Permalink
| 05/10
Kurier-Kolumne
Seit Tagen kriegen wir keine Post. Keine Briefe, keine Rechnungen, nicht die zwei Tageszeitungen, nicht die Wochenzeitung, nicht einmal Reklame, nichts. Heute fand ich im Postfach die Tageszeitungen vom Samstag, wenigstens: gut, besser als diese immerfort mich angähnende Leere in meinem Postfach, die mich allmählich tief in eine existentielle Krise wirft: Denn vielleicht liegt es ja gar nicht an der Post. Vielleicht liegt es an mir. Vielleicht existiere ich gar nicht? Denn wer existiert, kriegt auch Post, wer existiert, erhält zumindest Rechnungen und Mitteilungen vom Finanzamt. Wer keine Rechnungen bekommt, den gibt es nicht. Das macht mir Sorgen.
Dass die nette Dame vom Post-Kundenservicetelefon, mit der ich mich um 9.39 Uhr unterhalten hatte, mich bislang nicht zurückgerufen hat, nährt weitere Zweifel an meiner Vorhandenheit: Vielleicht habe ich ja gar nicht mit ihr gesprochen, und sie vielleicht nicht mit mir... Es ist alles sehr beunruhigend.
Immerhin: Der Herr, der mich um 12.27 Uhr am Kunden-Service-Telefon der Post AG freundlich begrüßt, weiß, dass ich heute schon einmal angerufen habe, um meine Postlosigkeit zu deponieren: Das kann ich als Beweis meiner Tatsächlichkeit einigermaßen akzeptieren. Zumal er mir versichert, dass mein Problem bereits an zuständiger Stelle vorgetragen wurde und man nun einer Antwort harre, die man mir umgehend zur Kenntnis bringen werde. Das kalmiert mich kurz, allerdings ist seither eine weitere Stunde vergangen, ohne dass mich die Post meines Daseins versichert hätte. Ich werde wohl bis morgen vormittag durchhalten müssen, wenn mein Postfach mir hoffentlich endlich wieder meine Existenz bestätigt: Ich habe Post, also bin ich.
Permalink
| 05/10
Kurier-Kolumne
Das Thema der nächsten Wochen: Der Rauch, und was damit geschieht. Die Zäsur rückt unaufhaltsam heran: Ab 1. Juli müssen Lokale über 70 Quadratmeter über räumlich getrennte Raucherbereiche verfügen. Doch offenbar haben in Wien die meisten Wirte mit den Umbauten ihrer Lokale noch nicht einmal begonnen.
Wollen sie die Sache aussitzen? Spekuliert man darauf, dass man einen Nichtraucherbereich vielleicht doch wie bisher auch weiterhin mit einem dieser hübschen Nichtraucher-Blechschildchen, das an einer dekorativen Kette über einem einzigen Tisch mitten im Lokal baumelt, definieren kann? Wird man nicht. Allerdings, und das ist möglicherweise der Grund für die gastronomische Zögerlichkeit, wird es auch nach dem 1. Juli keine Organe geben, die die Einhaltung der neuen Gesetze kontrollieren: Denn es spekuliert auch der Gesetzgeber, nämlich auf die hierzulande historisch verankerte Lust am Vernadern. Das könnte zu einer eine schönen neuen Nebenbeschäftigung für pensionierte und Freizeit-Querulanten avancieren: gemma Gastwirte denunzieren.
Die Gastwirte hoffen, scheint's, auf die Kulanz ihrer nichtrauchenden Stammgäste. Das wird sich auf die Dauer nicht ausgehen. Was dann? Das Lokal auf unter 70 Quadratmeter verkleinern? Unter dieser Grenze dürfen die Wirte nämlich selber entscheiden. Gescheiter, wenn schon Ausnahmen, wäre es, den Wirten die Freiheit zu lassen, ihren Gästen ab 22 Uhr das Rauchen zu gestatten: Da haben alle gegessen, alle Kinder sind im Bett und wer um die Zeit noch unterwegs ist verträgt auch ein bisschen schlechte Luft. Aber für Vorschläge ist es jetzt zu spät. Jetzt wird umgebaut: gern oder nicht.
