19.04.06

Wir sind doch alle irgendwie Opfer

Doris Knecht | 04/06 | Presse-Kommentar

In der deutschen Gebärdebatte hat die „Zeit“ jetzt die Schuldfrage geklärt. Die Natur wars.

Die deutschen Feuilletons sind immer noch voller Gebärdebatte, Frauen gegen Männer und umgekehrt. Wobei man nicht immer den Eindruck hat, dass alle von der gleichen Sache sprechen. Das Problem haben wir in Österreich auch.

In der letzten  „Zeit“ etwa antwortete Ulrich Greiner auf die Mutterschaftsentzauberung, die Iris Radisch zuvor veröffenlicht hatte: In ihrem Text „Der Preis des Glücks“ kritisierte die Literaturkritikerin, dass jungen Frauen gerade das Kinderkriegen diktiert werde, ohne auch je auf die Nachteile hinzuweisen. Denn natürlich sei das Mutterglück mit einem massiven Arbeitsaufwand verbunden, welcher nun mal mehrheitlich an den Frauen hängenbleibe.

Eine Frau, die Kinder bekommt, müsse, schreibt Radisch richtig, ihr Leben ändern, ein Mann nicht. Ein Mann, der ein Kind bekommt, könne sich auch weiter selbstverwirklichen, eine Frau nicht. Und: Ein Vater sei ein Vater, so lange es ihm Spaß macht, danach „kann er für sein Kind auch per Bankdauerauftrag sorgen.“ Man sollte dem Glück offen in die Augen sehen“, schreibt Radisch. „Dann sieht man, dass man es nicht umsonst bekommt.“

Da sagt Greiner: Ja, aber. Aber das Problem liege doch auf der Hand, also im Bauch, wo den Männern nun mal die Gebärmutter fehle. Woraus Greiner eine Benachteiligung der Männer durch die Natur ableitet. (Eine beliebte Perfidie: Immer, wenn die Frauen klagen, das sie von der männerdominierten Gesellschaft benachteiligt werden, kontern die Männer mit ihrer Diskriminierung durch die Natur. Was wiederum die tradierte Rollenverteilung und folglich das Patriarchat rechtfertigen soll, an dem am Ende also die Natur schuld ist, gegen die sich zu stellen bekanntlich sinnlos ist. Wir sind doch alle irgendwie Opfer.) Darüber kommt Greiner dann zügig auf die Vorteile, die es hat, eine Gebärmutter zu haben, zusätzlich zum Recht, Hosen zu tragen und  Chef zu werden, erworben durch das Eindringen in Männer-Domänen. Aber dürfen die Männer im Gegenzug Kinder kriegen? Nein. Gemein.

Da holt Greiner zum finalen Schlag aus: „Dabei sehe ich im Gebären und im Stillen, im Wechseln der Windeln und im einschläfernden Wiegen des Babys ein erotisches Erlebnis höchster und seltenster  Art, das ein Mann niemals in derselben Weise wird haben können.“  Erstens: Windelwechseln und Wiegen kann er, dafür brauchts weder Busen noch Gebärmutter.  Zweitens: Wenn Greiner Scheißepopowickeln erotisch findet, dann hatte er wohl nicht nicht allzuviel geilen Sex in seinem Leben; und  – da das ja wohl die Erotik ist, die einer Frau zusteht – ganz gewiss nicht seine Gattin.

Wo Radisch die Doppelbelastung berufstätiger Mütter beschreibt, klagt Greiner, dass Frauen wie seine, die ihr Leben den Kinder widmen, zu „Trotteln der Gesellschaft“ erklärt würden. Das Problem ist: Männer machen sie dazu, Väter wie Ulrich Greiner, die, und nur das kritisiert Radisch, ziemlich oft  verschwinden um wieder Männer zu sein. Die Frauen aber bleiben Mütter. 

(presse, 19.4.06)
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