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09.10.05

Vom Glück, Barry White zu sein

| Comments (0) | 10/05 | Kehlmann, Dylan, Barry White, u.a.

Erschienen im Tagesanzeiger Magazin, Juni 2001

Mit seinem Viagra-Bariton lieferte Barry White den Soundtrack für ungezählte Liebesnächte. Heute ist der sesselfüllende Soulinterpret erfolgreicher denn je. Ein Gespräch mit dem Mann, der die Frauen wirklich versteht.

Da ist ein Mann, der aussieht wie Ray Charles, und da kommt ein Mann, der aussieht wie Eric Clapton, nur kleiner, und da geht ein Mann, der nur von hinten wie George Clooney aussieht, von vorne aber irritierenderweise wie James Woods, und jetzt kommt ein Mann, der ohne Zweifel Tom Jones ist. Tom Jones! Das ist schön. Aber es ist, auch wenn Tom Jones richtig nett aussieht und ein Bouquet aus roten und weissen Rosen mit einer grossen roten Schleife drumherum trägt, nicht schön genug, denn es gilt, einen Mann zu erspähen, der aussieht, wie Ned Shankman aussehen könnte, der wiederum, was keine einfache Aufgabe ist, irgendwo in diesem Gebäude einen Mann versteckt, der Barry White ist. Barry White in seiner ganzen wunderbaren Grösse. Aber eben: Damit man Barry White zu sehen kriegt, muss erst Ned Shankman gefunden werden, und Ned Shankman könnte hier jeder sein. Die Lobby des Grandhotels «Baglioni» in der Via Indipendenza in Bologna wimmelt nur so - der kleine, schwarze Mann mit dem riesigen Bodyguard, ist das George Benson? - von Männern, die alle Ned Shankman sein könnten, bei dem es sich um Barry Whites Manager handelt. Es ist alles sehr Rock 'n' Roll hier.

Das hat einen Grund, denn im «Baglioni» sind augenblicklich die augenblicklichen Freunde von Luciano Pavarotti einquartiert, mit denen er derzeit probt und Duette aufnimmt, denn ein paar Tage später wird in Modena das Pavarotti-&-Friends-Konzert für Afghanistan stattfinden. George Benson ist dabei, Tom Jones, Anastacia, Morcheeba, noch ein paar, Eric Clapton und Ray Charles nicht, Barry White dagegen schon.

Deswegen könnten so viele der Männer in der Lobby des Grandhotels Ned Shankman sein - weil in der altehrwürdigen Palaispracht des «Baglioni» die Entourage der Stars aufmarschiert, Assistenten, Agenten, Musiker, Manager... Dutzende weisse Männer in Turnschuhen, ausgewaschenen schwarzen Ich-war-auch-dort-T-Shirts, Goldketten und labbrigen Lederjacken, mit komischen Bärten und nachlässig gepflegten Haaren passieren die Lobby und sprechen laut und breit amerikanisch. Und, natürlich, Bodyguards. Viele Bodyguards, mit ihren Muskeln und Sonnenbrillen und Wichtigmann-Ausweisen um den Hals und Handys und Hinternmuskulaturen, zwischen die sich mit viel Mühe Jeansnähte zwängen. Irgendwo passen zwei oder drei von ihnen darauf auf, dass Ned Shankman und Barry White vorläufig nicht zu sehen sind.

Barry White ist in Italien, und das macht unglaublich Sinn, das gibt er nachher selber gerne zu: Der romantischste Sänger und Songwriter der Welt im romantischsten Land der Welt. Der Mann, der sein Leben der Liebe gewidmet hat, der Frauen mit seinen Songs verehrt und anbetet in einem Land, in dem die Frauen so geliebt und verehrt und angebetet werden, wie nirgendwo sonst. Denn, hallooo!, das merkt man, während man dann in einer Bar vor dem Hotel sitzt und die rein- und rausgetragenen Männergesichter auf ihre Nedshankmanoidität überprüft, sofort: Wir sind hier eindeutig in Italien, einem Land, in dem die Männer ihre Halswirbel bis Knirschfaktor acht überdrehen, nur um eine günstigere Aussicht auf die Beine der Frauen - auf die Beine jeder Frau - und, wenn irgend möglich, unter diesen Rock da zu kriegen. Wo es die Männer herumreisst, wenn eine schöne Frau vorbeigeht. Wo Männer den Frauen auf der Strasse geradeaus ins Gesicht strahlen, aus purer Begeisterung über die Existenz derartiger Wesen; wo sie um die Frauen herumschleichen, selbst wenn diese Männer auf die 100 zugehen und einen Stock dafür brauchen... Beeeella! Die italienischen Männer lieben und verehren die Frauen voller Stolz.