Permalink
| 05/10
Kurier-Kolumne
Die AHS-Lehrergewerkschafterin Eva Scholik ist verärgert; ich habe ihr im Zusammenhang mit den Gymasium-für-alle-Ideen von Wissenschaftsministerin Beatrix Karl einen „ausgesprochenen Skandal“ in den Mund gelegt. Das hat sie aber gar nicht gesagt, das hat ihr Kollege, Lehrervertreter Walter Riegler, gesagt. Frau Scholik kommentierte Karls Überlegungen zur Reform des Mittelschulsystems dagegen höchst konstruktiv, sie empfahl der Ministerin, sie möge „in Hinkunft von diesbezüglichen Wortspenden Abstand nehmen“.
Was ich einmal so interpretiere, dass hier in Österreich niemand über Reformen des Schul- und Bildungssystems nachdenken und reden soll, schon gar nicht eine Wissenschaftsministerin. Das darf, wenn ich jetzt alles richtig verstanden habe, nur die Lehrergewerkschaft, die ihre Flexibilität und Gesprächsbereitschaft im Zusammenhang mit Reformvorschlägen ja immer wieder engagiert beweist.
Ich bedaure also die Fehlzitierung samt daraus resultierender Schlussfolgerung: Ich habe das missverstanden, diese Menschen haben nichts anderes im Sinn, als das Wohl und die Zukunft unserer Kinder. Und das erfüllt mich mit warmer Zuversicht: Alles ist gut! Wir brauchen nicht über Veränderungen nachzudenken! Oder gar zu reden! Alles läuft prima! Österreich hat ja in allen wichtigen Rankings die Nase vorn. (In der Pisa-Studie belegen wir bei der Lesekompetenz Rang 16 von 29, im Uni-Ranking des Lisbon Council Platz 16 von 17, aaaaaber: Platz 3 im EU-Kampftrinker-Ranking.)
So wollen wir Eltern schulpflichtiger Kinder uns nun alle hinter die Lehrergewerkschaft stellen und rufen: Alles ist super so, lasst uns vereint die Pappn halten! Schweigen ist nämlich Gold, ja, so ist es doch.
Permalink
| 05/10
Kurier-Kolumne
Zweierlei. Zwei aktuelle Studien nämlich, zum Thema Kinder-Entwicklung. Die eine sagt: Zu viel Fernsehen macht Kinder dumm und dick. Die andere sagt: Wer früh lügt, tut sich später leichter. Beides ist logisch – und gehört zusammen.
Denn lügen ist ja nicht einfach eine Unart; es setzt auch, wie die Forscher der Universität Toronto begründeten, die Fähigkeit voraus, „die Wahrheit im Kopf zu behalten, Spuren zu verwischen und die Tatsachen zu ihren Gunsten zu manipulieren“, lauter Talente, die dem erwachsenen Menschen im Beruf günstig sind. Sowie: Fantasie und Vorstellungskraft.
Die wiederum geht vor dem Fernseher in beängstigendem Maße verloren. Vom Fernsehen bekommen Kinder fertige Bilder geliefert: Während sie, wenn sie etwas vorgelesen bekommen oder Hörbücher und Hörspiele hören, sich selbst eine Vorstellung machen müssen von den Figuren und Situationen. Die Frage ist leicht beantwortet, ob es für die Entwicklung eines Kinder-Hirnes besser ist, das Haus fixfertig vorgesetzt zu bekommen, oder es dort, im eigenen Kopf, selbst zu konstruieren, zu bauen und anzumalen.
