18.04.06

Ich möchte Teil einer Schmetterlingsbewegung sein

Doris Knecht | 04/06 | Kehlmann, Dylan, Barry White, u.a.

„Nimm das Pferdchen, das den Wagen lenkt, oder die Biene, die uns Honig schenkt, Kühe und Schafe und den Hund bei uns zuhaus. Ich red von Tieren, wie sie jeder kennt, sie leben um uns, doch sie sind uns fremd, so wie der Storch, die Schnecke und die Fledermaus. Sie sieht so anders aus. Das sind die Tiere um uns, leben ihr Leben, unzählige Arten sehen dich an. Tiere um uns, was wärn wir ohne sie. Tiere um uns auf dem blauen Planeten, leben in ihrer eigenen Welt. Tiere um uns, was wärn wir ohne sie. (...) Hey, Tier!“
Blumfeld: Tiere um uns (2006)


Da verblödet einer unter den Augen der Popkritik, und der fällt gar nichts auf. In „spiegel.de“ liest man, das neue Blumfeld-Album „Verbotene Früchte“, das nächste Woche erscheint, sei „das Wichtigste, das Tröstlichste und das Herrlichste, was einem in diesem Jahr passieren kann.“ Gut, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“  schöpft einen winzigen Verdacht, möchte es aber nicht so recht zugeben: „Keine Frage, es sind wunderbare, im wörtlichen Sinne zeitlose Lieder auf dieser Platte, doch um gerade dies nun als Tabubruch, als Feier eines längst ferngerückten Naturverhältnisses, als Traum einer Wiederversöhnung von Welt und Bewußtsein zu verstehen, dazu müsste Otte Normalhörer wohl bis zum Schädel-Hirntrauma an der Reflexionsschraube drehen“, schwurbelte der FAZ-Kritiker über das neue Blumfeld-Album. Um es reflexionsschraubenfrei zu sagen: „Verbotene Früchte“ ist nicht nur das schrecklichste Blumfeld-Album ever, es ist vielleicht das schrecklichste deutschsprachige Album überhaupt, das Gesamtwerk von Heintje, Modern Talking und den Wildecker Herzbuben eingeschlossen; es enthält noch traurigere Scheiße als „Wo bist du, mein Sonnenlicht“, von der Grup Tekkan, und das ist sehr sehr traurige Scheiße.

Dieses Urteil mag etwas exzessiv erscheinen, resultiert aber natürlich daraus, dass Blumfeld mal exzessiv gut waren. Blumfeld waren das großartigste, intelligenteste, interessanteste, das privat grenzwertigste, das politisch im optimalsten Sinn korrekteste, das kompromissloseste und einflussreichste, das man im deutschen Lied je gehört hatte. „Self-indulgent, verquält, extrem unlocker“, konstantierte Diedrich Diedrichsen 1992 respektvoll. Es war: neu, neu, neu. Das gabs: noch nie. Der gesellschaftliche Diskurs bekam durch Blumfeld einen Sound, der Mauerfall und seine Folgen für das Individuum wurden Poesie, der gute Deutsche kriegte ein Gesicht: das etwas verkniffene Antlitz des sensiblen jungen Sängers und Poeten Jochen Distelmeier. Von Anfang bis Ende der Neunziger Jahre waren Blumfeld so gut, dass man bei jedem neuem Album, nach jedem Konzert tagelang auf dem Bauch liegen und die Großartigkeit dieser Band preisen wollte.

Es zeigt sich jetzt allerdings, dass ziemlich viele Kritiker nicht wieder auf die Beine kamen, was daran liegen mag, dass auch Popkritiker älter werden. Oder daran, dass ihnen der brutale Schmerz darüber, wie schockierend schlecht, wie karnevalesk lächerlich etwas derart Brillantes wie Blumfeld zu werden im Stande sind, einfach das Bewusstsein geraubt hat. Weil natürlich: Da wird einem ein Stück eigener Geschichte zertreten. Und so will man verdrängen, dass dem gottgleich verehrten Diskurskursleiter Jochen Distelmeyer offenbar das Hirn irgendwo zwischen Hamburger Schule und beschaulicher Familienidylle weich geworden ist.

