27.06.06

Die Dichands waren übrigens auch da.

Doris Knecht | 06/06 | Arbeit & Wirtschaft

Am Sonntag abend finde ich in meiner Mailbox 53 Wobistus in den gängigen Variationen vor, 47 davon von Honzo. Honzo hätte dringend einen Rat gebraucht, aber ich war im Urlaub, was Honzo nicht wusste, weil es mir nicht gelungen war, in meiner Mailbox irgendwas Auto-Reply-artiges einzustellen. Wo bist du?!?! Ich war in Grado, Darling, was ist so dringend? Hab ich vergessen, mailt Honzo, wie wars in Grado?

Für Grado kriege ich unaufgefordert drei Bobo-Punkte gutgeschrieben und rücke auf der Spießerskala einen Platz vor, was mich mit Stolz erfüllt, bis ich erfahre, dass es während meiner Abwesenheit im Freundeskreis zu einem öffentlichen Heiratsantrag gekommen sei. Uaaa. Zehennägelaufroll. Unschlagbar; fünfzehn Plätze vor, Minimum. Trotzdem: Grado. Denn früher hätte Honzo natürlich was in der Art fragen müssen wie: Wie wars in Nha Trang, in Asmara, in Belize-City?

In Grado wars: nett, mal abgesehen davon, dass die Kinder das ganze Strand-Meer-Ding für massiv überbewertet halten. Dabei ist in Grado die Adria ja ungemein kleinkindtauglich, eigentlich: nur kleinkindtauglich, es sei denn, man findet es geil, wenn einem bachlwarmes Wasser noch 200 Meter vom Ufer grade mal gegens Knie schwappt. Die Kinder: Was ist das? Die Eltern: Das Meer! Schön, was? Kind1:
 
Da geh ich aber nicht rein. Die Eltern: Das ist total super! Ganz warm! Gar nicht tief! Kind 1: Nein. Kind 2: Hmm. Die Eltern: Ihr kriegt danach ein Eis. Die Kinder: Wo sind die Schwimmflügel? Zwei Minuten später flüchtet ein Kind heulend aus dem Wasser und brüllt, da geht sie sicher nicht mehr baden, solange wir nicht das Salz und die Wellen raustun! Das ist ja urgrauslich! Und viel zu wild! Meine Güte.

Wir lernen daraus: Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis, dass kleine Kinder und das Meer ein Winning Team seien. Kleine Kinder wollen übersichtliche Becken mit krebsfreiem, blauem Trinkwasser, wie uns schon am ersten Urlaubstag in einem kleinen Referat unmissverständlich klar gemacht wird: Wir wollen ins Kongressbad, und zwar dalli. Sonst noch was? Ja, ein Eis. Aber weil wir richtig miese Egoschweinseltern sind, zeigten wir den Kindern den krebsfreien, blauen Hotelpool am Dach erst am letzten Tag, andernfalls hätten wir die ganze Woche das Meer nur von dort oben aus gesehen.

Apropos gesehen, die jungen Dichands waren auch da, spazierten händchenhaltend durch die Fussgängerzone und joggten entspannt in den Sonnenuntergang. Na bitte, so aufreibend ist das also gar nicht, Herausgeberin einer Gratiszeitung zu sein, die erst ein paar Tage zuvor auch nach Graz expandiert hatte. Oder Chefredakteur der größten österreichischen Tageszeitung, wobei es angesichts des Evahändchenhaltenden Christophs etwas verständlicher wird, warum der „Krone“-Betriebsrat in der selben Woche einen zusätzlichen geschäftsführenden Chefredakteur vorgeschlagen haben soll. Der hatte vielleicht auch ein paar Wobistus in der Mailbox, der kleine Dichand.(Falter 26/06)
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