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| 11/05
| Kehlmann, Dylan, Barry White, u.a.
erschienen im Tagesanzeiger Magazin, August 2003
Daniel Kehlmann sieht aus wie ein Musterschüler und redet wie ein Gymnasiallehrer - und er schreibt brillant. Sein neuer Roman ist ein kleines Meisterwerk. Ein Porträt.
Als Daniel Kehlmann 21 Jahre alt war, setzte er sich hin und versuchte, einmal etwas Längeres zu schreiben. Eine Novelle vielleicht. 15-jährig hatte er, wie viele Jugendliche vor ihm, Gedichte geschrieben, sie niemandem gezeigt und in einer Schublade versorgt, wo sie, wie sich Kehlmann jetzt mit plötzlich angeknipster Besorgnis erinnert, heute noch liegen. Jemand könnte sie finden. Dann hatte er Kurzgeschichten verfasst, mit den Vorbildern Thomas Mann und James Joyce im Kopf. Den «Zauberberg» und den «Ulysses» hatte er schon als Teenager gelesen, aber dass man weder den einen noch den anderen nachmachen kann, ist ihm beim Schreiben bald klar geworden, glücklicherweise, sagt Kehlmann , aber fürs Training war es nicht schlecht.

Das weiß einer wie Kehlmann natürlich schon mit 16, dass es keine Leistung ist, mit 16 «Ulysses» zu lesen, und als er zu jener Zeit zufällig den mittlerweile verstorbenen Schriftsteller und Genetiker Erwin Chargaff kennen lernte, habe der ihn gefragt: Na, junger Mann, was lesen Sie? Kehlmann habe stolz geantwortet: «Ulysses»! Chargaff habe vermutet: im Original. Kehlmann habe gesagt, nein, es gäbe da eine gute Übersetzung von Hans Wollschläger. Da habe Chargaff gemeint: «Junger Mann, kaufen Sie sich ein Wörterbuch, setzen Sie sich hin und arbeiten Sie.» Kehlmann sagt, das habe ihn ein wenig zurückgeworfen.
Aber nicht sehr, denn als Kehlmann auf die 22 zuging, hatte die versuchte Novelle die
Ausmaße eines Romans. Vier Monate lang hatte er jeden Tag daran
Foto: Markus Rössle (www.markusroessle.com) geschrieben, und nun gab er das Manuskript einem Bekannten zu lesen, Ulrich Schulenburg vom Thomas-Sessler-Verlag. Der fand das so gut, dass er, da Sessler ein Theaterverlag ist, vorübergehend als Kehlmanns Agent agierte. Er schickte das Werk mit Ausdrücken der Begeisterung an die Lektoren von fünf Verlagen. Drei davon retournierten innerhalb von vierzehn Tagen Bescheide, dass sie den Roman gerne drucken würden. Bei Deuticke erschien er unter dem Titel «Beerholms Vorstellung». Daniel Kehlmann war 22 Jahre alt. Es war 1997.
Das war noch nicht die Zeit, als alle Verlage mit Teenager- und Twentysomething-Autoren ihre Umsätze bei den Teenagern und Twentysomethings erhöhen wollten. Das war, bevor die größeren Verlage anfingen, jedem talentierten Kind, das, grob gesagt, in der Lage war, in einem Exposé die Worte «ficken», «Extasy», «Yeah» und «Berlin» unterzubringen, astronomische Vorschüsse zu zahlen. «Es war die Zeit, als es als sehr merkwürdig und befremdlich empfunden wurde, dass jemand mit 22 Jahren einen Roman veröffentlicht», sagt Daniel Kehlmann heute. Mal abgesehen von der Tatsache, dass Kehlmann und seine Bücher wenig mit der so genannten Popliteratur zu tun haben.
