07.06.06

Ich muss brutal einseitig sein, verstehst du.

Doris Knecht | 06/06 | Falter-Kolumne

Seit Tagen esse ich praktisch nur Salat und muss mir dann von einem Chefredakteur sagen lassen, ich wär ganz schön viel. Wie viel?, sagst du mir grad, ich sei fett? Der Chefredakteur kriegt ganz rote Bäckchen und stammelt, neinein, nicht fett, eher so: präsent, also in einem total positiven Sinn! Präsent, super. Aber positiv ist gut, denn ein anderer Chefredakteur, der kürzlich vom Obezahra-Journalismus zur Verbreitung bunter Botschaften überlief, sagte mir eben, ich solle nicht immer so verdammt negativ sein, negativ sei als Haltung total last season, nur good news seien heute good news. Später meint ein weiterer Chefredakteur, ich solle bitte meine Einstellung gegenüber Hunden überdenken, der soziale Aspekt vor allem. Ich hebe zu einer Erklärung an, dass ich privat eh nicht so unerbittlich bin, sondern, wenn es die Situation erfordert, schon fast widerwärtig kompromissbereit, aber professionell muss ich halt repräsentativ für alle Individualquerulanten gemein und brutal einseitig sein, also verstehst du.

Dabei mache ich, wie mir schwant, einen wenig intelligenten Eindruck. Die Verantwortung dafür trägt vollumfänglich mein Zahnarzt, der mir seit Wochen erklärt, der Drei-Siebener könne nicht weh tun. Der habe nix. Ich bilde mir das also ein? Tja, da ist nichts. Ich hab aber Zahnschmerzen! Der Zahnarzt versucht nun, mich mit irgendeiner Pille zu heilen, die in Verbindung mit zwei Veltliner-Achterl zu aufdringlicher Minderbemittelheit führt, wie weite Teile des Armin-Wolf-Buchpräsentationspublikums bestätigen können. Der NZZ-Korrespondent wechselt zwei Sätze mit mir, dann flieht er mit allen Symptomen starker Idiosynkratie. Eine Stadträtin schenkt mir einen Du-mich-auch-Blick, der aber eher damit zusammenhängt, dass es sich um jene Stadträtin handelt, die jetzt den ganzen Hundedreck verschwinden lassen soll.

Apropos. Auf allgemeinen Wunsch noch eins auf den Hund; Subkategorie „Hund und Kind“, statuiert am Exempel des fünf Monate alten Kabarettistenbullterriers, der letzte Woche durch meine Wohnung gezerrt wurde. Ich gestehe: Der war zwar etwas schiarch, aber auch total herzig und gerade noch klein und doof genug, um sich widerstandslos von zwei Vierjährigen durchwalken zu lassen. Was in circa Monatsfrist nicht mehr der Fall sein wird. Und dann könnte mir der Kabarettist zehn Gutachten vorlegen, dass der Hund jetzt zwar stark wie der Problembär, aber immer noch total herzig sei, das würde ich ihm gern glauben, ich müsste aber auch an den Mastino vom Kollegen V. denken, der war auch total herzig und hat im seligen Café Salzgries immer die Zaunlatten vom Schanigarten durchgebissen, krk, fertig, nächste, ohne dass die ihn in irgendeiner Weise provoziert hätten. Deshalb würde ich den Herzigkeitsquotienten des ausgewachsenen Kabarettistenbullterriers irgendwie nicht an meinen Kindern testen wollen. Und jetzt bin ich hier am Ende, aber es ist nie genug für die Hundesache. Da geht noch was.

(falter 23/06)
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