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| 04/10
Kurier-Kolumne
Die neunjährige Tochter der H.s wurde als eine von zwei Vertreterinnen ihrer Volksschule ins Währinger Schülerparlament gewählt: eine Sache, der viel politische Bildung im Unterricht voran ging. Dann fand die erste Sitzung dieses Schülerparlaments statt und die Schülerin kam mit einem Packerl Unterlagen zurück: sowie einem neuen Ravensburger-Spiel, Wert, schätzt die Mutter, ca. 30 Euro. Das sei, fragten die Eltern das Kind, wohl für die Schule? Nein, sagte das Kind, das habe es vom Bezirksvorsteher als Geschenk für sich erhalten.
Das fanden die Eltern nicht in Ordnung, sondern sehr bedenklich. Weil: was ist das für eine politische Sozialisation, was lernt ein Kind daraus, dass politisches Engagement unmittelbar mit persönlicher Bereicherung einher geht?
Die H.s schrieben dem ÖVP-Bezirksvorsteher von Währing deshalb am 7. April einen Brief, eine Kopie erging an die Schule ihrer Tochter. In dem Schreiben fragten sie höflich, aus welchem Grund das Kind „eine Belohnung für die Teilnahme am Schülerparlament“ erhalten habe. Denn: „Unserem Demokratieverständnis nach muss allein die Auswahl zur Teilnahme Ehre und Belohnung genug sein. Schließlich vertreten die Grundschüler nicht ihre privaten Interessen, sondern sind von der Schule demokratisch gewählt und als deren Vertreter mit einem Auftrag ins Parlament geschickt worden.“ Das dürfe, schlossen die H.s „nicht mit individueller Begüngstigung verbunden sein“.
Dass der Bezirksvorsteher den Brief erhalten hat, wissen die H.s, weil sie hörten, dass er offenbar die Schuldirektorin deswegen anrief. Eine Antwort erhielten sie nie. Vielleicht versteht der Bezirksvorsteher ja einfach das Problem nicht: So läuft Politik nun halt einmal.
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| 04/10
Kurier-Kolumne
Die Lesermeinungen im Online-KURIER sind ab sofort mit Vor- und Nachnamen gezeichnet. Ich begrüße das außerordentlich: es ist ein substanzieller Beitrag zur Emanzipation der Gesellschaft.
Andere Zeitungen ermöglichen ihren online-Leserinnen und -Lesern noch immer anonyme Postings, aus einem leicht durchschaubaren Grund und auf der Basis einer ziemlich fragwürdigen Behauptung: Dass das Leserinteresse und die Relevanz eines Artikels sich daran bemessen lasse, wie oft dieser angeklickt wird. Je mehr Postings desto mehr Klicks, weil die Poster den Artikel öfter anklicken, um zu sehen, ob auch ihre Meinung kommentiert wurde. Und je anonymer die Postings, je sicherer das Versteck, desto eher trauen sich die Leute, einen Kommentar abzugeben. Kann ihnen ja nichts passieren, weiß ja keiner, wer dahintersteckt, muss ja niemand zu seiner Meinung stehen. Aus dieser Deckung heraus trauen sich Leute Meinungen und Kritik in mitunter beängstigender Brutalität zu artikulieren, für die sie im richtigen Leben einfach zu feig sind.
Ich meine (nicht zum ersten Mal): Eine Meinung ohne erkennbaren Sprecher hat soviel Gewicht und Bedeutung wie ein Wind im Wind. Das ist verbales Heckenschützentum, etwas für totalitäre Regime, in denen kritische Menschen um ihre Existenz bangen müssen. Eine offene, aufgeklärte Gesellschaft dagegen braucht Menschen mit Haltung, die sich trauen, sich zu ihren Ansichten und ihrer Kritik zu bekennen. Was auch nur fair ist gegenüber den kritisierten Journalisten, die das schließlich auch tun. Vermummte, verbale Ballerei aus dem Graben heraus ist stil- und rückgratlos – der Kenntnisnahme nicht Wert. Kritik mit Vor- und Zunahme dagegen: bitte, her damit, jederzeit.
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| 04/10
Falter-Kolumne
Verzeihung, es geht gerade nicht. Ich muss den Kaffee aufwischen, den ich eben über meinen ganzen Kramuri geschüttet habe, zwei Kolumnen schreiben und dann mit den Mimis zum Zahnarzt und mich vom Zahnarzt schief anschauen lassen, weil mit dem einen Zahn von dem einen Kind ist eindeutig was, und der Zahnarzt wird garantiert erkennen, dass das schon länger ist. Auch wenn die Mutter schwören wird, das sei erst vor ein paar Tagen passiert, was gelogen sein wird. Jaaaa! Meine Schuld! Ich weiß! Aber was soll ich denn noch alles schaffen?? Arbeiten, kochen, Laudatio halten, auflegen, arbeiten, Kinder antreiben, Salat pflanzen, Radieschen säen, Gästebetten beziehen, Kinderfahrräder ersteigern, Mitteilungshefte lesen, Termine ausmachen, hässige Mails mit gelassener Gutmütigkeit beantworten, rauchen aufhören, die Hängematte flicken, aufräumen, gelassen sein, den Installateur anrufen, den Strom zahlen, Schiefer ziehen, Kind trösten, arbeiten, Steuern zahlen, eine gute Mutter sein, eine gute Lebensgefährtin sein, eine gute Freundin sein, nett sein, Kaffee aufwischen: Ja, ich schaff das eh alles!! Irgendwie!! Jetzt bis auf das mit dem Rauchen. Das mach ich dann nächstes Wochenende, unter dem traurigen, sorgenvollen Blick meiner Mutter, der hilft in manchen Situationen immer noch am besten.
Immerhin: Das mit der Laudatio war fein. Also, der zugehörige Anlass, weil mein Lebenswirt, der Herb Molin, das silberne Ehrenzeichen der Stadt Wien bekommen hat. Und mit was? Mit Recht. Viele Leute waren da und danach saßen die ganzen Nachteulen aus dem rhiz mit riesigen Sonnenbrillen am Maria-Treu-Platz, aßen Pizza und bekamen Sonnenbrand. Es war ein bisschen, wie wenn die Vampire in Rimini Urlaub machen. Nett war es.
Und der Lange? Ach, der Lange. Wie ich gesagt habe. Nein, nicht ganz. Er hat mit dem Positiv-Denken nicht wieder aufgehört, er hat es diversifiziert. Er denkt jetzt spartenspezifisch positiv. Also, einerseits schimpft er wieder ganz normal. Andererseits sitzt er auf der Gartenbank, schaut in die Wiese, sieht, wie hoch das Gras steht und sagt: Der Rasen sollte dringend gemäht werden. Aber er lässt sich von derlei banalen Widrigkeiten nicht mehr belasten, soweit hat er den Glauben an die Kraft des Optimismus schon verinnerlicht. Er denkt jetzt positiv, dass der Rasen, wenn man nur mit radikaler, Richard-Fordscher-Gelassenheit daran glaubt, schon gemäht werden wird. Dass alles ganz von selber gut wird. Und das wird es auch, weil der Lange fährt jetzt erst einmal zehn Tage weg, und wenn er zurückkommt, wird vermutlich jemand den Rasen gemäht haben. Für den Erheiterungsprozess des Langen ist das natürlich gut, weil es gezeigt haben wird, dass das positive Denken zu konkreten, begrüßenswerten Resultaten führt. Für mich ist es schlecht, weil ich es getan haben werde. Aber ich mache das schon, jaja, ich schaff das irgendwie.
