1.07.00

Willkommen in Amis-Land

Doris Knecht | 07/00 | Kehlmann, Dylan, Barry White, u.a.

Ein Besuch beim Schriftsteller Martin Amis

für profil und Die Welt; Juli 2000


Das ist eine schicke Straße, das ist ein hübsches Haus, das ist ein freundlicher Mann. Der Mann macht die Tür auf und bittet in ein helles Wohnzimmer, mit gemütlichen Sofas und Büchern und Büchern und Büchern an den Wänden. Das ist wenig verwunderlich, denn dieses Haus in London gehört dem britischen Schriftsteller Martin Amis.

Dass Martin Amis an diesem Tag so gute Laune hat, Kaffee kocht und auf keine einzige Frage ärgerlich reagiert, hat einen Grund: Amis hat gerade eben, in diesen Minuten, seine Autobiografie fertig geschrieben, wird sie in ungefähr zwei Stunden seinem Verlag übergeben, und er ist erstens sehr zufrieden mit seinem Werk, sieht es zweitens aber auch mit sarkastischen Realismus: "Ich befürchte, das wird mein populärstes Buch", sagt Amis. Und der kann sich über einen Mangel an Popularität wahrlich nicht beklagen.

Martin Amis ist vielleicht Englands berüchtigtster Schriftsteller, und das erklärt den Umstand, dass ein Mann, der gerade 50 geworden ist, bereits seine Memoiren geschrieben hat: Aber Amis hat in seinen 50 Jahren auch reichlich was erlebt. Zuerst wurde er in Oxford als Sohn eines berühmten Schriftstellers - dem vor zwei Jahren verstorbenen Kingsley Amis - geboren, dann wuchs er in Wales, New Jersey und London auf, schmiss im Weiteren die Schule für eine Filmrolle, wurde daraufhin von etwa 13 weiteren Schulen verwiesen und sodann von Privatlehrern erzogen. Bis er 16 war, las Amis ausschließlich Science-Fiction und wurde, nachdem er studiert und als Literaturredakteur beim "Observer", beim "Times Literary Supplement" und beim "New Statesman" gearbeitet hatte, trotzdem ebenfalls ein berühmter Schriftsteller. "Ein berühmter Schriftsteller zu sein sah für mich nie wie eine große Sache aus", meint Amis, "weil nichts gewöhnlicher und unaufregender ist als das, was dein Vater macht."

Schon für seinen ersten, 1973 erschienen Roman "The Rachel Papers" bekam er ausgezeichnete Kritiken und den Somerset Maugham Award. Dann schockierte er das distinguierte England in "Dead Babies" (1975) und "Success" (1978), mit expliziter Pornografie und räudigen Charakteren, was er 1984 in seinem vielleicht besten, witzigsten und philosophischsten Roman "Money" ("Gier") perfektionierte: Darin hetzt er den Filmproduzenten John Self, einen Fast-Food- und Porno-Freak, permanent betrunken, verfettet, degeneriert und paranoid auf einen letztlich letalen Trip durch New York.

Das machte Amis endlich auch in Amerika berühmt. Amerika ist ein Knackpunkt im Leben von Martin Amis. Einmal abgesehen davon, dass er einst von der "New York Times Book Review" als "der beste amerikanische Autor, den England je hervorgebracht hat" geadelt wurde, fügt sich Amerika wie ein zweites Stockwerk in Amis Lebensgebäude ein: Er war in erster Ehe mit einer Amerikanerin verheiratet und ist in zweiter Ehe mit einer Amerikanerin verheiratet.

Außerdem lieferte Amerika mindestens drei der Gründe, warum Amis von der englischen Presse so böse geprügelt wurde: Denn der gefiel es nicht, dass Amis mit seinen "schmutzigen" Büchern (der "Independent" nannte ihn "the worst of England"), vor allem mit dem in England 1989 erschienenen "London Fields" ("1999") ein Star, ein Pop-Star, wurde. Deshalb zog sie ihn Anfang der Neunziger, ungefähr um die Zeit der Veröffentlichung seines von ihm selbst am meisten geschätzten Romans "Times Arrow" ("Pfeil der Zeit", 1993) durch den Dreck der Klatschspalten. Es gefiel der Presse nicht, dass er sich wegen seiner amerikanischen Freundin scheiden ließ und sich anmaßte, seinen Wert zu testen: Der US-Verlag Harper Collins kaufte ihn mit einer halben Million Pfund Vorschuss für seinen Roman "Information" (1995) aus seinem Vertrag mit Random House. Was das von künstlerischen Rivalitäten geprägte Verhältnis zu seinem Freund und Schriftstellerkollegen Julian Barnes nicht eben entspannte: Dessen Frau war zuvor Amis Agentin gewesen.

