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Doris Knecht
der doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
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30.06.10

Da wächst nichts mehr

| 06/10

Wie immer hat der Kollege Dings auf meine Theaterkolumne als erstes reagiert, und wie immer ging er voll in den Saft, er sagte, nein, er brüllte es schon im Betreff, wie wütend er sei über diese Kolumne und die darin ausgestellte Ignoranz. Ja, ja. Aber ich kann nicht jeden Tag über Arigona Zogaj schreiben oder darüber, dass ich die SPÖ wegen ihrer erbärmlichen Luschen-Reaktion in der Zogaj-Sache, ja in allen Abschiebungssachen, für absolut unwählbar halte, und zwar auf Jahre hinaus. Das ist kontaminiertes Gebiet. Da wächst nichts mehr. Allein, dass die SPÖ es als Regierungspartei zulässt, dass Maria Fekter Innenministerin ist und Innenministerin bleibt und als Innenministerin agiert wie sie agiert, ist unerträglich. Man kann die SPÖ nicht wählen und darf für die SPÖ nichts machen, man muss diese SPÖ bestrafen, und ich habe eine Lesung, die ich schon zugesagt habe, wieder abgesagt, als ich merkte, dass die SPÖ hinter dem Kulturverein steckt. Und die ÖVP gehört selbstverständlich auch komplett boykottiert für ihre dumme, kurzsichtige, erbarmungslose, fpögläubige Einwanderungspolitik. Und alle, die Fekter nicht endlich sagen, dass jetzt Schluss ist, und dass es reicht, und dass unsere Leute, genau wie Robert Misik geschrieben hat, nicht mehr abgeschoben werden, fertig jetzt! Es ist so eine Schande, und es geht immer weiter. Ich könnte so in den Saft gehen, deswegen, jeden Tag.

Aber man muss ja  auch mal über was anderes reden. Man kann nicht immer nur darüber nachdenken, wie diese Kinder, wie all diese Kinder, die gestern noch mit unseren Kindern in die Schule gingen und mit unseren Kindern am Spielplatz waren und auf den Geburtstagspartys und im Fußballteam von unseren Kindern, wie all diese jetzt abgeschobenen Kinder im Kosovo nicht mehr in die Schule gehen werden, weil es keine gibt, und wie sie mit ihren arbeitslosen Eltern bei Verwandten auf dem Boden vom Wohnzimmer schlafen und nichts mehr lernen. Es ist unerträglich. Man kann keine Partei wählen, die das zulässt. Die mitleidlsoe Gesetze mitbeschließt, die das ermöglichen. Von denen keiner aufsteht gegen das. So, wie in dem herzergreifenden SPÖ-Spot, wo sie alle aufstehen. Von der SPÖ steht keiner auf, wenn sie die Zogajs und tausende andere Flüchtlinge aus dem Land deportieren. Von der SPÖ hört man keinen rufen: Nicht in meinem Namen! Da mach ich nicht mehr mit! Na, da sind alle kusch, nichts sehen, nichts hören, nichts spüren. Die SPÖ ist unwählbar, sogar rückwirkend, wenn man sich den Bundespräsidenten anschaut, den man nicht hätte wählen sollen, jetzt weiß man es. Ein Halm im Wind. Wenn Fekter buh sagt, fällt Fischer um. Ich muss zwischendurch etwas Ignorantes übers Theater schreiben, ich kann mich ja nicht jeden Tag nur über das aufregen, auch wenns mich drängt.

Donnerstag, 1. Juli, 18.30, am Heldenplatz. 

23.06.10

Das hat Shakespeare nun mal nicht drauf

| 06/10

Hans Hurch hat ausdrücklich gesagt, ich darf schreiben, dass es sein Geld war, das am Donnerstag im Jelinek-Stück verbrannt wurde. Es ist ihm, hat Hurch gesagt, egal, ob ich das schreibe: Es war Hans Hurchs Hunderter, der während der Premiere der "Kontrakte des Kaufmanns" in Flammen aufging, und es war auch sein Hunderter, der danach zerrissen wurde (den bekam er allerdings hinterher wieder, zum Restaurieren). Hurch hat die Geldverbrennung lässig genommen, er betrachtet das als Opfer, ist jetzt wurscht wofür, im Publikum allerdings war Beklommenheit spürbar. Ist das echtes Geld, das die da verbrennen? Und war das abgesprochen vorher, mit dem im Publikum, der das Geld hergegeben hat? Und kriegt der das Geld nachher wieder?

Das ist aus zweierlei Gründen putzig, weil es erstens in Elfriede Jelineks fantastischem Text 99 Seiten lang um nichts anderes als um Geld und seine Vernichtung geht und die daraus resultierende Vernichtung derer, die es einst besaßen. Und weil ja zweitens jeden Abend auf so gut wie jeder Theaterbühne Geld schüppelweise verbrannt wird, mein, dein, unser Steuergeld nämlich, das Theater sei, hätte (und, äh, habe) ich noch letzte Woche behauptet, und, nach der Verabreichung schon kleinerer Dosen Alkohol gerne auch gebrüllt, im Großen und Ganzen und bis auf ein paar winzige Ausnahmen eine einzige, riesige Geldverbrennungsmaschine, die vor allem denen Freude bereitet, die sie bedienen und die von ihr leben, Schauspieler, Regisseurinnen, Bühnenbildner, Feuilletonisten, bla bla bla; mein alter Sermon eben, für den ich jetzt ungefähr schon sechs Mal Zeilengeld kassiert habe, ich weiß eh.

Anna, bekanntlich überaus theateraffin, hat den Sermon jedenfalls nicht mehr ertragen und hat deshalb zum entscheidenden Schlag ausgeholt und mich zu den "Kontrakten" mitgenommen. Das schaust du dir noch an, hat Anna, die das schon kannte, gesagt, wenn dir das auch nicht passt, dann lassmas für immer. Gut, habe ich mir das noch angeschaut. Und ehrlich gesagt, ich hätte nach den 99 Seiten, nach fast viereinhalb Stunden liturgischem Furioso noch länger schauen können. Weil dieses Theater mir etwas über das Hier und das Jetzt erzählt, in Hier-und-Jetzt-Bildern und in Jelineks Hier-und-Jetzt-Worten, und das haben, sorry, Shakespeare und Goethe einfach nicht drauf.

 Und weil man mir gestattete, ja, mich aufforderte,  zwischendurch den Saal zu verlassen und mein Getränk von der Bar mit in den Saal zu nehmen, und das entspricht nun mal meiner Herkunftskultur sowie meinem Sitzvermögen. Hinterher, als ich Regisseur Nicolas Stemann kennenlernte, wurde mir dann auch klar, warum das alles so war, wie es war: Weil der eben auch von dort kommt, jedenfalls von dort in der Nähe. Und weil der ein Genie ist. Lassts mich mit Shakespeare und Goethe anglahnt, schreibt mir so etwas, spielts es mir so, dann liebe ich das Theater eh.

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