11.05.06

Na dann, Mahlzeit

Doris Knecht | 05/06 | Presse-Kommentar

Während Disney sich aus dem „Happy Meal“ verabschiedet, greift die FAZ die Fernsehköche an. Ausgerechnet.

Wenn es nach Disney geht, gibt es bei McDonnalds demnächst kein „Happy Meal“ mehr, jedenfalls nicht wie bisher mit Spielzeug zuaktuellen Disney-Filmen. Das wird viele Kinder weltweit betrüben, aber meine nicht. Doch, sie kennen das, sie hatten das schon exakt einmal, sie fanden es cool, aber obwohl eine Burger-Bude auf dem Heimweg vom Kindergarten liegt, waren meine Befürchtungen, es würde jetzt täglich davor gezappelt werden, unbegründet: Sie kommen nicht auf die Idee, das Essen dort als eine täglich mögliche Routine zu betrachten. Vielleicht, weil sie es gewohnt sind, dass ihre Nahrungsaufnahme im Wesentlichen aus einem Mittagessen im Kindergarten, sowie Frühstück und Abendessen zuhause am Küchentisch besteht

Daran ist, damit bin ich bekanntlich nicht allein, vor allem Jamie Oliver schuld, der  mich und andere Kochmuffel davon überzeugen konnte, dass das Zubereiten essbarer Mahlzeiten keine Zauberei ist, keine Kunst und keine Sache, die stundenlangen Küchendienst erfordert. Damit ist er verdient reich geworden.

Und in seinem Gefolge weitere Köche und Köchinnen, die es verstehen, ihr Können via Television ans Volk weiterzugeben. Dem Gourmetkritiker der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Jürgen Dollase, gefällt das, wie im Feuilleton-Aufmacher vom letzten Montag zu lesen ist, nicht. Wenig überraschend pickt Dollase unter allen Köchen, die sich jeden Freitag in Johannes Kerners ZDF-Show wichtig machen, ausgerechnet die Frau heraus - attraktiv, selbstbewusst, ausländisch, unverschämt erfolgreich –, um an ihr sein Exempel zu statuieren: Die Österreicherin Sarah Wiener, die in Berlin drei gut gehende Restaurants führt, sei, so Dollase, wie viele andere dieser Köche eine „Geschäftsfrau, die sich mit Essbarem befasst“ und „nicht über ausreichende Kenntnisse“, verfüge. Scheints passt es dem FAZ-Kritiker überhaupt nicht, dass das Kochen jetzt doch keine Geheimwissenschaft ist, beherrscht nur von einer auserwählten Handvoll Alchemisten, vorbehalten einer überschaubaren Elite, die sich den Luxus von Sterneküche auf regelmässiger Basis leisten kann.

Es fragt sich, wie einer darauf kommt, dass das der ursprüngliche Zweck des Kochens sein soll. Durchschnittsesser wie ich dachten immer, das Kochen habe sich aus der Notwendigkeit entwickelt, Menschen gruppenweise satt zu bekommen, möglichst mit dem Mehrwert, dass es auch schmeckt. Die sollen, das unterstellt der FAZ-Kritiker, doch ihre Geschmacksnerven nicht überfordern und lieber sich weiterhin an Würstelstand,  Döner-Bude und im McDonalds verpflegen, mit Fritteusen und Mikrowellen.

Tatsächlich sind die Kochshows etwas vom wenigen Vernünftigen, das das Fernsehen derzeit anbietet. Hier wird mal der Bildungsauftrag erfüllt. Denn angesichts der aktuell 19 Prozent übergewichtigen sechs-bis elfjährigen Amerikaner hat selbst der  Disneykonzert kapiert, dass kein Weg daran vorbeiführt: Der tägliche Fastfoodkonsum bringt die Leute um und muss geächtet werden. Wie schon längst das Rauchen.

(presse 11.5.06)
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