Doris Knecht
| 05/06
| Falter-Kolumne
Der Bär ist schon weg, aber wir sind noch da und tun, was eine Stadtfamilie beiden Großeltern tut: die Kinder (hier: die armen Stadtkinder) kugeln über den Rasen, freunden sich mit den Haustieren der Nachbarn an und stecken bis zu den Hüften im Schlamm. Mutter sieht allmählich ein, dass es sich bei Miete, Gleichberechtigung und Bankgeheimnis um rein urbane Prinzipien handelt, die man besser vor dem Arlbergtunnel zur Aufbewahrung hinterlegt. Auf all das wird hier wenig praktischer Wert gelegt, wie einfache Konversationen oder ein Besuch in der lokalen Bank- Filiale beweisen. Auch der Bär tat gut daran, Vorarlberg in Richtung Tirol zu verlassen, der Stolz, den Touristen nun auch einen Braunbären als Attraktion anbieten zu können wurde unmittelbar von der Angst um die Vollständigkeit der Touristen abgelöst. Schon nach Stunden wurde das Verhalten des Bären als bärenuntypisch eingeschätzt; man lud bereits die Gewehre. Auf Warnplakaten, die auf einer Baustelle, auf der der Bär vorbeigelugt hatte, vor dem Bären warnen, hat der Bär, ich habs in der VN gesehen, eine eklatante Ähnlichkeit mit King Kong in einem eher unrunden Moment. Probleme werden hier nicht verniedlicht.
In der lieblichen Ebene des Rheintals, eine der hässlichsten Regionen der Welt, spielt der Bär keine größere Rolle, denn hier müssen noch mehr Einfamilienhäuser errichtet werden. Irgendjemand aus der Verwandt- oder Bekanntschaft baut immer gerade, darauf gibt’s Ländle-Garantie. Und darüber macht man als Stadtwohnungsmieter natürlich gerne Witze, naheliegende, aufgelegte Witze, bis man, also bis ich an einem lauen Frühsommerabend vor dem verrückt lässigen Haus meines Freundes Xaver sitze, mitten im fetten grünen Gras. Die Kinder streicheln Geißenbabys und jagen Hühner, nebenan grasen attraktive Kühe, vor mir Blumenwiese, neben mir Blumenwiese, die nächsten schiarchen Fertighäuser bleiben brav in schönheitssinnschonender Entfernung, und am Horizont haben sich die Schweizer Berge in der untergehenden Sonne in einer Pracht aufgefädelt, die selbst eine Zynikerin wie mich komplett schmähstad macht. Und mein Das-will-ich-auch-Reflex lässt sich nur mit allergrößter Anstrengung unterdrücken.
Wie ich am nächsten Tag in der lokalen Bank-Austria-Filiale wegen einem Häuslbauer-Kredit nachfragen will, wird mir die Wartezeit in der Schlange durch eine kleine Unterhaltung versüßt: Die Sachbearbeiterin, die ganz hinten vor ihrem PC sitzt, brüllt dem Schalterbeamten vorne zu: Die Frau X. braucht schon wieder Geld! Der Schalterbeamte, eben damit beschäftigt, einen Ausländer zu duzen, ruft: haha, schon wieder! Die Sachbearbeiterin ruft: Ja, die Frau X. sagt, sie sei pleite! Der Schalterbeamte: Haha!, du da unterschreiben, DA, hab ich gesagt! Das stärkt das Vertrauen ins Bankinstitut, hat in Zeiten der Bawag-Krise eine beruhigend egalisierende Wirkung, und das mit dem Kredit ist natürlich erfunden. In Wirklichkeit hab ich nur meine Steuern bezahlt.