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| Kehlmann, Dylan, Barry White, u.a.
Erschienen im Tagesanzeiger Magazin, Dezember 2
Harry Rowohlti st ein grossartiger Übersetzer, ein genialer Erzähler und ein brillanter Kolumnist. Leider bestätigt er auch einmal mehr die Tatsache, dass ein guter Künstler nicht zwingend ein netter Mensch sein muss. Eine Begegnung.
Es dauert kaum ein «Wie» lang, bis klar wird, dass man soeben ein furchtbares Verbrechen begangen hat. «Wie spät ist es? Halb sieben?!?!?!? Ja, natürlich haben Sie mich geweckt!!! VERDAMM-TESCHEISSETSCHÜSSSSS!!!!!» Hier spricht Harry Rowohlt, und er nutzt dabei die gesamte dramatische Kapazität seines Stimmapparates, welcher sodann von seinem Besitzer unter Verursachung eines schussartigen Geräusches aus der Telefonleitung des «Parkhotels» Marbach entfernt wird. Es ist früher Abend in der kleinen schwäbischen Schiller-Stadt Marbach, und Harry Rowohlt wirkt augenblicklich etwas unrund. Das wird wenig später an der Hotelréception bestätigt: Der Herr Rowohlt[] habe eben aus seinem Zimmer angerufen, teilt eine zart verschreckte Réceptionistin mit. Herr Rowohlt sei sehr ungehalten gewesen. Herr Rowohlt habe wissen wollen, wer ihn gestört habe. Sie habe es Herrn Rowohlt gesagt. Herr Rowohlt aber auf die Information entschieden unversöhnlich reagiert.

Man muss Schlimmes ahnen für das Interview, zu dem Rowohlt sich hat überreden lassen und dessen definitives Sich-Ereignen man mittels des verhängnisvollen Anrufs nur bestätigt haben wollte, was, wie man weiter ahnt, möglicherweise das exakte Gegenteil bewirkt hat. Diese Ahnungen werden sich als korrekt erweisen.
Regel Nummer eins im Umgang mit Harry Rowohlt: Nie Harry Rowohlt aufwecken.
Normalerweise lebt Harry Rowohlt mit seiner sehr netten Frau Ulla - Kinder haben sie nicht - in einer hübschen, gemütlichen Wohnung in Hamburg, in der er auch arbeitet und in welcher es, wie Rowohlt[] bei einem früheren Besuch einmal bemerkte, aussieht «als sei hier eine Nippeslawine niedergegangen». Rowohlt[] ist Übersetzer, Vorleser, Geschichtenerzähler, Darsteller und Ex-Kolumnist, und er hat - ja - etwas mit dem Rowohlt[]-Verlag zu tun, auch wenn er seine Anteile 83 verkauft hat. Er wurde 4 als Sohn des Verlegers Ernst Rowohlt und dessen vierter Frau, der Schauspielerin Maria Pierenkämper, in Hamburg geboren. Rowohlt[] junior, so wünschte es der Papa, sollte dereinst in den Verlag einsteigen, und der Sohn machte nach zahlreichen umzugsbedingten Schulwechseln auch tatsächlich eine Lehre als Verlagsbuchhandelsgehilfe im Suhrkamp-Verlag, und dort bei einem, wie Rowohlt einst bemerkte, «guten Lehrherrn» - bei Siegfried Unseld persönlich. Es hielt Rowohlt[] zwar bei den Schriftwerken, aber nicht bei deren Herstellung und Vertrieb: Nach einem kurzen und nach eigenen Angaben «schrecklichen» Volontariat im väterlichen Betrieb verbrachte Rowohlt eine Zeit in New York, schrieb nach seiner Rückkehr Werbetexte, liess seinen sehr viel älteren Halbbruder Heinrich Maria Ledig-Rowohlt des Vaters Geschäfte übernehmen und wünschte von diesem, dass «The Last Man Alive» von A. S. Neill - ein Kinderbuch, das Harry[] in New York erstanden hatte - bei Rowohlt[] auf Deutsch erscheine. Rowohlt[] der Ältere erklärte, das Buch sei unübersetzbar, Rowohlt der Jüngere widerlegte ihn: Er besorgte sich ein Lexikon des Rotwelschen und machte sich an die Arbeit. 7 schaffte es das Buch in Harry Rowohlts Übersetzung unter dem Titel «Die grüne Wolke» als allererstes Kinderbuch in die «Spiegel»-Bestsellerliste. Es war das erste von mittlerweile Büchern, die Harry Rowohlt seither übersetzt hat und der Beginn einer Karriere, die ihn bald zum viel gerühmtesten Übersetzer Deutschlands machte und ihm mehrere Preise - im Dezember erst den «Göttinger Elch» - einbrachte. Und er ist einer der ganz wenigen Übersetzer, deren Name am Buchtitel angeführt wird: Übersetzt von Harry Rowohlt.