In «Beerholms Vorstellung» erzählt der Zauberkünstler Arthur Beerholm sein Leben. Dieses Leben umfasst den Verlust zweier Mütter und folglich eine triste Kindheit, die Jugend in einem Schweizer Internat, ein Theologiestudium, strapaziöse Monate in einem Schweigekloster, die ausführliche Beschäftigung mit philosophischen und mathematischen Problemen, schliesslich die rasante Karriere als Zauber- und Illusionskünstler, ein kathartisches Schlüsselerlebnis, eine Wende. Einmal rennt Beerholm in ein Auto, irgendwie erscheint mal kurz eine Frau, zwei- oder dreimal fällt Beerholms Blick auf ein Werbeplakat, ansonsten: keine Gewalt, kein Sex, keine Werbung, keine Drogen, keine Witze, kein Pop. Stattdessen ist «Beerholms Vorstellung» fein ausgedacht, famos erzählt und beeindruckend formuliert. Nein, halt: Es ist sogar brillant formuliert. Das Alter des Autors fällt höchstens insofern manchmal auf, als er da und dort etwas zu beeindruckend formuliert und seine Koketterie mit den unendlichen Weiten seines Wortschatzes zuweilen etwas Angeberisches ist. Etwas leicht Bildungsbürgertümlerisches, in der Art, wie sich hier eine Wissenswut entlädt, die sich eher dem 19. als dem 20. Jahrhundert verpflichtet fühlt.
Die Hinweise auf das 20. Jahrhundert sind in «Beerholms Vorstellung» ziemlich rar, und der Balanceakt zwischen zeitlos und altmodisch geht nicht immer zu Gunsten von zeitlos aus. Das gilt auch für den Roman «Der fernste Ort» (1998 schon bei Suhrkamp erschienen), in dem ein junger Mann nach einem Badeunfall in eine Lücke zwischen Realität und Illusion, Leben und Tod gerät. Und auch für «Mahlers Zeit» (1999), dem Roman über einen jungen Wissenschaftler, der das Geheimnis der Aufhebung der Zeit entdeckt, was diese ihm übelnimmt. Nur in seinem neuesten Buch «Ich und Kaminski» verlässt Kehlmann besagten Grat und kommt auf seiner Wanderung nun definitiv in der Gegenwart an, jedenfalls in einer auch für den Durchschnittsdummie erkennbaren Gegenwart.
Jetzt muss man sich diesen Kehlmann aber einmal vorstellen. Im Moment tigert er durch ein großes modernes Wiener Museum, das auf der ganzen Welt für seine Schiele-Sammlung berühmt ist, und kann die Schiele-Sammlung nicht finden. Er ist mittlerweile ein schlaksiger, unauffälliger 28-Jähriger. Er trägt unauffällige, helle Turnschuhe, gebleichte, nicht besonders modern geschnittene Jeans und ein unauffälliges Poloshirt. Seine Haare sind hübsch geföhnt und seitlich gescheitelt, sodass eine kecke Bubenfrisur entsteht, nicht unbedingt aus diesem Jahrhundert. Die ganze Figur Daniel Kehlmann wirkt irgendwie nicht unbedingt wie aus diesem Jahrhundert.
Diesen Eindruck wird Daniel Kehlmann im Gespräch bestätigen und widerlegen. Kehlmann wirkt im Vergleich zu anderen, durchschnittlichen 28-Jährigen wie ein Alien from Outer Space. Andere in seinem Alter proben verzweifelt für das nächste regionale Deutschland-sucht-den-Superstar-Casting, Kehlmann schreibt an einer Dissertation über den Begriff des Erhabenen bei Immanuel Kant. Andere 28-Jährige können mit Mühe einen McDonalds-Werbespot rezitieren, Kehlmann sagt aus dem Stegreif Schiller, Proust, Cioran, Kierkegaard, Kertesz, Billy Wilder und Goetz auf (Rainald, nicht Berlichingen). Andere 28-Jährige haben in ihrem Leben keine vier Bücher gelesen, Kehlmann hat fünf geschrieben.
Deswegen sitzt er heute hier, an einem Tisch in einem Hof des Wiener Museumsquartiers und spricht Dinge in ein Aufnahmegerät, die für einen 28-Jährigen irritierend klingen, was Kehlmann weiss und beabsichtigt. Wie damals bei Chargaff ist er auch jetzt durchaus stolz auf seine frühen Leistungen. Kehlmann ist kein Bub mehr, und er hat, auf Grund anhaltender, wenn auch nicht bahnbrechender literarischer Erfolge, genug Erfahrung im Umgang mit der Presse, die ihm bislang durchgehend derart wohl gesonnen war (es gab bis dato eigentlich keine negativen Rezensionen seiner Bücher), was zu einem entspannten Umgang mit der Presse beiträgt. Und er hat mit «Ich und Kaminski» einen von der Kritik gut aufgenommenen Roman veröffentlicht, der zuletzt in Elke Heidenreichs «Lesen!»-Sendung von Marcel Reich-Ranicki überraschend enthusiastisch gelobt wurde. Wenn auch mit einem ärgerlichen Irrtum.
