17.06.06

Es is imma hoibaochte

Doris Knecht | 06/06 | Kunst & Kultur | Prost Mahlzeit | Schuld und Sühne | Zuerich

Haemmerli sagt, ja, und dann grillen wir bei Carmen und später kommt vielleicht noch der Honzo und der Roger und ganz spät der Dings. Ich sag, du, schön, aber ich werd auf jeden Fall zeitig abhauen, schlafen gehen, ich muss morgen um halb acht auf und um neun ausgeruht an diesem Symposion antreten, und Haemmerli sagt, Mensch, Kneeeeeeeecht, wie uncool ist das denn, jetzt sei doch mal nicht immer so sagenhaft langweilig! Ich sagt, du, Haemmerli, weisst denn du überhaupt, was das ist: halbacht? Wie, glaubst du, fühlt sich halbacht an? Wann hast  denn du das zum letzten Mal erlebt: halbacht? Da druckst Haemmerli so rum. Na ja, ok. Hmm.

Kürzlich, als er in Prag war, ist Haemmerli an einem Samstag mal irrtümlich zu früh aufgewacht und hat mich dann um elf angerufen, nur um seiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen, dass er jemanden kennt, den er Samstag um elf anrufen kann. Ts; um elf werde ich schon wieder müde. Aber jetzt ist es halb sieben, Haemmerli und ich sitzen vorm Hotel Greulich in der Abendsonne und trinken (was ich zu dieser Stunde ausschliesslich an meinen raren Zürich-Wochenenden tue, dass das klar ist) Wodka Tonic und gleich nebenan sitzt der chinesische Künstler Wang Du, was mir aber erst klar wird, als ich ihn tags darauf in der Galerie De Pury Luxembourg neben einer seiner famosen „femmes“ wiedererkenne. Ah, toll. Erwin Wurm, der mich jüngst davon in Kenntnis setzte, dass ich gut röche, war mit zwei seiner lässigen Skulpuren vertreten, persönlich aber wegen Krankheit verhindert: dabei hätte ich wieder ganz passabel gerochen. Glaub ich.

So duftete ich dann andere Menschen an, indem ich mich mit Rebecca nach Schlieren begab und mich dort selbst an die Geburtstagsparty zweier freundlicher Filmmenschen einlud, ich wär auch da, ist das eh ok? Ja, ok. Die Party fand in einem Restaurant statt, das mitten im Nichts auf einem Bürohochhaus thront. Sehr schön. Sehr eindrucksvoll. Sehr super Aussicht auf eine von oben betrachtet nicht unattraktive Nutzungsmischung aus Schrebergärtli, Bahngeleisen und Bürotürmen. Sowas gefällt mir; da komm ich mir urban vor. Und da muss ich nun sagen: sowas haben wir in Wien nicht. So ein Restaurant auf so einem Dach in so einer Gegend; und das sollte eine Stadt schon haben, finde ich.

Haemmerli ist übrigens der einzige männliche Schweizer, der sich nicht für Fussball und die WM interessiert, weshalb ich seine Gesellschaft schätze. Als Österreicher muss man ja derzeit im Ausland allerweil als allgemeines Spottdepot herhalten. Dörfed ihr eigetlich nöd a dera Weäm mitschpila? Nein; interessiert uns nicht, was treiben eigentlich eure Schifahrer so? Meine Versuche, vom fussballerinschen Versagen der Ösis abzulenken wirken zugegebenermassen etwas verzweifelt. Immerhin haben wir ein Burgtheater, für dessen Direktion jeder Zürcher Schauspielhausleiter sofort alles fallen lässt, sali, schön wars bei euch. Bloss bringt uns das am Ball auch nicht weiter.

Aber ich greife vor. Denn ich bin ja noch beim Wodka mit Haemmerli, dem zweiten mittlerweile. Wir müssen dann, sag ich, Carmen wartet mit dem Grillgut, wie spät ist es denn? Halbacht, sagt Haemmerli, und ich weiss gar nicht was du hast, das fühlt sich doch prima an.

(tagesanzeiger, 17.6.06)
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