Doris Knecht
| 03/06
| Falter-Kolumne
| Kunst & Kultur
| Schuld und Sühne
Der goldene Tapferkeitsorden am Band geht diese Woche an: Frau Gabriele Schiepek. Applaus und allgemeine Bewunderung, denn die Schiepek verbrachte einen kompletten Nachmittag auf einem Kindergeburtstag, in einem Raum mit 27 Kindergärtlern (gezählt, nicht gefühlt), 13 oder 14 Müttern und, eh klar, drei Vätern. Ordenbehängwürdig ist daran, dass die Schiepek von all diesen Personen die einzige war, die, weil kinderlos, nicht vom Schicksal dort hin verdonnert wurde. Mutter Urban musste, Vater Breuss musste, Mutter Hofinger, die Horwaths mussten, Mutter Bösch und all die anderen Müttern mussten. Ich musste. Die Schiepek musste nicht, und wusste alsbald nicht mehr, welche amikalen Bande sie in dieses Purgatorium
getrieben hatten, warum sie hier war, was sie hier tat, und plötzlich brach ein Schrei aus der Schiepek heraus. „Ruhe!“ schrie die Schiepek, „RRRUUUUUUHE!“, und die 27 Kinder ließen von ihrem Kindertun ab und waren mucksmäuschenstill, eine komplette Hundertstel-Sekunde lang. Danach tätschelten wir der Schiepek die Wange und schenkten ihr Wein nach und trösteten sie, dass sie, im Unterschied zu uns, ja wieder nach Hause gehen werde, in eine lego- und schnappifreie Wohnung, und nie werden ihre Ohren von diesem „Mamiiiiiiii“-Gejammer gemartert, das i so lang wie der Highway zwischen Texas und Wyoming. Die Schiepek sagte, danke, ja, aber dennoch habe sie selten zuvor in ihrem Leben so zeitig am Tag den Wunsch nach Alkohol verspürt, und wir haben all ihr Mitgefühl. Na siehst du, sagten wir, und prost, Hopfen und Malz, Gott erhalts.
Auf Kinderstühlen hocken und Wein aus rosa Prinzessinnenplastikbechern trinken und nichts weiter sein als das Personal dieses und dieses Kindes, und auch wie nichts weiter aussehen, denn wo geht man schon hin, es ist ein Kindergeburtstag, da reicht die unförmige Bequemjeans und Haarewaschen erst morgen völlig, ist ja eh keiner da, der schaut: das ist alles schlimm genug, aber okay. Und wenn man zusätzlich, sagen wir mal, am Abend zuvor bei Bret Easton Ellis im Rabenhof das Odeur von größerer Welt zu riechen bekam: Passt auch noch, okay. Sogar wenn man danach bis drei in der Früh im „Kiosk“ aufgelegt und mit Eigensperger, Gröbchen, Grissemann und anderen Ausharrern Bier getrunken hat: schmerzhaft, aber okay. Aber wenn es seit Monaten kalt ist und grau und man hat am Abend zuvor „Brokeback Mountain“ gesehen, und sucht seither ohne Unterlass den eigenen Gefühlshaushalt nach Emotionen vergleichbarer Größe ab, findet aber immer nur die Wut darüber, dass man zum zehnten Mal diesen verfluchten Scheiß-Playmobil-Astronauten suchen muss, wie überlebt man so einen Kindergeburtstag? Gluckgluckgluck. Oder wie „Bright Eyes“ Connor Oberst sagt: I think the best that I can do now is pretend that I done nothing wrong. Oder wie der Lange sagt: Lass mich in Frieden, ich muss resignieren. Oder wie Frau Schiepek sagt: Ruhe! Goldener Tapferkeitsorden übrigens.