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21.02.99

"I´m totally fine"

| Comments (0) | 02/99 | Kehlmann, Dylan, Barry White, u.a.

Daheim bei Bret Easton Ellis
(erschienen 1999 im profil)


Später an diesem Nachmittag wird sich Bret Easton Ellis einen Paul-Smith-Anzug, ein Poloshirt und Lederschuhe anziehen, alles in Schwarz. Aber jetzt, als er die Tür seiner Wohnung öffnet, trägt er Jeans, Turnschuhe, ein kariertes Hemd und eine New-York-Yankee-Mütze. Ellis lächelt, sagt freundlich hi und entschuldigt sich: Er muss noch kurz drei Telefonate erledigen. Wie Ellis telefoniert, wie Ellis redet, so möchten manche Menschen singen können: Eineinhalb Oktaven bringt er in einem ganz normalen Satz problemlos unter.

Ellis lebt in einem sonnigen, unspektakulär eingerichteten Einzimmerloft in der 13. Strasse in Manhattan, New York: Da stehen ein grosses Bett, zwei Kommoden, ein Küchentresen, ein Schreibtisch, ein riesiger Fernseher, ein Sofa. Hinter dem Bett strebt ein gut sortiertes Bücherregal bis zur Decke hoch; ganz oben stapeln sich die diversen Übersetzungen von Ellis Romanen: «Less Than Zero» («Unter Null»), das ihn 1985, als 21-jährigen Collegestudenten, zur Nachwuchshoffnung der amerikanischen Literatur machte, «The Rules of Attraction» («Einfach unwiderstehlich»), sein zweiter, 1987 veröffentlichter Roman; «American Psycho», mit dem er sich mit 27 in den Legenden status schrieb, «The Informers» («Die Informanten») von 1994, und sein neus-tes, soeben auf Deutsch erschienenes Buch «Glamorama».

Natürlich ist es lächerlich, etwas Derartiges zu tun: Aber sowohl in seiner Wohnung als auch an Bret Easton Ellis sucht man vergeblich nach etwas Diabolischem, etwas Dämonischem, nach irgendetwas, das einen Hinweis darauf gäbe, dass es sich bei dem 35-jährigen Amerikaner um einen der berüchtigs-ten lebenden Schriftsteller der Welt handelt. Um den Mann, der «American Psycho» geschrieben und damit seinen Verlag, die gesamte amerikanische Frauenbewegung und die Zensurbehörden verschiedener Länder gegen sich aufgebracht hat. «American Psycho», 1991 veröffentlicht, war das am heftigs-ten und kontroversesten diskutierte Stück Literatur der Neunzigerjahre. In dem Roman beschreibt Patrick Bateman, ein junger, gut aussehender, wohlhabender Wallstreet-Broker penibel seinen Alltag, berichtet von seinen Besuchen in Fitnessstudios, teuren Res-taurants und schicken Klubs, von seinen musikalischen Vorlieben und seinen hygienischen Gepflogenheiten, beschreibt detailbesessen die Designergarderobe seiner Freunde und die grausamen Morde und Folterungen, die er an jungen Frauen begeht. Der Roman löste schon vor seinem Erscheinen derartige Proteste aus, dass Ellis ' Verlag Simon & Schuster die bereits gedruckte Auflage zurückzog. Das Buch erschien ein paar Tage später bei Vintage, man verkaufte sofort mehrere Hunderttausend Exemplare, und es spaltete die Feuilletons in ein begeistertes und ein empörtes Lager: Die einen erkannten das Buch als einen der wichtigsten, wahrhaftigsten und brillantesten amerikanischen Romane der zweiten Jahrhun-derthälfte, die anderen denunzierten es als eine Anleitung zum Abschlachten von Frauen, als rassistisch, sexistisch und homophob.