Übersetzt von Harry Rowohlt wurde unter anderem A. A. Milnes «Pu der Bär», das ist so hinreichend bekannt wie Rowohlts Verehrung für den irischen Schriftsteller, Kolumnisten und Trinker Flann O'Brien, dessen «In Schwimmen-Zwei-Vögel» Rowohlt ebenso in die deutsche Sprache transponierte wie «Durst» und die Kolumnensammlung «Trost und Rat». Er übersetzte Shel Silverstein, Kurt Vonnegut und Roger Boylan. Und er übersetzte die Bestseller «Die Asche meiner Mutter» von Frank McCourt und «Nackt» von David Sedaris. Ersteren verehrt Rowohlt, unter anderem auf Grund einer gemeinsamen Leidenschaft für irische Lieder, über Zweiteren dagegen meint er: «Der kann nicht schreiben: Das ist furchtbar, ja, das ist grauenvoll. Ich kann besser Deutsch als er Englisch, und ich kann besser Englisch als er Englisch.» Deshalb sei «naturgemäss» die deutsche Übersetzung «etwas besser ausgefallen als das amerikanische Original», dafür könne er nichts.
Aber vom bravourösen Übersetzen allein wird man ausserhalb literarischer Zirkel kein Star; und Rowohlt ist einer: Dass er dazu und zu einem deutschen Unikum - einem Repräsentanten eines guten, politisch korrekten, selbstkritisch-sarkastischen, gemütlich schlampigen Deutschland sozusagen - geworden ist, verdankt er zum einen seinen grandiosen Texten: Seine Kolumnen, die unter dem Titel «Pooh's Corner» jahrelang in der deutschen Wochenzeitschrift «Die Zeit» erschienen (und in zwei Büchern zusammengefasst sind), waren stilistisch und inhaltlich brillante Kurzgeschichten übers Leben, in denen es Rowohlt stets gelang, vom kleinen Privaten auf die grosse Welt zu schliessen und umgekehrt. Allerdings suchen die «Zeit»-Leser seit zwei Jahren vergeblich nach den «Meinungen und Deinungen eines Bären mit geringem Verstand» - Rowohlt hat eine, 1999 eine, 2000 keine Kolumne verfasst. «Ich schreibe ganz einfach nicht mehr so gern, weil ich das, was ich in der letzten Zeit geschrieben habe, nicht mehr so gern lese. Ich möchte nur etwas schreiben, das ich selber auch gern lesen würde.» Ausserdem sei man bei der «Zeit» «nicht genug» hinter ihm her, um ihn zu weiteren Texten zu überreden.
Ein anderer, grösserer Teil seiner Bekanntheit basiert darauf, dass er seit in der moralschweren deutschen Endlosserie «Lindenstrasse» den Tippelbruder spielt; eine Rolle, für die er sich weder stark verstellen noch übertrieben verkleiden muss - im seligen «Zeit-Magazin» zitierte Rowohlt einst seine Maskenbildnerin: «An dir mach ich nix, du siehst fertig genug aus.»
Das trifft auch an diesem grauen Herbsttag im schwäbischen Marbach zu: Rowohlt sieht fertig aus, als er kurz nach sieben allein in das spärlich besetzte Restaurant auf der Schillerhöhe einschlurft, seine Jacke aufhängt, mit dem Rücken zum Restaurant an einem Tisch Platz nimmt und dort seine mächtige grauweisse Mähne, die sich am Hinterkopf zaghaft lichtet, einem Heissgetränk und einem Stück Kuchen zuneigt. Er ist zerfurcht, er wirkt alt und verbittert und in seiner sichtlich nur mühsam gebändigten Übellaunigkeit ziemlich Furcht erregend.
