21.04.06

Rettet die Menschheit!

Doris Knecht | 04/06 | Presse-Kommentar

Vor den Karrierefrauen: Eine britische Professorin löste eine erregte Feminismus-Debatte aus. Allerdings mit perfiden Thesen.

Ein britischer Magazin-Artikel hat über Großbritannien hinaus zu einer hitzigen Debatte über die gesellschaftliche Rolle der Frauen und die Folgen ihrer Veränderung geführt. Diese Debatte zeigt unter anderem, wie verdammt notwendig ein streitbarer Feminismus nach wie vor ist. Eigentlich würde man meinen, Feminismus werde überflüssig, wenn Frauen erst paritätisch an der Macht sind, wenn ihre Chancen und Gehälter denen der Männer entsprechen. Das Gegenteil ist der Fall: Im Augenblick, in dem die erfolgreiche Karrierefrau kein seltenes, schutzwürdiges Phänomen mehr ist, sondern Normaliät, wird sie offensichtlich pronto als Gefahr wahrgenommen: Die britische Autorin Alison Wolf („Does Education Matter?“) etwa sieht durch die Karrierefrauen, grob gesagt, den Fortbestand der Menschheit gefährdet.

In ihrem Essay „Working Girls“ im britischen „Prospect Magazine“ hat Wolf, Professorin für Management und Professional Development am Londoner King´s College, vor den Folgen gewarnt, die fortschreitende Emanzipation und berufliche Gleichstellung der Frauen auf Dauer für die Gesellschaft habe. Im Prinzip: Wer kümmert sich in Zukunft freiwillig und gratis um die Alten, Kranken und Bedürftigen, wenn mehr und mehr Frauen es vorziehen, ihre Zeit in Chefetagen zu verbringen? Und wer kriegt die Kinder?

Denn in den Industriestaaten bedeute es unter den jungen, gut ausgebildeten Vollzeit-Professionisten zum ersten Mal kein Nachteil mehr, eine Frau zu sein, meint Wolf. Das müsste uns Frauen eigentlich fröhlich stimmen, was uns durch drei Konsequenzen, die Alison Wolf daraus zieht, aber gründlich vermiest wird. Denn erstens (erstens!, wohlgemerkt) bedeute es „den Tod der Schwesternschaft“: Das Millennium, in dem Frauen aller Klassen im Prinzip die gleichen Lebenserfahrungen geteilt hätten, sei vorbei; rücksichtlos zerstört, so Wolfs perfide Insinutation, durch die Frauen, die sich diesen identitätstiftenden Erfahrungsüberschneidungen aus egoistischen Gründen entziehen. Zweitens erodiere der weibliche Altruismus, denn diese Vollzeit-Karrierefrauen haben ja keine Zeit mehr, freiwillige und unbezahlte Sozialarbeit innerhalb und ausserhalb der Familie zu leisten. Drittens kriegen die natürlich auch keine Kinder mehr; und wenn, dann delegieren sie deren Versorgung an andere, minderprivilegierte Frauen - was uns wieder zu Konsequenz eins führt: böswillige Entsolidarisierung.

Was in Wolfs Essay so gut wie nicht vorkommt: Männer. Und deren Verantwortung. Genau das wurde in einer hitzigen Feminismus-Debatte, der unter anderem der „Observer“ ein Internet-Forum bot, immer wieder kritisiert: Denn Wolf schiebt ein tatsächlich virulentes Problem – der drohende Zusammenbruch eines unfinanzierbaren Sozialsystems - nicht der Gesamtgesellschaft (also auch den Männern) in die Schuhe , sondern denen, die bislang auf Basis von honorarfreier Selbstausbeutung dafür garantierten, dass das System funktioniert: den Frauen.
Feminismus ist notweniger denn je. 

(presse, 21.4.05)
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