Aber zuerst, und bevor hier ein falscher Eindruck entsteht: Dieser Daniel Kehlmann ist ein sehr sympatischer Mann. Er ist höflich, freundlich und zuvorkommend. Er ist selbstbewusst, aber kein bisschen zickig, kein bisschen arrogant, und er hat viel mehr Humor als seine Bücher, die außer «Ich und Kaminski» alle keinen haben. Und er verfügt über ein sehr einnehmendes Mass an Selbstironie. Also, er weiss schon, dass seine Erscheinung im Verbund mit seiner makellosen Biografie und seinem Fleiß ein klein wenig streberhaft wirkt. Er weiß schon, dass der ideale moderne Powerjungschriftsteller, jedenfalls in der Erwartungshaltung der modernen Powerjournalisten, ein wenig stuckrathbarrischer zu sein hat, haraldschmidtgastkompatibler, extremer. Viel extremer. Er weiß, dass sich ein paar dramatische Schulverweise, ein bisschen Drogen- oder Alkoholproblematik und tüchtig Elternhausrebellion in einer Jungliteratenbiografie ganz gut machen. Aber - leider nein.
Wo bleiben die Frauen?
Leider ist Daniel Kehlmann in einer kunst- und kultursinnigen Kleinfamilie in aller Harmonie zuerst in München, dann in Wien aufgewachsen. Seine Mutter Dagmar Mettler ist Schauspielerin, sein Vater Regisseur und entgegen Reich-Ranickis Äusserung bei bester Gesundheit. (Reich-Ranicki hatte Michael Kehlmann in «Lesen!» für verstorben erklärt*, weswegen Daniel Kehlmann noch immer aufgebracht ist. Beispiellos, sei das, ärgert sich Kehlmann , er könne sich bis heute über Reich-Ranickis Lob, das für einen jungen Schriftsteller wie ihn eigentlich überaus schmeichelhaft ist, nicht richtig freuen. Ausserdem hatte ihn Reich-Ranicki via TV aufgefordert, nicht so schnell zu schreiben. «Ich finde das eine problematische Aufforderung», sagt Kehlmann , «auch insofern, als ich ziemlich genau weiß, dass er meine früheren Sachen nicht gelesen hat.») Seine Eltern haben ihn nicht mit Geschwistern belästigt. Seine Mutter hat ihm viel vorgelesen, zum Beispiel «Die Mummins», noch immer sein Lieblingskinderbuch. Sie las ihm auch Michael Endes «Unendliche Geschichte» vor, davon blieb ihm die Liebe zum Fantastischen. «Das war prägend», obwohl, halt, «Momo» vielleicht noch mehr. Das entzifferte er dann aber schon ohne Mutters Hilfe, dann las er alles, was er von Karl May kriegen konnte. In Wien absolvierte Kehlmann Schule und Gymnasium mit guten Noten, wenn er auch darauf beharrt, kein Streber gewesen zu sein. Wenigstens seine «Betragungsnoten» ließen zu wünschen übrig, wenn das auch nicht aus kehlmannscher Aufsässigkeit resultierte, sondern aus Gelangweiltheit, weil er dann im Unterricht las, schrieb und sich unterhielt.
Auch zu Hause fehlte ihm aller Grund, aufsässig zu sein. «Meine Eltern waren Künstler, wogegen hätte ich rebellieren sollen? Mein Vater hat immer gesagt: Es wäre so schön, wenn du Sänger werden würdest. Ich sagte: Vater, ich kann nicht singen! Ich treffe keine Töne! Ich bin nicht musikalisch! Mein Vater sagte: Aber das kann man doch lernen!» Aber als Kind wollte Kehlmann eher Wissenschaftler werden als Künstler, Astronaut natürlich auch, aber nachdem er zeitig das Unrealistische dieses Berufswunsches erkannt habe, am ehesten Wissenschaftler. «Atomphysik hat mich fasziniert. Ich hab noch heute Sachbücher für Jugendliche zu Hause, in denen die Kernphysik als etwas völlig Ungefährliches dargestellt wurde. Insofern hat Tschernobyl meine Biografie doch erheblich beeinflusst.»
