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| 04/06
| Tagesanzeiger-Kolumne
Der Lange zielt, schiesst, der Ball springt vor dem Kind auf und dem Kind an die Stirn, bong. Oje. Das wird das Vater-Tochter-Verhältnis nicht wesentlich optimieren. Das Kind brüllt augenblicklich los, und aus einer gewissen Erfahrung heraus lässt sich jetzt mehrererlei prophezeien: Es wird damit so bald nicht aufhören, da kann der Lange sich, womit er im Moment beginnt, noch zehn mal vor dem Kind in die Wiese werfen, und er kann auch noch tausend Entschuldigungen stammeln: Das Kind ist empfindlich, und das Kind ist nachtragend, sehr sehr nachtragend. Jetzt liegt es wimmernd auf dem Rücken, kleine, verzweifelte Schluchzer entfahren seiner Kehle, dazwischen trostloses Geheul: es ist entsetzlich misshandelt und verletzt worden, und es wird nun
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| 04/06
| Presse-Kommentar
Sollen unseren Kindern wieder Manieren beigebracht werden? Es spricht vieles dafür.Haben unsere Kinder keine Manieren mehr? Und würde es was ändern, wenn sie wieder welche hätten? In der Schweiz scheint man momentan zum Schluss zu kommen: ja. Vor allem auch angesichts dessen, was an deutschen Schulen derzeit passiert, wieviel Gewaltbereitschaft unter Heranwachsenden Usus ist. Und auch wenn es im ersten Augenblick etwas naiv wirken mag, auf gewalttätige Jugendliche mit der Forderung nach der Einführung eines neuen Umgangsformen- und Wertekanons zu reagieren: es lohnt, darüber nachzudenken. Weil es vor allem auch die Eltern in die Pflicht nimmt.
Kürzlich berichtet die „Neue Zürcher Zeitung“ über verschiedene Ansätze, den Schweizer Kindern wieder Manieren beizubringen. Eine Managementtrainerin bietet etwa in einem
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Never get lost in Barcelona
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| 04/06
| Presse-Kommentar
Vor den Karrierefrauen: Eine britische Professorin löste eine erregte Feminismus-Debatte aus. Allerdings mit perfiden Thesen.Ein britischer Magazin-Artikel hat über Großbritannien hinaus zu einer hitzigen Debatte über die gesellschaftliche Rolle der Frauen und die Folgen ihrer Veränderung geführt. Diese Debatte zeigt unter anderem, wie verdammt notwendig ein streitbarer Feminismus nach wie vor ist. Eigentlich würde man meinen, Feminismus werde überflüssig, wenn Frauen erst paritätisch an der Macht sind, wenn ihre Chancen und Gehälter denen der Männer entsprechen. Das Gegenteil ist der Fall: Im Augenblick, in dem die erfolgreiche Karrierefrau kein seltenes, schutzwürdiges Phänomen mehr ist, sondern Normaliät, wird sie offensichtlich pronto als Gefahr wahrgenommen: Die britische Autorin Alison Wolf („Does Education Matter?“) etwa sieht durch die Karrierefrauen, grob gesagt, den Fortbestand der Menschheit gefährdet.
In ihrem Essay „Working Girls“ im britischen „Prospect Magazine“ hat Wolf, Professorin für
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| 04/06
| Presse-Kommentar
In der deutschen Gebärdebatte hat die „Zeit“ jetzt die Schuldfrage geklärt. Die Natur wars.Die deutschen Feuilletons sind immer noch voller Gebärdebatte, Frauen gegen Männer und umgekehrt. Wobei man nicht immer den Eindruck hat, dass alle von der gleichen Sache sprechen. Das Problem haben wir in Österreich auch.
In der letzten „Zeit“ etwa antwortete Ulrich Greiner auf die Mutterschaftsentzauberung, die Iris Radisch zuvor veröffenlicht hatte: In ihrem Text „Der Preis des Glücks“ kritisierte die Literaturkritikerin, dass jungen Frauen gerade das Kinderkriegen diktiert werde, ohne auch je auf die Nachteile hinzuweisen. Denn natürlich sei das Mutterglück mit einem massiven Arbeitsaufwand verbunden, welcher nun mal mehrheitlich an den Frauen hängenbleibe.