Und das tut Barry White auch. Man kann es vielleicht so sagen, dass Barry White das, was die italienischen Männer mit ihren Halswirbeln und Augen machen, mit seinen Liedern und seiner Stimme macht. Jeder kennt diese Stimme. Es ist kaum möglich, in einem Land mit Pop-Radio-Station aufgewachsen zu sein, ohne diese Stimme, diesen rauchigen, im untersten Kilohertzbereich brummenden Bariton zu kennen. Ohne «You're The First, The Last, My Everything», «Let The Music Play», «I Belong to You» oder «Never Gonna Give You Up» zu kennen. Beziehungsweise dürfte das Aufwachsen von zahlreichen Twentysomethings durch die Unterstützung dieser Songs, intoniert von Barrys Bariton, erst initiiert worden sein... Später wird White nicht ohne Stolz bestätigen, dass er die Zeugungsaktivitäten der mittlerweile zweiten Generation musikalisch unterstützt. Denn 1973 veröffentlichte White nach Jahren als Songschreiber und Produzent unter Protest - er hatte nie singen wollen - sein erstes Album «I've Got so Much to Give», hatte 1974 seinen ersten Hit, «Love's Theme», und gilt seither als - Vorsicht, explizite Sprache - König der Fickmusik. Mittlerweile ist White 57, und nach wie vor ist da niemand, der ihm ernsthaft seinen Titel streitig machen wollte.

Obwohl es vielleicht so gar nicht stimmt. Und obwohl man ihm damit eigentlich sogar Unrecht tut. Das hat damit zu tun, dass sich die Welt, die Umgangsformen, das Fernsehen und die Magazine, die Sprache und nicht zuletzt deshalb die Dinge zwischen Männern und Frauen radikal verändert haben, seit Barry White Anfang der Siebzigerjahre begann, Lovesongs zu schreiben. Da fing das gerade alles an, mit den Blumenkindern und der freien Liebe und der hergezeigten Nackedei. Das Expliziteste, was es in den Siebzigern an öffentlichem Sex gab, waren «Playboy» und «Hustler», und wenn damals einer wie Barry White in seinen Songs, in seinen Radiohits ganz offen vom Liebemachen sprach, dann war das in der verklemmten, körperfeindlichen Biedermeier-Erwachsenenwelt jener Zeit eine fast pornografische Obszönität und für den pubertierenden Jungmenschen schon eine revolutionäre Botschaft. Wenn man Barry Whites Songs heute hört - und man hört sie heute wieder sehr, sehr oft -, dann haben sie etwas fast rührend Altmodisches. Heute sieht man auf allen TV-Sendern alles, Menschen haben kein Problem damit, vor aller Augen Sex zu haben und in diversen Flirt-, Single- und Sexotainment-Sendungen ungeniert Auskunft darüber zu geben, wie sie es am liebsten tun und es auch zu zeigen. 30 Jahre nach Barry Whites erstem Hit hat Zwischenmenschlichkeit - vom Kennenlernen bis hinein ins Ehebett - nichts Intimes, nichts Privates mehr.

Liebe machen

Für Barry White schon. Barry White würde nie ein Begriff wie «to fuck» über die Lippen kommen. Barry White spricht nicht mal von «Sex» (und er hat das Thema sehr satt - alle, alle wollen mit White immer nur über Sex reden). Ein Barry White macht Liebe, und das ist für ihn ein heiliger Akt, aus dem im Idealfall Kinder hervorgehen. (Er selbst hat acht Kinder von drei Ex-Frauen, elf Enkel, und die erzeugen bereits Urenkel.)