Die kanadische Langzeitstudie zeigt, dass Kinder, die zwischen zweieinhalb und viereinhalb Jahren mehr als zwei Stunden pro Tag fernsehen, mit zehn signifikant schlechtere Schüler und um durchschnittlich fünf Prozent schwerer sind als Kinder mit niedrigem TV-Konsum. Studien-Fazit: Kleinkinder sollen so wenig wie möglich fernsehen. Ihre Autorin, die damit hervorragende Erfahrungen hat, geht noch weiter: Lassen Sie Ihre Kleinkinder gar nicht fernsehen. Weil sie, während sie das tun, nicht spielen, nicht basteln, nicht rennen, sich nicht konstruktiv langweilen – und nicht lügen. Und das sollen sie ja jetzt.
Permalink
| 05/10
Nein. Man musste mich dann doch nicht einweisen. Aber Schorsch Kamerun machte hinterher ziemlich genau das Gesicht, das ich an mir erwartet hatte, während ich bloß belämmert durch die Erleichterung taumelte, dass diese Theatersache einfach nur vorbei war. Ich hatte mich in meiner Richter-Robe, die in Wirklichkeit ein College-Abgänger-Kostüm war, zu albern gefühlt, um dazu auch noch den Mund aufzumachen. Folglich saß ich einfach nur 50 Minuten lang als blöde grinsendes Requisit auf der Bühne der Garage X, plapperte nur einmal etwas Entbehrliches und schenkte dazu ein Getränk namens „Yppe“ aus: Das hatte Schorsch Kamerun eigenhändig und zu gleichen Teilen aus Wodka, Eierlikör und Gin gemixt und ich taterte davon, obwohl ich ich bin, im Leben keinen Schluck machen. (Geistesgestört: ja, suicidal: nein.) Derlei Mädchen-Skrupel kannte Kapitän Neidhart nicht, was man seiner Rede aber keineswegs anmerkte, allerdings war es praktisch, dass auf der anderen Seite seines Stehtisches eine Richterin/Collegeabsolventin diesen entschlossen vor dem Bühnenabrutsch bewahrte. Frau Gustav war als Kuratorin kostümiert, Herre Pfister als Polizist, der Lange trug ein ziemlich beschmutztes Bischofskostüm. Kamerun sang mit Schauspielstudierenden, das war sehr poetisch. Hinterher wurde ich ein entschiedener Fan von Erobique, eine dieser Figuren, die man nicht erklären kann, weil man sie gesehen haben muss. Denn die Erklärung, dass der Herr Erobique ein bauchiger, mitteljunger Mann mit Schnauzer ist, der ein reizendes, technoides Alleinunterhalter-Elektropiano spielt und dazu stehgreifgedichtete Lieder zum Vortrag bringt, kann den Zauber und den Charme dieses Herrn nicht erfassen. Es ist mit Erobique so ähnlich wie mit dem Austrofred. Den glaubt man auch nicht, bevor man ihn gesehen hat.
Dennoch, es war so, wie Schorsch Kamerun, nachdem sich seine Miene entknittert hatte, sagte: Es gibt Sachen, die muss man einfach machen, auch wenn man eigentlich nicht an sie glaubt, oder sich dabei unwohl fühlt, oder sie überhaupt gar nicht kann. Und zwar der Gelegenheit wegen, sie in einzigartiger Gesellschaft zu tun, mit Menschen, die eben nur genau in diesem Moment an diesem Ort sind. Dabei mit Karacho scheitern? Gerne, jederzeit, aber das gehört eben zu den Dingen, bei denen man nur den einen Fehler machen kann, sie aus Feig- oder Borniertheit nicht zu tun. Denn am Ende bereut man doch nur das, was man sich aus lauter Schiss versagt hat. Mist gebaut, Fehler gemacht, deppert gewesen? Ja, gerne. Leben halt.
Und außerdem war ich am andern Tag dann so überfeinfühlig... Alles berührte mich ganz extra dramatisch, ich fühlte Sachen, die ich so nie fühle, spürte ganz genau, was andere spüren und ich dachte: aha. Das macht es also mit einem, das Theater. Ach so. Das kann schon was. Am übernächsten Tag merkte ich dann aber, es war nur PMS gewesen. Den Kamerun-Abend will ich dennoch nicht missen.