Eine Frau, die Kinder bekommt, müsse, schreibt Radisch richtig, ihr Leben ändern, ein Mann nicht. Ein Mann, der ein Kind bekommt, könne sich auch weiter selbstverwirklichen, eine Frau nicht. Und: Ein Vater sei ein Vater, so lange es ihm Spaß macht, danach „kann er für sein
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| 04/06
| Kehlmann, Dylan, Barry White, u.a.
„Nimm das Pferdchen, das den Wagen lenkt, oder die Biene, die uns Honig schenkt, Kühe und Schafe und den Hund bei uns zuhaus. Ich red von Tieren, wie sie jeder kennt, sie leben um uns, doch sie sind uns fremd, so wie der Storch, die Schnecke und die Fledermaus. Sie sieht so anders aus. Das sind die Tiere um uns, leben ihr Leben, unzählige Arten sehen dich an. Tiere um uns, was wärn wir ohne sie. Tiere um uns auf dem blauen Planeten, leben in ihrer eigenen Welt. Tiere um uns, was wärn wir ohne sie. (...) Hey, Tier!“
Blumfeld: Tiere um uns (2006)Da verblödet einer unter den Augen der Popkritik, und der fällt gar nichts auf. In „spiegel.de“ liest man, das neue Blumfeld-Album „Verbotene Früchte“, das nächste Woche erscheint, sei „das Wichtigste, das Tröstlichste und das Herrlichste, was einem in diesem Jahr passieren kann.“ Gut, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schöpft einen winzigen Verdacht, möchte es aber nicht so recht zugeben: „Keine Frage, es sind wunderbare, im wörtlichen Sinne zeitlose Lieder auf dieser Platte, doch um gerade dies nun als Tabubruch, als Feier eines längst ferngerückten Naturverhältnisses, als Traum einer Wiederversöhnung von Welt und Bewußtsein zu verstehen, dazu müsste Otte Normalhörer wohl bis zum Schädel-Hirntrauma an der Reflexionsschraube drehen“, schwurbelte der FAZ-Kritiker über das neue Blumfeld-Album. Um es reflexionsschraubenfrei zu sagen: „Verbotene Früchte“ ist nicht nur das schrecklichste Blumfeld-Album ever, es ist vielleicht das schrecklichste deutschsprachige Album überhaupt, das Gesamtwerk von Heintje, Modern Talking und den Wildecker Herzbuben eingeschlossen; es enthält noch traurigere Scheiße als „Wo bist du, mein Sonnenlicht“, von der Grup Tekkan, und das ist sehr sehr traurige Scheiße.
Dieses Urteil mag etwas exzessiv erscheinen, resultiert aber natürlich daraus, dass Blumfeld mal exzessiv gut waren. Blumfeld waren das großartigste, intelligenteste, interessanteste, das privat grenzwertigste, das politisch im optimalsten Sinn korrekteste, das kompromissloseste und einflussreichste, das man im deutschen Lied je gehört hatte. „Self-indulgent, verquält, extrem unlocker“, konstantierte Diedrich Diedrichsen 1992 respektvoll. Es war: neu, neu, neu. Das gabs: noch nie. Der gesellschaftliche Diskurs bekam durch Blumfeld einen Sound, der Mauerfall und seine Folgen für das Individuum wurden Poesie, der gute Deutsche kriegte ein Gesicht: das etwas verkniffene Antlitz des sensiblen jungen Sängers und Poeten Jochen Distelmeier. Von Anfang bis Ende der Neunziger Jahre waren Blumfeld so gut, dass man bei jedem neuem Album, nach jedem Konzert tagelang auf dem Bauch liegen und die Großartigkeit dieser Band preisen wollte.
