Doris Knecht
| 06/06
| Presse-Kommentar
Das Rauchen wird in immer mehr Ländern immer stärker geächtet. Gut so. Mittlerweile habe ich ungefähr 105.000 Zigaretten nicht geraucht; 105.000 rote Marlboro, nicht irgendein leichtes Kraut. Das sind, glaub ich, ein paar Kilo Teer, die sich nicht in meiner Lunge ablagerten, und es ist ziemlich viel Nikotin, das nicht in meinen Organismus gelangte. Es ist ein gutes Gefühl. Vor viereinhalb Jahren habe ich mit dem Rauchen aufgehört, und, von den ersten paar Wochen mal abgesehen, bin ich darüber jeden Tag froh.
Ich war eine militante Raucherin. Ich rauchte permanent und, wenn möglich, überall; durchaus rücksichtslos. Ich hielt Rauchen für ein Menschenrecht. In der Früh
rauchte ich, bevor ich die Augen aufschlug, für eine letzte Zigarette stand ich nachts nochmal auf. Irgendwann bemerkte ich, dass mir von den durchschnittlich 60 täglichen Zigaretten höchstens vier oder fünf noch wirklich schmeckten. Als ich schwanger war, versuchte ich, meinen täglichen Zigarettenkonsum auf fünf Stück zu reduzieren, was dazu führte, dass ich den ganzen Tag ununterbrochen nur an die nächste Zigarette dachte, und ob ich es schaffen würde, die Zeit bis dahin ohne Kollaps zu überleben. Nach ein paar schrecklichen Tagen beschloss ich, ganz aufzuhören, mich von der Sucht zu befreien und nie wieder eine Zigarette zu rauchen. Am Anfang war es pickelhart, aber ich habe nie wieder eine Zigarette geraucht. Hin und wieder, nach überstanden Stresssituationen, fehlt mir die Belohnungszigarette, aber sonst nicht. Nie.
Im Unterschied zu vielen anderen militanten Ex-Rauchern, wurde ich nicht zur militanten Nichtraucherin. Ich kann es ertragen, wenn neben mir geraucht wird. In meiner Wohnung dürfen die paar Freunde, die noch rauchen, das auch tun; riecht zwar nicht gut, kann man aber lüften, und es kommt ja nicht jeden Tag vor. Verrauchte Lokale stören mich nicht besonders; obwohl: den Gestank in meinen Kleidern finde ich richtig ekelhaft. Und, gut: Langsam wärs mir lieber, es würde in meiner Umgebung nicht geraucht werden. Langsam wärs mir lieber, niemand würde mehr rauchen.
Langsam wärs mir Recht, wenn das Rauchen überall verboten wäre. Langsam würde ich es begrüßen, wenn das Rauchen weg und abgeschafft wäre, so abgeschafft, dass meine Kinder, wenn sie ins kritische Alter kommen, gar nicht mehr wissen, was das ist: Rauchen. Noch ist das utopisch, aber wenn es mit der allgemeinen Ächtung des Rauchens so weitergeht, könnte es in zwanzig oder dreißig Jahren Realität sein, dass Kinder nicht mehr wissen, wozu das gut war: Zigaretten. Und wie die Menschen massenweise so blöd sein konnten, stinkenden Rauch zu inhalieren, voller Giftstoffe, die krank und tot machten.
Das deutsche Nachrichtenmagazin „Spiegel“ forderte letzte Woche mit einem Raucher-Titel ein „Ende der Toleranz“. Noch vor fünf Jahren hätte ich wütend bestritten, dass ich das je sagen würde – aber 105.000 nicht gerauchte Zigaretten später sage ich: Einverstanden, ich bin dafür.
(Presse, 24.6.06)