Permalink
| 05/10
Kurier-Kolumne
Gut, es war Freitag nachmittag. Insofern war ich bereit zu verzeihen, dass in der Filiale der Fleischerei-Kette das Telefon nicht abgehoben wurde. Und wieder nicht. Aber dann schließlich doch, und man nahm meine Bestellung nett und aufmerksam entgegen. (Also, wie aufmerksam, werde ich dann heute Nachmittag bei der Abholung feststellen.)
Aber ich konstatiere grundsätzlich in letzter Zeit sehr unösterreichische Umtriebe, wenn es darum geht, eine telefonische Information zu bekommen. Man ist als gelernte Hotline-Kundin ja viel Kummer gewohnt. Man hat ja Telefon seit den achtziger Jahren und Internet seit den frühen Neunzigern, und wurde zu dieser Zeit auch von diversen Behörden (u.a. Melde-, Pass-, und Finanzamt) als existent und säumig registriert. Und hat seither viel Zeit damit verbracht, seine Elektro-Kommunikation in Gang und seine Angelegenheiten in Griff zu bekommen, was einem früher von den zuständigen Stellen so schwer wie irgend möglich gemacht wurde. (Die Zeit, die ich anlässlich von 14 Wohnungswechseln in Meldeämtern zubrachte, summiert sich zu Tagen, ja, Wochen.) Und jetzt: Man wartet kaum, wird freundlich empfangen, die Anliegen werden schnell und kompetent erledigt. So erlebe es ich jedenfalls.
Auch der Versuch, telefonische Hilfe im Zusammenhang mit Telekommunikation zu erhalten, ist von einer traumatischen Nerven- und Sitzfleisch-Sache, die häufig an inkompetenter Stelle ergebnislos endete, zu einem Spaziergang geworden: Man wird freundlich und namentlich begrüßt und gefragt, wie einem geholfen werden kann. Und dann wird einem meistens wirklich geholfen! Vielleicht ist Österreich doch nicht Kundendienstresistent! Schwer zu glauben, aber tja.
Permalink
| 05/10
Kurier-Kolumne
Das ist Krise: Oben jonglieren die Finanzminister mit Abermilliarden von Euro, unten streiten sich die sog. kleinen Leute wegen weggeschmissenem Obst.
Gestern früh rief mich die die Kollegin U. an, zitternd vor Zorn. Sie hatte eine große Supermarkt-Filiale angesteuert, aber bevor sie diese betreten konnte, wurde sie von einer Auseinandersetzung vor der Biomülltonne abgelenkt. Ein einfach gekleideter Mann um die 60 wollte sich eben ein weggeworfenes Bündel Bananen aus dem Container nehmen, woran ihn in weiterer einfach gekleideter Mann um die 60 zu hindern trachtete: „Des dürfen’S ned.“ Der erste: „Sind aber weggeschmissen.“ Der zweite: „Des dürfen´S trotzdem ned.“ Es geht hin und her, bis sich die Kollegin. einmischt: „Jetzt lassen´S ihn halt die Bananen nehmen.“
Herr Nr. 2: „Das wollte ich letztes Mal auch, aber der Filialleiter hat gesagt, des derf i ned. Also darf der auch nicht.“ Die Kollegin: „Ja, aber bevor die Bananen weggeschmissen werden...“ Der Herr Nr. 2 erklärt vor einem mittlerweile großen Publikum, dass er jetzt den Filialleiter holt. Was geschieht, aber der Herr Nr. 1 macht in der Zwischenzeit einen Abgang. Trotzdem betont der Filialleiter, dass das nicht gehe, dass jeder einfach Obst aus dem Biomüll hole, das sei Diebstahl.
