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Doris Knecht
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9.08.00

In der Hitze von New York

| 08/00 Kehlmann, Dylan, Barry White, u.a.

Mit Josef Haslinger in New York

für profil und Die Welt, August 2000


Das Auto, in dem Josef Haslinger durch New York fährt, ist kein Lincoln. Es ist ein Ford. "Ich bin ja nicht Rupert Kramer", erklärt Haslinger, "und Rupert Kramer ist nicht wie ich". Rupert Kramer fährt nämlich in einem Lincoln durch New York, am Ende von Josef Haslingers neuem Roman "Das Vaterspiel" (S. Fischer, Frankfurt/M. 2000. 573 Seiten, 44 Mark), und dieser Lincoln bedeutet Kramer etwas.

Josef Haslinger dagegen sind Autos eher einerlei; Hauptsache sie fahren, sie sind bequem, und die Familie hat darin Platz. Deretwegen befindet sich der österreichische Schriftsteller in dieser heißen Augustwoche überhaupt in New York: Seine 14-jährigen Zwillinge Elias und Sophie waren von Feriencamps in Connecticut und Upstate New York abzuholen, in denen sie ein paar Wochen verbrachten, um - nach einem Jahr - ihre amerikanischen Freunde wieder zu sehen. Die hatten sie gefunden, als Haslinger mit seiner Familie für ein Jahr in Hastings-on-Hudson, 20 Autominuten außerhalb von New York, lebte, wo er seinen neuen Roman zu Ende recherchierte und Teile davon schrieb. Denn Orte vorkommen zu lassen, an denen er sich nicht auskennt, "das würde ich mir nie gestatten", meint Haslinger, auch wenn er jetzt nicht unbedingt näher darüber Auskunft geben möchte, ob er die Videokabine in diesem Pornoshop in der 34. Straße, in die er seinen Hauptdarsteller schickt, ebenfalls von innen untersucht hat.

Dennoch: Haslinger ist ein begeisterter und penibler Rechercheur, dem es wichtig ist, dass seine Fiktion in einem absolut plausiblen Rahmen und an realistischen, ja realen Orten spielt - und die meisten Schauplätze im "Vaterspiel" kennt Haslinger wie die sprichwörtliche Westentasche.

Er kennt das Waldviertel, einen hantigen, kantigen Landstrich im Norden Niederösterreichs: Dort ist er 1955 geboren und aufgewachsen. Er kennt Wien: Dort lebt er schon bald 30 Jahre, seit er dort sein Germanistikstudium absolviert hat, obwohl er eigentlich Pilot hatte werden wollen; aber ein Pilotenstudium wurde an der Uni nicht angeboten. Und er kennt die USA: Die hat er ausführlich bereist, bewohnt und beschrieben; er erkundete alle US-Staaten bis auf drei, verbrachte 1989 als "Writer in Residence", 1991 als "Visiting Professor" mehr als ein Jahr am Oberlin College in Ohio - dort verfasste er seine Reportagensammlung "Das Elend Amerikas" (1992) - und lebte 1994 im Rahmen eines Writers Workshop ein halbes Jahr in Iowa und dann eben dieses eine Jahr lang bei New York.

Weshalb er langsam genug kriegt von Amerika: Er hat es gesehen. Es gibt noch andere Länder, in denen man sich umsehen kann: Südamerika zum Beispiel, oder Russland. Russland ja, das würde ihn sehr interessieren.

Josef Haslinger hat in Österreich schon lange einen guten Namen, vor allem als Verfasser politischer Essays: Während ihn 1980 sein erster Erzählband "Der Konviktskaktus" und 1985 seine düstere Provinznovelle "Der Tod des Kleinhäuslers Ignaz Hayek" nur einer sehr übersichtlichen Öffentlichkeit bekannt machte, fiel er 1987 mit seiner Essaysammlung "Politik der Gefühle" in Österreich als scharfsinniger politischer Denker auf, was er 1996 in "Hausdurchsuchung im Elfenbeinturm", einer weiteren Sammlung politischer Texte, nur bestätigte.