Denn früher hat  Distelmeyer nicht nur einmal den besten deutschen Song geschrieben,  den man je gehört hat. „Einen Texter von seinem Rang sucht man in Deutschland lange“, schrieb Diedrichsen schon 1991 zur ersten Blumfeld-Single, und er hatte noch jahrelang Recht.  So findet sich auf dem bis heute mitreißenden Debüt-Album “Ich-Maschine“ (1992) der vielleicht intensivste Song der deutschen Befindlichkeitsgeschichte: „Lass uns nicht von Sex reden“,  punkiges, postkoital verwirrtes Herumgehirne, über lärmigen, sonic-youthigen Garagennoise-Schleifen. 1994 dann ein Arschtritt von einem Album, „L´Etat et Moi“, politischer Diskurspop auf allerhöchstem Niveau, die Zustände umkreisen das Individuum, das Individuum umkreist die Zustände, alles Private natürlich brutal politisch und umgekehrt. 1999 schlug „Old Nobody“ sanftere Töne an, hatte aber noch nichts dementes, war, ist ein prima Album, auch wenn man nun bemerkt, dass, aha, Distelmeyer damals  schon anfing, von weißen Pferden zu fantasieren. In „Testament der Angst“ (2001) war der Wurm dann schon drin. Obwohl das noch ein prächtiges Ding war: hervorragende Songs drauf, „Graue Wolken“ schaffte es sogar in die Charts und brachte die Band in „Top of the Pops“, aber am Schluss schon tüchtig Tiere. 2003 wurde es mit „Jenseits von Jedem“ dann richtig übel. Furchtbare Texte, lyrisch auf dem Niveau von Xavier Naidoo („Gib nicht auf - es kommt ein neuer Morgen / lass es raus - den Schmerz und Deine Sorgen“), doof, verwechselbar, beängstigend, aber die Kritik schrieb: „Da ist Vertrauen in das eigene Können eingekehrt“ (Rolling Stone). „So ziemlich die beste Platte, die Deutschland in diesem Sommer passieren kann.“ (FAS)

Zu Recht höhnte Schriftsteller Benjamin Stuckrad-Barre 2004 im „Rolling Stone“, dass die Popkritik Blumfeld „mit lallendem Dauerlob einseift und schlicht und skandalöserweise ihren Beruf nicht ausübt“. Stimmt noch immer.

Was man gerade hofft: Dass Distelmeyer uns Kritiker mal so richtig verarschen will. Dass er jetzt dann gleich in einem Interview sagt: Übrigens, versteckte Kamera! War gar nicht das echte Album! Wir wollten nur mal sehen, was reingeht! Vermutlich hofft man vergebens. Natürlich kann man – und wir guten Onkel und Tanten von der Popkritik machen das gern - darüber reden, was Distelmeyer uns sagen will, wenn er Apfelsorten aufzählt, Freunde für Tiere sucht, wenn er Teil einer Schmetterlingsbewegung sein will („Immer weiter, kleiner Falter, flieg!“), oder wenn ihm ein Achterl abgeht, weil der Schnee gar so geil unter seinen Füßen knirscht.

Ja, selbstverständlich hat auch die neue Lust an der Biederkeit ein Recht auf einen eigenen Soundtrack. Und wie man hört, ist Distelmeyer kürzlich Vater geworden, aha; wir vermuten: er lebt nun am Land. Schön. Aber wenn die Platte zur Spießerdebatte unbedingt von Blumfeld sein muss, dann erwartet man sich schon was anderes, weil die Verspießerung ja eine Sache ist, um die ein Individuum prima kreisen könnte, da gäbe es einiges zu behirnen, zu abstrahieren, zu ironisieren. Und wie die Hamburger-Schule-Vertreter „Die Sterne“ mit ihrem großartigen neuen Album „Räuber und Gedärm“ eben bewiesen haben, kann man durchaus älter und Vater werden, ohne völlig zu degenerieren.

Dazu müsste man allerdings, was Distelmeyer verweigert, kurz mal auf professionelle Distanz gehen zum eigenen Dasein, und in jenem des Blumfeld-Sängers spielen Kinderbücher und das Herumtollen in der Natur offenbar gerade eine zentrale Rolle. Und das Private ist bei Distelmeyer nicht mehr poltisch, es ist nur privat; die Idylle wird nicht mehr hinterfragt, sondern abstraktionsfrei gelebt und verarbeitet: „Er ist der Apfelmann, Baby.“ Ja, er ist wirklich der Apfelmann, Baby; nur noch.

(profil, sonntagszeitung, april 06)
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» 12.02.08 13:23
jkobster

die beste rezension ever... erstens total wahr, zweitens so unterhaltsam dass ich sie jeden monat einmal les und mich wieder abhau drüber!

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