Und das ist es rechtlich auch. Aber als die Kollegin den Herrn Nr. 2 fragte, ob es jetzt wirklich notwendig gewesen sei, den ersten Herrn zu vernadern, habe dieser gesagt: „Ja, weil ich habe das auch nicht dürfen.“
Die Kollegin U. rief mich hinterher aufgebracht an: „Kannst du das glauben? Weit haben wirs gebracht, wenn wir es anderen schon neidig sind, dass sie sich etwas aus einem Mistkübel nehmen.“ Die Krise in den Menschen, das ist vermutlich die schlimmste.
Permalink
| 05/10
Kurier-Kolumne
Dass Bus fahren auch in Österreich eine recht freudlose Sache sein kann, beweisen ein paar Leserinnen-Geschichten. So berichtete mir Gabriele G. von ihrer 72-jährigen Mutter, die in Traiskirchen lebt und gerne eine ihrer Töchter plus Enkel in St. Pölten besucht.
Mit dem Bus. Was nicht unkompliziert ist. Sie muss mit dem Wiesel-Bus von Baden nach St. Pölten, der fahre aber nur einmal täglich, weshalb sie um 7.10 Uhr zuerst mit dem Bus der Wiener Lokalbahnen nach Baden fährt; zu dieser Zeit ist der dieser voll mit Schülerinnen und Schülern. Mehr als einmal sei deshalb die Mutter vom Busfahrer aufgefordert worden, den Bus wieder zu verlassen, da dieser zu voll sei, was diese mit Hinweis auf ihren Anschlussbus verweigerte, was den Busfahrer wörtlich „nicht interessierte“. Die alte Dame fuhr trotzdem mit.
Ein anderes Mal habe die Mutter ihren Pensionisten-Ausweis gezeigt und dem Busfahrer das Geld passend gereicht, welcher ihr aber einen normalen Fahrschein heraus drückte. Die Mutter habe protestiert. Der Fahrer habe gesagt: „Hob i ned gsehn.“ Die Mutter habe bemerkt, dass sie den Ausweis aber deutlich sichtbar hingehalten habe. Der Fahrer habe gemeint: „Glauben´S do schau i drauf?“
Dass ihr im Wiesel-Bus nicht geholfen wird, wenn sie ihren Trolley im Stauraum unterzubringen sucht, ist die 72-jährige schon gewöhnt. Dass der Bus nach dem Aussteigen mit ihrem Koffer darin abfährt, sei ihr aber erst einmal passiert.
Was hoffentlich auch nicht wieder passiert: Im 62 A in Wien wurde die Freundin einer Leserin vom Fahrer aufgefordert, den Bus zu verlassen, weil ihr Baby seit drei Stationen weinte. Die junge Mutter stieg aus und weinte mit.
Permalink
| 05/10
Falter-Kolumne
So wie es ausschaut werde ich heute Abend etwas tun, das sowohl mit meiner Natur als auch mit meinen Prinzipien üblicherweise kein sehr harmonisches Verhältnis am Laufen hat und vermutlich auch künftig nicht haben wird: Ich werde im Rahmen einer Theaterproduktion auf einer Theaterbühne stehen. Natürlich habe ich die Hosen bis übern Bund voll und bereue schon seit Tagen bitterlich, dass ich mich dazu habe überreden lassen.
