27.05.06

Wie bei Klestils

Doris Knecht | 05/06 | Presse-Kommentar

Die Justizministerin will das Eherecht reformieren: Denn Frauen, die ihre besten Jahre nicht der Familie opfern, sind auch nach der Scheidung keine Opfer.

Justizministerin Karin Gastinger hat wieder eine gute Idee: Sie möchte das Eherecht ändern. Jeder Ehepartner solle, so Gastinger, für seine finanzielle Versorgung selbst zuständig sein. Gatten und Gattinnen, Mütter und Väter sollen auch während der Ehe ihre jeweilige ökonomische Autonomie beibehalten, weshalb, falls diese Ehe geschieden wird, keiner der Partner Anspruch auf Unterhalt hätte.

Die Idee ist gut, das lässt sich ausgezeichnet anhand des Beispiels erörtern, das ÖVP-Justizsprecherin Maria Fekter anführte, um zu beweisen, dass Gastingers Idee miserabel sei. Fekter bemühte das Schicksal der ersten Frau des verstorbenen Bundespräsidenten Klestil. Edith Klestil hatte zugunsten der Karriere ihres Mannes ihre eigene aufgegeben und ihr Leben seinem Wohl und der Erziehung der Kinder gewidmet, und plötzlich waren die Kinder aus dem Haus und der Gatte hatte sich eine Jüngere genommen. Frau Klestil war mit einem Mal ihre Lebensaufgabe beraubt und wäre arm da gestanden, wenn der treulose Herr Klestil nicht vom Gesetz dazu verpflichtet gewesen wäre, seiner Ex-Frau für die 40 Jahre, die sie ihm sozusagen geopfert hatte, tüchtig Unterhalt zu bezahlen.

Maria Fekter möchte mit diesem Beispiel beweisen, dass das derzeitige Eherecht hier für Gerechtigkeit sorge, was kurzfristig und rückblickend betrachtet richtig ist. Karin Gastinger aber blickt voraus und möchte mit ihrer Initative erzwingen, dass Frauen damit aufhören, ihre Karrieren und besten Jahre ihren Gatten, Kindern und Haushalten zu opfern. Und das kann man nur begrüßen.

Wie viele Frauen sind in unglücklichen Ehen gefangen, aus denen sie sich nicht aus eigener Kraft befreien können, weil ihnen die finanziellen Mittel fehlen und das Vertrauen in die Gerichte, die schon dafür sorgen werden, dass der Ex sich auch fortan um die Versorgung von Ex und dgemeinsamen Kinder kümmert? (Nur 52 Prozent der österreichischen Ex-Männer zahlen den Unterhalt für ihre Kinder regelmäßig.) Und wie viele alleinerziehende Mütter sind das Ergebnis dieser Kettenreaktion: Frau gibt Beruf auf (verdient ja weniger), versorgt die Kinder und bekommt sie nach der Scheidung automatisch zugesprochen, weil der Vater gar keine Ahnung vom Kinderversorgen hat? Die Frage, wen das derzeitige Eherecht begünstigt und welches gesellschaftspolitische Ideal es befördert, beantwortet sich von selbst.

Das würde sich ändern, wenn die Frauen auch während Ehe und Mutterschaft ökonomisch autonom blieben: dann verfügten sie zu jeder Zeit über eigenes Geld, dessen selbstverständlicher Erwerb wiederum dazu führen würde, dass die Männer ihre Kinder besser kennenlernen.

Natürlich geht derartiges, und weiß vermutlich auch die Justizministerint, nicht von heute auf morgen. Dafür müssen Rahmenbedingen geschaffen, Strukturen geändert und Übergangsfristen eingeräumt werden. Aber wenn man all das berücksichtigt, ist Gastingers Eherechtsänderungsvorstoß eine wirklich gute Idee.

(die presse, 27.5.06)
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