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Doris Knecht
der doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
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27.09.11

Nächste Woche wird alles wieder normal

| 09/11 Falter-Kolumne

Wir waren im Wald spazieren und ich habe den Mimis gesagt: Diese Woche ist Vater-Schonung angesagt. Wenn er wegen nichts auszuckt: einfach lächeln. Wenn er auf Fragen nicht antwortet oder wenn die Antworten nicht zu den Fragen passen: einfach so tun als ob. Diese Woche keine Debatten übers Rauchen, das könnt ihr ihm nächste Woche wieder abgewöhnen. Sowie er natürlich überhaupt alles, was wir ihm diese Woche durchgehen lassen, in der nächsten Woche mit Zinsen vom Sparbuch abheben kann. Nächste Woche, nach dem Samstag abend, nach seinem Konzert, da wird alles wieder normal.

Das eine Mimi hat gesagt: Jaja; das andere: Können wir jetzt umkehren, mir tun die Beine weh. Ich sagte, wir gehen grade mal eine Viertelstunde. Das Mimi: Trotzdem. Ich sagte: Als ihr vier wart, sind wir mit euch stundenlang über die Almen gewandert und ihr habt nicht gejammert, ihr fandet es toll. Das Mimi: Sobald ich wieder vier bin, werde ich wieder richtig Spass am Wandern haben, das wird lustig.

Sie haben jetzt Handys. Das war möglicherweise das letzte Wochenende, dass sie überhaupt noch aus freien Stücken mit mir gesprochen haben, auf einer Wie-ändert-man-den-Hintergrund-Basis. Weil jemand musste ihnen das Handy ja erklären, und der jemand war: richtig. Aber bitte: Im Schlafzimmer läuft ein neuer Fernseher, Flachbild, 104 Zentimeter Diagonale, alle Programme, wo sie sein sollen, und das einzige was ich tun musste, war zu helfen, ihn heraufzutragen. Danach war es wichtig, zwei Stunden lang nicht in die Nähe des Schlafzimmers zu geraten. Bei dem einen Mal, bei dem sich eine Betretung nicht vermeiden ließ, stieß ich auf einen Langen, der mit einer Bedienungsanleitung vor einem blau leuchtenden Bildschirm saß und mit traurigen Augen sagte: Das funktioniert nicht, keine Chance. Ich sagte: Oje, und ging wieder. Eine Stunde später funktioniert es, ohne mein Zutun.

Denn ich lerne. Ich lerne nicht nur von Alice Schwarzer, sondern auch von Wolf Wondratschek, der im Standard-Sommergespräch mein neues Lebensmotto formulierte, in dem er erklärte, wie man die Schriftstellerei und das Kinderhaben unter einen Hut kriegt. „Auf den Spielplatz gehen, in den Kindergarten. Alle Phasen. Aber keine Verpflichtungen. Es war für mich immer klar, wenn ich merke, es kommt ein Roman, der geschrieben werden muss, dann weiß ich, das sind etwa zwei Jahre, dann werde ich mir diese Zeit wirklich nehmen und mich in die Isolation begeben."

Ich warte nur noch bis nächste Woche, nur noch bis nach dem Konzert, dann werde ich dem Langen erklären, dass ich den neuen Roman in mir spüre und dass er jetzt geschrieben werden muss, und ich mich jetzt ein, zwei Jahre nicht um die Kinder und den Haushalt kümmern kann. Ich brauche jetzt bis auf weiteres so etwa einen Meter Isolation um mich herum. Keine Verpflichtungen, vorläufig.
Ich weiß, er wird das verstehen.

7.09.11

Alice Schwarzer kennt sich da nicht aus

| 09/11 Falter-Kolumne

Ich bin offenbar circa der einzige Mensch im deutschen Sprachraum, der Charlotte Roche und ihr Buch mag. Findet das sonst niemand voller Witz? Lacht niemand mit mir über die gründliche gut-jungdeutsche Befindlichkeit, über die sich Roche lustig macht? Findet keine andere, dass sie den Alltag modern und korrekt sein wollender junger Mütter sehr scharf beobachtet, mit all den ideologischen und politischen Fallen, mit all Dingen, zwischen denen man sich entscheiden muss und mit all dem Druck, unter dem man steht? Alle sehen immer nur die Würmer wuseln, und gut, da und dort und dort hätte ein entschlossener Rotstift nicht geschadet. Aber es zeigt sich wieder einmal: Wenn Männer etwas Ekelhaftes oder Gewalttätiges beschreiben ist es interessant und mutig, wenn Frauen es tun, ist es ekelhaft und aggressiv. Weil Frauen die ironische Distanz zwischen Sein und Kunst ja offensichtlich nicht gegeben ist, die können da ja von Natur aus nicht abstrahieren, und deshalb kann das höchstens immer nur unfreiwillig komisch oder überraschenderweise gelungen sein. Ich lese auch immer, dass "Schoßgebete" ja viel sei, aber sicher keine Literatur. Wenn ein junger deutschsprachiger Schriftsteller nach dem anderen mit seinen Urlaubsabenteuern Bücher vollschreibt wie weiland Volkschulhefte mit Meinschönstesferienerlebnis, dann sagt niemand, wie es korrekt wäre: Also, übrigens, das ist eigentlich keine Literatur, das nennt man Reportage. Nein, dann erfindet man einfach schnell einmal eine neue Gattung, Doku-Roman oder so, und schon passt alles. Aber Roche: Na, Literatur ist das bei Gott nicht. Irgendwie ist das alles bisschen frauenfeindlich.


Ich habe überhaupt selten so viel Frauenfeindliches gelesen wie jetzt im Kontext mit Roche und wie eine Frau über das Leben schreiben soll. Und wie nicht. Unter anderem von Alice Schwarzer, die es nicht gern hat, wenn eine erfolgreiche junge Frau vergisst, dass sie Alice Schwarzer alles zu verdanken hat. Deshalb muss Schwarzer Roche in einem dummen offenen Brief ugehend daran erinnern und nebenbei ein bisschen von der Debatte profitieren. Man war ja mal befreundet, ne.


Mir gehts wie Charlotte Roche, ich fänds schön, wenn Alice Schwarzer zwischendurch einfach auch einmal die Klappe hielte. Gegen Chauvinismus sein, aber für die BILD arbeiten. Nie ein Kind, nie einen Mann, vielleicht nie Sex mit einem Mann gehabt haben, aber immer genau wissen, wie das geht, und wie man das zu machen, und wie man da zu leben hat. Aber, es tut mir leid, das sind nun einmal ein paar von den Sachen im Leben, wo einen auch die umfassendste Theorie nicht zum Besserwissen in der Praxis legitimiert. Nur wer Kinder und Heterosex hat, weiß wie das ist, und wer's nicht hat, hat keine Ahnung und soll dazu nicht s'Maul aufreißen. In diesem Fall: Roche ja, Schwarzer nein, so einfach.

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