Ellis hat seine Telefonate beendet und redet sich mittlerweile munter in Rage. Auch acht Jahre danach ist er sichtlich wütend und verletzt über die Reaktionen, die «American Psycho» damals ausgelöst hat. Und verständnislos: «Ich meine, es ist ein Roman!», sagt Ellis , «Fiktion! Patrick Bateman existiert nicht, und in Wirklichkeit wurde niemand umgebracht!» Er ist nach wie vor überzeugt davon, ein politisch korrektes Buch geschrieben zu haben, und bis heute wundert er sich darüber, dass es vor allem Frauen waren, die dagegen Sturm liefen, nicht junge, weisse, wohlhabende, gut aussehende Männer. Bis heute kann er nicht verstehen, «dass die Frauen nicht sagten: Ja, so ist es, so sind die Männer, so können sie werden in einer Gesellschaft, die sie so werden lässt, in einer Gesellschaft, in der man mit fast allem davonkommt, wenn man reich, erfolgreich, weiss und männlich ist.» Er habe ein Buch geschrieben, «das sich gegen die negativen Tendenzen innerhalb der Gesellschaft richtet», sagt Ellis , «gegen Sexismus, Homophobie, Rassismus. Ich hielt es für einen Schlag gegen die unangefochtene Hegemonie der reichen, weissen Männer innerhalb der kapitalistischen Kultur.» Was diese Kultur an «American Psycho» so verstört haben muss, war seine Demon-tage ihres Vertrauens in genau diesen Typus Mensch, den klassischen All-American-Schwiegersohn, aber sie richtete ihre Empörung nicht gegen das von Ellis angepeilte Angriffsziel, sondern gegen Ellis und sein Buch, indem sie den Autor und seinen Ich-Erzähler zu einer Person und zum Bösen schlechthin stilisierten: Ellis erhielt Morddrohungen, in mehreren Ländern steht das Buch bis heute auf dem Index, in Deutschland, wo es nach der Weigerung des Rowohlt-Verlages von Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht wurde, darf es an Jugendliche nach wie vor nicht verkauft werden.

Ellis neues Buch «Glamorama», an dem er fast acht Jahre lang gearbeitet hat, wird dieses Schicksal wahrscheinlich nicht erleiden, auch wenn es ebenfalls ein paar grausame Szenen enthält, die allerdings durch die Distanz, die der Ich-Erzähler Victor Ward dazu hat, auch eine Distanz des Lesers ermöglichen. Ward ist ein New Yorker Model, verbissen auf dem Weg zum Zenit, ziemlich doof, unfassbar oberflächlich und als Erzähler sagenhaft amüsant, vor allem im ersten Teil, in dem Ellis ihn fast ausschliesslich in Dialogform durch New York jagt: in Foto-Shootings, in superexklusive Klubs, durch Betten diverser Supermodels und auf zahlreiche Velvet-Rope-Partys, wo er der gesamten aktuellen Pop- und Modeprominenz begegnet - den echten, lebendigen Celebrities. Und Ward dekliniert, wie vor ihm schon Patrick Bateman in «American Psycho», unablässig die gerade angesagten Modedesignernamen rauf und runter.

Deshalb ist es erstaunlich, was Ellis , während er auf seinem Schreibtischsessel herumwippt und an seiner Cola nippt, gerade sagt. Er sagt: «Ich interessiere mich nicht für Mode.» Er trifft sich nicht mehr mit Models. Und dass in dem Augenblick, als Ellis das bekannt gibt, die New Yorker Fashion Week gerade ihren zweiten Tag zeleb-riert, ist Ellis völlig einerlei. Oh ja, er wurde auf zahlreiche Modeschauen eingeladen. Nein, er geht nicht hin, auf keine einzige und auf die dazugehörigen Partys ebenfalls nicht. Bret Easton Ellis interessiert sich nicht für Mode.

Er hat sich interessiert, natürlich. Aber sein Interesse, sagt Ellis , sei rein beruflicher Natur gewesen. Während er für «Glamorama» recherchierte, sass er in Modeschauen («Wenn man drei oder vier gesehen hat, hat man alle gesehen. Das ist doch immer dasselbe»), feierte mit Designern auf Partys, unterhielt sich mit Models und studierte die einschlägigen Hochglanzmodemagazine. Damals sei er von der Mode und dem Business um sie herum infiziert worden, erzählt Ellis , zuerst auf eine anregende, bald aber auf eine bedrohliche Weise: «Diese Magazine trugen dazu bei, dass ich anfing, mich sehr schlecht zu fühlen und mir über Dinge Gedanken zu machen, die mir normalerweise völlig egal sind. Davor habe ich mir nie Sorgen darüber gemacht, dass ich nicht gut aussehe, aber plötzlich habe ich mir gewünscht, mehr Geld zu haben, um mir all diese Designersachen leisten zu können und so auszusehen wie diese Burschen in diesen Heften.» Die Magazine hätten ihn, erzählt Ellis , total verunsichert: «Und das ist natürlich genau ihr Zweck und der Zweck der Mode an sich: dich unsicher zu machen, dich dazu zu bringen, viel Geld für Kosmetik und Kleidung auszugeben, weil dir suggeriert wird, dass du dich damit viel besser und viel hübscher fühlen wirst.»