Es zeigt sich jetzt allerdings, dass ziemlich viele Kritiker nicht wieder auf die Beine kamen, was daran liegen mag, dass auch Popkritiker älter werden. Oder daran, dass ihnen der brutale Schmerz darüber, wie schockierend schlecht, wie karnevalesk lächerlich etwas derart Brillantes wie Blumfeld zu werden im Stande sind, einfach das Bewusstsein geraubt hat. Weil natürlich: Da wird einem ein Stück eigener Geschichte zertreten. Und so will man verdrängen, dass dem gottgleich verehrten Diskurskursleiter Jochen Distelmeyer offenbar das Hirn irgendwo zwischen Hamburger Schule und beschaulicher Familienidylle weich geworden ist.
Denn früher hat Distelmeyer nicht nur einmal den besten deutschen Song geschrieben, den man je gehört hat. „Einen Texter von seinem Rang sucht man in Deutschland lange“, schrieb Diedrichsen schon 1991 zur ersten Blumfeld-Single, und er hatte noch jahrelang Recht. So findet sich auf dem bis heute mitreißenden Debüt-Album “Ich-Maschine“ (1992) der vielleicht intensivste Song der deutschen Befindlichkeitsgeschichte: „Lass uns nicht von Sex reden“, punkiges, postkoital verwirrtes Herumgehirne, über lärmigen, sonic-youthigen Garagennoise-Schleifen. 1994 dann ein Arschtritt von einem Album, „L´Etat et Moi“, politischer Diskurspop auf allerhöchstem Niveau, die Zustände umkreisen das Individuum, das Individuum umkreist die Zustände, alles Private natürlich brutal politisch und umgekehrt. 1999 schlug „Old Nobody“ sanftere Töne an, hatte aber noch nichts dementes, war, ist ein prima Album, auch wenn man nun bemerkt, dass, aha, Distelmeyer damals schon anfing, von weißen Pferden zu fantasieren. In „Testament der Angst“ (2001) war der Wurm dann schon drin. Obwohl das noch ein prächtiges Ding war: hervorragende Songs drauf, „Graue Wolken“ schaffte es sogar in die Charts und brachte die Band in „Top of the Pops“, aber am Schluss schon tüchtig Tiere. 2003 wurde es mit „Jenseits von Jedem“ dann richtig übel. Furchtbare Texte, lyrisch auf dem Niveau von Xavier Naidoo („Gib nicht auf - es kommt ein neuer Morgen / lass es raus - den Schmerz und Deine Sorgen“), doof, verwechselbar, beängstigend, aber die Kritik schrieb: „Da ist Vertrauen in das eigene Können eingekehrt“ (Rolling Stone). „So ziemlich die beste Platte, die Deutschland in diesem Sommer passieren kann.“ (FAS)
Zu Recht höhnte Schriftsteller Benjamin Stuckrad-Barre 2004 im „Rolling Stone“, dass die Popkritik Blumfeld „mit lallendem Dauerlob einseift und schlicht und skandalöserweise ihren Beruf nicht ausübt“. Stimmt noch immer.
Was man gerade hofft: Dass Distelmeyer uns Kritiker mal so richtig verarschen will. Dass er jetzt dann gleich in einem Interview sagt: Übrigens, versteckte Kamera! War gar nicht das echte Album! Wir wollten nur mal sehen, was reingeht! Vermutlich hofft man vergebens. Natürlich kann man – und wir guten Onkel und Tanten von der Popkritik machen das gern - darüber reden, was Distelmeyer uns sagen will, wenn er Apfelsorten aufzählt, Freunde für Tiere sucht, wenn er Teil einer Schmetterlingsbewegung sein will („Immer weiter, kleiner Falter, flieg!“), oder wenn ihm ein Achterl abgeht, weil der Schnee gar so geil unter seinen Füßen knirscht.
Ja, selbstverständlich hat auch die neue Lust an der Biederkeit ein Recht auf einen eigenen Soundtrack. Und wie man hört, ist Distelmeyer kürzlich Vater geworden, aha; wir vermuten: er lebt nun am Land. Schön. Aber wenn die Platte zur Spießerdebatte unbedingt von Blumfeld sein muss, dann erwartet man sich schon was anderes, weil die Verspießerung ja eine Sache ist, um die ein Individuum prima kreisen könnte, da gäbe es einiges zu behirnen, zu abstrahieren, zu ironisieren. Und wie die Hamburger-Schule-Vertreter „Die Sterne“ mit ihrem großartigen neuen Album „Räuber und Gedärm“ eben bewiesen haben, kann man durchaus älter und Vater werden, ohne völlig zu degenerieren.