Diese Liebe zur Wissenschaft hat sich Kehlmann , obwohl er doch Künstler wurde, erhalten; in seinen Büchern spielt die Wissenschaft eine zentrale Rolle. In «Beerholms Vorstellung» die Mathematik. In «Mahlers Zeit» die Physik. In «Der fernste Ort» Philosophie, Mathematik und Statistik. In «Ich und Kaminski» dann nur noch die Kunstgeschichte. Wenn man es etwas überzogen interpretiert, könnte man sagen, dass die Wissenschaft in Kehlmanns Werk das pralle, saftelnde, übel riechende Leben weitgehend ersetzt. Sowie: die Frauen.
Frauen kommen bei Kehlmann nur als Abwesende vor, als Verlassene und Entflohene und Fantasierte. Was die Frage aufwirft, ob das deshalb der Fall ist, weil Frauen auch in Daniel Kehlmanns Leben nicht vorkommen, ob er vielleicht zu Frauen ein gestörtes oder kein Verhältnis hat. Hier protestiert Kehlmann. Das gelte vielleicht für sein erstes Buch! Aber mittlerweile kenne er doch einige Frauen ganz gut! Er ist ja auch mit einer zusammen! Und überhaupt! «Für «Ich und Kaminski» gilt das nicht mehr!» (nein, das sagt Kehlmann nicht, Kehlmann sagt: «Für den «Kaminski» gilt das nicht mehr»), «im «Kaminski»», sagt Kehlmann , «spielt die Elke doch eine wichtige Rolle, und ich hätte ihr gerne noch eine wichtigere Rolle gegeben, es ging bloss nicht.» Warum nicht? «Weil ich dem Zöllner eine Frau einfach nicht gegönnt habe. Ich wollte nicht, dass der Zöllner mit seinen Methoden Erfolg hat.»

Deshalb hat die Frau im «Kaminski» nur die Aufgabe, Zöllner zu verlassen und aus ihrer Wohnung zu werfen, weil man als vernünftige Frau mit so einem Typen doch gar nichts anderes tun könne. (Das ist eine reizende, wenngleich - wie sogar Kehlmann selbst ahnt - etwas naive Idee von der Lage der Dinge zwischen Männern und Frauen.) Hier muss jetzt wohl eine kurze Inhaltsangabe vom «Kaminski» her: Sebastian Zöllner, ein unbegabter und wenig sympatischer Kunstkritiker, der gerade von seiner Freundin verlassen wird, versucht mit der Biografie des berühmten alten Malers Manuel Kaminski, dessen Ableben zusehends erwartbar wird, sozusagen seine eigene zu retten. Er schleicht sich an Kaminski in seinem letzten Domizil in den Alpen an und überredet ihn zu einer Autofahrt durch Europa, auf der merkwürdige und erleuchtende Dinge passieren.
Foto: Markus Rössle«Ich und Kaminski» ist nicht nur das erste Kehlmann-Buch mit ein wenig Frau, es ist auch das erste Kehlmann-Buch mit Humor. Das ist Kehlmann wichtig, der es viel schwieriger findet, etwas Witziges als eine Sexszene zu schreiben. «Sex ist leichter»,
sagt Kehlmann. «Humor ist ein grosses Risiko, weil immer die Gefahr besteht, dass niemand anderer lacht.»
Er hat Glück, die Leute lachen. Wenn auch manchmal an merkwürdigen Stellen, wie Kehlmann bei Lesungen konstatieren musste. Es gibt da im «Kaminski» eine Episode, in der sich ein Zöllner uneingeladen in ein Abendessen drängt und den anderen Gästen mit langweiligen Geschichten ständig das Wort abschneidet. Das ist wirklich durchgehend sehr witzig. Aber die Leute lachten, sagt Kehlmann , stets nur bei dem Satz: Er konnte sich nicht erinnern, je so schlecht gegessen zu haben. «Ich weiß gar nicht, warum die das lustig finden», sagt Kehlmann .
