29.04.06

Das wird das Vater-Tochter-Verhältnis nicht optimieren.

Doris Knecht | 04/06 | Tagesanzeiger-Kolumne

Der Lange zielt, schiesst, der Ball springt vor dem Kind auf und dem Kind an die Stirn, bong. Oje. Das wird das Vater-Tochter-Verhältnis nicht wesentlich optimieren. Das Kind brüllt augenblicklich los, und aus einer gewissen Erfahrung heraus lässt sich jetzt mehrererlei prophezeien: Es wird damit so bald nicht aufhören, da kann der Lange sich, womit er im Moment beginnt, noch zehn mal vor dem Kind in die Wiese werfen, und er kann auch noch tausend Entschuldigungen stammeln: Das Kind ist empfindlich, und das Kind ist nachtragend, sehr sehr nachtragend. Jetzt liegt es wimmernd auf dem Rücken, kleine, verzweifelte Schluchzer entfahren seiner Kehle, dazwischen trostloses Geheul: es ist entsetzlich misshandelt und verletzt worden, und es wird nun gewiss nicht mit dem Verursacher seines Schmerzes über Reparation verhandeln, weg. Ein Vermittler muss her, die Mutter muss her. Weil ich mein Kind kenne, hab ich beim ersten Brüller Moritz von Uslars kollossal erstklassigen Roman „Waldstein oder Der Tod des Walter Gieseking am 6. Juni 2005“ fallen gelassen und bin längst unterwegs, um zu trösten und um den Graben zwischen Vater und Kind so weit wie möglich wieder zuschaufeln.

Er hats ja nicht mit Absicht gemacht. (DOOOCH! HAT ER! ICH HABS GENAU GESEHEN!) Nein, hat er nicht. (HAT ER DOCH!). Hat er nicht, mit Bällen kann er nicht so. (ABER ER HAT GENAU IN MEIN GESICHT GESCHOSSEN! GAAANZ FEST!) Dass er dein Gesicht getroffen hat, beweist nur, dass er ganz woanders hingezielt hat. Dein Vater hat noch nie mit einem Ball etwas getroffen, auf das er gezielt hat. Manchmal trifft er noch nicht mal den Ball, weisst du doch. Tuts noch weh? Wo genau? Soll ich Heileheilesegen singen?

Fussball spielt im Leben des Langen eine extrem untergeordnete Rolle, theoretisch wie praktisch. Das war mit ein Grund warum der Lange von Beginn an um Töchter gefleht hat; wenn schon unbedingt Kinder her müssen, dann lass es Mädchen werden, Gott: Die schmusen und lesen gern, prügeln sich nicht und interessieren sich nicht für Bälle. Alles so nicht wahr natürlich, aber im Unterschied zur Fussballleidenschaft ihres Freundes Oskar beschränkt sich die Fussballleidenschaft von Bubenmädchen Rosa darauf, im coolen Juventus-Dress auf der Couch zu liegen, Schienbeinschoner inkl. Auf Ballkontakt dagegen reagiert sie wie ein Mädchen. Also wie ein Mädchen aus dem letzten Jahrtausend: auaa! Und die kommende Fussball-WM begeistert sie nur insofern, als es jetzt im Supermarkt  Fussballförmiges Glacé und Fussballlollis gibt. Den Fussballdress trägt sie zum Bücheranschauen.

Das hat sie vom Langen. Der liest auch lieber. Und weil wir grad dabei sind: Den Moritz von Uslar lesen Sie mir bitte unbedingt. Auch wenn Sie sich, wie bislang ich, immer eher gedacht haben: eiler Tor, dieser Uslar. Der immer mit seinen 100-Fragen. Und jetzt will der auch noch Literatur sein. Und was passiert? Das Buch ist fantastisch gut. Inhaltlich genau am Jetzt, sprachlich exakt State of the art. Besser kann man momentan nicht formulieren; besser kann man den Ton des hippen, schicken, gerade nicht mehr adolszenten Deutschland gar nicht treffen, die Komik unabwendbarer Verspiesserung Komik nicht beschreiben. Und es kommt kein Fussball vor.

(tages anzeiger, 29.4.06)
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