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| 04/10
Kurier-Kolumne
Der Kollege V. hat ein frisches Kind und hat (macht? absolviert? leistet? wie sagt man da?) seinen Papa-Monat. Und forscht nun in seiner Gegend nach Plätzen, an denen es sich mit einem Kinderwagen angenehm herumsitzen lässt. Und hörte von einem versteckten, aber eigentlich öffentlichen kleinen Park im Gebäudekomplex der Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter in der Josefstädter Straße. Und beschloss, sich den einmal anzusehen.
Er durchschob also den Haupteingang und fand dann auch eine Türe, hinter der es grün leuchtete. An der Tür befand sich zwar ein Kein-Ausgang-Schild, aber sie erwies sich als unverschlossen, also trachtete V. danach, sie zu durchschreiten. Da könne er nicht hinaus, sagte der Portier. Es sei aber eh offen, sagte V. Aber er dürfe nicht, sagte der Portier. Dürfe er doch, sagte V., bewies es, saß ein Stündchen im Grünen in der Sonne und trat dann den Rückweg an. Der Portier stand gerade bei der Tür im Hof und rauchte. Und beschied V., dass er da nicht zurück könne. Wieso nicht. Sei verschlossen. Aber er gehe dann ja auch wieder hinein, sagte V. Na, er wisse ja auch, wie man sie öffnet. Dann solle er dieses Wissen, bat V., doch bitte anwenden. Er dürfe aber mit dem Kinderwagen nicht mehr vom Hof zurück ins Foyer, sagte der Portier. Warum nicht, sagte V. Weil das Spuren mache. Und was mit den Portiersschuhen sei, machen die keine Spuren? Nicht solche wie ein Kinderwagen. Aha. Deshalb.
An dieser Stelle bietet sich auch ein Plädoyer für rauchfrei Kaffeehäuser an. Denn kürzlich war ich in einem der wenigen, genoss es, und gegen Mittag konnte ich es kaum mehr verlassen, weil es von acht Kinderwägen völlig verstellt war. Was es nicht wäre, wenn in allen Kaffeehäuser nicht mehr geraucht würde. Also.
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| 04/10
Kurier-Kolumne
Am Wochenende bei der Reinsaat in St. Leonhard Setzlinge gekauft; Zucchini, Mangold, Kürbisse, Paprika und Pfefferoni, seltene, alte Paradeisersorten. Bald ist Pflanzenmarkt bei der Arche Noah in Schiltern; dort weiß man gar nicht, wo anfangen, vor lauter tollen, kuriosen Gemüsesorten: gesammelt und gezogen von Utopisten mit der fixen Idee, dass wir keine wässrigen Paradeiser essen sollen, die in Holland oder Spanien auf Chemie-Teppichen gezogen werden.
Man muss gar nicht bis Schiltern fahren, man kann das jetzt auch bei Billa kaufen: Eine Auswahl von Samen alter Sorten und die Bio-Erde dazu. In Österreich gab es Bio-Freiland-Eier im Supermarkt , als die Menschen in deutschen Städten schon wieder vergessen hatten, was das ist, ein gesundes Hendl, das auf einer Wiese herumrennt und Körndl pickt. Weil sich Europa schon daran gewöhnt hatte, dass Hühner massenhaft in Käfigen gehalten werden, auf Gitterrosten, wo sie nicht schmutzen und nie die Sonne sehen. Dass man Obst und Gemüse nicht mehr in der Erde wachsen lässt, sondern in Agrarindustrien herstellt, in Landschaften, die keine mehr sind, weil sie unter pestizidverseuchten Folientunneln verschwinden, in denen unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen geschmackloses Gemüse produziert wird.
Das ist einmal eine schöne österreichische Tradition: dieses gute, überlieferte Wissen, wie Landschaften aussehen, Tiere gehalten werden und Nahrungsmittel schmecken sollen. Und wir haben, zum Glück, die entschlossenen Narrischen, die engagiert dafür sorgen, dass dieses Wissen nicht in den Archiven vergilbt, sondern auf Feldern, in Gärten, auf Weiden und schließlich auf unseren Tellern weiterlebt. Weil wir leben wie wir essen. Hier: gut.
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| 04/10
Es habe einen „Sinneswandel“ bei den Wiener Hundebesitzern gegeben, konstatierte Umweltstadträtin Uli Sima diese Woche: angesichts von 50.000 Hundekot-Sackerl, die nun täglich in den Müll wandern. Das sehe ich auch so. In meinem Viertel hat die Sackerl-Disziplin spürbar zugenommen, fast alle räumen jetzt selbstverständlich weg, und zwar auch die, die einen noch vor zwei Jahren mit Kraftausdrücken überzogen haben, wenn man sie um genau das bat.
Es gibt jetzt in dieser Sache endlich ein weitgehend kollektives Unrechtsbewusstsein. Gut, dieses Unrechtsbewusstsein wird im Dunkel der Nacht manchmal verdrängt, weil es da weniger auf das ebenfalls gestärkte Rechtsbewusstsein jener trifft, die nicht gern ins Gacki steigen. Aber auch das zeigt etwas: man kann derlei jetzt nur noch heimlich tun, der soziale Druck ist gestiegen. Und genau den braucht es, wenn sich etwas ändern soll.
Denn besser wurde es ja nicht von selbst. Das hat ein paar Jahre Überzeugungsarbeit bedurft: erst von jenen, die nicht mehr hinnehmen wollten, dass ihnen und ihren Kindern ständig Hundedreck an den Schuhen klebt. Zuallererst musste der Bürgermeister überzeugt werden, der das Problem jahrelang geleugnet hatte. Aber es gelang, und die Stadtregierung ließ endlich strafen: Weil was nicht bei Strafe verboten ist, gilt ja als erlaubt. Und jetzt: Jetzt ist es viel besser.
Was beweist: Maulaufreißen wirkt mitunter doch. Denn wer nichts sagt, sagt, dass es wurscht ist. Wer nicht wählt, übrigens auch. Und wenn wir schon dabei sind: Wer weiß wählt, erklärt damit, dass es wurscht ist, ob Barbara Rosenkranz oder Heinz Fischer Bundespräsident von Österreich ist. Ich finde, das ist es nicht.
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| 04/10
Zuerst hat mir der Herbie einen falschen Termin für diese schöne Zeremonie hier angegeben, er meinte erst, das sei morgen. Das wäre insofern passend gewesen, als ich heute Nacht im rhiz auflege und morgen infolgedessen irrsinnig authentisch rhiz-übernachtig ausgesehen hätte. Aber auch ohne die rhiz-Verkatertheit, und abgesehen davon, dass es eine wirkliche Ehre ist, diese Laudatio halten zu dürfen, bin ich dazu, wie ich nicht ohne Stolz zu behaupten wage, einigermaßen befugt.
