07.04.06

Trag ich eigentlich eine Sonnenbrille?

Doris Knecht | 04/06 | Falter-Kolumne | Kinder und andere Mitbewohner | Kunst & Kultur

Von Murakami hab ich immer noch nichts gelesen, aber am Sonntag, vor der Nachmittagsvorstellung vom „Räuber Hotzenplotz“ in einem kleinen Vorstadt-Kinocenter, stecke ich meinen Kopf vollständig in eine Magnum-Popcorn-Tüte und stehe einfach herum wie eine ganz normale One-Minute-Sculpture von Erwin Wurm. Entschuldige, was MACHST du da?, fragt Mutter Hofinger. Die Fellners, sage ich, hinter dir. Nun ist die Chance, dass die Fellners meine Visage erkennen, gleich Null, trotzdem: Man will ja kein Risiko eingehen. Weil typisch. Extra gehe ich nie an Orte, wo ich Leute treffen könnte, die Gründe haben, mich zu ohrfeigen; aber kaum erörte ich ein bisschen die Herausgeberinwerdung von Uschi Fellner,begegne ich ihr schon in einem Vorstadtkino beim „Hotzenplotz“. Übrigens nicht schlecht, der „Hotzenplotz“. Nicht „Brokeback Mountain“, aber nicht unambitioniert. Sehr tschechisch, ziemlich lustig. Die Kinder hatten allerdings die halbe Zeit die Hände über den Augen. Habt ihr Angst, sollen wir rausgehen? Nahahein. Immerhin sind diese eineinhalb Stunden Kino in dieser Phase der lückenlosen Wochenendverplapperung die friedlichsten außerhalb der Schlafenszeiten, die, windelfreies Schlafen und frühes Morgengrauen sei Dank, auch immer kürzer werden. Es ist halb sechs Uhr früh am Sonntag, und ein Kind heult aus dem Kinderzimmer, weil es sich angebrunzt hat, und während der Lange fluchend aus dem Bett kräult, drehe ich mich gemächlich auf die andere Seite. Weil gestern, viertel vor sechs, bin ich fluchend aus dem Bett gekräult. Solche kleinen Abenteuer sparen sich Kinder selbstverständlich sorgfältig für die Wochenenden auf; unter der Woche schlafen sie gern ein wenig länger, weil wir da gar nichts dagegen hätten, früher aufzustehen. Wir haben nämlich kürzlich beschlossen hat, nicht mehr zu den miesen Eltern zu gehören, deren Kinder ohne Frühstück in den Kindergarten kommen. Beziehungweise zu den depperten, die täglich eine sechs-Euro-Pauschale dafür bezahlen, dass ihre Kinder dann am Jausenbuffet ein Toastbrot mit nichts verdrücken. Mamaaaa? Ja. Liest du? Ja. Mamaaa? Ja. Trag ich eine Sonnenbrille? (Blöde Frage, aber) ja. Warum? (Waruuuum??!!) Weil du mich seit sieben in der Früh wegen der Schsonnenbrille nervst und ich acht Spielzeugkisten nach der blöden Sonnenbrille durchsucht und sie dann in deinem Pu-Rucksack gefunden habe, und danach nochmal unter der Küchenbank und dann in deiner Jackentasche, wie war nochmal die Frage?!? Mama. Wassss. Kannst du mir einen Triceratops zeichnen? Man wird von dem Gefrage wahnsinnig, und ich meine wahnsinnig nicht in einem metaphorischen Sinn. Sondern wahnsinnig im Sinn von wahnsinnig, dass man die Augen zukneift und die Hände auf die Ohren presst und irre Schreie ausstößt und von seinem Lebensgefährten in ein anderes Zimmer geführt und mit einer Decke bedeckt wird; so wahnsinnig. Und dann will man auch nicht Murakami lesen.
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