14.04.06

Heiß hier

Doris Knecht | 04/06 | Arbeit & Wirtschaft | Falter-Kolumne | Kunst & Kultur | Prost Mahlzeit

Das muss schneller gehen. Ich muss raus, ich brauch ein neues Rad. Und ich muss bis zwölf raus. Denn wie ich gestern mit Commandantina Dusilova beim Lunch im Palmenhaus saß und wir über dies und das und Talkshows und Fahrraderwerb konversierten, sagte ich mit den roten Backen der Gerechten, dass ich, nein, mein neues Rad nicht in einer Großhändlerfiliale kaufen werde, nein, sagte ich strahlend, ich unterstütze den Einzelhandel, ich will belebte Innenstädte und ein florierendes Kleingewerbe und wohlgenährte Kleinunternehmerkinder, ja. Nachdem ich vor dem Palmenhaus auf Dusilovas Rad eine Runde gedreht und die Stoßdämpfer bewundert hatte, schwang ich mich auf meine alte Kraxn und radelte mit Freude im Herzen zum tapferen Einzelhändler, wo ich vor verschlossener Tür stand, denn der Einzelhändler macht gern zwei Stunden Mittagspause. Das muss schneller gehen. Ich muss Wäsche waschen. Der Lange beklagte heute mit den roten Backen des Gerechten, dass seine Hemden schon wieder nicht gewaschen sind, und könnte ich mal kurz um mich blicken? Er hat auch viel Arbeit und trotzdem wate ich nicht im Müll? Er hat, was nicht gut ist und verlässlich bestraft wird, Recht. Denn während bei uns sonst Kinder, Kochen, Aufräumen, Einkaufen und Rumbrüllen ziemlich fiftyfifty verteilt ist, ist der Lange vollumfänglich für den Müllabtransport zuständig und ich vollumfänglich für die Wäsche: Ich schlepp nicht gern tropfende Müllsäcke die Stiegen runter, der Lange ist im Gegenzug farbenblind. Der Wäschenhaufen ist im Moment, nun ja, groß, selbst die Kinder haben sich schon beschwert: lila Rock, Fussballkluft, alles da drunter. Okeoke, ich mach ja schon. Die roten Backen im Palmenhaus hatten aber auch damit zu tun, dass ich schwitzte wie ein Schwein. Finds nur ich viel zu heiß hier? Rundherum wirkten alle trocken und entpannt, aber die waren abends zuvor auch nicht im Winetime, im rhiz, im Chelsea und im WUK gewesen und hatten überall bisschen Bier getrunken. Im WUK, beim Streets-Konzert, benahm ich mich dann im Schutz der Dunkelheit etwas würdelos, uhuuu und jehehe und bisschen Hüpfen inklusive, und das obwohl ich mir erst kürzlich von der „Süddeutsche Zeitung“ sagen lassen musste, ich gehörte zu den „nervtötend orientierungslosen, sich unablässig selbst beobachtenden Scheinjugendlichen“, die immer DJ und Rebell bleiben wollen. Das hatte mich natürlich tief getroffen, und ich wollte auch in mich gehen, von der Selbstbeobachtung zur kritischen Introspektion sozusagen, erwachsen werden, Verantwortung übernehmen, nicht immer so peinlich juvenil deppert sein. Dann fiel mir auf, dass ich das eben gerade den ganzen Tag und die ganze Woche und das ganze Jahr und eigentlich seit der Geburt der Kinder und schon vorher getan hatte, und ich fand, dass ich mir jetzt ein Bier oder zwei und einen kleinen Ausflug ins Kindische als Belohnung echt verdient habe. Und ein neues Rad. Ich muss jetzt raus.
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