Ach was, man musste mich nicht einmal überreden. Harald Posch von der Garage X sagte einfach nur: Schorsch Kamerun will dich. Und ich sagte: Bin schon da, wann, wo? Weil: Schorsch Kamerun. Schorsch Kamerun, von Goldenen Zitronen, wers nicht weiß, habe ich ja sehr gern . Immer schon gehabt. Schätze ich außerordentlich, ist einer dieser richtig guten Männer, von denen es irgendwie nie genug gibt: gescheit, streitbar, kreativ, laut, mutig. Wobei ich insgeheim natürlich nicht ganz verstehe, wie sich so einer mit dem Theater einlassen kann, aber wenn es Kamerun tut, kann es wohl nicht ganz verreckt sein. Und außerdem bin ich allmählich geneigt, Annas Wording zu folgen, dass meine Probleme mit dem Theater MEINE Probleme seien und nicht die des Theaters. Obwohl. Ganz überzeugt bin ich davon nicht, und soviel ich weiß, hat sich Anna in den letzten Wochen aus mehreren hochgelobten Aufführungen heimlich geschlichen und mir aus anderen, aus denen es sich nicht heimlich schleichen ließ, SMSe des Inhalts "Ich stähärbäääää!" geschickt. Es ist also auch Annas Affäre mit dem Theater nicht mehr ganz so verschmust und frei von Friktionen wie einst. Was meinereiner einerseits einen hochbefriedigten Händerieb verschafft, mich andererseits aber trotzdem nicht daran hinderte, meine Partizipation an dieser Kamerun-Produktion völlig gedankenlos zu versprechen. Fehler, Fehler, Fehler. Fehler!
Denn es hieß, es gehe um die Teilnahme an einer Jury und Popkultur und vergebliche Versuche, und das kann ich alles so einigermaßen. Allerdings ging es in der ersten Besprechung auch darum, ob ich dabei ein Kostüm tragen würdemüssesolle, und da stieß ich gleich brutal an die Grenzen meiner Aufgeschlossenheit gegenüber der Vergeblichkeit. Mich kann man ja schon mit den verhaltendsten Andeutungen völlig harmloser Dress Codes von Feierlichkeiten fernhalten: Ich soll mich verkleiden? Sorry, geht GAR nicht, sucht euch gefälligst einen andern Gast. Ich weiß auch nicht warum, vielleicht hat man mich als Kind einmal zu oft in ein Clownkostüm gesteckt, ich weiß auch nicht.
Die Chancen, dass ich heute auf der Bühne der Garage X einen pipifeinen Nervenzusammenbruch erleide, stehen also nicht schlecht. Wenn Sie auf derlei gut verzichten können, schauen Sie sich Kameruns Stück lieber morgen oder übermorgen an. Da bin ich schon in der Geschlossenen.
Schorsch Kamerun: Der letzte vergebliche Versuch der Popkultur. Garage X, Petersplatz 1, 12., 13. und 14. Mai, 20 Uhr.
Permalink
| 05/10
Kurier-Kolumne
Die Deutschen diskutieren gerade darüber, wie man korrekt Eltern ist. Konkret hat sich die FAZ auf die neue Familien-Zeitschrift Nido eingeschossen. Nido, ein Ableger des Stern-Magazins Neon, erscheint seit neuestem monatlich und will das Sprachrohr einer neuen, coolen Elterngeneration sein, die den Nachwuchs in ihr Leben integrieren möchte anstatt umgekehrt.
Das passt nicht so recht ins Kindchenschema der alten Tante FAZ, die kritisierte, Kinder kämen in Nido nur am Rande vor, „bestenfalls als modisches Anhängsel, das auszustaffieren man sich dem Kaufrausch ungehemmt hingeben darf, schlimmstenfalls als ein Handicap, dessen man sich irgendwie entledigen sollte.“ Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung legte am Muttertag noch nach: für Nido bliebe „Kinderhaben eine Frage des Lifestyles“.
Tatsächlich werden in Nido Fragen gestellt: „Bin ich eine gute Mutter?“ Wie gehen zwei einst gleichermaßen einkommenstarke Partner mit dem neuen Familienbudget um? Gibt es im Land genug Krippenplätze, und wenn nein, warum nicht? Und das, ja, ein wenig poppiger und radikaler als in „Eltern“.