Und wenn ein Barry White vom Liebemachen singt, dann meint er es auch so. Und deshalb ist das, was White macht, keine Rammelmusik; wie etwa - wofür Maurice Ravel nichts kann - der «Bolero», der durch den unsäglichen Film «Die Traumfrau» berühmt wurde. Barry White macht auch keine Stöhnvorlagen wie Serge Gainsbourg und Jane Birkin in «Je t'aime». Barry White ist nicht explizit wie Marvin Gaye in «Sexual Healing». Und Barry White möchte auch nicht, wie Prince mit manchen seiner Songs, die Rhythmusmaschine für männliche Beckenbewegungen sein. Was Barry White macht, ist eigentlich Schmusesoul und manifestiert im Prinzip die Differenz zwischen Erotik und Mechanik, zwischen Hingabe und Artistik - seine Songs verstehen sich als Soundtrack für wahre Gefühle, für die im Geschlechtsakt sozusagen erst vollendete Emotion zwischen zwei Personen verschiedenen (das ist White wichtig) Geschlechts. Ja, das ist kitschig. Ja, das ist pathetisch. Aber, ja, das ist es auch irgendwie, was doch in Wirklichkeit ein jeder will. Wonach sich jeder heimlich sehnt: Nach der Dualität aus Liebe und Sex, aus Gefühl und Körperlichkeit, die von der modernen, arbeitsteiligen Welt, vom Zeitalter des One Night Stands und der flüchtigen Begegnung gesprengt wurde: Wahre Liebe, die sich in der körperlichen Vereinigung schliesslich materialisiert. Echte Gefühle, die sich in richtig gutem Sex manifestieren. Liebe machen. Und Barry White versorgt uns mit dem Soundtrack für diese Sehnsucht. Und vielleicht ist das auch der Grund, dass White nach einem kommerziellen Tief in den Achtzigern seit Mitte der Neunziger plötzlich wieder so beliebt und so erfolgreich ist: Weil in seinen Songs so wunderbar altmodische Wünsche erfüllt werden. Weil in seinen Songs die Liebe noch heil ist.

Als die Welt noch heil war

Wir greifen vor. Es ist eine harte, kalte Welt, und erst muss Barry White gefunden werden. Es ist, wie in der Liebe, auch im Rock 'n' Roll alles nicht mehr wie früher, es ist nicht mehr wie in den Siebzigern, wie im Film «Almost Famous», wo der Rock 'n' Roll noch heil war, wo jeder, der die notwendige Hingabe zeigte, ganz einfach daran teilhaben konnte. Wo man einfach hingehen und einen wie Barry White ein paar Wochen begleiten konnte. Der Rock 'n' Roll ist heute wie die Liebe ein Geschäft, und man muss hart darum kämpfen, mitmachen zu dürfen.

Denn: Mr. Ned Shankman und Mr. Barry White sind grad nicht da. Unterwegs, wahrscheinlich um mit Luciano Pavarotti zu proben, beziehungsweise um «You're The First, The Last, My Everything», Barry Whites Klassiker, als Duett aufzunehmen. Ned Shankman hatte am Telefon gemeint, es sei alles etwas gedrängt und gehetzt; man solle doch einfach mal anreisen, sich im Grandhotel «Baglioni» einquartieren und zur Verfügung halten, es werde sich schon was ergeben. So sind der Rock 'n' Roll und die Liebe heutzutage: ein hartes, kaltes Business, in dem sich dann eventuell was ergibt.

