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Doris Knecht
der doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
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19.07.10

Das Glück zwischen Glück und Aber

| Comments (1) | 07/10

Weil ich letztes Mal von tröstendem Konsumismus aufgrund massiven Erschöpfungsschwächelns sprach: Die Idee wär natürlich, dass man den ganzen Tag auf einer wohlbeschatteten Südterrasse sitzt, frohmachende Getränke trinkt und Eselsohren in den Manufaktum-Katalog biegt. Jössas. Ich weiß gar nicht, wie ich ohne diese Stiefel aus Bergschuhleder mit den Filzgamaschen so weit gekommen bin. Und ohne diesen Edelstahldoppelgriller kann ich, fürchte ich nun, nicht weiterleben. Und ab sofort fehlt mir auch das, das das und das zum Glück.

Aber jetzt, zwischen "Glück" und "Aber" war ich drei Tage in Berlin und habe dort aufgehört, über Manufaktum-Kataloge und die darin erwerblichen fahrbaren Hühnerställe (Euro 1520,-), Edel-Gartenschläuche (Euro 249,-) und Lärchenholz-Kompostkisten (Euro 316,-) nachzudenken. In Berlin radelte ich auf einem alten Hollandrad durch Tag und Nacht, traf interessante Männer und Frauen und saß an Straßenrändern und schaute zu. Und dachte nach. Das war gut. Und meine Wünsche haben sich jetzt auf drei reduziert: bessere Haare, saubere Fingernägel und einmal John Grant live sehen. (Kaufen sie sofort die neue CD dieses Mannes, "Queen of Denmark", sie werden es nicht bereuen. Fangen Sie mit "Sigourney Weaver an". Zum Weinen schön.) Was ich mir nicht wünsche, ist einmal im Soho Club gewesen zu sein, weil dort war ich schon. Den Soho Club hat mir Sedlacek, der gerade nicht in Berlin war, als den letzten heißen Scheiß verkauft, also noch heißer als der Grill Royal. Obwohl Sedlacek gleich sagte, dass im Soho Club das Essen nicht gut und der Wein überteuert sei, trotzdem. Was er nicht sagte, war, dass alles im Soho Club, außer der Aussicht und den schwulen Männern, relativ gruselig ist und dass man den überteuerten Wein aus Plastikgläsern trinken muss, zumindest oben auf der Terrasse, was, wie mir ein schöner schwuler Mann erklärte, natürlich daran liegt, dass die Prominenz im Taumel des exklusiven In-Seins gerne einmal ihr Champagner-Glas von der Terasse wirft, die sich samt Pool auf dem Dach eines ungefähr zwanzigstöckigen Gebäudes befindet. Mit etwas Wurfgeschick trifft man die Gäste vor der Bar 3, wo Anna und ich dann recht schnell wieder waren, mit Reverend Tobi Müller und seinem netten Clan, nachdem wir den Soho Club, been there, done it, gesehen hatten. Dank Anna und ihrer hervorragenden Kontakt zu schönen schwulen Männern übrigens.

 In Berlin, also jetzt speziell vor der offenbar nicht mehr angesagten Bar 3, wo ich, da es sich um den fünften Programmpunkt dieses Abends handelte, etwas angetütert herumstand, machte ich eine ähnliche Erfahrung wie vor zehn Jahren, als ich mich anschickte, Zürich zu erobern: Die Leute fragten sich, wer um alles in der Welt diese merkwürdige, laute, angetüterte Frau ist. In Zürich haben sie es dann relativ bald geschnallt. Gut, Berlin ist etwas größer und ein wengerl weniger provinziell, aber das wird auch noch.

10.07.10

So bin ich nur im Juni

| 07/10

Meine Geduld wurde... nein, falsch. Ich, ich als Gesamtheit wurde und bin arg strapaziert, so strapaziert, dass ich kürzlich mein Kind (nachdem ich es in kindgerechten, aber aufrichtigen Worten über meinen dezeitige Nerven-Status aufgeklärt hatte) bat, doch bitte endlich einmal einfach nur die Klappe zu halten. Wir waren zum Erdbeerfeld gefahren, das Kind und ich, und ich hatte dem Kind erklärt, dass ich viel gearbeitet hatte, dieses Jahr und immer noch viel zu arbeiten und zu denken habe, und dass ich manchmal einfach etwas Ruhe brauche, Unbequatschtheit, Stille, Nichts. Das Kind nickte verständnisvoll und sprach ungefähr dreißig Sekunden kein Wort, dann erklärte es mir, wie viel Verständnis es für seine Mutter hat, doch, sehr viel Verständnis, es versteht sehr gut, dass auch eine Mutter einmal eine Ruhe braucht. Oben, beim Erdbeerfeld entschloss ich mich, die teureren, aber dafür schon fixfertig gepflückten Erdbeeren zu kaufen, denn die Vorstellung, zwei Stunden lang gebückt in der brüllenden Sonne Erdbeeren zu pflücken, während das Kind ohne Unterlass Verständnis zeigt, verursachte mir plötzlich eine furchtbare Depression.

 Zudem hatte mein Steuerberater und Nachbar, als er davon hörte, dass wir zum Erdbeerfeld fahren, gemeint, ob ich ihm nicht bitte auch ein Kistl oder zwei mitpflücken könne, er komme leider derzeit gar nicht dazu. Aber klar doch, weil ich habe ja sonst nichts um die Ohren, ich muss ja nur neben der normalen Erwerbskolumniererei einen Roman fertigschreiben und zwei Haushalte... Aber ich will nicht jammern. Nein, ich will dankbar sein. Es geht mir gut. Alles ist gut so, wie es ist. Es könnte gar nicht besser sein. Mit weniger wär mir fad, doch, und das Kind quakt auch nicht immer so viel, sondern nur bei Vollmond. Und ich bin nicht immer so weinerlich und selbstmitleidig,  sondern nur und ausschließlich Ende Juni, wenn noch schnell vor den Schulferien alles fertig zu machen und abschlusszufeiern und vorzuschreiben ist, wie zum Beispiel diese Kolumne und noch zwei Kolumnen, und, Himmel, das auch noch. Aber es wird alles gut. Alles ist gut.

 Nur eben im Moment bin ich strapaziert, und nicht nur das plapperende Kind bringt mich zur Explosion. Auch das Kind, das im Plastiksandalen-Laden mit angefressenster Miene 70 Paar Plastiksandalen probiert, von denen (nachdem es die Mutter wochenlang gequält hatte wegen dem Plastiksandalenladen und wann man jetzt denn endlich dort hingehe, so wie schon seit Wochen versprochen) keines nur irgend konveniert. Nach zwanzig Minuten im Plastiksandalenladen kauft sich die Mutter aus lauter Verzweiflung und gegen ihre ureigenste Überzeugung, dass Erwachsene wegen Würdelosigkeit keine Plastiksandalen tragen sollen, ein paar grüne Gartenschlapfen: ganz typisch in die Konsumismus-als-Trost-Falle getappt. Das Kind entschied sich schließlich für überteuerte Flipflops. Dafür bin ich... egal. Hurra.

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