Denn der Herbert Molin ist, in Abwandlung eines Wortes von Thomas Bernhard, mein Lebenswirt. Und nicht nur mein Lebenswirt: Von den Leuten, die ich als 19-jährige, als ich anfing, regelmäßig in die Blue Box zu gehen, dort kennengelernt habe, treffe ich einen großen Teil immer noch regelmäßig im rhiz. Wir waren immer, wo der Herbie war, und wenn der Herbie woanders hinging, gingen wir selbstverständlich mit.
Das hat damit zu tun, dass der Herbie ein perfektes Gespür für den richtigen Ort mit der richtigen Musik in der jeweiligen Zeit hat. Als er 1984, nachdem er drei Jahre lang das Plattengeschäft Ton und Ton betrieben hatte, mit ein paar anderen die Blue Box in der Wiener Richtergasse eröffnet hat, war Wien ein pop- und jugendkulturelles Sperrgebiet: Es gab das U4, das Amerlinghaus, das Ring und das Europa. Und sonst gab es nichts. Und dann gab es endlich die Blue Box: Ein Lokal, in dem meist der Provinz entflohene junge Menschen, die gute, laute Underground-Musik hören wollten und die es nicht nötig hatten, sich mit buntem Gwand lächerlich zu machen, auf andere junge Menschen trafen, denen es ebenso ging. Die Blue Box war der Ort, an dem man sein und so sein konnte, und irgendwie richtig war. Ein öffentliches Wohnzimmer, in das man aus zu kleinen Wohnungen und zu überfüllten WGs flüchtete, um dort Bier zu trinken, Thunfischbaguettes zu essen und Menschen zu treffen, für die Musik nicht nur der eskapistischen Alltagsbeschübschung diente, sondern existentiell war, Überlebensgrundlage. Menschen, mit denen man über Platten und Musik reden konnte – und in der Blue Box konnte man, von vom Wirt selber zusammengestellten Mix-Kassetten, diese Musi auch hören, was in den 80ern und 90er Jahren, als es im Radio außer der Musik Box im Wesentlichen nur Autofahrer-Unterwegs-Musik gab, eine große, substantielle Sache war. Es saßen und kellnerierten dort, so erlebte es jedenfalls ich, die coolsten Menschen der Stadt. Menschen, die Fanzines machten. Menschen, die man auf Konzerten traf. Und vor allem Menschen, die in den tollsten, damals wegweisenden Bands spielten – bei Astaron, Passe Partout, Karl Gott, Rosa Chrom, die Occidental Blue Harmony Lovers, die Vögel Europas, die Extended Versions und den beiden Bands, in denen der Wirt selbst Hand anlegte: Viele bunte Autos und später die Thorns. Für so eine Gesellschaft nahm man es gern in Kauf, ja, es gehörte dazu, dass man vom Personal die ersten, sagen wir, zehn Jahre, in denen man mehrmals wöchentlich die Blue Box aufsuchte, nicht einmal ignoriert wurde, ganz so, wie man es sich von einem exklusiven Club erwarten darf. Das gehörte zum Charme der Blue Box: man war zuverlässig keinerlei Anbiederungen durch das Personal ausgesetzt. Man musste sich die Erkennung und Anerkennung der Kellnerinnen und Kellner mit viel Sitzfleisch und Selbstverleugnung erarbeiten. Aber man hatte etwas davon. Und genau weil die Blue Box, in ihrem inneren Kern, so exklusiv war, zog sie zu allen Zeiten immer neue junge Menschen an, die auch einmal so cool und lässig werden wollten, wie die Blue Box-Leute.
Die Blue Box war der perfekte Ort, und zwar die halben Achtziger und noch die ganzen Neuziger hindurch. Die Blue Box war der Ort, an dem die guten Kräfte sich sammeln und, wenn es die Situation erfordete, auch vom Barhocker kippen konnten. Und wo es Inventar-Gästen, Fritz Ostermayer wird mir zustimmen, auch verziehen wurde, wenn sie einmal das Klo nicht mehr fanden. Wo die tollsten Feste gefeiert wurden; die 1. Mai- und die Silvesterfeiern sind bis heute legendär. Wo die Happy-Partie ihre Plüschfantasien ausleben konnte. Wo man auflegen konnte, was man selber hören wollte. Wo Bands, die gerade eine aufreibende Tournee hinter sich hatten, auch einmal ein spontanes, wenngleich nicht mehr ganz standfestes Abschlusskonzert gaben. Wo man nach der durchzechten Nacht praktisch unmittelbar zum Frühstück übergehen konnte. Und der Herbie stand zuverlässig praktisch immer hinter der Bar und wachte mit mildem Lächeln über seine Gäste.
Und was die Blue Box auch und ganz besonders war: ein Aufbruchssignal. Ein Zeichen, dass etwas derartiges in dieser Stadt möglich ist – und dass in dieser Stadt mehr möglich ist, viel, viel mehr. Und wie sich in den letzten 25 Jahren gezeigt hat, war es das auch. Die Stadt hat sich verändert, hat sich erneuert, ist so viel jünger, lauter und vielfältiger geworden, hat den juvenilen Wünschen, die auch in und durch die Blue Box erstmals virulent und unüberhörbar geworden sind, nachgegeben. Und das hat der Stadt gut getan und sie davor bewahrt, in Alt-Wien-Nostalgismus zu ersaufen. Und ohne die Blue Box, ohne die Idee, die Vision und die Sturheit von Herbert Molin, wäre das vielleicht so nicht passiert. Dafür hat er sich, meine ich, diese Auszeichnung hundert mal verdient. Und es ist gut, dass die Stadt diese Leistung auch anerkennt.
Herbert Molin hat die Blue Box gespürt. Und später hat er das B72, aus dem mittlerweile wieder ausgestiegen ist, vor allem aber das rhiz gespürt, in einer Zeit, in der in Wien etwas neues, wichtiges hörbar wurde: der Elektronik-Underground, dem er, wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort, dem damals noch sehr rotlichtigen Gürtel, einen Ort schaffte, in dem man Sounds ausprobieren, anhören und anschauen konnte. Und bis heute kann: es ist sehr oft die Bühne des rhiz, auf der junge Musiker und Bands mit Anspruch ihre Musik zum ersten Mal einem Publikum präsentieren.
Auch dadurch ermöglich der Herbie einem im und mit dem rhiz etwas, das er selber tut: in Würde älter zu werden. Und „in Würde“ bedeutet in diesem Fall: Älter zu werden, ohne dass man seine alten, seine Jugend-Träume verrät, all die Dinge, an die man einmal geglaubt hat: die Musik, der Lebensstil, die Musik, die Musik, mit offenen Augen ins Leben hinauszuschauen. Vorzugsweise auf einem Barhocker, mit einem Staro vor sich. Denn an diese alten Träume glaubt der Herbie immer noch, und er ermöglicht einem, das, auch wenn man längst erwachsen ist, ebenfalls zu tun, und zwar ohne dabei lächerlich zu wirken: in dem er den Raum zur Verfügung stellt, in dem das möglich und richtig ist. Weil man dort, egal wie jung oder alt man ist, sein kann, wer man ist. Und dabei mit den alten und den neuen Haberern, denen es eben so geht, die beste Musik hören kann. Und mehr kann man von einem Wirten, einem Lebenswirten nicht erwarten.