Man wartet also stundenlang, nervt die Réceptionisten, erblickt Tom Jones und George Benson, und es sind dann die deutschen Bodyguards, die irgendwie die Rettung und Ned Shankman und damit Barry White herbeiführen. Weil die warten ja auch den ganzen Tag so herum, telefonieren ein bisschen, schauen mal kurz auf die Strasse raus und warten weiter, da kommt man leicht ins Gespräch. Die Hilfe kommt natürlich nicht von dem kleinen, arroganten, ganz harten Jungen da, sondern von dem anderen, dem grossen, der im Vorbeigehen immer zwinkert: Fragen Se doch mal den mit den schwarzen Haaren, der grad rausgegangen ist, und dann entpuppt sich die ältere Amerikanerin neben dem Schwarzhaarigen als Ned Shankmans Publizistin, und die ruft ihn sofort oben in seinem Zimmer an, wo er entgegen allen Versicherungen der Réception offenbar doch ist, und keine drei Minuten später kommt einem in einer riesenhaften Suite ein riesenhafter Mann entgegen, der eindeutig und unzweifelhaft der grosse, der wunderbare, der einzigartige Barry White ist.

«That's right, Baby!»

Da kommt er, lächelt, grüsst und setzt sich in einen der antiken Sessel, und man konstatiert Unerwartetes: Der grosse, wunderbare, einzigartige Barry White sieht im Moment gar nicht so sehr wie Barry White aus - so wie man Barry White kennt: stolz, aufrecht, erhaben in einem gelben oder roten oder fuchsiafarbenen, auf alle Fälle aber sehr sehr glänzenden Seidenanzug und mit im Nacken zusammengebundenen Haaren. Im Moment sieht Barry White eher ein bisschen aus wie Forest Withaker in Jim Jarmuschs «Ghost Dog»: riesig, ruhig, rund, wie er da in seinem Sessel sitzt, in einer - immerhin - glänzenden senffarbenen Hose, mit Booten von schwarzen Sneakers an den Füssen, in einem schwarzen Fleecepulli und einer aus dicker Wolle gehäkelten Haube - völlig entspannt, ohne Überheblichkeit souverän, totale Gelassenheit ausstrahlend. Man sieht ihn und denkt: Es muss sich grossartig anfühlen, Barry White zu sein. Es muss wunderbar sein, Barry White zu sein und die Welt fast naiv vom Standpunkt eines Liebenden und Geliebten betrachten zu können. Barry White sieht wie ein sehr glücklicher Mensch aus.

Auch wenn Barry White die Welt da draussen eigentlich recht unwirtlich findet. Er unterscheidet deshalb nicht nur zwischen Amerika und sozusagen der Nation of Barry White, sondern auch zwischen der sehr bösen und immer schlechter werdenden Welt da draussen und Barry Whites schöner kleiner Welt, bei der es sich erstens um ein ruhiges Anwesen in Los Angeles handelt, zweitens aber um den Grund von Barry Whites Seele. Barry Whites Seele, das ist eine Art Nährboden, auf dem nur gute Dinge wachsen dürfen, schöne Dinge, die mit Liebe zu tun haben und Hingabe und Zuneigung und Glück. Ein weicher warmer Ort, der nur und ausschliesslich von ihm eingerichtet wird. Barry White ruht auf beneidenswerte Art in sich selbst, das lässt sich in dieser einen Stunde, in der man White gegenübersitzt (und während der er ganz unamerikanisch Kette raucht) durchaus konstatieren. Da ist so eine Wohlfühlaura um ihn herum, die unter anderem deshalb so intakt wirkt, weil er einen gerade so ein bisschen daran schnuppern lässt. Da darf so einfach keiner rein und ran, das ist spürbar.