Er werde fälschlicherweise immer für einen Modefreak gehalten, beklagt sich Ellis , «in Wirklichkeit besitze ich genau vier Anzüge, fünf weisse Hemden und diese Jeans». Zugegeben, er sei während seiner Recherchen einmal kurz davor gewesen, sich einen Anzug von Prada zu kaufen. «Jeder, den ich während meiner Recherchen traf, sprach über Prada und trug Prada. Prada traf einfach diese gewisse Coolness der Neunziger. Darum kommt es in meinem Buch auch so oft vor.» Aber der Autor selbst scheiterte: «Ich musste feststellen, dass ich Prada gar nicht tragen kann. Ich bin zu dick dafür, zu bullig. Für Prada muss man dünn sein. Ausserdem ist es viel zu teuer.»

Seine Ernüchterung führte einerseits dazu, dass Ellis in «Glamorama» die Modewelt wie eine etwas lachhafte Revue vorführt; dass er Victor Ward in seiner ganzen unbeleckten Oberflächlichkeit über die Oberflächlichkeit einer Welt schlittern lässt, in der sich die Menschen ausschliesslich über perfektes Aussehen, die ideale Figur, den bes-ten Haarschnitt, das richtige Designer-outfit, die berühmten Freunde und die Eintrittsberechtigung in den VIP-Room des gerade angesagten Klubs definieren. Andererseits dazu, dass er anfing, Ward zu verachten, und den Wunsch bekam, ihn zu bestrafen: Im zweiten Teil des Buches schickt er ihn mit der «Queen Elizabeth II.» auf eine rätselhafte Fahrt nach Europa und dort, in London und Paris, mitten hinein in eine Terrorgruppe, die Prominente ermordet, Flugzeuge, Hotels, Cafés und Universitäten in die Luft sprengt. Eine Terrorgruppe aus Supermodels, wohlgemerkt.

Ellis grinst, weil er die Irritation, die diese seltsame Konstruktion bei der Leserschaft auslöst, schon verstehen kann. Er ist allerdings auch in der Lage, seine Konstruktion zu argumentieren, und das tut er überzeugend. Nein, er wollte keineswegs den auf den ersten Blick absolut krassen Gegensatz zwischen Mode und Terrorismus für eine billige Pointe missbrauchen. Weil nämlich auf den zweiten Blick dieser Gegensatz so krass gar nicht sei: «Ich glaube, in der Mode und im Terrorismus geht es im Prinzip um dasselbe. Beide wollen die Menschen verunsichern und verängstigen. Mode erzeugt psychologisch Angst: dass man nicht hübsch genug ist, nicht schlank genug, nicht gut genug angezogen. Terrorismus macht auch Angst, ganz real: Immer plant und baut irgendjemand irgendwo eine Bombe, die einen erwischen könnte. Ständig muss man durch Metalldetektoren gehen und sich der Risiken bewusst sein. Wir sind niemals sicher.»

«Nicht so gut», meint Ellis feixend auf die Frage, wie diese Kombination in der Modeszene selbst angekommen sei. Anna Wintour zum Beispiel, Chefredaktorin der amerikanischen «Vogue», taucht in «Glamorama» unter anderem als Bild auf einem Teller im «Fashion Cafe» auf. Ellis hat sie im Zuge seiner Recherchen kennen gelernt, «weil sie halt auf jeder dieser Partys ist», und sie später mal getroffen, «und sie fand das nicht lustig. Ich schon.» Wie die meis-ten anderen Modemenschen - «Die haben das gelesen, weil sie wissen wollten, ob sie darin vorkommen» - habe Wintour «Glamorama» nicht verstanden. Nicht verstehen wollen, und das wiederum verstehe er: «Das Buch stellt das ganze Leben dieser Menschen in Frage, alles, was ihnen wichtig ist. Ohne Mode sind sie nichts.»