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| 04/10
Bundespräsidentschafts
wahlkampf, letzte Phase. Fad wars, was an und für sich eh völlig in Ordnung ist, weil als es einmal kurz nicht fad war, war es gleich sehr schiach. Die Plakate jedenfalls zeigten, wie sich etwas eigentlich eher Konkretes in der totalen Schwammigkeit auflösen lässt, in der dann jeder glücklich herumgatschen kann, links wie rechts . Weil mit „Werten“ kann ja irgendwie ein jeder. Und eine jede. Egal, wo man steht.
Deshalb: „Unser Handeln braucht Werte.“ Sagt die eine Seite. „Kein Mut ohne Werte.“ Sagt die andere. „Leben. Werte. Zukunft.“ sagt die dritte. Wer was sagt, würde sich, wenn es wer nicht wisserte, nicht so einwandfrei zuordnen lassen, und das ist wahrscheinlich auch der Sinn der Sache. Weil was ist ein Wert wert, in so einem Wahlkampf? Und was für Werte sind überhaupt gemeint? Sachwerte, Börsenwerte? Temperaturwerte? Beliebtheitswerte? Liebenswerte? Allerwerteste? Ingwertee?
Aber so ist es eben mit den Werten. Man kann ihnen viel an- und umhängen, und jeder kann in den Begriff „Werte“ ganz individuell hineinpacken, was ihm wichtig erscheint: Familie, Treue, Ehre, Tradition, linke, rechte, christliche Prinzipien, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, was auch immer. „Werte“ sind eine hübsche, bunte Geschenk-Schachtel, der man von außen nicht ansieht, was sich drinnen verbirgt. Überraschung!
Möglich wäre natürlich auch, dass die Werte-Schachtel in Wirklichkeit weitgehend leer ist, aber das wollen wir den Bundespräsidentschaftskandidaten und der Kandidatin natürlich nicht unterstellen. Weil wer sind wir, dass wir über deren Werte werten, werte Leserinnen und Leser? Ja, eben.
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| 04/10
Falter-Kolumne
Das war pädagogisch eher bedenklich. Gebe ich unumwunden zu. Ich habe auch gleich die Hortbetreuerin angerufen und gesagt, bevor du es von den Kindern erfährst, ich gestehe alles. Denn damit die Kinder uns nicht zwingen, am Sonntag in aller Herrgottsfrühe nach Wien hineinzufahren, damit sie beim Marathon einen Kilometer im Pulk laufen und dann eine Medaille abgreifen können, haben wir mit ihnen einen Deal gemacht: Ihr verzichtet auf den Marathon, wir bleiben im Waldviertel, und ihr bekommt dafür diese Nintendo-Speicherkarte, wegen der ihr uns permanent auf den Sack geht. Mit 25 Spielen darauf. Die Kinder haben gesagt: okay. So macht man das als echter Pharisäer: Man predigt Kinder-Bewegung und drängt ihnen dann ersatzweise etwas auf, bei dem sie blöd herumsitzen und fett und deppert werden. Bekannte mit frischen Säuglingen erklären mir, dass ihr Kind aber garantiert nie einen Nintendo bekommt, aber erstens kann das Baby halt noch nicht widersprechen, und zweitens halte ich das, ja, sogar für möglich, aber nur weil es in sieben Jahren wesentlich geileres Computer-Verblödungszeugs geben und der Nintendo dann im Subotron-Shop als Antiquität verkauft werden wird.
Das Ergebnis war, dass mich das eine Mimi am Samstag um zehn nach sechs geweckt hat, damit ich die Nintendos herausgebe. Ich musste ihm drohen, dass es das Ding bis Weihnachten nicht mehr zu sehen bekommt, wenn es das noch einmal macht, und so konnte ich am Sonntag bis sieben Uhr ausschlafen. Aber bitte. Man muss das positiv sehen. Ich weiß im Moment gerade nicht wie, aber ich kann jetzt nicht plötzlich mit negativer Weltsicht kommen, wo ich den Langen eben erst dazu überredet habe, das Leben auch einmal ein bisschen positiver zu betrachten, es sei wahrlich nicht immer alles so geschissen, wie er es immer sehe!, man müsse nicht immer schimpfen!, man könne das auch anders betrachten, freundlicher! Worauf der Lange jetzt tatsächlich positiv denkt, und zwar auf eine so radikale Weise, dass ich mir heimlich wünsche, er möge wieder zu seinem alten Grumpyismus zurückfinden.
Der Lange findet jetzt alles total super. Und er lächelt nun manchmal, das macht mich extrem nervös. Das passt nicht zum Langen, dieses Lächeln. Ich bin es nicht gewohnt, die Zähne des Langen außerhalb der Essenszeiten zu Gesicht zu bekommen. Er schreibt jetzt von Orten, von denen er gewöhnlich Ich-wäre-eigentlich-lieber-tot-als-hier-SMSe schickt, Botschaften mit Inhalten wie: es ist wunderbar hier. man muss nur auf die menschen zugehen, das ist das geheimnis. Und ja! Das finde ich wirklich! Ich glaube an Freundlichkeit und die Kraft ihrer Potenzierung! Aber wenn es vom Langen kommt, ist es irgendwie spooky. Andererseits glaube ich eh nicht, dass es anhält. Ich gebe ihm eine Woche, dann ist er wieder der Alte. Acht Tage, neun höchstens, dann schimpft er wieder ganz normal.
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| 04/10
Kurier-Kolumne
Ah, das Internet funktioniert wieder. Das macht mich nervös, wenn das Internet einmal zehn Minuten nicht funktioniert: man fühlt sich abgeschnitten von der Welt. Na gut, man hat auch noch ein Handy, trotzdem. Dabei hat man einmal tadellos ohne Internet und Handy überlebt, erstaunlicherweise war das einst möglich. Und das Leben war gut, manche meinen sogar: besser. Unbeschwerter. Ruhiger. Konzentrierter. Ja. Trotzdem bin ich froh, dass das Internet wieder funktioniert.
Und ich hoffe auch, dass die Post heute wieder kommt. Das ist derzeit nicht täglich der Fall: Der üblicherweise zuständige, absolut zuverlässige Postler ist wohl auf Urlaub oder krank. Gestern kam sie endlich wieder, die Post, und mit ihr die Wahlkarte für die Bundespräsidentschaftswahl, und ich habe gewählt. Und ich finde es, bei dem Weg, pädagogisch wenig wertvoll, den Wählern das Weiß-Wählen anzutragen, das ist ein bisschen wie wenn man Kindern beibringt, dass sie etwas, das sie nicht haben können, lieber kaputtmachen sollen. Es wirkt etwas kleinlich.
Apropos kleinlich: Auch die Amerikaner entdecken jetzt das Radfahren: US-Verkehrsminister Ray LaHood möchte Radfahrer und Fußgänger bei der Vergabe öffentlicher Mittel künftig den Autofahrern gleichstellen. Große Proteste der Auto-Lobby. Auch in Österreich werden Vorschläge, dem unmotorisierten Straßenverkehr die gleichen Rechte einzuräumen wie dem motorisierten, noch immer mit Kopfschütteln quittiert: Ein Leser schrieb, das sei „eine unglaubliche Entgleisung“. Dennoch weisen alle Zeichen darauf hin, dass sich die Fortbewegung im öffentlichen Raum weiter diversifizieren wird. Und, doch, das ist gut.