Whites hat mehrere Orte, wo ohne seine Erlaubnis keiner rein darf; zum Beispiel sein Studio in seinem Haus in Los Angeles, wo er - «Thaaaat's right. That's right, Baby!» - so was wie der Präsident von Barry-White-Land ist, was - «oh yeah!» - ein netter Job sein muss. Ein Land, das Barry White so selten wie möglich verlässt: «Jeder um mich herum wird Ihnen das bestätigen: Ich gehe nie irgendwohin. Es gibt nicht viel in den Strassen, das ich sehen möchte, und es gibt sehr wenig, was ich über das Leben in den Strassen nicht weiss.» White sagt das mit einer gewissen Berechtigung, weil der Mann, der 1944 als Booker T. Washington in Texas geboren wurde, ohne Vater aufwuchs und schon als 15-Jähriger von einer Gefängniszelle aus auf einen Karrierestart als Krimineller - vor allem Autodiebstähle - zurückblicken konnte. Während sein Bruder Darryl dem Gewerbe treu blieb und 1982 erschossen wurde, rettete ausgerechnet ein smarter weisser Hürftschwinger mit einem Song Booker T.s Leben: Als er im Gefängnis Elvis Presleys «Now or Never» hörte, begriff er das als Motto und führte fortan ein Leben in der Legalität und für die Liebe. Und das möchte er sich nicht von der Welt da draussen versauen lassen: «Ich sehe viele Menschen da draussen viele schlechte Dinge tun - und ich habe es satt, das sehen zu müssen. Deshalb bleibe ich zu Hause. Da habe ich alles, was ich liebe und brauche, um mich herum - meine Hunde, meine Fische.» (Von einer Frau spricht er nicht.) Und so pur, wie er sich die Liebe wünscht, so will White auch sein Dasein: «Ich führe ein sehr einfaches Leben. Ich gebe keine Partys. Ich gehe nur hin und wieder essen. Ich liebe mein Leben, so wie es ist, so einfach, wie es ist. Je schlichter die Dinge sind, desto besser funktionieren sie für mich.»

«Clinton war kein schwarzer Präsident.»

Aber manchmal muss auch der Präsident von Barry-White-Land aussenpolitische Aufgaben wahrnehmen, und dann sieht er all die Dinge, die er nicht sehen will, und über die er deshalb auch nicht gerne spricht, bei deren Erwähnung er sich wie das Kirchenvolk vorm Prediger lieber nur in Zustimmung oder Ablehnung äussert.

Zum Beispiel, dass Amerika kein sehr romantisches Land ist und immer prüder und kälter wird («so ist es!»). Dass es der schwarzen Bevölkerung Amerikas immer noch nicht viel besser geht («thaaaat's right»). Dass Bill Clinton im Unterschied zu George W. Bush zwar ein Demokrat und ganz lustig («ooooh yeah!») war, aber: «Er hat ein bisschen was für uns getan, aber nicht genug, dass man sagen könnte, er sei der erste schwarze Präsident gewesen. Das wäre Bullshit. Wir werden bei Bush aufpassen, wir werden auf den nächsten Präsidenten aufpassen - wer immer das sein wird. Wir werden aufpassen.» Von Politikern hält White grundsätzlich nicht viel: «Solche Leute sprechen mit doppelten Zungen - man muss ein grosser Lügner sein, um diesen Job machen zu können.» Dass er in seinem Leben noch einen schwarzen US-Präsidenten sieht, schliesst White aus: «Nein, ganz bestimmt nicht. Ich glaube nicht, dass Amerika für einen schwarzen Präsidenten bereit ist. Es ist so viel Hass da, so viel Rassismus. Und falls es doch einen schwarzen Präsidenten geben sollte - ich glaube nicht, dass er das lange überleben würde. Ich denke, er würde ermordet.»

Und White sieht, dass das Musikgeschäft keine nette Sache ist, und immer mal wieder verlangen Leute Dinge von ihm, die er ablehnt: «Ich habe Grundsätze, wenn es um meine Arbeit geht, eine Moral - ich bin keine Hure für diese Industrie. Und ich war es nie, nicht mal, als ich keinen Penny hatte. Ich jage nicht nach Geld.»

«Männer sind gierige Motherfucker.»

Und schliesslich sieht er, dass die Liebe nicht mehr so ist wie in den Siebzigerjahren. Barry White ist enttäuscht von der Liebe im Jahr 2001. Er habe schon in den Achtzigern gemerkt, dass was nicht stimmt, dass was massiv nicht stimmt in der Liebe, und erstaunlicherweise ist dieser unendlich männliche Mann der Meinung, dass daran einzig und allein die Männer schuld sind.