Die Debatte darüber, was Eltern ausmacht, wie sie leben und mit ihren Kinder umgehen sollten, wurde auch durch Ursula van der Leyens streitbare Familienpolitik angefacht und macht hierzulande vor allem eins: neidisch. Denn bei uns ist moderne Elternschaft eine vorwiegend budgetpolitische Frage, keine philosophische. Und wird medial weitgehend als obskures Randthema betrachtet, das seine Entsprechung in oft originell platzierten Randspalten findet. Oder, eh, in Frauenzeitschriften, wo das Thema Familie für viele noch immer perfekt aufgehoben ist. Nido erscheint übrigens in einer Auflage von 200.000 Stück.
Permalink
| 05/10
Falter-Kolumne
Jetzt habe ich 60 Stunden nicht geraucht, drei komplette Aufwachphasen ohne die je drei Aufwachzigaretten überstanden; die Rauchentwöhnung ist also so gut wie vollbracht. Und es war, wie ich prophezeit hatte, kollossal hilfreich, sie unter mütterlicher Aufsicht durchzuführen, denn wenn meine Mutter sagt „wie kann man nur?“, dann will man das, was man nur kann, zuverlässig lieber so schnell wie möglich nicht mehr können.
Was sich auch abseits des Nikotinentzugs wieder zeigte: Man glaubt nur, man habe bestimmte Alltags- und Kulturtechniken längst soweit perfektioniert, dass ein relativ unfallfreies und gesetzestreues Überleben in Stadt und am Land möglich ist. In Wirklichkeit gibt es kaum eine Tätigkeit, die nicht massiv verbesserungswürdig wäre, kaum einen Handgriff, den man nicht sehr viel effizienter durchführen könnte. Dabei sind die meinen wirklich vorbildliche, offene, unübergriffige Eltern. Solange ihre Kinder glücklich sind, mischen sich diese Eltern nie in deren große Lebensentwürfe ein, selbst wenn die Weltanschauungsübereinstimmung ganz nahe an der Nullline herumhoppelt. Über die elementaren Ideologie-Differenzen können sie in gelassenster Großzügigkeit hinwegsehen. Über praktische Defizite nicht.
So wie letzte Woche der Lange auf der Gartenbank saß und dem Gras beim Wachsen zusah, sitzt jetzt meine Mutter auf der Gartenbank und sieht ihrer Tochter beim Rasenmähen zu. Also, sie sieht nicht zu, und zwar sehr aufdringlich nicht. Offiziell liest sie Arno Geiger. Inoffiziell beäugt sie mich, und zwar so lange, bis ich den Rasenmäher abstelle und sage: Was!!!
Ich will dir nicht dreinreden!, sagte meine Mutter.
Was, Mutter, sage ich, werde es los.
Ich will mich wirklich nicht einmischen, sagt meine Mutter, aber tätest du dir nicht leichter, wenn du nicht über das schon gemähte Gras drübermähst? Und wenn du das Ding da an der Seite vom Rasenmäher abmontierst, da verstopft sich ja immer das Gras darin.
Und sie hat natürlich recht, und trotzdem oder gerade deshalb will ich die Hauswand hochgehen, weil egal, wie lange man brav bewiesen hat, dass man den Titel „erwachsen“ mit Fug und Berechtigung trägt: Kaum sitzt die Mutter auf der Gartenbank, weiß man wieder, dass man es nicht tut: Man ist nur eine Betrügerin, man hat das Erwachsensein nur vorgetäuscht und jetzt wurde man erwischt.
Und es erwischt einen nicht nur Mutter, sondern auch das eigene Kind, das bei meiner moralischen Demontage etwas subtiler vorgeht, indem es seit neuestem ansprechende, kleine Geschichten verfasst, an deren Ende immer zuverlässig die Mutter stirbt: entweder aus Gram über den Tod ihrer aufgrund mütterlicher Vernachlässigung tragisch verreckten Kinder und/oder weil sie zuviel Algahol getrunken und Tschigg geraucht hat. Ja, ich weiß, dass mir das zu denken geben sollte. Immerhin, ich rauche jetzt nicht mehr.