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| 04/10
Kurier-Kolumne
Das Niki-Lauda-Interview im Seitenblicke-Magazin wurde hier gestern schon zitiert und wird es heute erneut, weil es noch mehr Signifikantes enthält. Diesmal im Zusammenhang mit der Frauenquote, die längst keine linke Forderung mehr ist, sondern auch von konservativen Politikerinnen mitgetragen wird, die ebenso resigniert einsehen, dass sich das Geschlechterverhältnis in Wirtschaft und Politik und Haushalt ohne Quoten niemals ändern wird.
Denn in der Realität hat man es immer noch mit einer Generation von Männern zu tun, die an einer Änderung der Verhältnisse schlicht desinteressiert ist. Niki Lauda ist ein typischer Vertreter dieser Gruppe. In erwähntem Interview, in dem es um seine Familie geht, sagte Lauda, nein, er habe noch nie eins seiner Babys gewickelt, „weil sie sich noch nie vor mir angemacht haben.“ Und er finde die Diskussion um die Karenzväter „mühsam: Warum müssen sich Karenzväter so wichtig machen?“ Lauda findet, ob einer Windeln wechsle oder nicht, sei „kein Maßstab, ob ich nun ein guter oder ein schlechter Vater bin.“ Das sollen lieber die Mütter machen, denn im Allgemeinen „wachsen die an ihrer Aufgabe mit Freude und Hingabe.“
Dieser Männertyp will, dass alles so schön übersichtlich und optimal verteilt bleibt wie in den 1950er Jahren: die Männer in den Führungspositionen, die Frauen daheim bei den Kindern. Dieser Männertyp ist überzeugungs-, ermahnungs- und erziehungsresitent. Diese Männer muss man mit Quoten zwingen, damit Frauen endlich die gleichen Rechte bekommen und „Karenzväter“ zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit werden.
Denn vollmundig beteuert und lieb besänftigt wurde lange genug: Es ist jetzt Zeit, Fakten zu schaffen.
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| 04/10
Kurier-Kolumne
Im Internet kursiert seit Freitag ein Interview von Ö3-„Mikro-Mann“ Tom Walek, in dem er eine junge Frau fragt, „für welches Amt die Bundespräsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz“ kandidiere.
Die Antwort im Original: „Für welche Partei?“ Nein, für welches Amt. „Boah, ich weiß es wirklich nicht.“ Woher sie sei? „Aus Wels. Und ich sollte es eigentlich wissen, weil ich bin bei der FPÖ.“ Was sie bei der FPÖ mache? „Ich bin nur Jugendreferentin.“ Aha. Welche Fragen denn die Jugend so zur Politik habe? „Na, ned solche jetzt. Aber ich hab schon vo dera Rosenkranz gehört. Was sie macht, das ist jetzt...“ Was eine Bundespräsidentschaftskandidatin sei? „Ah, ja, hahaha.“ Für welches Amt sie dann kandidiere? „Das traue ich mich im Moment nicht sagen.“ Wer denn im Moment aktueller Bundespräsident sei. „Na, ich trau mich das nicht sagen, weil was ist , wenn es der nimmer ist?“ Na, sie solle einmal sagen, wer es ist. „Na, ich sag jetzt nichts, jetzt wird’s peinlich.“ Wer jetzt Bundespräsident sei. „Ich weiß es nicht.“ Ja, dann mache er es ihr einfacher: Wer Bundeskanzler sei, Josef Pröll... „Oder?“ Werner Faymann. „Da sag ich den ersten. Aber mir sagen beide Namen jetzt gar nichts.“ Ok, dann einen dritten Namen: Heinz Fischer. „Der sagt mir schon was! Ich glaub, das ist er.“ Was macht also Heinz Fischer? „Bundeskanzler. Sagerte ich jetzt einmal.“
Aber auch andere Menschen haben Probleme mit einfachen Fragen. Niki Lauda wurde kürzlich vom Seitenblicke-Magazin als großer Familienmensch präsentiert und nach den Vornamen seiner verstorbenen Eltern gefragt. Lauda: „Keine Ahnung.“ Nach einigem Nachdenken: „Also, meine Mutter hieß... Elisabeth. Das ist fix.“ Und der Vater „hatte einen Doppelnamen. Glaub ich.“ Er hieß Peter.
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| 04/10
Kurier-Kolumne
Das Kind durchläuft eine Phase forcierter Pampigkeit und sucht gerne Streit. Beliebtes Thema: Haustiere. „Warum darf ich eigentlich keinen Hund?“ Aus den hundert Gründen, die wir schon hundertmal durchdekliniert haben, darum.
Freundin E. hat damals, als ihr Sohn sieben war, nachgegeben; er wollte eine Katze. E., die keine Katzen mag, ließ sich vom Sohn das Tier einreden, weil er sich, eh klar, um alles kümmern würde, Kisterl, Futter, alles, was nach zwei Wochen, eh klar, nicht mehr der Fall war. Als der Sohn mit 18 eine eigene Wohnung bezog, sah seine Mutter eine einmalige Chance, das kratzbürstige Katzenvieh loszuwerden und machte mit dem Sohn ein, wie sie fand, für beide vorteilhaftes Geschäft: Er nahm seine Katze mit, sie zahlt ihm dafür seither 100 Euro monatlich für deren Unterhalt.
Zur Schonung ihrer Nerven (es gibt innerhalb der Familie stark divergierende Auffassungen über den Begriff „Ordnung“) betritt E. die Wohnung des Sohnes nur selten; und als sie es vor einigen Monaten doch tat, wurde sie sogleich darüber informiert, die Katze sei, wegen einer Reise, noch bei der Nachbarin.
Kürzlich googelte E. den Sohnemann einmal und stieß auf eine Internet-Anzeige mit einem Foto, auf dem der Sohn mit traurigem Lächeln die Katze auf dem Arm hält: Mit dem Text, eine „uuuuursüße 3-färbige Katze“, zutraulich und sterilisiert, müsse leider abgegeben werden, da er nach New York auswandere. Er hoffe einen Platz für sie zu finden, da er sie sonst einschläfern lassen müsse, „und das würde mir das Herz brechen“.
Das Inserat stammt aus dem Jänner letzten Jahres und von Auswanderungsplänen ihres Sohnes hat E. noch nie etwas gehört. Sie hat jetzt aber die Unterhaltszahlungen eingestellt.
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| 04/10
Falter-Kolumne
Am Donnerstag hat mich die Hausverwaltung angerufen: Ob bei uns zufällig eingebrochen worden sei, unten bei der Haustür sei die Scheibe neben dem Türknauf eingeschlagen worden, die WEGA sei bereits alarmiert. Das ist... Das ist saudeppert, weil die Koinzidenz es will, dass mir der Lange abends zuvor berichtet hat, er habe beim Heimkommen irrtümlich eine Scheibe an der Haustür eingedrückt, und jajaja, er werde die Hausverwaltung umgehend, sofort und gleich informieren. Eine Aufgabe, die nun an mir pickt, und die ich bravourös mit vielen Ähs, Öhs und Entschuldigen’S manage. Ich erledige auch den kurz darauf via Haussprech-Anlage einlangenden Auftrag, über die die Nachbarin freundlich anfragt, ob wir, wenn wir schon das ganze Haus in Einbruchspanik versetzen, wenigstens bitte die Scherben zammkehren könnten. Sicher. Können wir. Kann ich. Ich meine, ein normaler Mensch, der irrtümlich eine Scheibe im Haus einschlägt, würde danach wieder hinuntergehen und das Gescherbs entfernen. Aber.