Zwischenzeitlich ist Amis zu Random House zurückgekehrt - unter anderem deshalb, weil der fiese Roman "Information" nicht ganz der geplante Erfolg wurde. Darin lässt Amis - Parallelen zur Realität sind kein Zufall - zwei befreundete Schriftsteller auf jede erdenkliche Weise rivalisieren. Ach ja, und dann war da noch die Sache mit den Zähnen, eine Geschichte, die außerhalb Englands eher schwer zu verstehen ist. Amis hatte sich nämlich für 20 000 Pfund in New York neue Zähne machen lassen, was für die britische Presse Stoff genug für einen Skandal war: Sie hieß ihn eitel und unpatriotisch - denn wenn schon neue Zähne, dann gefälligst britische.

Amis meint heute, der ganze Mist resultiere am Ende daraus, dass "die englischen Literaturkritiker alle irgendwie verhinderte Schriftsteller sind. Da herrscht naturgemäß Neid und Rivalität."

"Night Train", die 1997 veröffentlichte, sehr von amerikanischer Kriminalliteratur geprägte Geschichte einer Polizistin, die einen Selbstmord untersucht, hätte eigentlich eine der Kurzgeschichten in der jetzt bei S. Fischer in Frankfurt erschienenen Sammlung "Schweres Wasser und andere Erzählungen" (281 S., 39,80 Mark) werden sollen. Die Geschichten, teilweise bisher unveröffentlicht, teilweise in amerikanischen Zeitschriften abgedruckt, unterscheiden sich sowohl inhaltlich als auch stilistisch sehr stark: Neben der eigenartigen Story "Der Hausmeister auf dem Mars", in der Amis etwas langatmig Kindesmissbrauch, Science-Fiction und Astronomie verrührt, der sozialkritischen Umkehrung von Homo- und Heterosexualität in "Heteroszene" und der anrührenden Kindergeschichte "Was ich in meinen Ferien erlebt habe" sind es vor allem zwei Stories, in denen Amis seinen favorisierten Themen - die Schriftstellerei, die Krisen im Leben eines Mannes - frönt, auf Basis seiner hervorstechendsten Qualitäten: seinem scharfen, schneidenden Witz. In "So macht man das" lässt er die schreibende Zunft - einen Drehbuchautor und einen Poeten - um Anerkennung ringen. Wobei er einen erst schwer durchschaubaren Trick anwendet, indem er die Tatsachen perfide verkehrt: Der Drehbuchautor kämpft um die Veröffentlichung seiner Skripte in einer periodischen Zeitschrift, der Lyriker aber um die Verfilmung seines letzten Gedichtes durch einen Hollywood-Produzenten.

In der besten Geschichte "Lage der Nation" beweist Amis einmal mehr seine andere, geniale Fähigkeit: Seinen klaren, analytischen Blick auf die genuinen Probleme der westlichen Zivilgesellschaft am Ende des 20. Jahrhunderts, die er in den kleinen, privaten Problemen eines britischen Türstehers fühlbar macht: "Er spürte, dass er ein Mann in einer klassischen Situation war. Er war von zu Hause weggelaufen (vor fünf Monaten) und mit einer jüngeren Frau zusammengezogen (Linzi), hat seine Frau (Sheilagh) und sein Kind verlassen (den kleinen Jet). Eine klassische Situation ist, per Definition, eine Second-Hand-Situation - dritte Hand, elfte Hand."

So muss es auch Amis selbst empfunden haben. Er macht keinen Hehl daraus, dass er in "State of England" (so der Titel im Original) seine eigene Situation als schuldgeplagter Frischgeschiedener und eine veritable Midlife-Crisis erzählerisch verarbeitete und sein eigenes Problem generalisiert, indem er es dem aus der Unterschicht stammenden Rausschmeißer Mal umhängt, der gepeinigt, schuldgeplagt, desorientiert, versucht, Sinn und Würde zurück in sein Leben zu bringen: "Ich benutze meine Erfahrung", sagt Amis, "aber die Charaktere, die ich damit ausstatte, sind mehr oder weniger ungebildete Leute. Manchmal funktioniert das einfach besser, ich kann mich selbst dabei entspannen." Doch während Mal zu seiner Frau zurückkehrt, heiratete Amis seine Geliebte und hat mittlerweile zwei kleine Töchter mit ihr.

Die Töchter und die Frau liegen im oberen Stockwerk von Amis' Haus im Bett und sind krank. Amis würde ja viel lieber in Florida oder Kalifornien leben als im verregneten London und tut es nur deshalb noch nicht, weil seine Söhne aus erster Ehe in London zur Schule gehen. Noch nicht, denn irgendwann zieht er über den Atlantik. Nicht nur wegen des Wetters, sondern auch wegen der "Widersprüche und Kontraste und Abnormitäten".

Genau seine Umgebung, grinst Martin Amis: "Ein Land mit einer Martin-Amis-artigen Regierung und lauter Martin-Amis-artigen Leuten."

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