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Doris Knecht
der doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
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26.08.10

Mit Brutalitäten ist zu rechnen

| 08/10

Das Waldviertler Bullerbü-Idyll eskaliert. Es spielt Osthof gegen Westhof. Wasserbomben flogen und unreifes Obst. Gartenschläuche wurden eingesetzt. Und Fäuste. Am Ende gewannen, oder jedenfalls glauben sie das, die mit dem Testosteron. Die ohne spielen jetzt halt nicht mehr mit ihnen, was den Testosterönlern wurscht ist: noch.

Der Horwath sagt, ihm is auch wurscht, hat er weniger Kinder am Hals. Der Horwath hat im Moment mindergute Laune, weil der Nachbarbauer schüttet eine riesige Wiese direkt neben dem Horwath mit Dreck auf. Er tut es zu dem Zweck, dass die Wiese danach mit Dreck aufgeschüttet ist. Der Dreck kommt von einem, der am anderen Ende des Dorfs einen Hügel wegbaggert, der seinem Carport im Weg steht. Seit zwei Wochen brettern unablässig schwere LKW voller Dreck durchs Dorf und leer wieder zurück. Wir lassen die Kinder nicht mehr auf die Straße, es ist zu gefährlich. Der Horwath kann vor lauter Staub nicht mehr in seinem Garten sitzen und kriegt immer dickere Kabel am Hals. Zum Glück hat er noch einen Innenhof zum Sitzen, nur rennen dort mittlerweile derart viele Sulmtaler in allen Größen herum, dass die Menschen kaum mehr durchkommen. 


Gegessen haben wir immer noch keins. Weihnachten, sagt der Horwath, und dass die ersten Hendln jetzt leider schon zu alt sind und die andern noch zu klein. Jaja. Die Horwathsche Hühnerzucht wird die weltweit erste, in der alle Hennen glücklich an Alterschwäche verscheiden. Eins hat sich schon im Hühnerstall hingelegt und ist friedlich und gewaltfrei entschlafen, zufällig, als die Horwaths einen Tag nicht da waren, und so hat es eines der Mimis gefunden, als es in meinem Auftrag drüben Eier fladern sollte. Aber Eier gibt es auch keine mehr, die werden jetzt alle bebrütet. Nächstes Jahr wird der Horwath eine batzen Hendlfarm haben, weil es der Populationsexplosion sehr förderlich ist, wenn weder Hendln noch Eier verzehrt werden. Ich werde nie erfahren, wie ein Sulmtaler schmeckt.


Hoffentlich ist dann die Dreckswiese vom Bauern wieder mit Gras überwachsen, sonst weiß ich nicht, wo der Horwath sitzen soll, außer drinnen. Oder bei uns. Aber zu uns kommt er seit dem Kinderkrieg auch nicht mehr. Seit dem Krieg gehen die Mimis nicht mehr zu den Horwaths, und der kleine Horwath kommt zu uns sowieso nicht, auch in Friedenszeiten, weil er sich, soweit es das Gesctz erlaubt, nur auf Grundstücken aufhält, wo er das Sagen hat. Oder wo wenigstes das Personal wesentlich besser spurt als bei uns, wo Kinder mitunter Brutalitäten wie den Worten "nein", "jetzt nicht" und "du bist acht Jahre alt, hol/mach/streich es dir selber" ausgesetzt sind. Was den Horwath kürzlich zu der Bemerkung verleitet hat, es wundere ihn nicht, dass die Kinder bei uns nicht gern seien.... Jaja. Der Lange und ich sind Kindern im Prinzip gar nicht zumutbar. Nur die Mimis wissen das nicht: noch nicht.

18.08.10

Ich bin gar nicht da

| 08/10

Ich sollte öfter über Möbel schreiben. Kaum schreibe ich einmal über Möbel, erhalte ich begeisterte Leserbriefe, das sei doch schön, weiter so, einmal was anderes als das ewige Geraunze. Und offenbar hätte ich mich nun auch endlich erholt, Gottseilobunddank. Naja. Das kann man so nicht sagen, nach netto fünf Tagen Urlaub dieses Jahr. Wobei der Umstand, dass man beim Arbeiten nicht im klimatisierten Büro sitzt, sondern zwischen verschiedenen Grüntönen, die Arbeit einerseits erträglicher macht. Andererseits ist es trotzdem Arbeit, machen wir uns nichts vor. Es ist nur schwieriger, es seiner Umgebung, vor allem der minderjährigen, als solche zu verkaufen. Wenn ich an meinen Laptop sitze, arbeite ich, haben das jetzt alle verstanden? Nein. Weshalb ich nun dazu übergegangen bin, mit einem  fetten Kopfhörer über den Ohren an meinem Laptop zu sitzen. Der Kopfhörer bedeutet: Ich bin gar nicht da. Ich bin im Büro. Ich bin im Büro und deshalb augenblicklich nicht in der Position, mich um das Mittagessen der Kinder zu kümmern, das Nintendo-Aufladekabel oder die Pinzette zu suchen, lustig mit Gästen zu plaudern oder hellzusehen, ob noch genug Milch da ist.