Keine sechzig Minuten später schüttet derselbe Mann - und das macht den Hauptteil seiner Berühmtheit aus - im Deutschen Literaturarchiv hektoliterweise Intelligenz, Witz, Charme, energische Angriffslust, brüllende Lebensfreude und bissigen Sarkasmus über ein paar Hundert entzückte Zuhörer. Die Marbacher sind zahlreich erschienen, und Rowohlt[] bedient sie aufs Vorzüglichste, indem er das tut, was er auf wirklich einzigartige Weise beherrscht: sprechen, lesen, erzählen. Und er weiss das genau: Später wird er davon schwärmen, wie er für «das Dingsbumsradio Köln» einmal Thomas Pynchon gelesen hat: «Und da hab ich gedacht: Mein Gott, ist das toll, wie ich das vorlese.»
Sehr viele andere Menschen finden das auch, und es ist kein Wunder, dass hinten, am Büchertisch, die von Harry Rowohlt besprochenen CDs und Kassetten vor den von ihm übersetzten und verfassten Büchern überwiegen, und es ist ebenfalls kein Wunder, dass er für 2 verkaufte CDs die Goldene Schallplatte bekommen hat. Harry Rowohlt wird diese Auszeichnung im Interview als «Quittung» bezeichnen, wenn er auch nicht ohne Stolz darauf hinweist, dass «mein Freund Bill Ramsey nie eine Goldene Schallplatte gekriegt hat, weil es die damals noch für eine Million gab. Und von «Souvenirs, Souvenirs» hat er nur 7 verkauft, stellen Sie sich das vor.» Im Unterschied zu Ramsey kann Rowohlt allerdings nicht nur singen; er kann seinen dröhnenden Brummbass bis zum Vogelgezwitscher hochfrisieren. Er flüstert, schmeichelt, brüllt und poltert - und er beherrscht nicht nur alle wichtigen deutschen und die meisten angelsächsischen Dialekte mit atemberaubender Perfektion: Er ist zudem in der Lage, von einer Zehntelsekunde zur nächsten von einem Dialekt in einen völlig anderen zu verfallen, von der Imitation eines verängstigten Kleinkinds ohne die geringste Irritation auf einen die Apokalypse herbeipolternden Pfarrer umzuschwenken. Rowohlt ist in jeder Hinsicht ein Meister der Sprache, und es ist eine Freude, ihm zuzuhören. (Ausser man hat ihn aufgeweckt.)
Dabei ist es völlig einerlei, was er sagt: Das meiste, was Rowohlt erzählt, ist von fundierter Klugheit und fast immer satt von deftigem oder subtilem Humor. Wenn er etwa von der Entstehung der Übersetzung von «Die Asche meiner Mutter» berichtet, die ihm solche Freude gemacht habe, dass er die einzelnen Kapitel «dem Autor hinten warm rausgezogen» habe. Obwohl er dann selbigen Autor «auf halber Höhe gefragt habe, ob er nicht den Helden sterben lassen könnte. Und sowas sagt man nicht zum Autor einer Autobiografie.» Oder wenn er gegen Ende ankündigt: «Jetzt kommt ein anstrengendes Gedicht, das lass ich aus.» Rowohlt ist ein brillanter Kopf mit einem phänomenalen Mundwerk: Ob er sich in Marbach mit recht heftiger Schwaben-Verarsche «anschleimt» (später wird er die Stadt grimmig als «Rentnersiedlung» bezeichnen), wenn er Witze, wenn er Schwänke aus seinem Leben erzählt, wenn er, während er aus Frank McCourts «Die Asche meiner Mutter» liest, unzählige Male unterbricht, weil ihm da- oder dazu gerade eine Geschichte, ein Witz, eine Anekdote, eine kleine Publikumsbeleidigung einfällt. Doch auch in seinem Vortrag blitzt hin und wieder jene misanthropische Bitterkeit durch, die sich nach Mitternacht im kleinen Kreis manifestieren wird, doch diese launischen Ausbrüche werden als launige Schauspiel-Kunst akzeptiert, als vorsätzlich gehätschelte Attitüde. Das Publikum liebt Rowohlt und wird nach der Lesung (oder dem, wie Rowohlt es bisweilen nennt, «Schausaufen mit Betonung») Schlange stehen, um sich die frisch erworbenen Bücher und CDs mit der rowohltschen Unterschrift versauen zu lassen. (Was Rowohlt im Interview und bar jeder Ironie als Beispiel für die «Blödheit» anführen wird, mit der er es «den ganzen Tag zu tun» habe.)