Man kann ersatzweise auch zweimal drübersteigen, und damit unseren Ruf als beliebteste Hausbewohner zementieren. Wir sind die, die bei der Balkonwässerung Hauswände, offene Fenster und ungünstig geparkte Cabrios mitgießen. Wir sind die, in deren Stockwerk aufgrund nachlässig geschlossener Lift-Türen immer der Aufzug steckt. Wir sind die, die den Aufzug ruinieren, in dem wir widerrechtlich das Wochenend-Gepäck damit hinunterfahren lassen, worauf dieses zwischen zwei Stockwerken umkippt, worauf der Lift stecken bleibt, worauf der Wochenend-Aufzugsnotdienst undsofort. Wir sind die, die immer vergessene Schlüssel vom Balkon werfen, die dann nicht in unserem Besitz befindliche Autodächer eindellen; die Cabrios parken in so einem Fall zuverlässig woanders. Wir sind die, die dafür verantwortlich sind, dass in allen Blumenkisteln des Hauses nur noch Löwenmäuler in allen Farben blühen. Wir sind die, die morgens um halbacht alle, die das noch nicht sind, wach machen, weil sich Erziehungsberechtige und Kinder durchs Treppenhaus noch etwas nach- beziehungsweise retourzubrüllen haben. Wir sind die, vor deren Tür sich ein Berg aus kaputten Elektrogeräten, ausrangierten Regalen, alten Rollern und zu klein gewordenen Kindergummistiefeln auftürmt, was, wie ich der Nachbarin mit mäßigem Erfolg klarzumachen versuche, Einbrecher keineswegs anlocke, sondern final abschrecke.
Insofern ist es überaus bedauerlich, dass die zwei Depperten aus dem dritten Stock letztes Jahr ausgezogen sind und durch eine dezente, freundliche und ordentliche Familie ersetzt wurden, die, anders als die zwei Depperten, nicht beim Kochen einschläft, nie die Tschick auf der Stiege austritt, nie nicht grüßt und nie nachts betrunken durchs Treppenhaus marodiert. Jetzt hängt es an uns, die allgemeine Lebensqualität im Haus konsequent zu nivellieren. Und, yo, wir schaffen das.
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| 04/10
Kurier-Kolumne
Man ist als Radfahrerin allerlei Unbill ausgesetzt: plötzlich aufgehende Autotüren, nicht blinkende Rechtsabbieger, auf Radwegen parkende Zulieferer, Fußgänger, die einfach auf die Straße laufen, weil sie glauben, wenn sie kein Motorengeräusch hören, kommt auch nichts.
Und man ist auch selbst gefährlich für die Autofahrer, wenn man plötzlich rechts vorgefahren oder in einer für Radfahrer freigegebenen Einbahn entgegenkommt. Aber es gilt halt ganz besonders auf der Straße: Man kann nicht alles tuttiquanti mit Regeln regeln. Man kann den Verkehrsteilnehmer nicht in Watte packen. Er muss selbst aufpassen und sich selbstverantwortlich der Gefahren bewusst sein.
Insofern ist auch der Radweg immer wieder ein Problem. Weil er dem Radfahrer das Gefühl vermittelt, er sei dort sicher und alle anderen Verkehrsteilnehmer in der Illusion wiegt, Radfahrer seien nur am Radweg anzutreffen. Beide Seiten werden hochfrequent vom Gegenteil überrascht.
Aktuelles Radweg-Problem: Sollen E-Bikes darauf fahren müssen? Momentan gilt Radweg-Pflicht für alle Radfahrer außer Rennrad-Fahrern, was die Rad-Organisationen schon lange stört. Während der ÖAMTC meint, es entspreche der Meinung der Österreicher, dass bereits vorhandene Radwege auch von E-Bikes benützt werden sollen. („Meinung der Österreicher“ heißt hier wohl: Meinung der Österreicher innerhalb eines PKWs).
Es wäre klug, die Autofahrer endlich an Radfahrer auf der Straße zu gewöhnen. Es werden ja immer mehr: Mittlerweile fahren 4,5 Millionen Österreicher Rad, Tendenz steigend. Was die Radwege auf Dauer nicht fassen werden. Es wird ein Miteinander geben müssen, jetzt oder dann.
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| 04/10
Kurier-Kolumne
Wenn, sagen wir, Hansi Hinterseer „ha“ sagt (etwa im Kontext von: „Isch des nit bärig, ha?“) dann heischt dieses „ha“ nach kollektiver Zustimmung.
Wenn Josef Hader „ha“ sagt, dann das Gegenteil. Dann liegt in diesem „ha“ das ganze Spektrum von Angezipftheit und grollendem Grant. In der im ORF morgen und am Freitag gezeigten Serie „Aufschneider“ sagt Hader ein paar Mal „ha“. Also: „Haaa“. Weil es der Grundkonstitution seines Charakters entspricht, des Pathologen Hermann Fuhrmann, der uferlos im Clinch liegt: mit dem Grad des Ansehens, das ein Krankenhaus für Pathologen vorgesehen hat, mit der Ex-Frau, mit dem neuen Assistenten und mit dem Chirurgen Böck, den er unbedingt eines Kunstfehlers überführen will. Allerdings gibt das Leben Fuhrmann noch weitere Anlässe zu angespeisten „haaa“s, und davon handelt der „Aufschneider“.
Und er handelt, im Kontext von Fernsehen im Allgemeinen, davon, wie Fernsehen im Speziellen sein kann. Ihre Autorin hat endlich die letzte Staffel der „Sopranos“ quasi am Stück gesehen und ist jetzt entsprechend aufgewühlt und qualitätsverwöhnt. Und auch wenn der „Aufschneider“, nona, nicht die „Sopranos“ ist und sein kann, vermittelt er doch eine sehr anschauliche, überzeugende Idee davon, dass auch mit den heimischen Produktionsbedingungen (und mit der einen oder anderen Konzession an das hiesige 20.15-Uhr-Publkum) gutes, intelligentes, lustiges und mitreißendes Fernsehen möglich ist. Man muss halt die guten, intelligenten Leute ran und machen lassen.
Was in diesem Fall geschah. Und das Ergebnis sollte dem ORF Anlass genug sein, dieses Konzept entschieden weiter zu verfolgen. Ha? Und zwar „ha“ im hinterseerschen Sinn.
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| 04/10
Kurier-Kolumne
Das Reaktionsspektrum auf die dicke-Kinder-Kolumne war breit. Katharina G. ist erzürnt: „Ihr schriftlicher Ausflug zu Schwabbel-Bäuchen und Fett-Brüsten war völlig unter der Gürtellinie. Ich hoffe, dass keines dieser Kinder ihre Zeilen gelesen hat.“ Susanne C. meint, die Politik müsste „viel härter bei den vielen falsch deklarierten Lebensmittel einschreiten.“ Oder beim Fast-Food. Brigitte R. beschreibt einen aktuellen TV-Spot: „Ein Kleinkind versucht, mit ungeeignetem Besteck Köstlichkeiten wie Muscheln, Fisch, Oktopus, zu essen und verzweifelt.“ Dann zeigt man es, wie es glücklich in einem Fast-Food-Restaurant „alles mit den Fingern essen“ darf.