Insofern macht auch diese Sache mit der TV-Serie «Ally McBeal» viel Sinn. Denn die ameri- kanische Jung-Anwaltssaga hat viel zu Whites Comeback in den Neunzigern beigetragen, denn Whites Songs, vor allem «You're The First...», spielen darin eine zentrale Rolle. Das ist interessant, da «Ally McBeal» im Wesentlichen davon handelt, wie sich die Liebe seit den Siebzigerjahren verändert hat, davon, wie kompliziert die Liebe geworden ist, wie missverständlich und politisch besetzt jedes Detail zwischen Männern und Frauen sein kann; und ausgerechnet in einer solchen Serie sind Barry Whites alte Songs, in denen ein ganz einfaches, klares, unmissverständliches Ich-Mann-du-Frau-lets-make-love-Credo verkündet wird, so wichtig. Es gibt eine tolle Szene, in der eine der Hauptfiguren, John Cage, der Whites Songs stets abruft, wenn er seine Männlichkeit aufmunitionieren muss, zum Geburtstag einen Auftritt Whites in einer Bar geschenkt kriegt - White erscheint in einem glänzenden, gelben Anzug und singt dann «You're The First...» Und die ganzen neurotischen Anwälte aus der Serie tanzen dazu, und für einen Moment ist die komplizierte «Ally McBeal»-Welt einfach nur in Ordnung

Barry White mag die Serie sehr, und ja, er findet dieses Detail mit seinen Songs ebenfalls interessant. Denn Barry White ist erstaunlicherweise kein Chauvinist, überhaupt nicht. Er ist Realist. «Die meisten Probleme in der Liebe kommen von Männern. Wenn eine Frau zu einem Mann sagt: Ich liebe dich, dann meinen das neun von zehn Frauen auch so, aus dem Grunde ihrer Seele. Wenn ein Mann einer Frau sagt, dass er sie liebt: Darauf würde ich keine Wette abschliessen.» Die Frage, ob er Männern grundsätzlich nicht traue, beantwortet White mit einer sarkastischen Gegenfrage: «Do you?» Und meint dann: «Eben, deswegen traue ich ihnen auch nicht. Und ich bin einer.» Es wäre anders, meint White, «wenn sich die Männer ein bisschen mehr Mühe geben würden, die Frauen zu verstehen. Sie sind schliesslich all die Jahre mit Frauen zusammen: Sie haben Mütter und Schwestern, sie könnten davon lernen. Aber wenn man arrogant ist, lernt man halt nicht.» Männer seien, sagt Barry White, «gierige Motherfucker», in allem - was Geld, was Macht, was Frauen betreffe.

Und nicht zuletzt deshalb sympathisiert Barry White aus seine erdige Art - «Yes, I do!» - mit der Idee des Feminismus in dem Sinne, «dass jedes menschliche Wesen ein Recht auf Freiheit und Glück hat. Es interessiert mich nicht, was du bist, männlich oder weiblich, jeder verdient seine Chance.» Er ist der Meinung, dass Frauen diese Chancen nützen sollten: «Als Frauen anfingen, an den Orten zu arbeiten, die bisher Männern vorbehalten waren, fingen sie an, eigene Dinge im Leben zu erreichen. Das gibt einer Frau Stolz. Das verändert sie, das macht einen Unterschied. Und diesen Unterschied wird sie ihren Töchtern und ihren Nichten erzählen.» Und das sei gut so.

Dann wird das Leben wieder hart. Dann kommt nämlich Ned Shankman in die Suite und macht die typische Managerhandbewegung: auf die Uhr zeigen. Man hat Termine, muss Luciano Pavarotti treffen und so weiter... Gleich wird Barry White das Grandhotel «Baglioni», flankiert von zwei Bodyguards, verlassen. Zwei Fragen noch, Mr. White, okay? Erstens: Welche drei Dinge mag Barry White an einer Frau? «Drei? Also: Persönlichkeit. Sensibilität. Und dass sie weiss, was sie vom Leben will.» Und welche drei Dinge wird Barry White an einer Frau nie verstehen? Da lacht der grosse, der einzigartige, der wunderbare Barry White mit seinem Bariton: «Oh, ich verstehe alles an Frauen, Baaaby! EEEEVERYTHING! Es gibt nichts, was ich an Frauen nicht verstehe. Nichts.
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