Doris Knecht
| 02/06
| Arbeit & Wirtschaft
| Falter-Kolumne
| Kinder und andere Mitbewohner
| Kunst & Kultur
| Prost Mahlzeit
| Schuld und Sühne
Die Sichtung der aktuellen Nachrichtenlage bestätigt den Trend, dass Grazer ihre Babies offenbar signifikant öfter misshandeln, und sie scheinen signifikant depperter zu sein. Nehmen wir mal die Grazerin, die am Wochenende mit ihrem zerstörten Sohn ins Krankenhaus kam und die lebensgefährlichen Verletzungen des vier Monate alten Säuglings damit begründete, dieser sei gestürzt. Manche Leute sind zu dumm und zu degeneriert zum Kinderhaben. Im speziellen Fall – die Mutter drogensüchtig, das Kind schon bei der Geburt abhängig, der Säugling offenbar nicht nur akut, sondern chronisch misshandelt - fragt man sich zudem, wo eigentlich das Jugendamt schon wieder war. Müsste man bei so einer Familie nicht alle drei Tage nachsehen, ob alles ok ist? Oder besser täglich? Und falls das aus irgendwelchen Gründen nicht möglich ist, sollten diese Gründe aus der Welt geschafft werden, und zwar dalli. Es handelt sich hier um ein Problem, das aktuelln den deutschen Feuilletons heftig abgehandelt wird: Dass erstens zuwenige Leute Kinder kriegen, zweitens die falschen. Die Gründe dafür, warum eine hohe und wachsende Zahl von Akademikern (und vor allem Akademikerinnen) keine Kinder will, wird rauf- und runtergebetet: fehlende Kinderbetreuung, falsches Kindergeldsystem, verfehlte Arbeitsmarktpolitik, allgemeiner Werteverfall. Im „Wochenende“ der „Süddeutschen Zeitung“ wurde noch ein weiteres Argument eingebracht: Es ist den Akademikern scheints nicht vermittelbar, dass es schön ist, Kinder zu haben. Die bedingungslose Liebe von Kindern, die hundert täglichen Gründe für Gelächter, das ständige Staunen über die überraschende Präsenz von Glück, kommt im akademischen Wertekatalog offenbar nicht vor. Damit soll übrigens nicht angedeutet werden, gebildete Leute seien bessere Eltern als ungebildete; allerdings: wenn Wissen tatsächlich zu Bewußtsein führt, müssten man hoffen dürfen, dass das Bewußtsein darüber, dass und warum man Kinder nicht misshandeln darf, bei gebildeteren Leuten höher ausgeprägt sein müsste. Andererseits kommen in den „Supernanny“-Sendungen vielleicht auch nur deshalb nie Akademiker-Familien vor, weil die auf das Geld, das man dort fürs Vorgeführtwerden bekommt, nicht angewiesen sind... Ich weiß es nicht. Vielleicht sind aber einfach auch die anderen Eltern Schuld. Eben erreichte mich das Mail einer jungen Leserin, die meinte, seit sie eine Zeitlang als Kellnerin im Dschungel-Café gearbeitet habe, sei sie völlig sicher, dass sie nienienie eigene Kinder wolle. Im Dschungel habe sie Mütter und Kinder irreversibel hassen gelernt: ständig Flascherl aufwärmen, immer über Krabbelkinder steigen, sogar dreckige Windeln vom Tisch entsorgen müssen und dann mieses Trinkgeld kriegen. Das wirft bei mir mehrere Fragen auf: Erstens, warum Mütter so oft der Meinung sind, sie dürften sich, aus Gründen der Demographiepolitik oder was, mehr erlauben als andere. Zweitens aber frage ich mich, warum man ins Dschungel-Café arbeiten geht, wenn man mit Kindern und ihren Bedürfnissen nichts zu tun haben will. Es ist nämlich selbstverständlich, dass das Personal im drei-Hauben-Lokal jeden Furzwunsch der Gäste ohne zu murren erfüllt, und in einem dezidiert familienfreundlichen Café muss man halt mit Mutterkindfurzwünschen leben können, und wenn man das nicht kann, soll man in einem der 3920 Wiener Lokale, in denen Eltern mit Kindern nicht gern gesehen sind, arbeiten. Das ist nämlich das Problem: Dass Kinder in den meisten Lokalen so unerwünscht sind, dass die paar anderen Lokale zu mütterüberrannten Gettos werden. Ich geb dort übrigens immer mörder Trinkgeld.