Franz B., seit 30 Jahren HS-Lehrer widerspricht : In seiner Schule gebe es mehr als zwei Turn-Stunden und „dauernd Projekte gegen ungesundes Leben. Aber was nützt es, wenn trotzdem Wurstsemmeln und Eistee gekauft werden und der Schulwarte auf Obst und dgl. sitzen bleibt?“ Eine Möglichkeit wäre, Wurstsemmerl und Eistee an Schule nicht zu verkaufen.
Jugend- und Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch verweist auf das Projekt „Bewegtes Lernen“ an 150 Wiener Volksschulen, auf gut akzeptierte Sportaktionen und das Bio-Essen, das in Kindergärten und Schulen angeboten werde. Zudem: Man dürfe bitte die Eltern nicht aus der Verantwortung entlassen.
Stimmt, und das wird an dieser Stelle hochfrequent betont. Allerdings: Was, wenn immer mehr Eltern ihre Kinder mit Junkfood vor dem Bildschirm verskommen lassen? Schaut man dann einfach zu? Sollte ein verantwortungsbewusstes Bildungswesen die Vermittelung dieses fürs Leben substanzielle Grundwissen nicht noch viel stärker übernehmen? Ich meine: doch.
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| 04/10
Kurier-Kolumne
Eine aktuelle Untersuchung beweist’s, die bald beginnende Badesaison wird es zeigen: Die Wiener Kinder sind zu dick. Es sind zu viele zu dick, und viele sind viel zu dick. Sie springen in den städtischen Freibädern (an deren Buffets, ich wette, auch heuer wieder nur Eis, Pommes, Langos und kein Stück Obst angeboten werden wird) von den Sprungbrettern, und werden begeistert bejohlt, wenn das Becken überschwappt. Und sie tun einem leid, mit ihren Schwabbel-Bäuchen und ihren dicken Beinen und ihren Fett-Brüsten.
Die Amerikanisierung der heimischen Teenager-Figur schreitet munter fort. Seit Jahren wird warnend darauf hingewiesen, dass es schlimmer geworden ist und werden wird, und was wird an den Stellen, die das könnten, unternommen?
Nichts. Die Stundenpläne werden nicht geändert; zwei Stunden Bewegung pro Schulwoche gelten nach wie vor als ausreichend. Ernährung steht noch immer nicht am Stundenplan, gut und gesund kochen lernen sowieso nicht: Außer wenn, wie an einigen Schulen, die Lehrerinnen und Lehrer in Eigeninitiative regelmäßig mit ihren Schülerinnen und Schülern kochen und essen; und das wird ihnen nicht selten von Vorschriften schwer gemacht. Es ist eine traurige Ironie, dass Kinder im Fernsehen, von Sascha Walleczek, mehr über richtige Ernährung lernen als in der Schule. Oder von ihren Eltern, die es auch nicht besser gelernt haben: Die dicken Kinder werden zu dicken Erwachsenen, die ihre Kinder wieder dick machen.
Dass man hier so lange zuschaut und diesen Kreislauf nicht endlich effizient unterbricht, ist pure Verantwortungslosigkeit. Gesellschaftspolitische Unbeweglichkeit, die zu faktischer Unbeweglichkeit führt: jener der dicken Kinder.
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| 04/10
Falter-Kolumne
Das Landleben wird kurz unterbrochen. Wir müssen jetzt (was natürlich längst Geschichte ist, wenn Sie das lesen), aber wir müssen jetzt zum Fehlfarben-Konzert. Der Lange würde lieber am Land bleiben und die Fehlfarben ausnahmsweise auslassen, er hat sie schon öfter gesehen. Aber ich noch nicht. Mir gefallen ja die Fehlfarben erst seit den letzten zwei Alben so richtig; ja, sicher, ich respektiere die immense Bedeutung der frühen Fehlfarben für die deutsche Pop- und Dichtkunst, aber die späten Politdisko-Fehlfarben sind mir inhaltlich und musikalisch eindeutig näher. Vor allem das Konzept des mistantropen exjungen Herrn, das Peter Hein auch in seiner Freizeit mit viel Leben erfüllt, das irgendwie auch meinen generationstypisch schrumpelnden Optimismus-Quotienten legitimiert.
Obwohl, stimmt so nicht. Tatsächlich hat mein vor einiger Zeit gefasster Entscheid, in heiterer Gelassenheit und, zur Vorbeugung von böse-Hexe-Falten, mit stets nach oben zeigenden Mundwinkeln durchs Dasein zu schwingen, durchaus Fakten geschaffen, dieses amateurbuddihstische Tralala wirkt ja manchmal tatsächlich. Er wird nur durch die Kinder, deren Mundwinkel derzeit fast ständig vertikal abwärts weisen, starken Erschütterungen ausgesetzt. Permanent wird man brutal aus seinen heiter-gelassenen Gedankengängen geschupft, z. B. von einem Kind, das zornigen Antlitzes dazu auffordert, gefälligst etwas suchen zu gehen, das genau vor seiner Nase liegt oder endlich einmal etwas zu kochen, das die Würde eines Kindes nicht verletzt. Das torpediert meine edlen Vorsätze und begünstigt meine Heinisierung, noch ein Grund, kurz aus der österlichen Landidylle zu desertieren, also das arschkalte Waldviertel und seine der nationalen Grünwerdung tüchtig nachhatschende Natur gegen die blühende Großstadt einzutauschen. Denn dort auf der Post sollte das von den Kindern seit Monaten bestellte Ostergeschenk liegen, ohne das der Osterhase besser nicht in unserer Wiese aufkreuzen sollte: die aktuelle Verwirrung der Spielzeugindustrie, in China von kleinen Kinderhänden aus vergifteten Weichmachern hergestellte Wackelkopftierchen, und falls Sie nicht wissen, was das jetzt wieder sein soll, fragen Sie nicht, denn entweder lernen Sie es eh noch von Ihrer Brut, und das wird früh genug sein, oder es gehört zu jenen Erfahrungen, wo es voll ok ist, wenn man sie nicht macht.
Während der Lange und ich den Abend bei den Fehlfarben verjuxen, bleiben unsere Gäste mit den Mimis am Land. Die Gäste haben drei Buben und durften kürzlich erleben, wie zwei davon im Nebenzimmer grundlos christliche Ostergesänge anstimmten. Mutter und Vater erkannten schockiert: Mein Gott, wir ziehen die Flanders groß. Wo ich sage: Ein bisschen mehr gütelnde Flanderei würde mich bei meiner Brut momentan nicht beunruhigen. Peter Hein ist in Wirklichkeit übrigens auch total nett.
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| 04/10
Kurier-Kolumne
Habe mir endlich das umstrittenee Na-C-Strache-Rap-Video angesehen. Es ist ein Song, den ein heute 15jähriger vor zwei Jahren geschrieben, aufgenommen und mit einem Video versehen hat und den 2008 praktisch niemand zur Kenntnis nahm; jedenfalls die FPÖ nicht. Die Wahlkampf-Brandung hat das Video nun angeschwemmt.
