro, aber die Frage nach der Reparatur-Dauer wird befriedigend beantwortet: zwei bis vier Tage.
Noch am späten Nachmittag wird sie angerufen und das Problem wird ihr erklärt. Und schon am nächsten Tag bekommt Frau K. den Bescheid, das Gerät sei repariert, und sie habe Glück, das koste sie gar nichts, das Problem trete öfter auf, Apple mache das in Kulanz. Und so ist es auch. Sie bekommt sogar die 86 Euro zurück. Noch schöner, dass es auch Unternehmen gibt, für die das Wort Kundendienst kein Witz ist.
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| 03/10
Falter-Kolumne
Am Tag danach fühlte ich mich wie eine Frau, die nachts zuvor gegen zwei Uhr früh vor der total angesagten Bar 3 in der Linienstraße einen Schwächeanfall erlitten hatte. Immerhin in einem Winkel, in dem ich von Rainald Goetz, der inwendig Bier trank, dabei nicht beobachtet werden konnte. Reverend Tobi Müller, von dem ich mich kurz davor sehr eilig verabschiedet hatte, sah mich auch nicht, und Herr Daniel Schreiber, ein attraktiver Kolumnistenkollege von der Zeitschrift Cicero, hatte die Lokalität dankenswerterweise bereits früher verlassen, so dass er nicht Zeuge des nachlassenden Stehvermögens der Wiener Kreativwirtschaft wurde. Wobei: Anna stand noch.
Ich hatte aber, das kann ich reinen Gewissens notieren, den ganzen Abend nur fünf Weißweinschorlen konsumiert, es lag also nicht daran, dass ich die 14-tägige Phase des selbstgewählten Temperenzlertums mit einem krachenden Exzess beendet hätte. Nein, ich hatte sogar den Hauptteil des besagten Abends in einer feuilletonistisch wertvollen Kulturveranstaltung verbracht und bin jetzt auch Pollesch-Fan. Womit ich mich zugegebenermaßen nicht als Trendsetterin ausweise, denn ohne Zweifel bin ich hiermit der letzte Pollesch-Fan im deutschsprachigen Kulturraum. Alle anderen waren es schon längst, auch Schreiber, mit dem ich bei der anschließenden Nachbesprechung ein bilaterales Erwähnungsabkommen verabschiedete, das von meiner Seite hiermit als erfüllt, wenn nicht übererfüllt betrachtet werden kann.
Ich war - erwähnte ich das schon? – mit Anna in Berlin und wurde postpollesch von einheimischen Szenewizzards in die Karl-Marx-Allee und dort in eine der angesagten Lokalitäten geführt. Das Etablissement nannte sich Freitagsküche und es hieß, der angesagte Münchner Künstler Björn Dahlem koche diesen Abend dort öffentlich, aber als wir hinkamen, wurden wir nur Zeugen des Auftritts eines derart jammervollen Sängers, dass er in Wien auch in einer sehr viel weniger angesagten Lokalität binnen Minuten unter Androhung schwerer Faustwatschen der Bühne verwiesen worden wäre. Aber in Wien ist ja auch das Show-Kochen noch immer out. Berlin und Wien, das lässt sich allerdings irgendwie sowieso nicht vergleichen. Zum Beispiel malen wir in Wien ein Lokal frisch aus, bevor wir es eröffnen und kratzen nicht, wie in Berlin den schönen Putz von den Wänden, legen alle Leitung frei und picken sie mit Gaffa an der Wand fest, damit es mittiger ausschaut. Und wir geben dem Lokal dann auch keinen Namen wie „Kauf dich glücklich“, „Mädchenitaliener“ oder „Lass uns Freunde bleiben“ wie in Mitte und spielen dann ausschließlich Radio-Wien-Musik. Wann haben Sie das letzte Mal Billy Joel gehört? Ich am Sonntag, in einem neuen Mitte-Lokal mit abgeschrabbelten Wänden, das „Mein Haus am See“ heißt. Uncool ist das neue cool. Wir Wiener können von den Berlinern noch viel lernen.
Wir gingen dann in die Bar 3 und hörten Carly Simon. Schön wars. Rainald Goetz ist sehr klein.