30.05.06

Die Interessenslage könnte sich ändern

Doris Knecht | 05/06 | Falter-Kolumne

Gute Sache, dieser Kiosk, dort lassen sie jetzt Menschen wie dich und mich auflegen, also mich, und ich mach das mit einer Hingabe, die an anderen Leuten verzweifelt wirken würde. Weil, du! Ich war früher auch cool! Das DJ-Pult im Kiosk ist vorne eine Käsequiche- und Schinkenpastetenvitrine, was sporadisch zu Missverständnissen führt: Keine Ahnung, ob da Speck drin ist, ich bin hier der DJ. Plattenaufleger mit einer fragileren Gemütslage würde sowas betrüben, aber meine Peinlichkeitstoleranz ist ja unendlich. Immerhin hat man eine hervorragende Sicht auf die Straße raus, ist so vor potentiellem Publikum gewappnet und kann eventuellen Interessensänderungen mit Umsicht begegnen. Kaum nähern sich von der anderen Strassenseite Menschen, die wie unter dreissig aussehen, reiss ich schon den ollen Marc Lanegan aus dem CD-Player und press Babyshambles rein, weil ihr! Ich weiss, was auf FM4 gespielt wird! Ich kenn mich ziemlich aus! Pete Doherty, bitte. Die jungen Menschen sind entweder längst am Lokal vorbeigezogen, um eine Location mit einem weniger anbiedernden DJ aufzusuchen oder sie kommen rein und verlangen direkt was von Matisyahu oder I AM X, was ich nicht habe und nicht kenne, wasss? Wie buchstabiert man das? Und sehe ich aus wie ein Wunschkonzert?

Immerhin, haben das alle bemerkt?, hat sich letztes Mal ein erstklassig junger und hübscher Bursch endlos mit mir unterhalten, dabei mit all seinen makellosen Perlenzähnen gelächelt und nonchalant die Konversationspausen hingenommen, die entstanden, wenn ich in meinem CD-Haufen nach Musik mit geringstmöglichem Jungmenschen-Vertreibungspotential wühlte. War der Nachbarsbub aus meinem Heimatkaff, vermutlich von der Ilse, seiner Mutter, angestiftet, jetzt geh doch mal da hin, die freut sich bestimmt. Das brauchen Sie aber nicht zu wissen, sondern nur, dass bis vier Uhr früh Menschen körperlich anwesend waren, gegen halb drei wollte mich einer sogar heiraten, aber nicht der Helmi: der kam um zehn vor zwölf und ging um fünf vor zwölf, weil ich solle doch bessere Musik spielen. Ma bitte.

Ein anderer Herr aber schenkte mir eine nur ganz leicht defekte Mini-Discokugel, die anderntags von zwei Vierjährigen enteignet wurde und jetzt im Kinderzimmer baumelt, ich soll ausrichten, danke: danke. Und, ach ja, der olle Baumgartner war da, neuerdings Strahlemann Baumgartner, denn Baumgartner wurde vor Wochen im Alter von 48 Jahren unbeabsichtigt zum ersten Mal Vater, sabbert jetzt permanent vor Glück und findet, ich solle doch nicht immer so negativ übers Kinderhaben schreiben. Das sei doch verrückt schön. Das sei doch unheimlich beglückend, wenn so ein Baby gaga macht und grugru, derlei. Warum ich denn das nie erwähne. He, Sie! Das ist, falls ich es noch nie erwähnt habe, übrigens unheimlich beglückend, was Babys so machen! Und Kinder überhaupt. Und, Sie: davor war ich im Fall mal relativ cool.

(falter 21/06)
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