Darin rappt Big DnC, ein dünner Bub, zu netten, reduzierten Nintendo-Sounds über H.C. Strache – im Song: Na C Strache. Es ist adoleszentes Machtgehabe, viel saudummes Gefuchtel mit Messern und Pistolen, Konfektions-Gewaltfantasien, wie sie 13jährige, die zu oft Slasher-Filme sehen und Playstation spielen, halt als Ausdruck von Stärke rezipieren.
Andererseits findet man, wenn man einmal auf den Text hört, in dem Lied neben den ganzen Kraftausdrücken, Schimpfkanonaden und Gewalt-Idiotien noch etwas: für ein Kind durchaus wache Beobachtungen der rechten Ausdrucksformen und einiges an putzig gereimter, gar nicht so kindischer Kritik, die sich nicht nur an die FPÖ richtet. „Es ist klar, Ausländer sollten sich anpassen. Aber wenn sie’s nicht tun, ist das kein Grund, sie zu hassen.“ Und: „Ich hab so viele offene Fragen / über Politik: Keiner kann mir irgendwas sagen.“ Oder: „Ich frag mich, ob die Sätze, die Sie sagen, noch Sinn haben.“ Die FPÖ ist naturgemäß empört und fühlt sich bedroht. DnC sagte in einem Interview, er würde das heute nicht mehr so machen. Er ist jetzt älter. Gut.
Noch eine Textzeile: „Am liebsten sähen sie mich stumm mit Knebel. Aber aufgepasst, ich habe mehr als meinen Säbel!“ Aber, halt, Moment: Diese Drohung ist ja gar nicht von DnC. Die stammt vom Rapper HC Man. Den kennen wir auch als H.C. Strache.
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| 04/10
Kurier-Kolumne
Sollen Kindergärten jetzt gratis sein oder nicht? Der steirische SPÖ-Landeshauptmann Franz Voves ist sich nach der Niederlage bei den Gemeinderatswahlen plötzlich nicht mehr so sicher. Die ÖVP – personifiziert in der Wiener ÖVP-Chefin und Staatssekretärin Christine Marek – ist sich uneins: Marek meinte am Donnerstag, der Kindergarten müsse „nicht zu 100 Prozent gratis sein“, und erklärte am Freitag geschwind, es sei ihr nur um die soziale Staffelung bei den Tarifen für Zusatzangebote gegangen.
Die Beitragsfreiheit der österreichischen Kindergärten ist mehr als nur eine Geldfrage. Einerseits erscheint es gerecht, dass die, die es sich leisten können, für die Förderung und Betreuung ihrer Kinder auch einen Beitrag leisten. Andererseits geht es beim Gratiskindergarten um viel mehr als um Gerechtigkeit: Die öffentliche Finanzierung von Kindergartenplätzen ist ein politisches Bekenntnis dazu, dass die Förderung von Klein- und Vorschul-Kindern eine fundamentale, gesellschaftliche Notwendigkeit mit beträchtlichen Auswirkungen sowohl auf das einzelne Kind als auch auf das ganze Land bedeutet. Frühförderung ist, alle Untersuchungen belegen das, eine Investition in die Zukunft. Was ein Land für die Kleinkinder tut, bekommt es später zurück.
Umdenk-Förderung. Aber das ist ein Umdenkprozess, der in diesem Land noch intensiver Frühförderung bedarf. Von heute auf morgen gibt es dafür – weil es hier natürlich auch um tüchtig Geld geht, das man in die Hand nehmen muss – keinen gesellschaftlichen und politischen Konsens. Oder einen nationalen: Denn die Fragen rund um den Gratis-Kindergarten müssten auf Bundesebene beantwortet werden, nicht von den einzelnen Ländern heute so und morgen so.
Die Stadt Wien hat mit der Einführung der Gratis-Kindergärten Fakten geschaffen – mit Blick auf die Wien-Wahl natürlich. Die Praxis funktioniert bislang durchaus suboptimal: Denn wer sagt, der Kindergarten ist ab dem Tag X gratis, müsste an und für sich rechtzeitig dafür sorgen, dass man genug gut ausgebildetes Personal und ausreichend Kindergartenplätze hat, wenn man sie dann braucht. Das war nun eindeutig nicht der Fall. Und es wird sich erst zeigen, ob man sich nach der Wien-Wahl halt irgendwie durch die Mangelwirtschaft improvisiert und kalmiert, oder ob man tatsächlich für genügend Plätze sorgt und mehr Menschen beiderlei Geschlechts für den Beruf der Kindergartenpädagogin, des Kindergartenpädagogen begeistert. Wofür man für gewöhnlich mit ausreichend guten Ausbildungsplätzen und anständiger Bezahlung sorgt. Von all dem ist man derzeit weit entfernt.
Wie labil so ein Bekenntnis sein kann, hat in der letzten Woche auch der steirische Landeshauptmann Franz Voves gezeigt: Kaum wird das Geld knapp, überlegt man gleich die Abschaffung der Gratis-Kindergärten. Und sagt damit: So wichtig ist das bitte auch wieder nicht. First Things First. Und Kinder, ihre Gegenwart und unsere Zukunft, gehören zu den ersten Dingen offenbar nicht.
doris.knecht
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| 04/10
Kurier-Kolumne
Ich erkenne einen Mäusekötel, wenn ich ihn sehe. Das, auch wenn der Mann aus Gründen der Verdrängung etwas anderes, Harmloses, hinein interpretieren will, das ist ein Mäusekötel. Nein: Das sind viele Mäusekötel.
Glücklicherweise stehen die Stadt-Kinder, in deren Land-Zimmer die Maus offenbar irgendwo haust, allem Tierischen enorm positiv gegenüber, selbst Spinnen, so sie nicht zu groß und zu schwarz sind, und eine Maus: süß! Wo ist sie? Vermutlich in dem Loch hinter dem Heizkörper, da hat sie’s schön warm; oder in eurem zerwühlten Kleiderschrank, da riechts interessant. Eine Maus, herzig!
Die Mutter ist nicht so begeistert, denn sie muss zur Radikal-Reinigung eines Zimmer schreiten, das nach der Winterpause innerhalb von Minuten in eine Müllhalde aus halbbekleideten Barbiepuppen, Lego-Ruinen, Playmobil-Kleinteilen und hüllenlosen CDs verwandelt worden war. Zuerst räumt ihr auf, dann putze ich, dann Mausefalle. Aber keine, wo die Maus tot wird!!! Nein, keine, wo die Maus tot wird. Man hat der Maus jetzt eine Lebendfalle hingestellt, aber so blöd ist die Maus wirklich nicht und hat den Speck in der Nacht einfach herausgeangelt.
Die Maus ist allerdings ein minderschweres, ja eigentlich gar kein Landhaus-Entwinterungsproblem, denn heuer kam erstens Wasser aus dem Hausbrunnen, zweitens blieb es nach dem Anstellen der Pumpe innerhalb der Rohre und kam nur aus den dafür vorgesehenen Öffnungen heraus. Das war, sagen wir einmal, letztes Jahr nicht so; und zwar überhaupt nicht
Die Maus erwischen wir schon noch, ich lege eben einmal ein bisschen Speck nach. Und hoffe, dass sie ihn in dem längst wieder restaurierten Spielzeug-Schlachtfeld auch findet.