Doris Knecht
| 03/06
| Arbeit & Wirtschaft
| Falter-Kolumne
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| Prost Mahlzeit
Apropos Spießer. Kollege Misik hat im letzten „Standard“-Album einen hübschen Essay über das neue Spießertum verfasst, der nur einen Makel aufweist: Er beantwortet nicht die zentrale Frage, was denn nun die Insignien der klassischen Spießerei sind. Was exakt zeichnet den gemeinen Spießer aus, welche Dinge hütet, welche Haltungen pflegt er? Trägt er zuhause Filzpatschen, zwingt er seinen Säugling in eine Religionsgemeinschaft, wäscht er jeden Samstag sein Auto, hat er ein Biokistl-Abonnement, wäscht er nie sein Auto, besitzt er eine Gemüsebürste, bezieht er ein „Du“-Abo, hat er einen Buena-Vista-Social-Club-Klingelton, zieht er seine eigenen Tomaten und lässt es alle wissen, besitzt er von Nirvana das Unplugged-Album (und nur das Unplugged-Album), ordnet er seine Bücher
und CDs nach dem Alphabet, presst er Gemüsesäfte mit der Küchenmaschine, hat er Angst um seine teure Couch?
Und: Was ist das Gegenteil von spießig? Die größtmöglichste Distanz zum im deutschen TV zelebrierten Dekowahn, und Essen nur mit dem Telefon zu kochen? Muss man als deklarierter Nichtspießer sehr teure oder sehr schäbige Kleidung tragen? Muss man die Babyshambles als die Auferstehung des echten Rock´n´Roll feiern oder entschieden ablehnen? Ist Stricken und Nähen superspießig oder feiert Selbermachen gerade eine Renaissance als bewußt antikapitalistische, globalisierungskritische Konsumverweigerungshaltung?
Das ist es nämlich, was in der Spießigkeitsdebatte fehlt: ein verbindlicher Sind-Sie-ein-Spießer?-Fragebogen zum Ankreuzen, und am Schluss kommt raus, dass man nur 15, 8 Prozent verspießert ist. Oder leider schon 62,7 prozent.
Noch eine wichtige Frage: Kann man auch temporär Spießer sein (zum Beispiel wenn man grad Kinder gekriegt hat, eine Lebensphase in der angewandte Spießerei zumindest vorübergehend die praktikabelste Existenzform zu sein scheint) und dann wieder damit aufhören? Das Problem ist, dass man sich, wenn man sich im Biedermeier mal hübsch eingerichtet hat, aus Gründen der Bequemlichkeit oder eines irreparabel degenerierten Geschmackssinns meist schwer wieder davon trennt.
Plus: Schreitet die eigene Verspießerung munter fort, merkt man es erstens selber nicht, und ist man zweitens verlässlich der Letzte, der davon erfährt, so wie ich selbstverständlich die Letzte war, die vom „noi“ erfahren hat. Jahrelange predige ich, dass der Brunnenmarkt endlich ein kulinarisches Zielgebiet werden muss, entblöde mich nicht, im Suff Innenstadtwirte anzuflehen, dort bittebitte eine Alternative zu Kent, Saigon und Club International aufzusperren, etwas für den anspruchsvolleren Multikultispießer sozusagen, bisschen raffinierteres Essen vielleicht und ruhig auch ein paar anständige Weine, und als die fabelhafte junge Köchin Denise Amann direkt am Yppenplatz mit dem total feinen, kleinen Restaurant „noi“ alle meine Wünsche erfüllt, erfahre ich es schon zweieinhalb Monate später aus der Zeitung. Demütigt mich ruhig weiter, weil eine 53,1prozentige Spießerin wie ich hat ja nichts anderes verdient.
noi, Payerg. 12 (am Yppenplatz), 1160 Wien, Tel.: 01 / 403 13 47. Unbedingt reservieren.