Doris Knecht
| 06/06
| Kinder und andere Mitbewohner
| Mensch & Tier

Um vier lasse ich am Rande der Schwulenwiese die Füße in den Zürichsee hängen, um acht sitze ich in Wien vor meinem Computer und denke über die Fortsetzung der Hundekolumne nach. Das ist nicht leicht, wenn man direkt von einem Gelände kommt, auf dem Badetuch an Badetuch extrem gutaussehendes Männermaterial herumliegt und Muskelmasse präsentiert. Hunde, Kinder und der Vatertag, an den mich der Lange per SMS aus Wien erinnert, spielen dort eine überaus untergeordnete Rolle. Die Kerle verwirren mich so, dass ich meinen Flieger grad noch so kriege, und anderntags ausgeruht in den täglichen Morgen-Infight mit meiner Tochter gehen kann. Das zieh ich nicht an. Dann das. Das zieh ich nicht an. Dann das. Das ziehe ich SICHER nicht an. So, letzte Chance: das. Nein.
Dann brülle ich, sie soll sich doch selber was suchen. Dann schmeißt sie sich heulend aufs Bett. Dann materialisiert sich in meinem Kopf eine Liste von
Dingen, die bis elf erledigt sein müssen, und ich brülle, dass sie sich jetzt anziehen soll! Es ist schon halb neun! Ihr müsst in den Kindergarten! Ich muss arbeiten! Zieh! Dich! An! Dann tut sie das nicht. Und dann, darauf bin ich nicht stolz, krieg ich einen Blutrausch, pack sie und zwäng sie schimpfend in irgendein Gewand, und der Lange, der derweil (das ist der Deal. Dafür krieg ich Kaffee ans Bett) gemütlich geduscht hat, zeigt mir den Vogel und sagt mit einer gewissen Berechtigung, ich sei hysterisch. Das andere Kind wartet längst fertig angezogen an der Wohnungstür, und obwohl ich mir einst, als ich noch Illusionen über meine Mutterqualitäten hatte, geschworen habe, dass ich meine Zwillingstöchter nie miteinander vergleichen würde, dass jede nach ihrem eigenen Charakter eine eigenständige Person sein dürfe, denke ich mir jetzt, Himmel, warum kann die andere nicht auch ein bisschen so sein.
Vielleicht, ich räume das ein, wegen der Gene ihrer Mutter. Und mir ist schon klar, dass wir da in einem Radl sind, aus dem nur ich, die Mutter, uns rausbringen kann. Manchmal, an gelasseneren Tagen, gelingt mir das auch. An anderen nicht, das liegt zuvorderst an der Vereinbarkeitsproblematik, dann an meinem mangelhaften Charakter, der wiederum davon geprägt wurde, dass ich nie einen Hund habe durfte, danke, ich sehe selbst, das das eine ziemlich verzweifelte Überleitung ist. Aber: Also, ich glaube schon, dass es für die soziale Entwicklung eines Kindes sehr gut sein kann, wenn es eine Beziehung mit einem Tier hat, die ja meistens friktionsfreier ist als die Beziehung etwa zur äh Mutter: ein Tier, für das es Verantwortung übernimmt und das dem Kind bedingungslose Zuneigung entgegenbringt und ihm damit das Gefühl gibt, dass es genau so ok ist, wie es ist. Was Eltern ja leider nicht immer schaffen.
Trotzdem finde ich diese neue Pro-Hund-Bewegung merkwürdig, auch wenn sie von Elfriede Jelinek unterstützt wird. Aber hat die nicht einst „News“ erzählt, dass sie sich mit ihrem Hund so schlecht verstand, dass sie ihn dann in Pflege gab? Wenn nicht mal die Hundebesitzer selber mit ihren Tieren zurechtkommen: das scheint mir nicht das beste Argument Pro-Hund zu sein. Das nur als kleiner PR-Tipp.