Permalink
| 05/10
Kurier-Kolumne
Rankings können wir nicht so gut. Weil: Schon wieder ein neues Ranking, in dem Österreich nicht besonders glorreich abschneidet: In der Rangliste der Länder, in denen Mütter am besten und sichersten leben, belegt Österreich den 26. Platz der 43 entwickelten Länder.
Das ist interessant, auch im Vergleich zu einem anderen Ranking: Dem EU-Ranking über die Frauen-Gleichstellung, in dem Österreich im vergangenen Jahr dramatisch auf den vorletzten, 26. Platz abgerutscht ist. Weil bei uns Frauen um durchschnittlich 25,5 Prozent weniger verdienen als Männer. Jetzt müsste man meinen, dass es ein Land, das die Frauen am Arbeitsmarkt, in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft so massiv benachteiligt, wenigstens auf dem Gebiet der Mutterschaft mindestens aufs Stockerl, wenn nicht ganz nach vorne schaffen müsste, als logischer Ausgleich. Aber: genau nicht.
Wieder, wie auch beim Gleichstellungsranking, liegen die skandinavischen Länder (und Australien) vorn: Dort sind die Frauen nicht nur am gleichberechtigsten, es geht dort auch den Müttern am besten.
Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Wo Frauen viel Verantwortung und viel zu sagen haben, haben Frauen, ihre Interessen und ihre spezifischen Anliegen automatisch eine starke Lobby. Denn Frauen wissen nun einmal am besten, was Frauen in ihren individuellen Lebenssituationen brauchen und wollen: während der Ausbildung, wenn sie in den Beruf einsteigen, wenn sie Kinder bekommen, wenn sie trotzdem arbeiten wollen, wenn Familien auseinander brechen, wenn sie keine Kinder wollen und lieber auf sich gestellt sind.
Wir lernen: Wo Frauen stark und gleichberechtigt sind, leben auch Mütter und Kinder gut. Besser: wir sollten es lernen, dringend.
Permalink
| 05/10
Kurier-Kolumne
Es ist vollbracht. Ihre Autorin, die es nicht lassen kann, bei diesem Thema immer wieder beide Seiten zu recherchieren, hat mit dem Rauchen wieder aufgehört. Nachdem ich die Recherche zwei Monate lang sehr ernst genommen habe, 20-bis-30-am-Tag-ernst, um genau zu sein.
Der Entzug fand unter verschärften Bedingungen statt, weil ich mir während der ersten drei Tage die gesamte zweite Staffel von „Mad Men“ anschaute. „Mad Men“, wer’s noch nicht kennt, ist eine unglaublich gut aussehende US-TV-Serie, die in einer New Yorker Werbeagentur der 1960er Jahre spielt. Und in der man die Charaktere mitunter kaum erkennen kann, weil sie permanent in dichten Rauchwolken verschwinden. In „Mad Men“ wird unablässig getschickt: In den Büros, während des Frühstücks mit den Kindern, ja selbst in Arztpraxen und Kinderzimmern. Das ist das Spannende an dieser Serie: Dass sie den jetzt 20 - bis 50jährigen zeigt, wie wir wurden, was wir sind: und was wir auf dem Weg in die Gegenwart alles zurück ließen. Im Prinzip macht „Mad Men“ anschaulich, was das konkret bedeutet, gesellschaflicher Wandel und kollektiver Konsens, und wie dergleichen entsteht.
Verantwortungsbewusste Mütter sperren in „Mad Men“ ihre Kinder zum Zwecke der Züchtigung in dunkle Kleiderschränke und fordern ihre Ehemänner auf, den Fünfjährigen endlich wieder einmal zu verprügeln. Bierdosen werden in der Natur entsorgt, es wird beim Autofahren Whisky getrunken und auch mit Fremden konsequent ohne Kondom gevögelt. Frauen werden ganz selbstverständlich benachteiligt und fangen gerade erst an, das merkwürdig zu finden. Und rauchen ist gesund.
Letzteres hätte von mir aus gern so bleiben dürfen. Aber nur letzteres.