Doris Knecht
| 04/06
| Tagesanzeiger-Kolumne
Ins Restaurant kommen wir so gut wie nie. Also mit den Kindern. Zuletzt haben wir es versucht, warte mal, das muss über ein Jahr sein. Sie rannten durchs Lokal, bliesen alle Kerzen aus, schütteten Orangensaft quer übers weisse Tischtuch und beschimpften ihre Pasta: Was ist das grausliche Grüne da?? Die Kellner waren unglaublich nett. Der Lange und ich genierten uns fürchterlich. Danach nahmen wir die Kinder nie wieder abends mit in ein Restaurant. Wir essen jetzt zuhause.
Einige unserer Bekannten sind aber der Meinung, das Leben müsse auch mit Kindern genauso weitergehen wie vorher. Sie finden, dass es notwendig sei, die Gesellschaft
an Kindern in all ihren Facetten teilhaben zu lassen, und die Kinder an allen Facetten der Gesellschaft. Ich bin auch der Meinung, dass die Präsenz von Kindern in vielen sozialen Bereichen selbstverständlich werden muss. Aber in manchen Orten und zu gewissen Zeiten haben Kinder nichts verloren.
Einjährige gehören nicht ans Open-Air-Konzert. Zweijährige nicht abends ins feine Restaurant. Dreijährige nicht in Filme ab sechs und Vierjährigen nichtt in laute, verrauchte Lokale. Das schafft nicht familienfreundlicherer Normalitäten, es ist eine Zumutung. Erstens, zweitens, drittens für die Kinder. Viertens werden Kinder in solchen Situationen schnell eine Zumutung für alle andern.
Oft frage ich mich: Warum bekommen Leute Kinder, wenn es ihr Leben nicht verändern soll? Denn bei allem, was du vorher übers Kinderhaben nicht wissen kannst, eins müsste dir doch klar sein: So gehts garantiert nicht weiter. So wie bisher bleibt es nicht. So kanns nicht bleiben, und eigentlich: Solls ja auch nicht, denn wenn dir das Kind nicht ungewollt passiert ist (und wenn du, seien wir grosszügig, im Alter von über 25 von einer Schwangerschaft überrascht wirst, hast du ein massives Realititätstauglichkeitsproblem, denn was rauskommt, wenn Bumbum ohne Schutz, das weisst du doch schon, seit du neun bist ), wenn du ein Kind also nicht verhinderst, wenn du es akzeptierst: Dann hast du dafür ja einen Grund. Irgendwas fehlt dir noch. Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Du willst noch mehr. Du willst noch was anderes. Du willst Überraschung, du willst Perspektivenänderung, du willst eine Verantwortung, die über dieses Portfolio und jenes Projekt hinausgeht. Du willst ein anderes Leben.
Wenn du aber kein anderes Leben, dein Leben nicht ändern willst, wenn dein Leben dir gefällt, genauso wie es ist, wenn dir nichts fehlt und du gerne sechs Mal die Woche bis Mitternacht in einem Restaurant mit Tischtüchern und Kerzen dinieren willst: Dann krieg doch einfach kein Kind. Ist ehrlich total okay für alle.
(tages anzeiger, 7.4.06)