Der Durchbruch in Deutschland gelang ihm vor fünf Jahren, als er seinen ersten richtigen Roman "Opernball" veröffentlichte: Der wurde erst ein - mittlerweile 300 000 Mal verkaufter - Bestseller und dann mit Heiner Lauterbach in der Hauptrolle fürs Fernsehen verfilmt. Auch als Schriftsteller blieb Haslinger ein politischer Autor: In "Opernball" spekulierte er gekonnt und auf einer nicht ganz unrealistischen Basis mit der Bedrohung durch eine rechte Bewegung: Die resultiert schließlich in einem Giftgasattentat auf den Wiener Opernball, bei dem 3000 Ballgäste sterben - unter anderem der Sohn eines Journalisten, der daraufhin die Hintergründe des Anschlags recherchiert.

In seinem neuen Buch "Das Vaterspiel" beschäftigt sich Haslinger zwar erneut mit der Wirkung des Politischen auf das Private (und umgekehrt), nur beschränkt er die Zerstörung diesmal auf die Existenz von Rupert Kramer, den Sohn eines sozialdemokratischen österreichischen Politikers. Kramer, genannt "Ratz", ist ein unansehnlicher Versager, mit dem Haslinger verständlicherweise nicht identifiziert werden möchte.

Eines haben Kramers und Haslingers Geschichte allerdings gemein: den Konflikt mit dem Vater. "Dieses Buch ist mein erstes, das behauptet, dass ich eine Lebenserfahrung habe, die es wert ist, an andere weitergegeben zu werden", erklärt Haslinger. Er sitzt bei einem Glas Bier im "An Bael Bocht Café", einem schönen, altmodischen irischen Pub in der Bronx, in dem er auch seinen Ich-Erzähler Kramer, der im "Vaterspiel" unter geheimnisvollen Umständen nach New York gelockt wird, einige Gläser Bier trinken lässt.

Er stamme zwar aus einer konservativen Bauernfamilie, aber die Erfahrung des Vater-Sohn-Konfliktes, das sei, meint Haslinger, der mit 16 aus seinem Elternhaus floh, "wahrscheinlich schon ein Terrain, auf dem ich mich wohl fühle, weil ich mich damit auskenne".

Auch wenn sich das auf ihn und seinen Vater beschränkt: Mit seinem eigenen Sohn (wie auch mit seiner Tochter) hat Haslinger ein sichtbar gutes, entspanntes Verhältnis: An diesem Augustabend unternehmen sie, wie Haslinger grinst, "so eine typisch amerikanische Vater-Sohn-Sache" und sehen sich - matschige Hotdogs inklusive - ein Baseballspiel der New York Yankees gegen die Oakland Athletes im Yankee-Stadion in der Bronx an; ein Spiel, dessen Ausgang den kleinen Haslinger vor Begeisterung jauchzen und hüpfen und den großen glücklich grinsen lässt: Denn "ihre" Yankees reißen das bereits so gut wie verlorene Spiel im achten Inning mit zwei Homeruns hintereinander herum.

Das Jahr in New York war für die Haslingers ein in jeder Hinsicht außerordentliches; unter anderem deshalb, weil sie einmal richtig beieinander waren. Denn seit fünf Jahren lebt der Schriftsteller nur an den Wochenenden bei seiner Familie in Wien; unter der Woche unterrichtet Professor Haslinger an der Universität Leipzig "literarische Ästhetik"; demnächst wird er pragmatisiert. Das ist einer der Gründe, warum ihn die deutsche Politik und vor allem das akute Rechtsextremismusproblem derzeit mehr aufregen und interessieren als die österreichischen Verhältnisse: Nein, er will zu Jörg Haider nichts mehr sagen und nichts schreiben, ja, es nerve ihn, wenn er ständig auf Knopfdruck eine politische Meinung haben, immer wieder Österreich interpretieren solle, meint er im "An Bael Bocht Café".

Er versteht sich derzeit wieder mehr als Schriftsteller denn als politischer Essayist, die Literatur interessiert ihn augenblicklich einfach mehr als die Realität: "Wir Schriftsteller dürfen mit der Fiktion spielen und experimentieren", meint Haslinger, "das ist schließlich der Vorteil, den wir gegenüber anderen Menschen haben."

Einer der Vorteile. Ein weiterer gestattet es Haslinger, es "Arbeit" zu nennen, wenn er sich in der Welt umsieht. Im "An Bael Bocht Café" ein Bier trinkt. Im Yankee-Stadion jubelt. Und wenn er im Ford durch New York kurvt.
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