Dazu müsste man allerdings, was Distelmeyer verweigert, kurz mal auf professionelle Distanz gehen zum eigenen Dasein, und in jenem des Blumfeld-Sängers spielen Kinderbücher und das Herumtollen in der Natur offenbar gerade eine zentrale Rolle. Und das Private ist bei Distelmeyer nicht mehr poltisch, es ist nur privat; die Idylle wird nicht mehr hinterfragt, sondern abstraktionsfrei gelebt und verarbeitet: „Er ist der Apfelmann, Baby.“ Ja, er ist wirklich der Apfelmann, Baby; nur noch.
(profil, sonntagszeitung, april 06)
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| 04/06
| Falter-Kolumne
Das muss schneller gehen. Ich muss raus, ich brauch ein neues Rad. Und ich muss bis zwölf raus. Denn wie ich gestern mit Commandantina Dusilova beim Lunch im Palmenhaus saß und wir über dies und das und Talkshows und Fahrraderwerb konversierten, sagte ich mit den roten Backen der Gerechten, dass ich, nein, mein neues Rad nicht in einer Großhändlerfiliale kaufen werde, nein, sagte ich strahlend, ich unterstütze den Einzelhandel, ich will belebte Innenstädte und ein florierendes Kleingewerbe und wohlgenährte Kleinunternehmerkinder, ja. Nachdem ich vor dem Palmenhaus auf Dusilovas Rad eine Runde gedreht und die Stoßdämpfer bewundert hatte, schwang ich mich auf meine alte Kraxn und radelte
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| 04/06
| Falter-Kolumne
Das Osterwochenende verbrachten wir mit Freunden auf einem Bauernhof; wir hatten drei Flaschen Wein mit, zwei Flaschen Prosecco und zwei 6er-Tragl Bier, aber das Duschgel und die Zahnbürsten für die Kinder hatten wir vergessen. Plus das ganze Zeug, dass ich für die Osternester besorgt hatte. Das bedeutet entweder, dass wir Alkoholiker sind, denen die Fähigkeit, eine Tasche fürs Wochenende zu packen, abhanden kam. Oder dass uns ein einfaches Wochenende am Land massiv überfordert. Letzteres gilt uneingeschränkt für die Kinder, denen man beim Waldspaziergang ständig
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| 04/06
| Falter-Kolumne
Von Murakami hab ich immer noch nichts gelesen, aber am Sonntag, vor der Nachmittagsvorstellung vom „Räuber Hotzenplotz“ in einem kleinen Vorstadt-Kinocenter, stecke ich meinen Kopf vollständig in eine Magnum-Popcorn-Tüte und stehe einfach herum wie eine ganz normale One-Minute-Sculpture von Erwin Wurm. Entschuldige, was MACHST du da?, fragt Mutter Hofinger. Die Fellners, sage ich, hinter dir. Nun ist die Chance, dass die Fellners meine Visage erkennen, gleich Null, trotzdem: Man will ja kein Risiko eingehen. Weil typisch. Extra gehe ich nie an Orte, wo ich Leute treffen könnte, die Gründe haben, mich zu ohrfeigen; aber kaum
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| 04/06
| Tagesanzeiger-Kolumne
Ins Restaurant kommen wir so gut wie nie. Also mit den Kindern. Zuletzt haben wir es versucht, warte mal, das muss über ein Jahr sein. Sie rannten durchs Lokal, bliesen alle Kerzen aus, schütteten Orangensaft quer übers weisse Tischtuch und beschimpften ihre Pasta: Was ist das grausliche Grüne da?? Die Kellner waren unglaublich nett. Der Lange und ich genierten uns fürchterlich. Danach nahmen wir die Kinder nie wieder abends mit in ein Restaurant. Wir essen jetzt zuhause.
Einige unserer Bekannten sind aber der Meinung, das Leben müsse auch mit Kindern genauso weitergehen wie vorher. Sie finden, dass es notwendig sei, die Gesellschaft
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