Mit Ängsten und Unsicherheiten kennt Bret Easton Ellis sich aus. Auch wenn er, daheim in seiner Wohnung, versucht wie ein ganz normaler 35-jähriger Schriftsteller zu wirken: Man wird den Eindruck nicht los, dass die Aura von Normalität, von Gelassenheit, von einer gewissen Gesprächsintimität, die Ellis verbreitet, eine ungeheure Anstrengung für ihn bedeutet. Er wirkt ein wenig so, als unterdrücke er den Wunsch, wegzulaufen, seine Besucher fortzuschicken, nur mit grosser Mühe und weil sein Verlag und sein Psychiater das von ihm verlangen. «I'm totally fine. Everything is okay. Everything's calm. I'm calm», wird Ellis später beteuern, nachdem er sich geduscht, in seinen Anzug geworfen und die Wohnung Richtung Union Square Park verlassen hat. Er singt es mehr sich selber vor, wie ein Mantra, das ihm für den Umgang mit Menschen empfohlen wurde. Ellis scheint es zu brauchen, weil der Fotograf gerade etwas von ihm verlangt, das er ganz offensichtlich unendlich verabscheut: sich fotografieren zu lassen. Noch dazu («Ich kann nicht glauben, dass ich das zulasse!») auf der Strasse, zwischen lauter fremden Menschen.

Eine Zeit lang ist er überhaupt nicht auf die Strasse gegangen, hat sich, von Psychosen und Ängsten geplagt, wochenlang in seiner Wohnung eingesperrt. Das war irgendwann zwischen «Less Than Zero» und jetzt. «Less Than Zero», seinen ersten Roman, schrieb Ellis als 19-jähriger Student im Rahmen eines College-Seminars in Bennington, Vermont. Sein Professor fand die Arbeit so ausserordentlich, dass er sie an seinen Verlag weitergab. Die Veröffentlichung lohnte sich: Was Ellis , selbst in Los Angeles als Sohn eines reichen Geschäftsmannes aufgewachsen, über die verwahrlosten Wohlstandsjugendlichen schrieb, sein schonungsloser, desillusionierter Blick auf die psychisch und emotionell völlig deformierten Gewinnler des American Way of Life, traf bei den jungen Amerikanern und bei der Literaturkritik einen Nerv. Mit 21 war Ellis ein Literaturstar, und das habe ihn, erzählt er, beinahe zerstört: «Es klingt immer so lächerlich, aber man kann sich nicht vorstellen, wie schrecklich es sein kann, prominent zu sein.» Er kul-tivierte seine Drogenprobleme, generierte Psychosen und schrieb seinen zweiten Roman «The Rules of Attraction», den die Kritik etwas weniger gut aufnahm, was sein persönliches Trauma nicht kurierte. Dann schrieb er «American Psycho» und versetzte die Literaturszene, die Welt in Aufruhr. Damit umzugehen, ist nicht leicht, wenn man erst 27 ist.

Am späten Nachmittag sitzt Ellis in einem Gartencafé im Union Square Park und würde gern Bier trinken, verweigert es sich aber, weil er später noch essen gehen und dabei nüchtern sein muss. Die Frage, ob er mit Drogen aufgehört habe, könne er leider nicht mit Nein beantworten, scherzt er, auch wenn er der Dramaturgie halber gerne würde, nachdem er soeben drei Fragen mit einem schlichten Ja beantwortet hat: Ja, er schreibt täglich auf einer Nine-to-Five-Basis. Ja, er hat bereits ein neues Buch in Arbeit. Ja, die Geschichte dafür steht schon. Und, ja, er ist bereit zu erzählen, worum es geht: ums Älterwerden, ums Heiraten, ums Kinderkriegen, um die Probleme damit. «Das klingt jetzt fad», sagt Ellis , der selber mit diesen Dingen wenig am Hut hat: Die Frage nach seiner sexuellen Orientierung lässt er stets in einer Weise offen, die darauf schliessen lässt, dass er sich mehr für Männer als für Frauen interessiert. Dass der Brite Nick Hornby mit «High Fidelity» einen bejubelten Roman zu exakt diesem Thema geschrieben hat, weiss er, weil er ihn gelesen hat. Und? Was hält er davon? Das sagt er nicht. Aber das sagt er: «Meiner wird besser.»


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