08.05.06

Einmal schlafen noch

Doris Knecht | 05/06 | Falter-Kolumne

Erstens duschen, zweitens Wäsche aufhängen, drittens den Zahnarzttermin der Kinder absagen, halb vier, das geht sich auf keinen Fall aus, wenn um fünf das Gepäck abgeholt wird. Das Gepäck. Da es von der Bahn abgeholt wird, darf es etwas mehr sein, aber wieder nicht so viel als würden wir den Autoreisezug nehmen, wo der Autokofferraum faktisch der Koffer ist, was für Mutter jetzt ungefähr bedeutet: vier Paar Schuhe statt zwei aber nicht sechs, die, die ich anhaben werde eingerechnet. Oder doch nicht.

Drei a), ausser Plan, dem Langen, der das Volk in den Kindergarten gebracht hat und jetzt im Flur draussen auf eine Weise flucht, die den Kindern wochenlanges Fernsehverbot einbringen würde, das Velo aufpumpen: der Mann kocht super und bringt ein ziemlich einwandfreies fiftyfifty-Programm, aber das Talent im Technischen ist bei dem in einem Masse unterentwickelt, das mit dem Begriff Vollpfeife überaus unzureichend charakterisiert ist. Es existiert kein Wort für so viel technische Blödheit. Da geht verdammte Dreckscheisse keine Luft rein!!! Lass mich mal sehen, Schatzi. Aha. Schau, zuerst schraubst du das obere Dingens runter, dann öffnest unten dieses kleine Schräubchen, nein, das macht nichts, wenn da ein bisschen Luft rauspfpft, dann schraubst du das obere Dingi wieder rauf, dann steckst du die Pumpe drauf, fixierst sie mit dieser Klappe und Halleluja, ist das nicht verblüffend. Der Lange besitzt sein Velo nun wie lange, warte mal, zwölf Jahre, und genausolange wiederholen wir exakt dieses Spiel jedes Frühjahr.

Jetzt aber viertens schnell an den Schreibtisch und das Tagwerk beginnen, was hab ich denn da gestern abend zusammengedichtet und wie mach da wei.... Vier a) den Langen beruhigen, der mit so einem Bitte-hau-mich-nicht-Lächeln in der Tür steht und beteuert, dass er diesen grossen neuen Tontopf so bald wie möglich ersetzen wird, da der beim Versuch, das Rad aus dem Flur raus und ins Stiegenhaus zu kriegen, irgendwie in den Aggregatszustand der Mehrteiligkeit überführt wurde. Schon gut, ich brauch Moment eh keinen, schönen Tag dann!, und dabei fällt mir ein, dass ich, vier b), schnell noch die Pflanzen am Balkon giessen und, vier c), auf der Liste hinter 34. „packen“ noch 35. „Tomaten düngen“ anfügen muss, weil auch das eine Sache ist, die ich dem Langen, wenn ich mit den Kindern jetzt eine Woche am Land bin, nicht zumuten will. Kann. Sollte; um der Tomaten willen.

Zurück zu viertens, da wird es am besten sein, wenn ich das von gestern alles lösche und von vorne beginne, aber mit was. Nehm ich eigentlich die neuen Sandalen mit? Oder nicht? Und welche lass ich dafür da? Und wie spät ist es? Halb elf, und ich bin so weit ausser Plan, es wäre schon egal, wenn der Lange nochmal mit einer Überraschung zurückkäme, das geht sich sowieso alles nicht mehr aus. Gestrichen wird jetzt gleich mal: neuntens „Ticket holen“, das mach ich morgen direkt vor der Fahrt; 13. „Haare färben“, 15. „Beschwerdemail an Bezirksvorsteher“, 29. „Mitbringsel einpacken“, das kann ich genausogut vor Ort erledigen, und 35. „Tomaten düngen“, das ist nicht mehr zu schaffen. Das Wichtigste muss jetzt sein, was schreib ich.

(falter 19/06)
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