 Man kann sich aber auch, wie im Moment der Fall, mit dem Laptop im Bett verstecken und Kopfschmerzen vortäuschen, was derzeit von der Brut eher respektiert wird als Erwerbsarbeit. Arme Mama. Im Gegensatz zu: miese Mama, die immerimmerimmer arbeitet und darob ihre armenarmenarmen Kinderchens vernachlässigt.  Und dann noch nicht mal das dringend benötigte Pferd spendiert, sondern behauptet, es müsse jetzt einmal gespart werden, worauf Männer in braunen Uniformen große Kartons durch den Garten tragen, die noch ein Paar schwarze Stiefletten enthalten, und noch ein paar schwarze Stiefletten, hast du nicht eh schon so viele schwarze Stiefletten, Mutter? Erstens, Kind, sind die ganz anders als die vorigen und alle anderen und zweitens: Zügle deine Zunge, du sprichst ja schon wie dein Vater, das ist widerwärtig.

 Wenngleich sich gezeigt hat, dass der Gleichmut, mit dem der Lange unlängst den Einzug des 73. Sessels quittiert hat, offenbar kein Einzelereignis war. Es herrscht in diesem Haus jetzt eine fast schon beängstigende Gelassenheit. Die Kinder machen sich Sorgen: Ihr streitet gar nicht mehr, lasst ihr euch jetzt scheiden?  Tatsächlich begann der Lange kürzlich gegenüber Gästen einen Satz mit den Worten: "Früher, als ich noch alles negativ sah..." Ja, Grüßgott!

Das mag eventuell damit zusammenhängen, dass der Lange erfolgreich seine alte Band reaktiviert hat, in der es, neben vielerlei künstlerischen Aspekten, doch auch sehr um Lärmmaximierung geht, was sich insgesamt sehr positiv und ausgleichend auf des Langen Gemütsverfassung und seine Familienantizipation auswirkt. Kann aber auch sein, dass wir von uns selbst unbemerkt einfach zu Buddhisten geworden sind. Andere werden altersschwul, wir  werden altersbuddhistisch. So. Wär doch möglich. Oder.

4.08.10

Tut man nicht, weiß ich eh

| 08/10

Wie der Lange mit den Kindern vom Winnetou zurück gekommen ist, war es dann gut, dass das Essen schon am Tisch stand. Es war allerdings wieder nicht so gut, weil das Essen war sicherheitshalber schon seit einiger Zeit fertig gewesen, und hatte darunter etwas gelitten. Nicht sehr, nur ein wenig, und das war eigentlich auch schon wurscht, denn es ist natürlich von vornherein ein Fehler, einem Mann, der gerade drei Stunden auf einer harten Holzbank in der Sonne gesessen hat und erwachsenen Männern beim Indianerspielen zugesehen hat, ein Mädchenessen zu kochen, also eines ohne Fleisch. Das tut man nicht, ich weiß eh, aber die Zucchini sind nun mal reif und viel und müssen weg.

 Die Frau Kaufhausbesitzerin, die später am Tisch vom Horwath saß (der sicherheitshalber ebenfalls gedeckt gewesen war, weil der Horwath war mit dem Langen beim Winnetou gewesen und analoger Laune), die Frau Kaufhausbesitzerin also fragte, worüber ich eigentlich schreiben würde, wenn ich kein Landhaus hätte. Naja, darüber, dass ich kein Landhaus hätte, ist doch logisch. Der Abend war lau. Die Kinder bewarfen sich mit unreifen Äpfel und brachen periodisch in lautes Wehgeschrei aus. Ich weiß nicht, was es beim Horwath zu essen gab, aber es hat auch seine Laune nicht gehoben, denn als die Doktor Urban, die mit ihrer Brut auch da war, sich vor ihrer Abreise ein paar CDs ausborgen wollte, sagte der Horwath etwas, was der Horwath m. A. viel zu selten sagt, er sagte: nein. Was die Urban, die den Horwath schon gut zwei Jahrzehnte kennt, natürlich nicht glaubte und zu einer Argumentation anhub, aber der Horwath blieb dabei: Nein, sagte der Horwath, die CDs bleiben da.

 Das hab ich gern gehört, nicht nur, weil ich dem Horwath diese CDs gebrannt hatte, sondern auch, weil es für eine ständig überforderte Lusche wie mich sehr befriedigend ist, dass auch der Horwath einmal überfordert ist. Auch wenn das, anders als bei mir, erst der Fall ist, wenn der Horwath drei sehr aktive Familien in seinem Haus zu Gast hat und ein mutterloses Extra-Gastkinder und wenn die Horwathin sich gerade anschickt, für die nächsten Tage nach Wien zu fahren, um dort fremde Menschen zu heilen, machs gut, Schatz, baba. Die Urban sagte, ja, wenn eh ich sie ihm überspielt habe, kann ich ja nachher hinüber in mein Haus gehen, und sie ihm nochmal überspielen und sie nimmt jetzt seine. Der Horwath, über die Landesgrenzen hinaus bekannt für seine Belastbar-, Großzügig- und Freigebigkeit, sagte: NEIN! Ich habe den Horwath noch nie so entschieden Nein sagen gehört, und die Urban auch nicht, denn sie gab mit so einem Aber-hallo-was-ist-jetzt-mit-dem!-Blick auf, und ich fand, dass es dann mal Zeit sei, meine Kinder einzufangen und schnell ein paar Meter zu machen: danke für den Wein, Horwath, schönen Abend noch! Wie wir wieder heimkamen, stand der Lange in der Küche und aß ein dickes, fettes Speckbrot mit Pfefferoni. Dem ging es danach dann auch besser. 

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