Das Einzige, was man Rowohlts Lesungen vielleicht ankreiden könnte, ist deren Dauer: Denn, das wird Rowohlt später wieder und wieder wütend herunterbeten, geschlafen hat er nachmittags um halb sieben im «Parkhotel» deshalb, weil er nachts nicht ins Bett kommt. So wie er an diesem Tag von acht bis nach zwölf die Marbacher unterhält, hat er tags zuvor die Mainzer erfreut, sowie er noch einen Tag früher die Ibbenbührener zum Lachen brachte und weitere 24 Stunden zuvor die Bielefelder. Das sind, nebst nervenaufreibenden Eisenbahnfahrten, vier Abende je vier Stunden volle Verausgabung hintereinander - falls sich Rowohlt[] in Mainz, Ibbenbühren und Bielefeld ebenso ins Zeug gelegt hat wie in Marbach. Allerdings strapaziert selbst ein meisterlicher rowohltscher Vortrag nach zwei bis drei Stunden Sitzfleisch an Kongressstuhl die individuelle Befindlichkeit derart, dass man geneigt ist, es wachsenden Teilen des Publikums (Rowohlt: «Tschüss! Ihr verpasst gerade den Höhepunkt!») gleichzutun und Rowohlt wie Kongressstuhl gegen eine physisch und mental weniger anspruchsvolle Umgebung einzutauschen. Im Unterschied zum Publikum darf man das aber nicht, da man gegen halb ein Uhr früh auf schmerzhafte Weise Regel Nummer zwei im Umgang mit Harry Rowohlt lernen wird müssen.
Regel Nummer zwei im Umgang mit Harry Rowohlt: Nie Harry Rowohlt aufgeweckt haben.
Weshalb man es Harry Rowohlt durchaus verziehen hätte, hätte er sich eine oder zwei Stunden kürzer gefasst, also seinem Schlafbedürfnis (und jenem der meisten Marbacher) eher Folge geleistet. So sehr sein Vortrag nämlich erfreute, die letzten acht oder zehn oder vierzehn Gedichte widmete er doch eher der eigenen Befriedigung und seiner stetig wachsenden Betrunkenheit, wobei Letztere und Erstere in kausalem Zusammenhang stehen. Denn genau wie in allen anderen Rezeptionen rowohltscher Lesungen soll auch hier kundgetan werden: Rowohlt trank während des Lesens eine gute Dreiviertelliterflasche Whisky und mehrere Flaschen Stuttgarter Hofbräu Bier. Im Unterschied zu allen anderen Rezeptionen wird das hier allerdings nicht mit jenem beifälligen Schmunzeln bedacht, das den Mythos Rowohlt seit jeher befördert: Denn dieses Saufen mag in Rowohlts Auftritten als Performance-Element einen gewissen Reiz haben, den es hinterher allerdings schlagartig verliert. Sprechen wir es gelassen aus: Hinterher ist Rowohlt betrunken, und wenn man ihn beispielsweise ein paar Stunden vorher geweckt hat, dann ist er das auf sehr unangenehme Weise. Er stösst unermüdlich Beschimpfungen aus, die auch durch im Dutzend variierte Entschuldigungsversuche nicht einzudämmen sind, er will das Interview nicht geben, er pöbelt, er ist unglaublich aggressiv, er wird das Interview auf keinen Fall geben, er ist bösartig und unversöhnlich, das Interview kommt überhaupt nicht in Frage, er ist hemmungslos beleidigend, er schreit, lallt und gibt das Interview dann doch.
