Doris Knecht
| 04/06
| Presse-Kommentar
Sollen unseren Kindern wieder Manieren beigebracht werden? Es spricht vieles dafür.Haben unsere Kinder keine Manieren mehr? Und würde es was ändern, wenn sie wieder welche hätten? In der Schweiz scheint man momentan zum Schluss zu kommen: ja. Vor allem auch angesichts dessen, was an deutschen Schulen derzeit passiert, wieviel Gewaltbereitschaft unter Heranwachsenden Usus ist. Und auch wenn es im ersten Augenblick etwas naiv wirken mag, auf gewalttätige Jugendliche mit der Forderung nach der Einführung eines neuen Umgangsformen- und Wertekanons zu reagieren: es lohnt, darüber nachzudenken. Weil es vor allem auch die Eltern in die Pflicht nimmt.
Kürzlich berichtet die „Neue Zürcher Zeitung“ über verschiedene Ansätze, den Schweizer Kindern wieder Manieren beizubringen. Eine Managementtrainerin bietet etwa in einem
Restaurant Benimmkurse für Kinder ab sechs an, die wieder kultivierte Tischsitten lernen sollen. Das wirkt im ersten Moment wie ein Minderheitenprogramm, das Luxusproblem einer privilegierten Kleingruppe auf der Suche nach dem perfekten Kind. Aber eigentlich ist daran vor allem eins problematisch:Dass hier mal wieder Erziehungsarbeit aus der Elternverantwortlichkeit ausgegliedert wird. Ansonsten spricht bestechend viel dafür, Kinder von klein auf mit Formen und Regeln vertraut zu machen und auch auf deren Einhaltung zu bestehen – es muss sich dabei ja nicht gerade um das korrekte Falten einer Damast-Serviette handeln. Viele Kinder lernen allerdings nicht mal mehr, „bitte“ und „danke“ zu sagen – aber wie will man Jugendliche dazu kriegen, sich an soziale Regeln zu halten, wenn ihre Eltern ihnen als Kinder nie verbindlichen Verhaltensweisen beigebracht haben?
Wie Erwachsene brauchen auch Kinder und Jugendliche eine Rechtsicherheit im Alltäglichen. Sie brauchen – und wollen - verlässliche Strukturen, fixe, vernünftige, nachvollziehbare Regeln. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass auf A zuverlässig B folgt, und dass Vergehen angemessen sanktioniert werden. Also neuer Kinderdrill? Nein.
Aber sollten wir unsere Kinder wieder konsequenter erziehen? Auf korrekte Umgangsformen, auf ein Minimum an Disziplin, auf Bitte und Danke und eine Mindest-Höflichkeit Wert legen?
Ja. Es spricht vieles dafür. Denn die Zeit, in der elterliches Beharren auf Umgangsformen und Disziplin zu Recht als konservativ, ja reaktionär galt, ist schon zwanzig bis dreissig Jahre vorbei: In den 1970ern war es notwendig, einen antiautoritären, gemeinschaftlichen Erziehungsstil gegen das autoritative System der Kriegs- und Nachkriegszeit zu stellen, sich als Väter und Mütter vom strengen, körperfeindlichen Erziehungsbegriff der Elterngeneration zu emanzipieren.
Jetzt erfordern die Zeit und die Umstände etwas anderes. Es geht nicht um einen neue, rigorose Kinderdressur: Es geht darum, Kindern Sicherheit zu bieten, sie mit Werten vertraut zu machen und zu rücksichtsvollen, sozial kompetenten Menschen zu erziehen. Und das ist in erster Linie Aufgabe der Mütter und Väter: die ihren Kindern Vorbild sein müssen – und Respektsperson.
(presse, 27.4.04)