Sommerhaus, später
Somit ist man endlich bei Kehlmanns Gegenwart, in der Lesungen augenblicklich eine wichtige Rolle spielen, angelangt, weshalb hier ein kleiner Abriss über Kehlmanns nähere Lebensumstände passend scheint. Also: Kehlmann lebt in einer 37 Quadratmeter grossen Wohnung in der Wiener Innenstadt, eine Gegend, die er liebt. Er steht morgens gegen zehn Uhr auf, trinkt Kaffee, isst Müesli und liest keine Tageszeitung, sondern macht bald mal den Fernseher an, um sich auf NTV oder BBC mit Nachrichten zu versorgen. Er hat zwei Magazine im Abonnement, den «New Yorker» und die «New York Review of Books». Er verlässt seine Wohnung oft und gern, um Menschen zu treffen; er ist nicht der Typ, der tagelang im Pyjama von Wand zu Wand tigert und über einer Formulierung grübelt. Er würde sich nie in eine Kaffeehaus setzen, um zu lesen oder gar zu schreiben: «Das geht doch nicht! In Wien leben, Schriftsteller und im Stammcafé dichten: Das wäre an sich schon epigonal.» Er liest meist nachmittags und abends. Wenn er an einem Buch schreibt, tut er das nicht auf 9-bis-5-Basis; seine persönliche Mindestanforderung ist eine Seite täglich. Er geht gern mit Freunden essen, bevorzugt Koreanisch, Japanisch oder Türkisch. Bei solchen Gelegenheiten trinkt er auch Alkohol, aber stets in einem Maße, die peinliches Benehmen ausschliesst. Er nimmt keine Drogen, ist aber nicht stolz darauf. Er ist ein fanatischer Beethoven-Fan und hört viel Schubert, die Lieder vor allem. «Ein Monat ohne Schubert ist ein verlorener Monat», sagt Kehlmann , wobei er mit einem Grinsen andeutet, dass er sich des Pathos dieser Aussage wohl bewusst ist. Im Fernsehen liebt er die «Simpsons», verehrt die «Sopranos» und sieht sich interessehalber manchmal deutsche Talkshows an. Sein Lieblingsschriftsteller ist John Updike, an lebenden Personen verehrt er weiters Alexander Solschenizyn und Alice Schwarzer. Er hasst Werbung in jeder Form und verachtet die Menschen, die sie machen. Er interessiert sich nicht für Marken und Mode, und wenn er eine Hose kauft, nimmt er lieber seine Freundin mit. Über seinen minimalen Popmusikgeschmack soll hier geschwiegen werden, dennoch besteht er die kleine Zeitgenossenprüfung bravourös: «Ich soll Ihnen erklären, wer Robbie Williams ist? Ich bitte Sie, das ist ja beleidigend. Natürlich kenn ich Robbie Williams.» (Das stimmt. Beckham kennt er auch. Und Bohlen, den er im Übrigen in seiner Authentizität ganz okay findet.)
Für seine Zukunft wünscht sich Daniel Kehlmann, dass er auch weiterhin guten Gewissens in Hotels als Berufsbezeichnung «Schriftsteller» angeben kann, was er sich noch nicht lange traut. Er möchte auf Dauer nicht allein leben. Er weiss noch nicht, ob er irgendwann Kinder möchte, derzeit sicher nicht. Es wäre schön, zwei oder drei Wohnsitze in zwei oder drei grösseren Städten zu haben. Er hätte gern ein Sommerhaus in seiner Lieblingsgegend, dem Berner Oberland. Er würde sich nicht ungern diesen kleinen tanzenden Mann aus der Toulouse-Lautrec-Ausstellung an die Wand hängen, die er auf Grund der nicht auffindbaren Schiele-Sammlung gerade bewundert, aber das ist natürlich ein Traum. Er würde gerne John Updike treffen.
Und in allerallernächster Zukunft möchte Daniel Kehlmann unbedingt die Schiele-Sammlung finden, ein Wunsch, der auf beunruhigende Weise nicht in Erfüllung geht, was Kehlmann außerordentlich zerknirscht. Am nächsten Tag schickt er ein SMS: «Heute die Meldung: Der Schiele-Saal wird nach dem Umbau neu eröffnet. Dann sind wir doch nicht so dumm. Erleichtert grüsst
Daniel Kehlmann.» ·
*Anm. d. A.: Michael Kehlmann verstarb am 1.12.2005.