Zugegeben: Harry Rowohlt artikuliert selbst dann sehr schön, wenn er lallt. Das kann aber auch daran liegen, dass er all das, was er gerade sagt, schon mal gesagt hat, was wiederum unmittelbar damit korreliert, dass Rowohlt[], wie er wiederholt moniert, all die Fragen, die er hier hört, schon mal gehört hat, was ihm auf die Nerven geht, was er keineswegs zu verbergen trachtet. Sagt man zum Beispiel «Lindenstrasse», und zwar mit einem Punkt, der signalisieren soll, dass nun eine Frage zu Rowohlts Pennerrolle in der «Lindenstrasse» folgen wird, unterbricht Rowohlt und brüllt in den Raum hinein (wo der Veranstalter sitzt, der kurz darauf eine lange und streberische Frage zum Thema «Sanglichkeit» formulieren wird, um den Anwesenden zu bedeuten, dass er in Rowohltismus die Nummer eins ist), brüllt also Rowohlt in den Raum hinein: «Sind das nicht brillante Fragen?» (Den Zynismus muss man an dieser Stelle wohl kaum dazunotieren. Er konzentriert sich im L von «brillllliiante», welches das darauffolgende «i» in keifende Höhen treibt) und dann «Unglaublich. UNGLAUBLICH! Das ist haargenau das «Ibbenbührener Tageblatt».» Dazu macht Harry Rowohlt[] böse kleine Augen sowie «Öääach! ÖÄÄACH!, ÖÄÄACH!», womit er Würgegeräusche ins Phonetische übersetzt (gelernt ist gelernt), welche wiederum Rowohlts Ansichten zu Gesprächspartnerin wie «Ibbenbührener Tageblatt» knapp und präzise Ausdruck verleihen. Die «Lindenstrasse»-Frage wird also fallengelassen und durch eine Gott-Frage subsitutiert, die allerdings kaum mehr Begeisterung - «Das. Hab. Ich. Alles. Heute. Schon. Erzählt.» - bewirkt, weshalb die Gott-Frage von einer Fragen-Frage abgelöst wird, die auf wütende Kritik an «beschissenen» Interviewtechniken stösst. Die Fragen, die Harry Rowohlt von jemandem gefragt werden will, der ihn aufgeweckt hat, wurden bisher noch nicht erfunden.
Regel Nummer drei im Umgang mit Harry Rowohlt: Nie Harry Rowohlt aufgeweckt haben, wenn er hernach nudelfett ist.
Es ist nicht schön anzusehen, wenn Rowohlt betrunken ist. Und auch nicht schön anzuhören. Selbstdarsteller Rowohlt hat während seines Vortrags keinerlei Scheu, aus seinem Privatleben zu plaudern und auch enge Anverwandte dem Spott auszusetzen - oder Schlimmeres, wenn er den Marbachern Schwänke von «meiner leider immer noch nicht verstorbenen Mutter» erzählt. Wenn man ihn allerdings im Gespräch auf das Verhältnis zu seiner Mutter anspricht, reagiert er darauf - «ach nee...» - mit angewiderter Gereiztheit, meint zwar, seine Mutter sei «ein Mensch, den man nicht mögen kann. Eine ganz grauenvolle Frau», beendet dann aber das Thema, denn es sei eine unglaubliche Zumutung, wie man hier in seinem Privatleben herumzuschnüffeln versuche.
Es hat keinen Sinn. Es hat keinen Zweck. Es ist frustrierend. Gut: Die Tatsache, dass ein guter Künstler nicht zwingend auch ein guter Mensch sein muss, ist wenig überraschend und hat keinerlei Neuigkeitswert - trotzdem ist es jedes Mal ein gramvolles und de moralisierendes Erlebnis, wenn ein Mensch, den man als genialen Künstler aus der Distanz bewundert hat, in der Nähe mit einem Mal alle Ehrfurcht und allen Respekt, den man vor ihm hatte, innerhalb von zwei Stunden final demontiert. Obwohl, da tut man Harry Rowohlt jetzt stark unrecht -der benötigt dazu weniger als fünfzehn Minuten.
«Ich will jetzt pennen gehen, mehr will ich nicht vom Leben», sagt Harry Rowohlt in diesen fünfzehn Minuten einmal, doch als er nach dem verunglückten Interview endlich die Möglichkeit dazu hat, tut er es nicht: Die Telefonleitung des «Parkhotels» Marbach wird noch zwei weitere Male strapaziert, als Rowohlt kurz vor zwei Uhr früh das drängende Bedürfnis verspürt, seine Beschimpfungen fernmündlich zu komplettieren. Man braucht seine Worte nicht näher auszuführen, aber sie münden direkt in Regel Nummer vier im Umgang mit Harry Rowohlt. Nicht abheben, wenn Harry Rowohlt nachts um zwei besoffen anruft.