Doris Knecht
| 05/06
| Presse-Kommentar
Schön, dass die Leute im Internet so mutig ihre Meinung sagen. Unter Psyeudonym halt.Nachdem ich mich letzte Woche die Meinung vertrat, dass es sinnvoll wäre, wenn den Kindern wieder Manieren beigebracht würden, gab es ein paar Reaktionen: Freunde verspotteten mich. Meine Kinder benahmen sich extra schlecht. Ein Leser rief an, um mich auf den Mist aufmerksam zu machen, den Jugendliche jedes Wochenende im Wiener Burggarten hinterlassen (stimmt, und mich regen besonders die Bierflaschen-Scherben rund um die Sandkiste auf). Es gab Leserbriefe. Und es gab ein paar Reaktionen - postings - auf der „Presse“-Homepage: Herr oder Frau „Wow“ hofft, dass mein „neuer alter Ansatz nicht gleich im Keim erstickt“ werde „und die Alt68er noch mal zum Schaden aller zuschlagen“. (Ich denke, letztere Befürchtung ist unbegründet.) Herr
„Cicero“ will „das Kind beim Namen nennen“, denn die „antiautoritäre Erziehung war und ist ein Irrweg!“ Ein Herr „Phyrron“ meint, ich irre. Herr „Jack“ dagegen billigte meine Ansichten und fügte hinzu, dass auf die Vermittlung von Werten wieder mehr Gewicht gelegt werden solle.
Gut, fangen wir doch gleich mit der schönen Tugend an, uns vorstellen. Also: Guten Tag, mein Name ist Doris Knecht, und ich habe eine Meinung. Und wer sind Sie bitte?
Denn was sind das für Manieren, Kritik an den Ansichten anderer feige hinter einem Pseudonym zu verstecken? In welchem Benimmkurs lernt man das? Von den „Alt68ern“ jedenfalls nicht, denn die mögen mit tadellosen Umgangsformen ihre Probleme gehabt haben, aber sie haben ihre Kinder nicht zur Feigheit erzogen, sondern dazu, mutig zu ihren Meinungen und Anschauungen zu stehen.
Das hat man in der Ära Internet leider verlernt, und es kann nicht genug beklagt werden. Viele Medien bieten ihrem Publium auf ihren Homepages die Möglichkeit, zu den einzelnen Beiträgen unmittelbar eine Meinung zu äußern. An und für sich eine schöne, demokratische Sache, dieses Diskussionsangebot, dieser ständige Medienkonsumenten-Stammtisch, dieser fast schwellenlose Dialog zwischen Autor und Leser. Das schafft Bindung, und das ermöglicht den Chefredakteuren ohne teuren Befragungsaufwand permanent zu überprüfen, was ihr Publikum interessiert, was es aufregt und welche Themen es eher kalt lassen. Wogegen im Prinzip nichts einzuwenden ist.
Was diese Internet-Diskussionsforen aber so fragwürdig macht, ist die Möglichkeit der Anonymität. Hier kann jeder alles sagen, sich beschweren, sich mal so richtig auskotzen, über Leute und Gruppen schimpfen, einmal allen Groll loswerden, und ja, auch mal was extrem Unpopuläres äußern oder was politisch ganz Unkorrektes: Völlig gefahrlos, ohne Risiko, ohne Konsequenzen. Denn man bleibt ja immer sicher hinter der Maske eines Pseudonyms – oder mehrerer Pseudonyme.
Dazu hätte ich eine Meinung: Das ist ganz schlechter Stil. Das ist die reine Feigheit. Das ist kulturlos, das ist kläglich. Mein Name ist Doris Knecht: Und wie heißen Sie?
(presse, 4.5.06)